Work-Life-Balance und das Idealbild der Familie im freizeitsoziologischen Wandel

Eine Untersuchung für die Sport- und Freizeitbranche


Bachelorarbeit, 2012

62 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Familie, Freizeit und Karriere - Traum oder mögliche Realität in der gegenwärtigen

Gesellschaft?

1 Trends der Freizeitentwicklung
1.1 Definition Freizeit
1.1.1 Freizeitpsychologie
1.1.2 Freizeitsoziologie
1.2 Work-Life-Balance
1.2.1 Arbeitszeitentwicklung
1.2.2 Differenzierung der Freizeitangebote
1.3 Entwicklung (allgemeiner) Lebensstile (der Zukunft)
1.3.1 Individualisierung vs. Familiensoziologie
1.3.2 Demographische Entwicklung vs. Steigende Arbeitsplatzanforderungen
1.4 Konflikte in der Koordination von Familie und Arbeit
1.5 Konflikte in der Koordination von Familie und Selbstverwirklichung

2 Work-Life-Balance-relevante Herausforderungen der Sport- und Freizeitbranche
2.1 Sportbranche
2.2 Freizeitbranche

3 Erwerbstätig in der Sport- und Freizeitbranche - Konfliktzusammenfassung / Zwischenfazit

4 Problemlösungsstrategien
4.1 Familienfreundliche Arbeitszeiten und Arbeitszeitmodelle
4.2 Kombination Arbeitsplatz und Familie
4.3 Zeitmanagement am Arbeitsplatz und zu Hause
4.4 Entschleunigung im Freizeitverhalten
4.5 Lebensverlaufsmodelle
4.6 Partnervermittlungsstrategien

5 Work-Life-Balance, Familie und keine Versäumnisse - ja, das könnte funktionieren

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Nach 65 Jahren Ehe (zur eisernen Hochzeit) wurde ein Paar befragt, wie sie es geschafft haben, solange zusammenzubleiben. Die Frau dachte ein paar Sekunden nach und antwortete: „Wir wurden in einer Zeit geboren, in der man kaputte Dinge reparierte, anstatt sie wegzuwerfen.“

Familie, Freizeit und Karriere - Traum oder mögliche Realität in der gegenwärtigen Gesellschaft?

Es klingt nach dem perfekten Leben: Ein Mensch ist im Besitz eines unbefristeten Arbeitsvertrages bei einem Unternehmen der Sportindustrie. Dieses Unternehmen unterstützt seine Belegschaft mit verschiedenen Maßnahmen, deren Notwendigkeit bspw. durch eine Mitarbeiterbefragung ermittelt wurde, beim individuellen Ausgleich der Work- Life-Balance. Dies wird mitunter durch die Implementierung einer betrieblichen Kinderbetreuung oder eines organisierten betrieblichen Gesundheitssportprogrammes realisiert. Dazu kommen flexible Arbeitszeitmodelle und die betriebliche Unterstützung von Mitarbeitern bei der Pflege von kranken und alten Familienangehörigen. Die Arbeitszeiten sind nicht die einzige Messgröße bei der Ermittlung des Arbeitsentgeltes, sondern werden kombiniert mit leistungsbasierten Bonuskomponenten. Dies hat zur Folge, dass bei Erreichen vereinbarter Zielsetzungen mitunter der nötige Lebensunterhalt mit weniger Arbeitszeit erzielt werden kann, wenn mit der nötigen Effizienz im Betrieb gearbeitet wurde. Für die Realisierung dessen ist der Arbeitnehmer in großen Teilen selbst verantwortlich, indem er volle Leistung für seinen Arbeitgeber und die ihm übertragenen Projekte gibt. Um dies sicherzustellen, erhält er von seinem Arbeitgeber den nötigen Freiraum. Das Arbeitsverhältnis basiert auf großem Vertrauen zwischen beiden Parteien - dem Unternehmer und dem Mitarbeiter. In der Zeit, in der der Arbeitnehmer nicht am Arbeitsplatz präsent sein muss, kann er trotzdem bspw. sein Home-Office nutzen und gleichzeitig die Umgebung in seinen privaten Räumen genießen und sich die Zeit frei einteilen. Er kann die Zeit für seine Familie oder seinen Freundeskreis nutzen, welche ihn aufgrund seiner Karriereziele im Sportmanagement in den letzten Monaten nur selten zu Gesicht bekamen. Er kann aber auch endlich mehr Zeit mit seinem Partner verbringen und die Familienplanung vorantreiben. Trotz der Kinderplanung steht ihm zukünftig dank seines flexiblen Jobs viel Freiraum für seine Hobbies und weiteren Lebensziele zur Verfügung - Reisen, Sprachen lernen, das große Bauprojekt eines Einfamilienhauses, usw.

Was sich nach einem perfekten und daher wohl ziemlich schwer umzusetzenden Lebensstil anhört, ist allerdings für die Mehrheit der deutschen Gesellschaft das größte Lebensziel überhaupt. Schon allein „für fast drei Viertel der Deutschen unter 50 Jahren […] spielt die Familie in ihrem Leben eine sehr wichtige Rolle.“1 Dazu kommen 42 Prozent der Bevölkerung, die laut einer Umfrage der „Gesellschaft für Erfahrungswissenschaftliche Sozialforschung“ (GEWIS) als Hauptlebensziel angaben, einen Job zu haben, der sie glücklich macht.2

Diese Ausarbeitung zur Vereinbarkeit des deutschen Idealbildes der Familie mit einer gesunden Work-Life-Balance unter dem Aspekt des freizeitsoziologischen Wandels soll am Beispiel des Sport- und Freizeitmarktes untersuchen, ob und inwiefern das soeben geschilderte perfekte Leben unter den gegenwärtigen Bedingungen der gesellschaftlichen Entwicklung real umsetzbar ist.

1 Trends der Freizeitentwicklung

In den nachfolgenden Unterkapiteln zu den Trends der Freizeitentwicklung werden zunächst zwei dafür relevante Teilbereiche der Freizeitwissenschaft erläutert - die Freizeitpsychologie (1.1.1) sowie auch die Soziologie der Freizeit (1.1.2). Anschließend setzt sich diese Arbeit unter der Sensibilisierung mit dem Thema der Work-Life-Balance (1.2) mit der Entwicklung von Arbeitszeiten auseinander (1.2.1) und zeigt auf, wie stark sich mittlerweile die Freizeitangebote auf dem Freizeitmarkt differenzieren und eine Masse an Auswahlmöglichkeiten für den potenziellen Freizeitkonsumenten bieten (1.2.2). Das breite Angebotsspektrum des Freizeitmarktes bietet auch einen gewissen Argumentationsspielraum für die Erklärung von neuen Lebensstilen (1.3), welche teilweise ziemlich starke Züge der Individualisierung ausweisen. Dieser Punkt führt im darauffolgenden Unterkapitel 1.3.1 auf eine Gegenüberstellung von Individualisierung und der Familiensoziologie. Zusätzlich werden die steigenden Arbeitsplatzanforderungen der demographischen Entwicklung der Gesellschaft gegenübergestellt (1.3.2).

Zum Ende des ersten Kapitels werden die Konflikte in der Koordination von Familie und Arbeit (1.4) sowie Familie und Persönlichkeitsentwicklung (1.5) nochmals gebündelt erläutert.

1.1 Definition Freizeit

In den meisten wissenschaftlichen Beiträgen zur Definition des Begriffs Freizeit wird von einem subjektiv empfundenen zeitlichen Raum berichtet, den jeder für sich individuell anders wahrnimmt. Hans-Werner Prahl sagte bereits, dass es „[…] so viele Freizeitbegriffe [gibt,] wie es Freizeit-Soziologen gibt.“3 Von Horst W. Opaschowski ist die Einteilung der Lebenszeit in drei Zeitabschnitte bereits bekannt: die fremdbestimmte Determinationszeit, die zweckgebundene Obligationszeit und die ungebundene Dispositionszeit.4 Die beiden letztgenannten bilden die Freizeit, „[…] die keinen Verpflichtungen und Zwängen unterliegt.“5 als Gegenpol zur Determinationszeit (also z.B. der Arbeitszeit). Jedoch ist zu differenzieren, welche Lebenszeit, die unter die zwei Abschnitte Obligations- und Dispositionszeit fällt, nun tatsächlich frei verfügbare Zeit ist. Diese Einschätzung unterliegt jedem Individuum selbst und erschwert somit eine genaue Definition des Begriffs Freizeit, die allen Ausprägungen und subjektiven Wahrnehmungen dieser Lebenszeit gerecht werden könnte. „Freizeit ist keine konkrete Institution oder ein exakt abgrenzbarer gesellschaftlicher Handlungsbereich, sondern eher eine recht uneindeutige Kategorie der Zeitverwendung, unter die mehr oder weniger alles subsumiert werden kann.“6 Lebenszeit ist kein Gegenstand und keine Institution, welche räumlich und begrifflich klar abgrenzbar ist. Dennoch gehen die subjektiven Begriffsklärungen des Wortes Freizeit grob genommen immer in dieselbe Richtung: Lebenszeit, die man in der Form, wie man sie gerade verbringt, freiwillig und gerne verlebt. Wenn man diesem Versuch einer selbst verfassten Freizeitdefinition Glauben schenkt, dann kann man, wenn man auch mit seinem Work-Anteil seines Lebens vollkommen zufrieden ist und seine Arbeit gerne und freiwillig ausübt (sozusagen sein Hobby zum Beruf macht), auch die fremdbestimmte Determinationszeit (z.B. Arbeitszeit, Schulzeit, etc.) mit in die Freizeit einbeziehen. Es ist immer die subjektive Wahrnehmung auf die eigene Lebenszeitverwendung miteinzubeziehen. Wenn man die von Opaschowski als fremdbestimmte Determinationszeit als lediglich zweckgebundene Obligationszeit ansieht, dann muss folglich jedes Individuum, welches diese Ansicht teilt, sich freier fühlen und das Gefühl haben, wesentlich mehr freie Zeit zu haben. Der Begriff Freiheit ist folglich genauso schwer zu definieren und soll nur verdeutlichen, wie weit man dieses Thema der Definition von Freizeit noch ausdehnen könnte. Allerdings wird dies an dieser Stelle nicht geschehen. Letztendlich steht die Erkenntnis, dass Freizeit jedem bekannt ist, jeder sie subjektiv wahrnimmt und jeder sie individuell anders nutzt. Freizeit ist „Zeit außerhalb der Arbeitszeit, über deren Nutzung der Einzelne selbst (frei) entscheiden kann.“7 Sie war im 16. und 17. Jahrhundert noch „als eine Art Restkategorie, die nach Abzug der Arbeitszeit übrig bleibt“8, definiert und entwickelte sich gegenwärtig zu der Zeit des Tages, „wo man […] am weitesten von Arbeits- und Alltagspflichten entfernt ist.“9 Aus einer eher negativen Betrachtungsweise („Bisher gehörte der Begriff Freizeit […] zu den sogenannten ''Negativbegriffen''. […] Freizeit [bezeichnete man als] die Abwesenheit von Arbeit.“10 ) hat sich freie Zeit zu einer vielmehr positiven Alternative zum Arbeitsleben entwickelt. Auch im Verhältnis zur Arbeitszeit hat die Freizeit zugenommen: Von den 8760 Stunden, die ein Jahr hat, verbrachte der Durchschnittsdeutsche im Jahr 2009 1390 Stunden am Arbeitsplatz. Im Vergleich zum Jahr 1960, als es noch 2163 Arbeitsstunden waren (s. Abb. 1), absolvierte der Durchschnittsdeutsche knapp 770 weniger Arbeitsstunden. Diese Erkenntnis ist von Relevanz für das Verständnis der weiteren Arbeit, da durch die Zunahme der (eigentlich) freien Zeit auch ein Freizeitmarkt herangewachsen ist, mit der sich diese Arbeit auseinandersetzt - speziell mit den Menschen, die in dieser Branche arbeiten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Abb. 1: Entwicklung der Arbeitsstunden von 1960 - 2009, Allmendinger / Eichhorst / Walwei, 2005)

Gabler Verlag (Herausgeber), Gabler Wirtschaftslexikon, Stichwort: Freizeit

1.1.1 Freizeitpsychologie

Das Freizeitverständnis ist also subjektiv unterschiedlich. Dies liegt insbesondere daran, dass die Auffassung über den Begriff Freizeit von vielen psychologischen und soziologischen Faktoren abhängt. Der Lebensstil, die Kultur, die Umwelt, ja die Gesellschaft, in der man lebt, prägen das individuelle Verständnis von Freizeit mit. Die Freizeitpsychologie als Teilwissenschaft der Freizeitwissenschaften beschäftigt sich „mit Motivationen, Einstellungen, Verhaltens- und Erlebensweisen sowie Lernvorgängen in der Freizeit [...]“11. In dieser Teilwissenschaft, welche eine der wesentlichsten der Freizeitwissenschaft ist, kann man entweder nach quantitativen oder qualitativen Gesichtspunkten untersuchen, wie die Freizeit von Individuen oder bestimmten Gesellschaftsgruppen wahrgenommen wird. In Bezug auf das Thema dieser Arbeit ist interessant, wie der Durchschnitt seine freie Zeit verbringt, was er unternimmt und was ihn dazu motiviert, mit wem er seine Freizeit verbringt und wie viel Zeit er sich für die jeweiligen Freizeitaktivitäten nimmt.

1.1.2 Freizeitsoziologie

Ebenso wie die Freizeitpsychologie ist auch die Soziologie der Freizeit ein wesentlicher Teilbereich der Freizeitwissenschaften. Sie „ist eine empirische Wissenschaft, die sich auf die Struktur und Funktionsweise von Gesellschaften und das Handeln von Individuen in sozialen Kontexten [in der Freizeit] richtet.“12 Hier sind die Freizeitformen (häuslich/außerhäuslich, kommerziell/nicht kommerziell, kontinuierlich/nicht kontinuierlich, kollektiv/individuell, lokal/überregional, hybride Freizeitformen) und Freizeitbereiche (Kultur, Bildung, Sport, Shopping, Hobby, Event, Tourismus und Trend) von Relevanz für diese Arbeit, weil sie zum Ausdruck bringen, in welch differenzierter Art und Weise man seine frei zur Verfügung stehende Zeit nutzen kann. Die Differenzierung des weiterhin wachsenden Freizeitmarktes und dessen Freizeitangebote entwickeln beim Menschen unterbewussten Stress, da er bei der Anzahl der Freizeitangebote in diesen diversen Formen und Bereichen in seiner begrenzten Freizeit nicht alle nutzen, erleben und ausprobieren kann. Vor Allem dann nicht, wenn man Kompromisse in der Freizeitgestaltung eingehen muss, wenn man sie nicht alleine verbringt.

1.2 Work-Life-Balance

„Unter Work-Life-Balance ist ein ausgewogenes Verhältnis von Arbeit und Privatleben zu verstehen. Geld und Karriere sind für viele nicht mehr oberstes Ziel ihres Berufslebens. Ihnen ist es wichtig, ihre privaten Interessen oder ihr Verständnis von Familienleben mit den Anforderungen in der Arbeitswelt in Einklang zu bringen.“13 Der Begriff Work-Life- Balance spricht von einem Gleichgewicht der zwei Lebensbereiche Arbeitsleben und Privatleben. Dabei ist die Life-Seite dieser metaphorischen Waage gleichzusetzen mit der Freizeit, die als Ausgleich zur Arbeitszeit (Work-Seite) historisch stark an Bedeutung zugenommen hat, was unter 1.2.1 genauer beleuchtet wird.

„Unter Work-Life-Balance ist ein ausgewogenes Verhältnis von Arbeit und Privatleben zu verstehen. Geld und Karriere sind für viele nicht mehr oberstes Ziel ihres Berufslebens. Ihnen ist es wichtig, ihre privaten Interessen oder ihr Verständnis von Familienleben mit den Anforderungen in der Arbeitswelt in Einklang zu bringen.“13 Der Begriff Work-Life- Balance spricht von einem Gleichgewicht der zwei Lebensbereiche Arbeitsleben und Privatleben. Dabei ist die Life-Seite dieser metaphorischen Waage gleichzusetzen mit der Freizeit, die als Ausgleich zur Arbeitszeit (Work-Seite) historisch stark an Bedeutung zugenommen hat, was unter 1.2.1 genauer beleuchtet wird.

Durch die technische Weiterentwicklung diverser Kommunikationsmöglichkeiten ist die Erreichbarkeit außerhalb der Arbeitszeit und abseits des Arbeitsplatzes um ein Vielfaches leichter und die Abgrenzung von Arbeit und Freizeit zunehmend schwerer geworden. In der Berichterstattung der vergangenen Jahre ist der Begriff der Work-Life-Balance zu einem beliebten Thema geworden, worüber jeder Journalist und Autor immer noch bessere Tipps und Tricks parat hat, wie man das Gleichgewicht einhält und dennoch keinen zusätzlichen Stress im Alltag ertragen muss. Ratgeberartikel über Zeitmanagement und ausgleichenden Fitnesssport oder Tipps für einen entschleunigenden Urlaubsort überwerfen sich in Tageszeitungen, Magazinen, Internetblogs usw. Wie man so schön sagt: „Der Plan ist gut, nur an der Umsetzung hakt’s!“ - so könnte man das allgemeine Bild in der Öffentlichkeit, welches über das Konzept einer ausgewogenen Work-Life-Balance kursiert, beschreiben: Fast jeder scheint einen Masterplan zu kennen, doch dass die Umsetzung und die Unterstützung der Politik, des Arbeitsmarktes und des Arbeitgebers zur Optimierung dieser Ausgewogenheit zwischen Arbeits- und Privatleben an den unterschiedlichsten Barrieren scheitert, ist die gegenwärtige Realität. Dabei hat sich die Arbeitszeit im Verhältnis zur restlichen (im Grunde frei verfügbaren) Tageszeit aus Sicht des Arbeitnehmers positiv entwickelt.

1.2.1 Arbeitszeitentwicklung

Wie bereits unter Kapitel 1.1 erwähnt und dargestellt, konnte in den vergangenen Jahrzehnten eine Abnahme der jährlichen Arbeitszeit verzeichnet werden, welche mittlerweile (auch aufgrund der aktuellen globalen wirtschaftlich angespannten Situation) bei durchschnittlich 40 Arbeitsstunden pro Woche bei Vollzeitangestellten stagniert (siehe Abb. 2).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Abb. 2: Geleistete Arbeitsstunden je Erwerbstätigen pro Jahr von 1970 - 2007)

Die oben aufgeführte Darstellung der durchschnittlich geleisteten Arbeitsstunden zeigt in Verbindung bzw. Ergänzung mit der Abbildung 1 aus Kapitel 1.1, dass im Grunde der Work-Anteil über die Jahrzehnte deutlich gesunken ist und somit der Life-Anteil, also die Freizeit im weiteren Sinne, angewachsen ist. Aktuellste Zahlen des Statistischen Bundesamts belegen die Tabelle in Abb. 2. Die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit aller Erwerbstätigen im Jahre 2011 betrug 35,5 Stunden (s. Abb. 3).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Abb. 3: Durchschnittliche Wochenarbeitszeit in Deutschland, Statistisches Bundesamt, Qualität der Arbeit, 2012)

Die Bundeszentrale für politische Bildung weist darauf hin, dass für die Abnahme der individuell zu leistenden Arbeitsstunden „nicht konjunkturelle Gründe verantwortlich“14 sind, sondern durch die Zunahme der in Deutschland erwerbsfähigen Bevölkerung die anfallende Arbeit durch mehr Menschen abgetragen werden konnte, sodass sozusagen die gleiche Menge an Arbeit durch mehr Arbeitskräfte geteilt werden konnte. So entsteht für jeden Arbeitnehmer folglich mehr Zeit abseits des Arbeitsplatzes.

1.2.2 Differenzierung der Freizeitangebote

Um die Relevanz einer ausgewogenen Work-Life-Balance zu verstehen, sollte auch neben der Arbeitszeitentwicklung die Entwicklung des Freizeitmarktes und seiner Angebote für den Konsumenten beleuchtet werden. Es ist völlig selbstverständlich, dass sich bei einer Verringerung der Arbeitszeit und im Durchschnitt gleichbleibenden gezahlten Gehältern genügend clevere Unternehmer finden, die den zu erwarten gewesenen Boom des Freizeitmarktes für die Umsetzung ihrer Geschäftsideen nutzen.

Angebote für Freizeitaktivitäten sind so zahlreich wie die Zuschauer in der Allianz-Arena in München zum Heimspiel des FC Bayern München. Zudem sind sie nicht eintönig, sondern es findet sich für jede Freizeitform und jeden Freizeitbereich ausreichend Gestaltungsspielraum, in welchem Rahmen man seine frei verfügbare Zeit nutzt und frei gestaltet. Angelehnt an allgemein anerkannte Formen und Bereiche der Freizeit15 soll an dieser Stelle die Differenzierung der Freizeitangebote mit kurzen Beispielen erklärt werden. Zunächst folgt eine grobe Auflistung unterschiedlicher Freizeitformen und Bereiche der Freizeit, die darstellen, wie und wo man seine Freizeit im Allgemeinen verbringt bzw. auf welche Art und Weise man sich in seiner Freizeit beschäftigt.

Freizeitformen

- häusliche / außerhäusliche Freizeit(gestaltung)
- häuslich und meist unter der Woche lesen, fernsehen, im Internet surfen, mit den Kindern spielen, Abend mit dem Partner genießen
- außerhäuslich und meist am Wochenende Spaziergänge, ausgiebige sportliche Betätigung, Besuche von Parks, Kinos, Cafés usw.
- kommerzielle / nicht kommerzielle Freizeit(gestaltung)
- gemeint ist damit entweder die Gestaltung der Freizeit an Orten, wo Kommerz und Werbung starken Einfluss auf den Konsumenten ausüben (z.B. in Shoppingmeilen, in Kinos o.a.)
- oder auf der anderen Seite der bewusste Ausschluss von kommerziellen Einflüssen bei Freizeitaktivitäten in der Natur oder Arbeiten am Haus oder im Haushalt kontinuierliche / nicht kontinuierliche Freizeit(gestaltung)
- diese Kategorie unterteilt diverse Freizeitaktivitäten in zwei Bereiche - in den Bereich der regelmäßigen Ausübung einer bestimmten Aktivität und in den der unregelmäßigen, teils einmaligen Aktivitäten
- kollektive / individuelle Freizeit(gestaltung)
- hierbei unterscheidet man in Gruppenaktivitäten (z.B. das Ausüben einer Mannschaftssportart, Spieleabend unter Freunden bzw. Bekannten, usw.) und Einzelaktivitäten (z.B. Lesen, Yoga, Joggen, usw.)
- während man sich bei einer Gruppenaktivität einer gewissen Gruppendynamik und Regeln unterwirft, um „Teil des Ganzen“ zu sein, muss man bei der individuellen Freizeitgestaltung keinerlei Kompromisse mit anderen Individuen eingehen und kann sich frei entfalten
- lokale / überregionale Freizeit(gestaltung)
- abhängig von der im Allgemeinen von viel Arbeitszeit überschatteten Woche, wird zumeist während den Werktagen auf lokale Freizeitmöglichkeiten zurückgegriffen, während an freien Tagen und vorrangig am arbeitsfreien Wochenende überregionale Freizeitziele interessanter sind
- Zeit- und Geldbudget sind - wie bei anderen Freizeitformen auch - Einflussfaktoren auf die Wahl der Freizeitbeschäftigungen
- Hybride Freizeitformen
- dieser Begriff beschreibt eine Kombination aus mehreren Freizeitaktivitäten unterschiedlichster Freizeitformen an einem Ort
- z.B. ein Kinocafé, ein Erlebnisrestaurant, o.a.
Freizeitbereiche:
-Bereich Kultur
- Besuch von Opern, Museen, Lesungen, etc. Bereich Bildung
- Lesen, Sprachen lernen, Wissensschatz erweitern, berufliche Weiterbildung, etc.
- Bereich Sport
- regelmäßiges Training, als Ausgleich zur einseitigen Arbeitsbelastung, Präventions- , Rehabilitations- , Fitnesssport, etc.
- Bereich Shopping
- Konsum, Mode, Technik, Style, Geld ausgeben, etc. Bereich Hobby
- Leidenschaften pflegen und entwickeln Bereich Event
- Teilnahme an bzw. Besuch von Veranstaltungen, einmaligen bzw. seltenen Ereignissen, etc.
- Bereich Tourismus
- reisen, die Welt entdecken, andere Orte, Länder und Kulturen kennenlernen, etc.
- Bereich Trend
- Trendsport, Grenzen des Körpers und des Geistes erforschen und erleben

Die Differenzierung der Freizeitangebote ist für jede Form und jeden Bereich in der Freizeit bereits deutlich fortgeschrittener als zu früheren Zeiten und wird wohl perspektivisch an noch mehr Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung dazugewinnen. Allein durch den Einfallsreichtum in der Unterhaltungselektronik sind die Optionen zur Freizeitgestaltung erheblich gestiegen. Dennoch behalten die traditionellen Gesellschaftsmuster ihre Vormachtstellung im Bereich der Freizeit und es wird sich immer noch rege verabredet und in Gruppen getroffen und gemeinsam gegessen und unterhalten und man unternimmt entweder die Klassiker der Freizeitangebote (wie Café- oder Kneipenbesuche, Kinoabende oder Grillfeste) oder man probiert die vielen neuen Möglichkeiten aus. Dass keine der Freizeitbereiche oder -formen aussterben wird, ist nahezu sicher. Es würden wenn überhaupt nur noch weitere Formen und Bereiche dazukommen.

Auf den ersten Blick hat der Freizeitmarkt mit seinen diversen Gestaltungsmöglichkeiten im Alltag einen sehr positiven Einfluss auf die Lebensqualität im Allgemeinen. Trotzdem beklagt sich mehr als jeder siebte Deutsche darüber, dass es ihn nervt und stresst, wenn ihn so viele Menschen auf der Straße und auf Freizeitveranstaltungen bei der persönlichen und individuellen Gestaltung seiner Freizeit stören.16 Man spricht vom sogenannten Freizeitstress, bei welchem sich nicht die Anstrengung bei bestimmten Tätigkeiten während der Freizeit als Stressfaktoren herausstellen, sondern vielmehr die Aneinanderreihung verhältnismäßig kleiner körperlicher und geistiger Belastungen, die sich jedoch ständig wiederholen und auf Dauer den negativen Distress verursachen. Diese kleinen Stressoren, welche ständig wiederkehren und deren Ursache man schwer beseitigen kann bzw. gar nicht kennt, sind deutlich gesundheitsgefährdender, als schwere Schicksalsschläge oder sonstige Negativereignisse dieser Größenordnung. Freizeitstress ist Aktivitätenstress beim Joggen oder Radfahren, er ist Kontaktstress mit dem Freundeskreis und der Familie, er ist der Stress, der durch den Lärm und die Menschenmassen auf Partys, Konzerten oder sonstigen Massenveranstaltungen entsteht. Diese Stressbelastungen sind unauffälliger, weil sie in einem eigentlich positiv behafteten Rahmen nebenbei mitschwingen und ihnen setzt man sich im Grunde freiwillig aus, weil man nichts verpassen will.17

Opaschowski, 1997, S. 228ff.

„Die Entstehung von Freizeitstress steht im Zusammenhang mit einer quantitativen Zunahme freier Zeit, die in den letzten Jahrzehnten stattgefunden hat. Parallel dazu ist eine Veränderung in der Werthaltung von Menschen festzustellen, die sich von den traditionell an der Arbeitswelt orientierten Werten (Pflicht, Leistung, Zuverlässigkeit) weg, zu solchen wie Lebensfreude, Offenheit, Selbstverwirklichung hin bewegt hat. Im Gegensatz zu einer häufig als sinnlos erlebten Erwerbszeit soll in der Freizeit die Erfahrung von Sinnhaftigkeit und Gl ü ck erreicht werden. Zudem bekommt Arbeit zunehmend die Funktion zugesprochen, die finanziellen Mittel bereitzustellen, um an den vielfältigen Angeboten der Konsum- und Dienstleistungsgesellschaft teilhaben zu können.“ 18

Gegenwärtig ist es wohl so hart wie nie zuvor, seine Freizeit zu planen in Anbetracht all der Angebote. Perspektivisch wird der Mensch einem weiterhin wachsenden Angebotsstress ausgesetzt sein und er wird sich stets entscheiden müssen, ob er etwas macht und wenn ja, mit wem und an welchem schönen Ort und wie oft. Man wird sich mit der Frage auseinandersetzen müssen, was man wirklich will, wer man wirklich sein will, welche Freizeitangebote man wirklich nutzen sollte und bzw. oder auf welche man gänzlich verzichten kann und will. „Was ist eigentlich für mich wichtig und was nicht?“ oder „Woher nehme ich den Mut, auch mal zu Einladungen und Anfragen NEIN zu sagen?“ oder „Wie schaffe ich es, mich gut dabei zu fühlen, wenn ich weiß, dass ich gerade jetzt etwas verpasse?“ - diese Fragen sollte man sich ganz konkret stellen. Auch in Bezug auf seinen Lebensstil und seine Lebensziele sollte man ganz ehrlich hinterfragen und lernen, auch auf Dinge im Leben zu verzichten, um seiner eigenen Gesundheit einen Gefallen zu tun. Man kann jedem nur raten, am besten einmal etwas bewusst zu verpassen und die einem zur Verfügung stehende freie und selbstbestimmbare Zeit auch einmal nur mit sich selbst zu verbringen.

1.3 Entwicklung (allgemeiner) Lebensstile (der Zukunft)

Zuerst soll an dieser Stelle die altbewährte Darstellung der dreiteiligen „Normal- Biographie“ erläutert werden. In vergangenen Jahrzehnten wies die Majorität der Bevölkerung einen geradlinigen Ablauf ihres Lebenslaufs auf. Ganz traditionell teilte sich eine klassische Vita in Ausbildungszeit, Reproduktionsphase und den Ruhestand auf.19

Während die damalige Ausbildungszeit im Verhältnis zur heutigen im Durchschnitt kürzer war, studiert man heute länger bzw. nimmt sich die Zeit, um mehrere Ausbildungen zu absolvieren, welche teilweise aufeinander aufbauen und die individuelle berufliche Qualifikation erhöhen. Der heutige Anteil der Lebensarbeitszeit startet heutzutage später und verringert sich dadurch auch.

Die Reproduktionsphase, in der man sich sozial und beruflich festigt, teilt sich traditionell in Berufs- und Familienleben, wobei der Begriff „Familie“ als Idealbild der hiesigen Gesellschaft früher stärker strahlte als heutzutage und wonach in den vergangenen Jahrzehnten ein Rückgang der Familie im engeren Sinne - Familie ist „[…] als Netzwerk von Menschen zu begreifen, die zusammen in einem oder in mehreren verwandtschaftlich generationenübergreifend miteinander verbundenen Haushalten leben.“20 - zu verzeichnen ist. Auf diesen Rückgang wird unter 1.3.1 unter Beleuchtung der neuen Generation „Single-Haushalt“ noch einmal eingegangen.

Abschließend dient der Ruhestand dem verdienten Lebensabend. Das Rentenalter ist allerdings gegenwärtig erst mit 67 Jahren - für ab 1964 geborene - planmäßig (und ohne dass es Rentenabzüge gebe) erreicht und damit liegt die Grenze zum Renteneintritt um 2 Jahre höher als früher.21 Diese Grundstruktur ist für die meisten bisher geführten Lebensstile stets die Basis gewesen, doch diese beginnt auch, sich abzuändern bzw. zu verschwinden.

Neue Lebensstile entwickeln sich deshalb, weil sich die Gesellschaftsschichten in ihrem jeweiligen Lebensabschnitt dem neuen Verständnis für den Freizeitbegriff und dessen Möglichkeiten anpassen. Der Freizeitbestandteil eines Lebenslaufs mit seinen im Gegensatz zu früheren Zeiten mittlerweile so zahlreichen Gestaltungsmöglichkeiten schafft sich sozusagen selbst einen vierten relevanten Abschnitt in jeder individuellen Biographie, welcher dann parallel zu den anderen drei Phasen abläuft. Aufgrund der zunehmenden Relevanz der Art und Weise, wie und mit wem man seine Freizeit gestaltet, fließen diverse Verhaltensmuster der Freizeitgestaltung in die Lebensführung mit hinein und bilden diverse neue Lebensstile, von denen an dieser Stelle einige zukunftsträchtige Beispiele erklärt werden sollen, welche gezielt die Karriere und die Familie in den Mittelpunkt stellen:22

[...]


1 Institut für Demoskopie Allensbach in: BILD am Sonntag, Familienstudie 2011, 2011, S. 8 6

2 GEWIS, Umfrage zu Lebenszielen in: statista.com, Stichwort: Lebensziele, 2012 7

3 Prahl, 2002, S. 16

4 Opaschowski, 1990

5 Opaschowski / Pries / Reinhardt, 2006, S. 22

6 Lippl, 1995, S. 13

8 Freericks / Hartmann / Stecker, 2010, S. 22

9 Opaschowski, 2008, S. 22

10 Opaschowski, 2008, S. 315

11 psychology48.com, Stichwort: Freizeitpsychologie

12 Gabler Verlag (Hrsg.), Gabler Wirtschaftslexikon, Stichwort: Soziologie 10

13 arbeitsratgeber.com, Stichwort: Work-Life-Balance

14 bpb - Bundeszentrale für politische Bildung, 2008, Stichwort: Arbeitszeit

15 Studienprojekt Freizeit in der Stadt (Hrsg.), 2007, S. 25 - 55 14

17 Opaschowski, 1997, S. 230ff.

18 Schrader, 2008, S. 99

19 Zukunftsinstitut GmbH, Lebensstile 2020

20 Borchers, Dr. A. / Hellmann, M., 2002, S. 22

21 Handelsblatt Online, 2007

22 vgl. trendsderzukunft.de (Hrsg.), 2009

Ende der Leseprobe aus 62 Seiten

Details

Titel
Work-Life-Balance und das Idealbild der Familie im freizeitsoziologischen Wandel
Untertitel
Eine Untersuchung für die Sport- und Freizeitbranche
Hochschule
Deutsche Hochschule für Gesundheit und Sport (vormals H:G Hochschule für Gesundheit & Sport, Technik & Kunst)
Note
2,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
62
Katalognummer
V212623
ISBN (eBook)
9783656521709
ISBN (Buch)
9783656524724
Dateigröße
1133 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
"Herr Apel legt eine theoretische Arbeit, die ein aktuell sehr relevantes Thema behandelt. Die Zunahme an psychischen Erkrankungen zeigt, dass es zu einer Dysbalance hinsichtlich Arbeitsbelastung und Erholung gekommen ist. Der Autor untersucht den Zusammenhang in Hinsicht auf Freizeit und Familie. Er argumentiert dabei angemessen mit passenden, teilweise kreativen Problemlösungsstrategien. [...]" (Zitat des Erstgutachters)
Schlagworte
Work-Life-Balance, Idealbild Familie, Familie, freizeitsoziologischer Wandel, Sport, Freizeit, Sportbranche, Freizeitbranche, Karriere, Freizeitentwicklung, Arbeitszeitentwicklung, Freizeitsoziologie, Freizeitpsychologie, Freizeitangebote, Lebensstil, Individualisierung, Familiensoziologie, Koordination von Familie und Arbeit, Koordination von Familie und Selbstverwirklichung, Familienfreundliche Arbeitszeiten, Arbeitszeitmodelle, Zeitmanagement, Freizeitverhalten, Lebensverlaufsmodelle, Partnervermittlungsstrategien
Arbeit zitieren
Ricardo Apel (Autor), 2012, Work-Life-Balance und das Idealbild der Familie im freizeitsoziologischen Wandel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/212623

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