Nahtoderfahrungen: Was soll es bedeuten?

Praktisch-theologische Erwägungen zu Nahtod-Erfahrungen aus Sicht der cura animarum generalis


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2013

23 Seiten


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Inhaltsverzeichnis

Einführung

Eine erste Beobachtung

Systematisch-theologische Fragen

Praktisch-theologische Problemanzeige

Die Frage des praktisch-theologischen Zugangs

Implikationen

Methodische Überlegungen

Was ist Seelsorge?

Konkretion
1. Zum Begriff „Nahtod“
2. Der Mensch aus theologischer Sicht
3. Kulturelle Annäherung
4. Theologische Überlegungen
5. Haben Nahtod-Erfahrungen Offenbarungscharakter?

Zusammenfassung

Schluss

Einführung

Das Thema Nahtod interessiert viele Menschen. Immerhin ist der Tod unser aller Ende, und die Frage nach dem „Danach“ beschäftigt die Menschheit vermutlich seit ihren frühen Tage. Es ist daher nicht verwunderlich, dass das Thema immer wieder auch von den Medien, etwa von der Presse, aufgegriffen wird. So nahm sich etwa die BILD-Zeitung am 13.5.2012 des Themas (wieder einmal) an und ließ dafür fünf Personen mit Nahtod-Erfahrungen zu Wort kommen, außerdem den einen oder anderen Experten[1]. Und weil es gute praktisch-theologische Sitte ist, mit einem Beispiel zu beginnen, soll das auch in diesem Fall geschehen:

„Die Stimme im Licht sagte: ,Du gehörst hier noch nicht hin‘“

13.05.2012 - 14:39 Uhr

NAME: Nico F., 43, Unternehmerin.

VORGESCHICHTE: „2007 bekam ich schwere Lähmungserscheinungen, auch mein Herz war stark angegriffen. Spätfolgen eines Zeckenbisses, den ich mit 16 hatte, wie Ärzte herausfanden. Ich ging gerade im Wald spazieren, da überschlug sich mein Herz, ich spürte einen furchtbaren Druck in der Brust und brach zusammen.“

NAHTOD-ERFAHRUNG: „Ich dachte, jetzt stirbst du, ich habe nur wehmütig an meine Tochter gedacht, die damals erst elf Jahre alt war. Plötzlich verschwanden die Schmerzen, ebenso meine Angst. Ich sah ein Licht und darin eine Gestalt, tiefer Frieden erfüllte mich. Eine Stimme sagte: ‚Du gehörst hier noch nicht hin, du hast eine Aufgabe.‘ Auf einmal spürte ich meinen Körper wieder und schlug die Augen auf. Mit letzter Kraft schleppte ich mich auf allen Vieren nach Hause. Einen Arzt wollte ich nicht mehr konsultieren, trotz eines Blutdruckes von 260 zu 180.“

SITUATION HEUTE: „Ich nehme nur noch homöopathische Herz-Mittel. Vor dem Sterben habe ich keine Angst mehr. Dank der Behandlung bei einer Heilpraktikerin geht es mir wieder gut.“ " src="file:///C:/Users/EATHEN~1.EAT/AppData/Local/Temp/msohtmlclip1/01/clip_image001.png" style="float:left; height:514px; width:577px"/>

Eine erste Beobachtung

Interessant ist zunächst einmal, wer in diesem Zusammenhang von der BILD-Zeitung als Experte benannt wird: Die Mediziner Prof. Walter van Laack (Herzogenrath, NRW), Dr. Pim van Lommel (Niederlande), Dr. Stefanie Förderreuther (München) und Prof. Günter Kirste (von der Deutschen Stiftung Organtransplantation), weiter der Mathematiker und Buchautor Prof. Günter Ewald und schließlich David Kreuziger von der Johanniter-Unfall-Hilfe (i. e. zu Fragen der Ersten Hilfe und Wiederbelebungs­maßnahmen).

Unsere erste Beobachtung lautet also: Theologen und Theologinnen gelten bei der BILD-Zeitung offenbar nicht als Experten für den Bereich nahe des Todes. Vielleicht sogar zu Recht: Zwar wurde und wird das Thema in einigen christlichen Kontexten immer wieder, z. T. emotional stark aufgeladen, diskutiert – als Phänomen satanischer Camouflage einerseits[2], als eine Art Beweis für die Existenz Gottes andererseits[3] –, aber die wissenschaftliche Theologie hat sich – darin teile ich die Einschätzung Werner Thiedes (die er in einem Aufsatz über „Thanatologie und Theologie“[4] geäußert hat, vgl. 112) – zu dieser Frage bisher nur zurückhaltend geäußert.

Systematisch-theologische Fragen

Mein Eindruck ist der, dass man diesbezüglich noch am ehesten in der Systematischen Theologie fündig wird.[5] Sie kann das Thema wenigstens innerhalb der dogmatischen Loci verorten und dann zumindest kluge Fragen dazu stellen: Wenn man das Thema etwa aus der Sicht der theologischen Anthropologie angeht, stellt sich z. B. die Frage nach der Leib-Seele-Relation oder nach der Substanzhaftigkeit der Seele. Auch aus eschatologischer Sicht kann man das Thema betrachten und etwa nach christlichen Vorstellungen des Weiterlebens nach dem Tod und des Gerichts fragen – von der sog. „Ganztod-Theologie“ bis hin zu metaphorischen, meist biblisch geprägten Sprachmöglichkeiten einer Weiterexistenz jenseits des Todes.

Und man kann das Thema aus systematisch-theologischer Sicht sogar noch erweitern und z. B. darauf hinweisen, dass die christliche Tradition nicht nur die Frage nach der Weiterexistenz des Individuums gestellt hat, sondern stets auch die Frage der Erlösung der gesamten Schöpfung von ihrer Sterblichkeit im Blick hatte – ein Aspekt, der (zumindest m. W.) in der außertheologischen Diskussion um Nahtod-Erfahrungen so nicht thematisiert wird. (127ff.)

Praktisch-theologische Problemanzeige

Die Praktische Theologie – und um die geht es ja hier – hat sich des Themas bisher nicht ausführlich angenommen. Kaum eine Einführung in die Praktische Theologie, kaum eine Einzelstudie, die sich damit beschäftigt.

Eine der wenigen Ausnahmen der letzten Jahre stammt vom inzwischen emeritierten Praktologen Wolfang Steck (München), der das Thema im 2. Band seiner „Praktischen Theologie“ von 2011[6] aufgreift. Steck verortet seine Ausführungen im Kontext seiner Überlegungen über die „zeitgenössische Thanatokultur“ (343ff.), sein übergeordnetes Thema ist dabei das „kulturelle Profil der Kasualienreligion“ (304ff.), und die Überschrift, unter der er das Thema verhandelt, lautet: „Die Inszenierung von Nahtod-Erlebnissen“ (371). Steck greift dabei u.a. auf die Forschungsergebnisse von Hubert Knoblauch, Bernd Schnettler und Hans-Georg Soeffner zurück.[7] Einer der wenigen praktisch-theologischen Hinweise i. e. S. besteht darin, dass man das Thema „Nahtod“ im Blick auf den „biografischen Prozess der Sterbevorbereitung“ untersuchen könne, womit letztlich die Frage der seelsorgerischen Sterbebegleitung intoniert ist.[8] Hier werden wir dann auf den Praktologen Michael Schibilsky (München) verwiesen, der sich in seinem Klassiker „Trauerwege“[9] von 1989 über Sterbevorbereitung und Sterbebegleitung geäußert hat.

[...]


[1] http://www.bild.de/ratgeber/gesundheit/zecken/nahtod-erfahrund-durch-zeckenbiss-24064820.bild.html Stand: 14.12.2012.

[2] „Eine Gefahr dieser Erlebnisse besteht darin, daß man meinen könnte, nach dem Tod 'automatisch' in den Himmel zu kommen. Außerdem rufen manche Sterbeerlebnisse zu Kontakt mit Verstorbenen, also Spiritismus auf. Auch steht in 2. Korinther 11,14 daß der Teufel sich als 'Engel des Lichts' verstellen kann. Zudem neigen viele Nahtodesforscher dazu, sich immer mehr in die Esoterik zu verstricken.“ Siehe: http://www.martin-wagner.org/nahtodeserfahrungen.htm (Stand: 23.1.2013).

Diese Sichtweise ist ganz und gar nicht neu, vgl. etwa Philipp J. Swihart, The Edge of Death, Illinois, 1978.

[3] Vgl. Eben Alexander, Proof of Heaven. A Neurosurgeon's Journey into the Afterlife, New York, 2012.

[4] Werner Thiede, Thanatologie und Theologie. Zur Frage nach der Relevanz der Erforschung von Todesnähe-Erfahrungen für die christliche Eschatologie, in: Glaube und Denken. Jahrbuch der Karl-Heim-Gesellschaft 14, Frankfurt/M. 2001, S. 111-137.

[5] Vgl. Werner Thiede, Thanatologie und Theologie. Zur Frage nach der Relevanz der Erforschung von Todesnähe-Erfahrungen für die christliche Eschatologie, in: Glaube und Denken. Jahrbuch der Karl-Heim-Gesellschaft 14, Frankfurt/M. 2001, S. 111-137.

[6] Wolfgang Steck, Praktisch Theologie. Horizonte der Religion – Konturen des neuzeitlichen Christentums – Strukturen der religiösen Lebenswelt, Band II, Theologische Wissenschaft, Band 15,2, Stuttgart, 2011.

[7] Hubert Knoblauch, Bernt Schnettler, Hans-Georg Soeffner, Die Sinnprovinz des Jenseits und die Kultivierung des Todes, in: Huberg Knoblauch, Hans-Georg Soeffner (Hg.), Todesnähe. Interdisziplinäre Zugänge zu einem außergewöhnlichen Phänomen, Passagen & Transzendenzen. Studien zur materialen Religions- und Kultursoziologie, Band 8, Konstanz, 1999, 271-292.

[8] Wolfgang Steck, Praktisch Theologie. Horizonte der Religion – Konturen des neuzeitlichen Christentums – Strukturen der religiösen Lebenswelt, Band II, Theologische Wissenschaft, Band 15,2, Stuttgart, 2011, 372.

[9] Michael Schibilsky, Trauerwege, 19942.

23 von 23 Seiten

Details

Titel
Nahtoderfahrungen: Was soll es bedeuten?
Untertitel
Praktisch-theologische Erwägungen zu Nahtod-Erfahrungen aus Sicht der cura animarum generalis
Hochschule
Augustana-Hochschule Neuendettelsau
Autor
Jahr
2013
Seiten
23
Katalognummer
V212494
ISBN (Buch)
9783656407140
Dateigröße
602 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
nahtoderfahrungen, praktisch-theologische, erwägungen, nahtod-erfahrungen, sicht
Arbeit zitieren
Haringke Fugmann (Autor), 2013, Nahtoderfahrungen: Was soll es bedeuten?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/212494

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