Eine der bedeutendsten philosophischen Richtungen des 20. Jahrhunderts, Existenzphilosophie, beschäftigt sich hauptsächlich mit dem menschlichen Dasein, seinem Sinn und seiner Bedeutung. Einer der wichtigen Aspekte des menschlichen Daseins ist die Geschichte. Das Verhältnis von Mensch und Geschichte ist ambivalent. Zwar wird die Geschichte von Menschen gemacht, doch irgendwo sind alle Menschen, unabhängig von ihrer Stellung und ihrem Einfluß in der Gesellschaft, Geisel ihrer eigenen Geschichte und oft sogar der ihrer Vorfahren. Jaspers umfasst diesen Zustand mit dem Wort Geschichtlichkeit. Der Mensch wird in eine bestimmte historische Situation hineingeboren und muss sich mit dieser auseinandersetzen. Jaspers unterscheidet somit zwischen Geschichte und Geschichtlichkeit. Geschichte umfasst alle Ereignisse, die sich auf Völker und Nationen beziehen, Geschichtlichkeit dagegen wird auf Individuen eingegrenzt, denn es geht dabei um einzelne Menschen und ihr Verhalten in konkreten Situationen. In meiner Arbeit möchte ich mich in erster Linie mit dem Jasperschen Begriff der Geschichte auseinandersetzen.
Ein Philosoph sollte immer aus der Perspektive seiner Lebzeit betrachtet werden. Nur unter der Berücksichtigung der Lebensumstände und der historischen Bedingungen kann man sein Werk adäquat verstehen. Die bedeutendsten Schaffensjahre von Karl Jaspers fielen auf die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Seine Philosophie erfuhr außerdem eine starke Beeinflussung durch seine medizinische Forschung im Bereich der Psychiatrie. Darauf ist auch die Fokussierung auf die Bedeutung der Grenzsituationen im Entscheidungsprozess zurückzuführen. Seine Existenzphilosophie ist nach dem ersten Weltkrieg entstanden.
Meine Hausarbeit habe ich in drei große Sinnabschnitte gegliedert: Philosophie, Geschichte und Schuld und Verantwortung. Zuerst möchte ich versuchen, einen Zusammenhang zwischen der Geschichte und Philosophie herzustellen. Dazu werde ich die beiden Begriffe im Kontext des Jasperschen Denkens klären. Danach komme ich zur Geschichtskonzeption Jaspers. Als letztes Kapitel werde ich die Problematik des Schuldbewusstseins behandeln. Jaspers bezieht diese Thematik explizit auf die Verbrechen des Nationalsozialismus, jedoch kann man seine Betrachtungen auch global auf andere Ereignisse der Weltgeschichte übertragen.
Inhaltsverzeichnis
Einführung
1 Grundlagen der Philosophie. Begriffsklärung
2 Begriff der Geschichte
3 Begriff der Geschichte in der Philosophie Jaspers
3.1 Die Vorgeschichte
3.2 Das Zeitalter der Hochkulturen
3.3 Die Achsenzeit
3.4 Das wissenschaftlich-technische Zeitalter
4 Die Frage nach der Schuld und Verantwortung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit setzt sich kritisch mit der Geschichtsphilosophie von Karl Jaspers auseinander, wobei der Fokus auf dem Verhältnis zwischen Mensch, Geschichte und individueller Verantwortung liegt. Ziel ist es, die Jaspersche Konzeption der Weltgeschichte in ihre verschiedenen Epochen zu gliedern und die daraus resultierenden ethischen Implikationen – insbesondere im Kontext der Schuldfrage – zu untersuchen und zu hinterfragen.
- Grundlagen der Philosophie und das Wesen der philosophischen Reflexion
- Die systematische Gliederung der Weltgeschichte nach Karl Jaspers
- Die Analyse der Achsenzeit als geistige Wende der Menschheit
- Die kritische Betrachtung des wissenschaftlich-technischen Zeitalters
- Differenzierung und Bewertung der vier Schuldkategorien (kriminell, politisch, moralisch, metaphysisch)
Auszug aus dem Buch
3.3 Die Achsenzeit
Es ist notwendig zu klären, welche Periode Jaspers mit dem Begriff Achsenzeit meint. In der christlichen Tradition gilt die Geburt Christi als die besagte Achsenzeit. Weltweit gilt offiziell die Zeiteinteilung „vor“ und „nach Christus“. Allerdings bezeichnet Jaspers es als mangelhaft, die Geburt Christi als eine Achse in der Universalgeschichte zu bezeichnen. Der Grund liegt auf der Hand: eine solche Vorgehensweise ist eng an das christliche Glauben gekoppelt. Die Achse der Weltgeschichte sollte jedoch für alle Menschen und nicht nur gläubige Christen gelten. Aus diesem Grund datiert Jaspers die Achsenzeit mit dem Zeitraum zwischen 800 und 200 vor Christus. Er erklärt das damit, dass sich in dieser Zeit die Entstehung des modernen Menschen vollzog, bedingt durch den besonderen geistigen Prozess. Jaspers benutzt den Begriff „geistige Revolution“.5 Weltweit entsteht Philosophie, die uns bis heute begreiflich ist und aktuell erscheint. In den unterschiedlichsten Ecken unseres Planeten entsteht unabhängig voneinander ein Bewusstsein des eigenen Seins, die Selbst- Reflexion. Man kann auch sagen, es wurden die philosophischen Grundfragen gestellt:
In diesem Zeitalter wurden die Grundkategorien hervorgebracht, in denen wir bis heute denken, und es wurden die Weltreligionen geschaffen, aus denen die Menschen bis heute leben.6
Zusammenfassung der Kapitel
Einführung: Die Einleitung definiert das Verhältnis zwischen Mensch und Geschichte (Geschichtlichkeit) und erläutert den Aufbau der Arbeit in drei Kernbereiche: Philosophie, Geschichte sowie Schuld und Verantwortung.
1 Grundlagen der Philosophie. Begriffsklärung: Dieses Kapitel erörtert Jaspers' Verständnis von Philosophie als Prozess der Reflexion und Hinterfragung, die sich vom wissenschaftlichen Fortschrittsglauben abgrenzt.
2 Begriff der Geschichte: Der Begriff der Geschichte wird als notwendiges Instrument zur Interpretation der Gegenwart und zum Verständnis des menschlichen Seins eingeführt.
3 Begriff der Geschichte in der Philosophie Jaspers: Jaspers unterteilt die Weltgeschichte in vier Phasen: Vorgeschichte, Hochkulturen, Achsenzeit und das wissenschaftlich-technische Zeitalter.
3.1 Die Vorgeschichte: Behandelt die Zeit vor dem Beginn der Geschichte, geprägt durch die Entwicklung von Sprache, Werkzeugen und ersten gemeinschaftlichen Strukturen.
3.2 Das Zeitalter der Hochkulturen: Beschreibt den Beginn der dokumentierten Geschichte durch die Entstehung früher Zivilisationen in Orient, Indien und China.
3.3 Die Achsenzeit: Analysiert die Epoche zwischen 800 und 200 v. Chr. als Zeit der „geistigen Revolution“, in der die heutigen Weltreligionen und philosophischen Grundkategorien entstanden.
3.4 Das wissenschaftlich-technische Zeitalter: Erörtert die moderne Epoche, die durch zunehmende Technologisierung, Naturbeherrschung und die ambivalente Rolle des Menschen innerhalb eines globalen Apparates geprägt ist.
4 Die Frage nach der Schuld und Verantwortung: Unterscheidet vier Formen der Schuld – kriminell, politisch, moralisch und metaphysisch – und setzt diese in Bezug zur geschichtlichen Verantwortung, insbesondere im Hinblick auf den Nationalsozialismus.
Schlüsselwörter
Karl Jaspers, Geschichtsphilosophie, Existenzphilosophie, Geschichtlichkeit, Achsenzeit, Schuldfrage, Metaphysische Schuld, Politische Schuld, Technologisierung, Weltgeschichte, Grenzsituationen, Selbstreflexion, Verantwortung, Menschwerdung, Moralische Schuld
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die geschichtsphilosophischen Ansätze von Karl Jaspers und untersucht, wie sein Verständnis von Geschichte und Schuld das menschliche Dasein und Handeln prägt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Definition von Philosophie, die Epochen der Weltgeschichte nach Jaspers, die Rolle des Individuums in der Geschichte und eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Schuldfrage.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Klärung des Zusammenhangs zwischen Geschichte und Philosophie bei Jaspers sowie die Erörterung der ethischen Verantwortung, die aus historischen Ereignissen erwächst.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Arbeit?
Die Arbeit stützt sich auf eine hermeneutische Literaturanalyse, bei der zentrale Werke von Karl Jaspers, wie "Einführung in die Philosophie" und "Vom Ursprung und Ziel der Geschichte", interpretiert werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Definition von Geschichte, die historische Vierteilung der Menschheitsentwicklung nach Jaspers und eine detaillierte Analyse der vier Schuldkategorien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen: Existenzphilosophie, Achsenzeit, Schuldfrage, Geschichtlichkeit und die vier Schuldbegriffe nach Jaspers.
Warum unterscheidet Jaspers zwischen Geschichte und Geschichtlichkeit?
Geschichte bezieht sich auf die allgemeine Entwicklung von Nationen und Völkern, während Geschichtlichkeit das Individuum in seiner konkreten, einmaligen historischen Situation und Verantwortung in den Mittelpunkt stellt.
Wie bewertet Jaspers das wissenschaftlich-technische Zeitalter?
Jaspers sieht darin eine ambivalente Entwicklung, da der Mensch durch die Technik zwar die Natur beherrscht, jedoch durch die Komplexität und Rapidität der technologischen Möglichkeiten an seine eigenen Grenzen stößt.
Warum kritisiert die Verfasserin die Unterteilung der Schuld als "verspätet"?
Die Autorin argumentiert, dass moralisches und metaphysisches Schuldbewusstsein unabhängig von juristischen Anklagen oder dem Ausgang eines Krieges existieren und bereits zum Zeitpunkt der Tat hätten präsent sein müssen.
- Arbeit zitieren
- Tatjana Shelekhova (Autor:in), 2012, Geschichtsphilosophie bei Karl Jaspers, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/212186