Das Leiden des Nathanaels im "Sandmann" von E.T.A. Hoffmann. Deutungsversuche


Seminararbeit, 2012
20 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Nathanaels Leiden
2.1 Wahn oder Wirklichkeit/ Nathanaels Glaubwürdigkeit
2.2 Nathanaels Leiden in der zeitgenössischen Psychologie Hoffmanns
2.2.1 Die psychologische Deutung:
2.3 Die psychoanalytische Deutung nach Freud
2.3.1 Die kritische Betrachtung der freudschen Deutung

3. Die naturphilosophische Deutung

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Der Sandmann“ von Eta Hoffmann erschien in dem zweiteiligen Zyklus Nachtstücke, der Ende 1816 veröffentlicht wurde. Schon der Titel der Sammlung, in welcher „Der Sandmann“ erschien, ließ auf eine nächtliche Szenerie und eine schaurige Grundstimmung der Werke schließen, da die Werksammlung Eta Hoffmanns mit Nachtstücke betitelt war. Hoffmann soll nach eigenen Notizen das Stück der Sandmann um ein Uhr nachts abgeschlossen haben, ein Grund für den Titel Nachtstücke sowie dem Hang der Thematik zum Unheimlichen. Die Genrebezeichnung Nachtstücke tauchte dennoch das erste mal in der Malerei auf. Dort steht der Begriff für Gemälde, welche einen ausgeprägten Hell-Dunkel-Kontrast besitzen und so das Prinzip des Zwielichts aufweisen.1

Von Kritikern seiner Zeit wurde Hoffmann öfters mit seinen Protagonisten gleich gesetzt und wurde mitunter so als verrückt dargestellt. So schrieb Heinrich Heine über Hoffmanns Werke folgendes: „Seine Werke sind nichts anderes als ein entsetzlicher Angstschrei in zwanzig Bänden.“2 Anhand dessen ist zu sehen, welchen Einfluss Hoffmanns Nachtstücke zu seiner Zeit besaßen. Auch Goethe urteilte über Hoffmanns Dichtungen und nannte diese krankhafte Werke eines leidenden Mannes.3

In dieser Arbeit wird primär die Erzählung der Sandmann betrachtet werden. Das Unheimliche steht im Mittelpunkt der Erzählung. So wird der Student Nathanael scheinbar von einer schaurigen Macht heimgesucht, die ihn seit ganzes Leben zu verfolgen scheint. Diese Macht wird im Stück an der Figur des Sandmannes festgemacht. Ziel dieser Arbeit ist es die Wahnvorstellungen des Nathanaels in Hoffmanns Werk zu untersuchen. Dies beginnt damit, dass das psychische Leiden Nathanaels beschrieben und unter Aspekten der zeitgenössischen Psychiatrie gedeutet wird. Diesem geht vorher zu prüfen ob und inwiefern man den Anhaltspunkten bezüglich Nathanaels Leidens, die im Text zu finden sind trauen kann, bedenke man, dass Nathanael selbst die meisten Hinweise gibt. Anschließend wird versucht eine Erklärung des Verhaltens Nathanaels zu finden. Dies geschieht anhand zweier Betrachtungsweisen. Zum einen wird versucht die Probleme Nathanaels mithilfe der psychologischen Deutung nach Freud zu betrachten, da es möglich wäre Nathanael als psychisch krank anzusehen. Eine andere Methoden folgt der Idee nach Gotthilf Heinrich Schubert. Dieser versucht das Verhalten Nathanaels als parapsychologisches Phänomen zu deuten und mit seinen Ansichten zu erklären. Als Grundlage gelten hierbei zum Beispiel das Werk von Freud sowie die Interpretationen von Maria Bönnighausen, welche sich explizit mit diesem Thema befasst.

Vorweg ist zu sagen, dass beide Methoden oder Ansichten in Hoffmanns Werk zu finden sind, so unterschiedlich sie auch seien mögen. So gibt Hoffmann Indizien für beide an. Ob letztendlich einer der Erklärungsversuche schlüssig ist und somit den anderen verdrängt ist ein weiteres Ziel dieser Arbeit.

2. Nathanaels Leiden

2.1 Wahn oder Wirklichkeit/ Nathanaels Glaubwürdigkeit

Um die Problematik, welche Nathanael umgibt, deuten zu können muss man dies anhand von Textstellen tun, die Aspekte und Hinweise geben. Wie schon in der Einleitung erwähnt ist Nathanael selbst derjenige, der über sein Leiden berichtet und so mögliche Hinweise gibt. Dies scheint im ersten Moment hilfreich, da so die Informationen von dem Leidenden selbst stammen und größere Authenzität besitzen könnten, als die Aussagen von anderen Charakteren, wie zum Beispiel Clara oder Lothar. Dennoch ist zu bedenken, dass das, was Nathanael erleidet ihn auch zu einer nicht vertrauenswürdigen Informationsquelle macht.

Zu Beginn des Stückes schildert Nathanael sein Leiden bereits in den von ihm verfassten Briefen. Bevor er auf dieses Thema kommt schildert er, dass er die Furcht besitzt, dass man ihm nicht glauben würde: „Wärst du nur hier, so könntest du selbst schauen; aber jetzt du mich gewiss für einen aberwitzigen Geisterseher.“4 An dieser Stelle ist es dem Leser nun möglich sich ein Bild von Nathanaels Glaubwürdigkeit zu machen. Nathanael versucht durch den Brief die Ursachen seiner Angst zu ermitteln. Die Kindheitsereignisse sind hier prägend, wie er selbst erkennt: „Mit aller Kraft fasse ich mich zusammen, um ruhig und geduldig dir aus meiner früheren Jugendzeit so viel zu erzählen, dass deinem regen Sinn aller klar und deutlich in leuchtenden Bildern aufgehen wird.“5

Auch die Figur des Sandmannes ist als prägend zu betrachten. Der Kontakt mit diesem baut sich über die Jahre nur langsam auf. So hört Nathanael diesen zuerst nur: „Wirklich hörte ich dann jemanden die Treppe heraufpoltern[...].“6 Nathanael vermutet das dies der Sandmann sei, da die Mutter kundtat, dass die Kinder beim erscheinen des Sandmannes ins Bett gehen sollten. Seine Mutter gibt ihm auf Verlangen auch keine weiteren Antworten über den Sandmann und bestreitet sogar dessen Existenz. Dieses Verleugnen lässt den Sandmann nach Nathanael vorerst interessant erscheinen. Dies ändert sich, als ihm eine Amme die Geschichte des Sandmannes erzählt, welche den jungen Nathanael zu tiefst verstört: „ […] so wie es abends die Treppe heraufpolterte, zitterte ich vor Angst und Entsetzen.“7 Nach Jahren, in welchen Nathanel den Sandmann nur hörte kam es dazu, dass er auch begann diesen zu riechen oder besser formuliert einen Geruch mit diesen zu verbinden: „ […] als verbreite sich im Hause ein feiner seltsam riechender Dampf.“8 Bis zu diesem Punkt hat Nathanael den Sandmann noch nie erblickt, höchstens als Fantasiegestalt erdacht. Dem Leser erscheint die Erzählung Nathanaels bis zu diesem Zeitpunkt als wahrhaftig, hat der Junge den Sandmann doch selbst wahrgenommen, indem er ihn gehört und gerochen hat. Dies kippt zusammen mit Nathanaels Glaubwürdigkeit spätestens mit der Szene, als er beschließt den Sandmann zu erblicken. Sehen tut der Junge den Advokaten Coppelius, den er gleich mit dem Sandmann gleichsetzt: „ […] dass ja niemand anders, als er, der Sandmann sein könne[...]“9

In der folgenden Szene verliert Nathanael seine Glaubwürdigkeit. Die Szenerie scheint zu fantastisch zu sein. Der Wandschrank wird zu einer dunklen Höhlung und selbst sein Vater verändert sich drastisch: „[...] zum hässlichen widerwärtigen Teufelsbilde verzogen[...]“10 Auch sieht beschreibt Nathanael die Erscheinung von augenlosen Menschengesichtern in dem Rauch des Herdes. Den Höhepunkt Nathanaels Erzählung bildet die übertriebene Gewalt, mit welcher bei seiner Entdeckung durch Coppelius bestraft wird. So schreibt er von amputierten Händen und Füßen, eine Tortur, welche er wohl kaum überlebt hätte. Dennoch erwacht Nathanael nach kurzer Ohnmacht unversehrt in seinem Bett.

Durch diese anscheinend übertriebene Darstellung wird dem Leser ein Realitätsverlust Nathanaels aufgezeigt, welche auf eine psychische Erkrankung und Halluzinationen hin deuten. Auch scheint Nathanael sich selbst nicht sicher, ob er dies wirklich alles so erlebt hat: „ Mir war als würden[...]“11 Dies deutet auf eine Verunsicherung seinerseits hin sowie einen Wahn und verstärkt seine Unglaubwürdigkeit als Zeuge des Geschehens.

Dennoch sind Aspekte in dem Erzählten vorhanden, welche als realistisch zu betrachten sind, auch wenn sie durch Nathanael berichtet werden. So kommt es in der Todesnacht von Nathanaels Vater zu einer Explosion, welche sogar die Nachbarn alarmiert. Auch das Schreien und Weinen des Dienstmädchen und Nathanaels Schwestern scheint als Reales in Nathanaels Erzählen zu sein. Auch die Tatsache, dass sich sogar das Staatsinstrument für das Belangen Coppelius nach dem Unfall einsetzt. Diese Punkte nennt auch Maria Bönninghof in ihrer Interpretation des Sandmannes und beschreibt dies als „öffentliche Perspektive, die der Leser sofort als realistisch akzeptiert[...]“.12

Im Verlauf der Erzählung findet man immer wieder Ungereimtheiten bezüglich Nathanaels Schilderungen. Ein weiteres Beispiel ist in der Szene zu finden, in welcher Nathanael Zeuge des Streites zwischen Spalanzani und einer anderen Person wird. Es scheint sich bei dieser Person um Coppola, dem Glashändler zu handeln. Dennoch hört Nathanael ihn mit der Stimme des Coppelius sprechen: „ Es waren die Spalanzanis und des grässlichen Coppelius Stimmen[...]“13 In dieser Passage wird zwischen den Namen Coppola und Coppelius gewechselt, so dass nicht eindeutig zu sagen ist, welche Figur wirklich am handeln ist. Auch mündet die Szene in einer Gewaltdarstellung, als Spalanzanis Nathanael blutige Augäpfel vor die Füße wirft. Auch hier kann man sich auf die Glaubwürdigkeit des Erzählten nicht verlassen, da es ähnliche Züge annimmt, wie in der Szene aus Nathanaels Kindheit. Außerdem verfällt Nathanael in dieser Szene ganz klar dem Wahnsinn: „Da packte ihn der Wahnsinn mit glühenden Krallen.“14

Es scheint also problematisch Nathanael als glaubwürdigen Zeugen für die Geschehnisse zu betrachten, da Wahn und Wirklichkeit anscheinend vermengt werden. So sind auch seine folgenden Beschreibungen bezüglich seines Leidens kritisch zu sehen, was eine Deutung bezüglich dessen schwierig gestaltet. So muss man dies wohl unter Umständen außer Acht lassen wenn eine Deutung vorgenommen wird und den Text so hinnehmen und bewerten wie er vorliegt. Eine genaue Betrachtung dessen folgt aus Sicht der zu Hoffmanns zeitgenössischen Psychologie.

2.2 Nathanaels Leiden in der zeitgenössischen Psychologie Hoffmanns

Die Psychologie in der Zeit Hoffmanns ist für das Werk der Sandmann von großer Bedeutung. Hoffmann selbst war in der Psychologie seiner Zeit bewandert. So beschäftigt sich Hoffmann seiner Zeit auch mit der Frage der Zurechnungsfähigkeit von Angeklagten. Verweisen tut Hoffmann hierbei auf die Schriften von Johann Christian Reil und Phillippe Pinel.15

[...]


1 Vgl.: Mühlfeld, Emily: E.T.A. Hoffmanns `Der Sandmann`- Das Augenmotiv in der Erzählung: Mythos, Augen als Mittel zur Charakterisierung und als Grund für Nathanaels Wahnsinn, Grin 2003, S. 4

2 Bönninghausen, Maria: Der Sandmann/ Das Fräulein von Scuderi, 1. Aufl. München: Oldnebourg 1999, S.19

3 Bönninghausen, Maria: Der Sandmann/ Das Fräulein von Scuderi, 1. Aufl. München: Oldnebourg 1999, S.19

4 Hoffmann, E.T.A. : Der Sandmann, Ditzingen: Reclam 2010, S. 3

5 Hoffmann, E.T.A. : Der Sandmann, Ditzingen: Reclam 2010, S. 4

6 Hoffmann, E.T.A. : Der Sandmann, Ditzingen: Reclam 2010, S. 4

7 Hoffmann, E.T.A. : Der Sandmann, Ditzingen: Reclam 2010, S. 5

8 Hoffmann, E.T.A. : Der Sandmann, Ditzingen: Reclam 2010, S. 6

9 Hoffmann, E.T.A. : Der Sandmann, Ditzingen: Reclam 2010, S. 8

10 Hoffmann, E.T.A. : Der Sandmann, Ditzingen: Reclam 2010, S. 9

11 Hoffmann, E.T.A. : Der Sandmann, Ditzingen: Reclam 2010, S. 9

12 Bönninghausen, Maria: Der Sandmann/ Das Fräulein von Scuderi, 1. Aufl. München: Oldnebourg 1999, S.27

13 Hoffmann, E.T.A. : Der Sandmann, Ditzingen: Reclam 2010, S. 37

14 Hoffmann, E.T.A. : Der Sandmann, Ditzingen: Reclam 2010, S. 38

15 Bönninghausen, Maria: Der Sandmann/ Das Fräulein von Scuderi, 1. Aufl. München: Oldnebourg 1999, S.13

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Das Leiden des Nathanaels im "Sandmann" von E.T.A. Hoffmann. Deutungsversuche
Hochschule
Universität Vechta; früher Hochschule Vechta  (Geistes- und Kulturwissenschaften)
Veranstaltung
GR- 5.2 Literatur der Romantik
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
20
Katalognummer
V212434
ISBN (eBook)
9783656406884
ISBN (Buch)
9783656407119
Dateigröße
470 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
E.T.A. Hoffmann, Nathanael, Sigmund Freud
Arbeit zitieren
Lars Johannes Nowack (Autor), 2012, Das Leiden des Nathanaels im "Sandmann" von E.T.A. Hoffmann. Deutungsversuche, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/212434

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Das Leiden des Nathanaels im "Sandmann" von E.T.A. Hoffmann. Deutungsversuche


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden