J.M.R. Lenz "Der Hofmeister" im Vergleich zu Goethes Werken

Die Wahrnehmung in der zeitgenössischen literarischen Öffentlichkeit


Hausarbeit, 2009

21 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Analysen des Hofmeisters oder Vorteile der Privaterziehung und des Götz von Berlichingen
2.1 Versuch einer Stilanalyse des Hofmeisters
2.2 Versuch einer Stilanalyse des Götz von Berlichingen
2.3 Abschließender Vergleich der beiden Stücke

3. Geschichtlicher Hintergrund
3.1 Skizzierung des Verhältnisses GOETHE – LENZ, aus zeitgenössischer und heutiger Perspektive
3.2 Skizzierung des Verhältnisses GOETHE – LENZ aus LENZENs Perspektive

4. Schlussbetrachtung

Anhang

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

LENZ beträgt sich mehr bilderstürmerisch gegen die Herkömmlichkeit des Theaters, und will denn all und überall nach Shakespearscher Weise gehandelt haben. […] Aus unerschöpflicher Produktivität ging sein Talent hervor, in welchem Zartheit, Beweglichkeit und Spitzfindigkeit mit einander wetteiferten […]. Man konnte in seinen Arbeiten große Züge nicht verkennen[…].1

GOETHE in Dichtung und Wahrheit, 1814

Jakob Michael Reinhold LENZ stand zu seiner Zeit sehr im Schatten seines vor- übergehenden Freundes GOETHE, der das Talent seines Kollegen durchaus anerkannte (siehe Zitat oben). LENZ schuf Werke, die kurzweilig für Furore sorgten, aber schnell vergessen waren oder für Arbeiten eines unruhigen Geistes gehalten wurden2. Ihre Bedeutung gerät auch heute erst allmählich in den Blickpunkt der Literaturforschung. Oftmals wurden seine Stücke für Arbeiten von GOETHE gehalten. Zum Teil profitierte er von dieser Verwechslung, er wurde dadurch aber als Nachahmer beschimpft3.

Auch sein erstes und wohl erfolgreichstes Stück Der Hofmeister oder Vorteile der Pri- vaterziehung – ein ironisch gemeinter Untertitel – wurde zunächst, da es anonym herausgegeben worden war, GOETHE zugeschrieben4. Tatsächlich hatten LENZ und GOETHE Kontakt zueinander und hegten etwas ähnliches wie eine schriftstellerische Freundschaft bis GOETHE die Zusammenarbeit abbrach5.

Wie das Verhältnis der beiden Literaten zueinander war und wie es sein konnte, dass man LENZENs Werke (besonders den Hofmeister) für GOETHEstücke hielt, soll in der vorliegenden Arbeit ermittelt werden. Hierzu wird zunächst der Stil des Hofmeisters analysiert, sowie der des Götz von Berlichingen von GOETHE, dem die Hofmeister komödie nachempfunden sein soll6. Außerdem wird dargestellt, wie LENZ selbst sich im Hinblick auf seinen „Mitbruder“7 GOETHE sah und wie die zeitgenössische Öffentlichkeit und damalige Schriftstellerkollegen den Dichter LENZ wahrgenommen haben.

2. Analysen des Hofmeisters oder Vorteile der Privaterziehung und des Götz von Berlichingen

2.1 Versuch einer Stilanalyse des Hofmeisters

Um herauszufinden, inwiefern sich GOETHEs Götz von Berlichingen und LENZENs Hofmeister ähneln, muss zumindest eine Analyse des Schreibstils und des Aufbaus durchgeführt werden. Diese Untersuchung beruht teils auf Rechercheergebnissen, teils auf eigenen Beobachtungen.

LENZ folgt in seinem dramatischen Schaffen dem Vorbild SHAKESPEAREs, wie es viele Sturm und Drang-Dichter zu jener Zeit tun8. Er sieht die Tragödien des Engländers am liebsten als Charakterstücke9. Und er spielt in seinem Hofmeister auch auf SHAKESPEAREs Romeo und Julia an10.

Außerdem schätzt LENZ „den Karikaturmaler zehnmal höher als den idealischen“11, was auch daran zu erkennen ist, dass die Figuren im Hofmeister stück realen Personen karikaturistisch nachempfunden sind (wie zum Beispiel „der Lautenist in seinem Hofmeister […] die Carikaturzeichnung seines Lautenmeisters nach dem Leben [ist]“)12. Dies zeigt wiederum LENZENs Streben nach Wirklichkeitsnähe. Seine Charaktere sprechen wie das gemeine Volk auf der Straße redet und nicht gekünstelt oder gar in Versen13. Die Sprache der einzelnen Figuren ist Ausdruck ihres Standes, Berufes oder ihrer Bildung14. Dieser „Reichtum von Sprachvarietäten und Stilfärbungen“15 kommt bei LENZ vor allem durch ein „Abhorchen natürlicher Sprache“16 zustande.

Darüber hinaus hat der Hofmeister die Form eines offenen Dramas, als deren Vorbild SHAKESPEAREs Stücke dienten, und die vor allem von LENZ wesentlich mitentwickelt wurde17. Die Merkmale dieser neuen Dramenform sind zum Beispiel rasch wechselnde Orte, keine Einheit der Zeit, eine gelegentlich simultane Abfolge der Szenen sowie eine realistische volkstümliche Sprache18. Auch im Hofmeister gibt es eine Fülle von Handlungsorten wie Insterburg (zum ersten Mal vorkommend im 1. Akt) Heidelbrunn, Halle (2. Akt) Leipzig (4. Akt) und Königsberg (5. Akt), die immer wieder wechseln und für die verschiedenen Handlungsstränge stehen. Denn die Einheit der Handlung ist im Hofmeister auch nicht mehr gegeben. Es gibt zwei verschiedene offensichtliche Handlungsfäden mit denen mehrere kleine verwebt sind: Läuffer und seine Geschichte, das Verhältnis von Fritz zu seinem Vater, sowie, damit verstrickt, die Schicksale von Pätus und Jungfer Rehaar und ihrem Vater, ebenso wie die Vorgänge bei Wenzeslaus19. Unterbrochen werden die Handlungsstränge von Passagen mit „Erziehungs- und Sexualitätsdebatte[n]“20.

So entsteht eine schlaglichtartige Beleuchtung der Handlung und führt zu keiner durchgehenden Handlungskette, da es mehrere Zweige gibt, zwischen denen immer wieder gewechselt wird21. Dass die Szenen oft gleichzeitig spielen, unterstützt den Ein- druck des hin und her Springens. Ein Beispiel sind hier die Szenen 1, 2 und 3 im 2. Akt, die sich in der Ortsangabe (Insterburg, Heidelbrunn, Halle in Sachsen) unterscheiden, aber vermutlich gleichzeitig spielen, da sie in keinem kausalen Zusammenhang stehen, der sich, würden sie zeitlich aneinandergereiht sein, erschließen würde22. (Hier wird durch die Gleichzeitigkeit auch die dramatische Wirkung verstärkt, indem in der 1. Szene die Nachteile eines Hofmeisters dargelegt werden, in der 2. dieser Hofmeister gerade einen Fehler begeht, der einen dieser Nachteile darstellt (die Tochter des Hauses zu verführen) und in der 3. unter anderem Fritz davon redet, er würde gern Nachricht von Gustchen, eben jener Tochter des Hauses, bekommen.) Diese simultane Anordnung widerspricht wiederum vehement der aristotelischen Einheit der Handlung und des Ortes, wo es nur einen Handlungsstrang geben darf, die Szenen in einem kausalen Zusammenhang stehen und hauptsächlich an einem Ort spielen. Deshalb dürfen sie erst recht nicht in ihrer Reihenfolge vertauscht werden, was bei den simultanen Szenen im Hofmeister stellenweise durchaus möglich ist.

[...]


1 Goethe, Johann Wolfgang von: Werke. Hamburger Ausg. in 14 Bänden. Bd. 9. 9., neubearb. Aufl. München: Beck, 1981. S. 494 f. und Bd. 10. S. 8. Gefunden in: Voit, Friedrich: Erläuterungen und Dokumente. J. M. R. Lenz. Der Hofmeister. Reclams Universal-Bibliothek Nr. 8177, Stuttgart 2008, Seite (S.) 126f..

2 Vgl. Hans Mayer: Der bürgerlich-plebejische Kompromiss. In: Das unglückliche Bewußtsein. Zur deutschen Literaturgeschichte von Lessing bis Heine. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1986, S. 113.

3 Vgl. Angela Zeithammer: Genie in stürmischen Zeiten. Ursprung und Konsequenz der Weltbilder von J.M.R. Lenz und J.W. Goethe. St. Ingbert, 2000, S.197 und 201.

4 Vgl. ebd., S. 198.

5 Vgl. Ralf Sudau: Oldenbourg Interpretationen. Jakob Michael Reinhold Lenz. Der Hofmeister/Die Soldaten. München, 2003, S. 153 f..

6 Vgl. Zeithammer, S. 197.

7 Zeithammer, S. 200.

8 Vgl. Sudau, S. 151.

9 Vgl. ebd. S. 147.

10 Siehe Lenz, Jakob Michael Reinhold: Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung. Stuttgart, 2001. (=Reclams Universal-Bibliothek Nr. 1376): Akt 1, Szene 5: Fritz:[…] Wissen Sie was, wenn Sie an mich schreiben, nennen Sie mich Ihren Romeo; […] ich wird in allen Stücken Romeo sein, und wenn ich erst einen Degen trage. O ich kann mich auch erstechen, wenn’s dazu kommt. Und Akt 1, Szene 6: Geh. Rat: In der Tat Romeo? Ha! Du kannst dich auch erstechen, wenn’s dazu kommt.

11 Lenz: Anmerkungen übers Theater. Gefunden in: Sudau, S.147.

12 Reichardt, Johann Friedrich: Etwas über den deutschen Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz. In: Berlinisches Archiv der Zeit und ihres Geschmackes. Jg. 1796. S.113f. Gefunden in: Friedrich Voit: Erläuterungen und Dokumente. Johann Michael Reinhold Lenz. Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung. Stuttgart, 2002. (=Reclams Universal-Bibliothek Nr. 8177.)

13 Vgl. hierzu Der Hofmeister, Akt 2, Szene 3: Unterhaltung unter Studenten; „Studentensprache“

14 Vgl. hierzu Der Hofmeister, Akt 1, Szene 6: Geheimer Rat spricht nicht abgehackt, in ganzen Sätzen, Sprache zeugt von höherer Bildung; oder Akt 1 Szene 2: Major von Berg spricht ruppig, salopp, bricht gelegentlich ab, insgesamt weniger „feine“ Redeweise.

15 Sudau, S. 124.

16 Ebd.

17 Sudau, S.124.

18 Vgl. hierzu ebd., S. 130. 19 Vgl. hierzu ebd., S. 132f.. 20 Ebd. S. 133.

19 Vgl. hierzu ebd., S. 132f..

20 Ebd. S. 133.

21 Vgl. hierzu ebd.

22 In der 1. Szene führen der Geheime Rat und Pastor Läuffer ein Streitgespräch über das Privaterziehertum, in der 2. Szene nähern sich Läuffer und Gustchen einander an und in der 3. Szene reden die Studenten Firtz und Pätus über zu Hause, Geld und abendliche Theatervorführungen.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
J.M.R. Lenz "Der Hofmeister" im Vergleich zu Goethes Werken
Untertitel
Die Wahrnehmung in der zeitgenössischen literarischen Öffentlichkeit
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover
Note
2,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
21
Katalognummer
V212225
ISBN (eBook)
9783656400424
ISBN (Buch)
9783656401322
Dateigröße
436 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
lenz, hofmeister, goethestück, wahrnehmung, öffentlichkeit, erarbeitet, miriam, hirschauer, semesteranzahl, abgabedatum
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Miriam Marie Hirschauer (Autor), 2009, J.M.R. Lenz "Der Hofmeister" im Vergleich zu Goethes Werken, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/212225

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