Assimilation und Segregation der Ruhrpolen

Eine historische Analyse


Hausarbeit, 2010

13 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Die Ruhrpolen im Kaiserreich
2.2 Die Ruhrpolen in der Weimarer Republik

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

5. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Um die Ruhrpolen drehen sich viele Mythen und Legenden. So sagte zum Beispiel Bundeskanzler Helmut Schmidt während einer Wahlkampfrede: „Wir haben die Ruhrpolen verdaut, also werden wir auch die Gastarbeiter verdauen.“[1] Es stellt sich die Frage ob die Ruhrpolen tatsächlich im Schmidtschen Sinne von der Ruhrgebietsbevölkerung verdaut worden sind (assimiliert) oder ob sie nicht eher als untergeordnete Minderheit separiert von den Deutschen in einer Art „Parallelgesellschaft“ lebten. Was ist davon wahr und was Fiktion? Das will ich in dieser Arbeit herausstellen.

Um diese Fragen zu beantworten ist es zunächst sinnvoll die Ausgangslage der Ruhrpolen im Kaiserreich zu betrachten und dann die Situation der Ruhrpolen in der Weimarer Republik vergleichend dazu heranzuziehen. Auf der Grundlage dieses Vergleiches lässt sich feststellen, ob es eine polnische kulturelle Identität noch in der Weimarer Republik gab und/oder ob die Ruhrpolen später assimiliert worden sind. Zudem lässt sich ihre gesellschaftliche Position so auch – mit der Einwanderung im 19. Jahrhundert beginnend - über einen längeren Zeitraum untersuchen. So lässt sich auch festhalten ob und wie lange die Ruhrpolen eine Unterschicht waren, ob sie sich unterschichtet haben und welche Anzeichen es dafür gab. Da über die Ruhrpolen umfassend geforscht worden ist , steht eine ausreichende, bisweilen nur schwer überschaubare, Menge an Literatur zur Verfügung.

Unterschichtung bedeutet, dass Einwanderer zum überwiegenden Teil in die unterste Schicht des sozialen Schichtungssystems einwandern und eine neue soziale Schicht unter der bestehenden Schichtstruktur bilden[2]. Unterschichtung heißt dann aber auch, dass untere Berufspositionen , die ursprünglich von Einheimischen eingenommen wurden, aufgegeben werden von den Einheimischen und durch Einwanderer besetzt werden[3]. Segregation bedeutet Entmischung, d.h. z.B. das zwei Bevölkerungsgruppen sich trennen, obwohl sie vorher gemischt lebten.

2. Hauptteil

2.1 Die Ruhrpolen im Kaiserreich

Aufgrund eines Arbeitskräftemangels, verursacht durch das rasante Fortschreiten der Industrialisierung im Ruhrgebiet, warben dort beheimatete Industrie- und Zechenbetriebe ab 1880 verstärkt polnische Arbeitskräfte aus den preuß­ischen Ostprovinzen an. Dies war seit der Reichsgründung 1871 gängige Praxis gewesen, so dass 1880 bereits ca. 40000 Polen im Ruhrgebiet lebten[4]. Die stetig wachsende Kohle- und Stahlindustrie hatte in den Jahren 1875 – 1913 konstante Wachstumsraten von durchschnittlich 4,7% pro Jahr und hatte daher einen stetigen wachsenden Bedarf an Arbeitskräften[5]. Aus Westpreußen, Ostpreußen, Posen und Schlesien folgten ca. 350000 Polen bis 1910 diesem Aufruf[6]. Zu dieser Zahl kommen noch einige Masuren aus dem südlichen Ostpreußen hinzu, die getrennt von der Zahl der polnischen Zuwandere betrachtet werden müssen, da sie Protestanten waren und häufig auch gut deutsch sprachen.

Die Abwanderer aus den „Ostgebieten“ waren meist junge unverheiratete Männer zwischen 20-30 Jahren ; sie versprachen sich in den preußischen Provinzen Rheinland und Westfalen ein besseres Leben[7]. Sie waren in den Ostprovinzen meist nur als Knechte, Landarbeiter oder Tagelöhner, mit unsicherem Einkommen, beschäftigt[8]. Sie hatten oft keine oder nur geringe Deutschkenntnisse. Sie bildeten dort also eine fremdsprachige Unterschicht.

Von ihren Arbeitgebern wurden sie überwiegend in Zechenkolonien[9] angesiedelt. Sie lebten faktisch abgeschottet von der einheimischen Bevölkerung, die nicht im Bergwerk beschäftigt war. Diese konzentrierte Siedlungsform verleitete die Polen dazu unter sich zu bleiben und sich vornehmlich in ihrer Muttersprache zu unterhalten[10]. Das wiederum förderte eine Abkapselung der Polen und ist ein erstes Anzeichnen für eine Segregation. Die gezielte Ansiedlung beruhte allerdings nur auf ökonomischen und praktischen Überlegungen der Arbeitgeber, die so für kurze Wege zur Arbeit sorgten und durch günstige Mieten einen Teil des Lohnes ihrer Arbeitnehmer zurückerhielten[11]. Die zugewanderten Polen mussten mit anderen Arbeitnehmern dort leben, teilweise unter beengten Bedingungen, da der Zustrom von Arbeitskräften bis zum Ersten Weltkrieg nicht abnahm. So lebten teilweise mehr als 4 Personen in einem Raum[12]. Erst 1891 regelte eine Verordnung, dass mindestens 1 Bett für 2 Personen in einem Raum vorhanden sein musste[13]. Dies zeigt deutlich, dass die Unterbringung teilweise sehr problematisch war. Allerdings kann dies nicht als Beleg für eine Unterschichtung der Ruhrpolen gesehen werden, weil in den Zechenkolonien auch die deutschen Arbeitnehmer einer Zeche wohnten und unter denselben Bedingungen lebten. Gegen eine Unterschichtung der Polen sprachen auch die Aufstiegschancen, die die Ruhrpolen, allerdings meist nur auf sogenannten „Polenzechen“, hatten. Als Polenzechen galten Zechen mit mehr als 50% polnischer Belegschaft, 19 gab es davon zeitweise im Ruhrgebiet[14]. Einige Ruhrpolen schafften es zu Land- und Grundbesitz. So gab es in Bottrop im Jahr 1909 166 polnische Hausbesitzer, in Buer 271 und in Recklinghausen 246[15]. Dies entsprach zwar stets nur weniger als 5% aller Hausbesitzer, zeigt aber, dass Aufstiegschancen da waren. Überwiegend haben sich diese Polen zum Hauer oder Steiger hochgearbeitet und mit dem erarbeiteten Geld Häuser gebaut. Diese standen dann auch oft außerhalb der Zechenkolonie.

Trotz dieser einzelnen Erfolge bildeten die nun im Ruhrgebiet lebenden Polen ein geschlossenes soziales Milieu, dessen Integration schwer möglich war.

Ansätze gab es dafür von Seiten der katholischen Kirche. Die Ruhrpolen waren katholisch. Der wichtigste Integrationsfaktor war die Religion[16]. Zwischen 1870 -1880 war es üblich, dass polnische Arbeitervereine unter der Führung deutscher Geistlicher standen[17]. Auch wurden christliche Feiertage gemeinsam von polnischen und deutschen Katholiken gefeiert. Dort mischten sie die Volksgruppen. Dennoch blieben in der 1870er Jahren die Ruhrpolen quasi ohne seelsorgerische Betreuung, da ihnen die deutschen Priester in Ermangelung ausreichender sprachlicher Kenntnisse die Beichte nicht abnehmen konnten[18]. Darum ließ das Bistum Paderborn deutsche Geistliche sogar Polnisch lernen, um die Seelsorge der Ruhrpolen zu gewährleisten[19]. Dies wären möglicherweise gute Ansätze gewesen einer Segregation entgegen zu wirken. Doch mit dem Aufkommen des Kulturkampfes und eines deutschen Nationalismus sind diese Ansätze im Keim erstickt worden.

[...]


[1] Vgl. http://www.kulturstiftung-des-bundes.de/cms/media_archive/1134465259993.pdf am 14.08.2010

[2] Vgl. Hoffmann-Nowotny, Hans-Joachim: Soziologie des Fremdarbeiterproblems, Zürich 1973. S.52. Im folgenden abgekürzt als Hoffmann, Nowotny.

[3] Vgl. Hoffman-Nowotny, S.52.

[4] Vgl. Stefanski, Valentina-Maria: Zuwanderungsbewegungen in das Ruhrgebiet von den "Ruhrpolen" im späten 19. Jahrhundert bis zu den ausländischen Arbeitnehmern unserer Tage, in: Westfälische Forschungen 39, S. 408-429, 1989. S. 409. Im folgenden abgekürzt als Stefanski, Valentina Maria 1.

[5] Vgl. Kleßmann, Christoph: Polnische Bergarbeiter im Ruhrgebiet 1870-1945, Göttingen, 1978. S. 34. Im Folgenden Abgekürzt als Kleßman, Christoph.

[6] Vgl. Kleßmann, Christoph, S. 22.

[7] Vgl. Stefanski, Valentina Maria 1, S.411.

[8] Vgl. Stefanski, Valentina-Maria: Identität und Integration. Polnische Arbeitsmigranten im Ruhrgebiet, in: Vestische Zeitschrift 88/89, S. 231–240, 1990. S.231. Im folgenden abgekürzt als Stefanski, Valentina-Maria, Vestische.

[9] Vgl. Steinert, Oliver: Die Integration polnischer Zuwanderer von 1871 bis 1918, in: Schimanski, Kuzorra und andere. Polnische Einwanderer im Ruhrgebiet zwischen Reichsgründung und Zweitem Weltkrieg, S.73 - 89. Essen 2005 S.87. Im folgenden abgekürzt als Steinert, Oliver.

[10] Vgl. Steinert, Oliver, S.87.

[11] Vgl. Stefanski, Valentina Maria 1, S.413.

[12] Vgl. Kleßmann, Christoph S. 48.

[13] Vgl. Kleßmann, Christoph S. 48.

[14] Vgl. Stefanski, Valentina Maria 1, S.412.

[15] Vgl. Kleßmann, Christoph S.66.

[16] Vgl. Matwiejczyk, Witold: Zwischen kirchlicher Intergration und gesellschaftlicher Isolation: Polnische Katholiken im Ruhrgebiet von 1871 bis 1914, in: Dahlmann, Dittmar (Hrsg): Schimanski, Kuzorra und andere. Polnische Einwanderer im Ruhrgebiet zwischen Reichsgründung und Zweitem Weltkrieg, S.11 - 36. Essen 2005. S.14. Im folgenden abgekürzt als Matwiejczyk, Witold.

[17] Vgl. Kleßmann, Christoph S.57.

[18] Vgl. Stefanski, Valentina Maria Vestische, S.234.

[19] Vgl. Kleßmann, Christoph S.60.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Assimilation und Segregation der Ruhrpolen
Untertitel
Eine historische Analyse
Hochschule
Technische Universität Dortmund  (Fakultät für Sozialwissenschaften)
Note
2,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
13
Katalognummer
V212148
ISBN (eBook)
9783656403180
ISBN (Buch)
9783656403883
Dateigröße
427 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ruhrpolen, Unterschicht, Unterschichtung, Segregation, Sowi, Sozialwissenschaften, Geschichte, Ruhrgebiet, Gastarbeiter, Polen
Arbeit zitieren
Bachelor Thorsten Kozik (Autor:in), 2010, Assimilation und Segregation der Ruhrpolen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/212148

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