Viele Ethiken großer Philosophen behandeln nur das moralische Verhalten zwischen Menschen, die dann als moralisches Subjekt und auch als einziges Objekt gelten. So sind z.B. für Descartes Tiere bloß Maschinen und bei Bentham ist Güte anderen Geschöpfen gegenüber bloß als Übung der Güte gegen Menschen gedacht, ähnliches findet sich auch bei Kant. Im Christentum gibt es ebenfalls kein Gebot zur Fürsorge für die Natur, mit der Begründung, dafür bliebe keine Zeit, da immer das Weltende kurz bevor stehe. Anders in indischen und chinesischen Ethiken, die Tieren und Pflanzen gegenüber, aber zum Teil auch gegenüber der unbelebten Natur Achtung fordern.1 Dieses ist auch ein Ziel der Naturethik. Der Kreis der moralischen Objekte soll erweitern werden, und zwar je nach Argumentart um Tiere, Pflanzen oder auch ganze Ökosysteme. Dies wird vor allem in der heutigen Zeit immer wichtiger. Die natürlichen Ressourcen, von denen die Menschheit abhängig ist, werden immer knapper; der drohende Klimawandel kann die Überlebensbedingungen für Tiere und Menschen zerstören und Katastrophen, wie erst kürzlich das Auslaufen von Unmengen Öl in den Ozean, vernichten Lebensraum von Tieren und Pflanzen. Deswegen sollte der Mensch zum einen um seiner selbst willen, aber auch um der Natur willen sein Verhalten in, mit und gegenüber der Umwelt überdenken. Je nach dem, aus welcher Sicht nun für den Naturschutz plädiert wird, ergeben sich verschiedene Typen der Argumentation, die in den folgenden Kapiteln dargestellt werden. Zuerst sollen die anthropozentrischen Argumente dargelegt werden, diese beziehen sich auf einen Schutz der Natur wegen des Menschen. Danach werden die physiozentrischen Argumentationsweisen erläutert, die die Natur um ihrer selbst willen als schützenswert erachten. Soweit möglich, wird zu jeder Argumentationsart ein Hauptvertreter genannt und seine Ausführungen beschrieben. Jedoch kann nicht jeder Richtung eindeutig ein Vertreter zugeordnet werden. Vor allem manche anthropozentrische Sichtweisen basieren nicht auf der Ansicht eines Autors, sondern sind eher ‚natürlich’ gegeben, so die Argumente der grundlegenden Bedürfnisse und der zukünftigen Generationen.
Ich habe mich in Anlehnung an Krebs2 für diese Art der Einteilung statt einer Gliederung nach Namen oder philosophischen Schulen entschieden, da so die einzelnen Argumentationsweisen am besten herausgegliedert werden können.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Anthropozentrische Argumente
2.1 Grundlegende Bedürfnisse
2.2 Ästhetik
2.3 Pflichten gegenüber zukünftigen Generationen
2.4 Heimat
2.5 Pädagogisches Argument
3. Physiozentrische Argumente
3.1 Pathozentrische Argumente
3.2 Biozentrische Argumente
3.2.1 Albert Schweitzer
3.2.2 Paul W. Taylor
3.3 Allumfassende physiozentrische Argumente
3.3.1 Individualistischer Physiozentrismus: Meyer-Abichs Position
3.3.2 Holismus: Naess’ und Rolstons Ausführungen
4. Fazit und eigene Meinung
5. Literatur
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht verschiedene ethische Begründungen für den Naturschutz, wobei sie diese in anthropozentrische und physiozentrische Argumentationslinien unterteilt. Ziel ist es, ein Verständnis dafür zu entwickeln, wie moralische Pflichten gegenüber der Natur begründet werden können, um den Schutz der Umwelt jenseits bloßer wirtschaftlicher Interessen zu fördern.
- Differenzierung zwischen anthropozentrischen und physiozentrischen Argumentationsweisen.
- Analyse instrumenteller Werte der Natur für den Menschen (Bedürfnisse, Ästhetik, Zukunft).
- Untersuchung von Eigenwerten der Natur (Pathozentrismus, Biozentrismus, Holismus).
- Kritische Würdigung der Ansätze von Denkern wie Schweitzer, Taylor, Meyer-Abich und Naess.
- Diskussion der praktischen Umsetzbarkeit ethischer Naturschutzforderungen.
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Albert Schweitzer
Eine Begründung für den Biozentrismus ist die von Albert Schweitzer bekannte ‚Ehrfurcht vor dem Leben’. Dabei kann Ehrfurcht als Gefühl, Haltung oder wie bei Schweitzer als moralische Norm verstanden werden. Demnach ist Ehrfurcht das leitende Handlungsmotiv, welches nicht auf rationalen Zweckmäßigkeiten beruht, sondern in einer Art religiösem Seinsverhältnis wurzelt. Das Leben erscheint einem als heilig. Schweitzer ist der Auffassung, dass ein ethischer Mensch nicht mal ein Blatt von einem Baum reißt und einen verirrten Regenwurm zurück ins Gras bringt. Der Kernsatz seiner Ethik lautet: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“
Das heißt, hinter allen Lebewesen in der Natur steht der Wille zum Leben. Diesem eben muss Ehrfurcht entgegengebracht werden, das ist die ethische Pflicht aller. Demnach gilt es als gut, Leben zu erhalten und zu fördern und als schlecht, Leben zu zerstören. Innerhalb der Lebewesen darf es keine Wertehierarchie geben, jedes Leben ist gleich viel wert. Manchmal kommt es im Leben allerdings zu gegensätzlichen Bestrebungen zwischen Lebewesen, so dass die Ehrfurcht vor dem eigenen Leben die Förderung eines anderen hindern kann.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die historische Vernachlässigung der Natur in der westlichen Ethik und führt in die Notwendigkeit ein, moralische Objekte auf die Natur auszuweiten.
2. Anthropozentrische Argumente: Dieses Kapitel diskutiert Schutzbegründungen, die auf dem instrumentellen Wert der Natur für das menschliche Überleben, ästhetische Bedürfnisse und zukünftige Generationen basieren.
3. Physiozentrische Argumente: Das Kapitel erläutert Ansätze, die der Natur einen Eigenwert zuschreiben, und unterteilt diese in pathozentrische, biozentrische und allumfassende physiozentrische Theorien.
4. Fazit und eigene Meinung: Die Autorin fasst die Argumentationen zusammen und vertritt die persönliche Ansicht, dass ein allumfassender Physiozentrismus am schlüssigsten ist, betont aber die Schwierigkeit der praktischen Umsetzung.
5. Literatur: Das Literaturverzeichnis listet die verwendeten philosophischen und ethischen Primär- und Sekundärquellen auf.
Schlüsselwörter
Naturethik, Naturschutz, Anthropozentrismus, Physiozentrismus, Pathozentrismus, Biozentrismus, Ehrfurcht vor dem Leben, Eigenwert der Natur, Holismus, Tiefenökologie, Nachhaltigkeit, Umweltethik, moralische Verantwortung, zukünftige Generationen, Artenvielfalt.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der philosophischen Begründung von Naturschutz und untersucht, welche ethischen Argumente dafür sprechen, der Natur moralische Berücksichtigung entgegenzubringen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die anthropozentrische Argumentation, die den Nutzen für den Menschen betont, und die physiozentrische Argumentation, die einen Eigenwert der Natur als schützenswert ansieht.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, verschiedene Typen der Argumentation für den Naturschutz strukturiert darzulegen und kritisch zu prüfen, wie eine ethische Pflicht zum Schutz der Umwelt fundiert werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine geisteswissenschaftliche Arbeit, die einschlägige philosophische Fachliteratur auswertet, vergleicht und kritisch einordnet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in anthropozentrische Ansätze (wie Bedürfnisse, Ästhetik und Generationenverantwortung) sowie physiozentrische Ansätze (Pathozentrismus, Biozentrismus, Holismus) und deren Hauptvertreter.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Naturethik, Anthropozentrismus, Physiozentrismus, Eigenwert, Ehrfurcht vor dem Leben und ökologische Verantwortung.
Warum hält die Autorin den allumfassenden Physiozentrismus für schlüssig?
Sie erachtet diesen Ansatz als zielgerichtet, da er das Ökosystem als Ganzes betrachtet und betont, dass der Schutz von Tieren und Pflanzen untrennbar mit dem Erhalt ihres Lebensraums verbunden ist.
Welches Problem sieht die Autorin bei anthropozentrischen Argumenten?
Sie kritisiert, dass anthropozentrische Argumente stark egoistisch geprägt sind und oft zugunsten wirtschaftlicher Ziele in den Hintergrund treten, sofern der Mensch keine unmittelbaren negativen Folgen für sich selbst befürchten muss.
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- Anna-Maria Salomon (Author), 2010, Ethische Begründungen für den Naturschutz durch die Naturethik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/212169