Patrick Süskinds 'Das Parfum' im Kontext des Denk- und Literatursystems der 1980er Jahre


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011
32 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1. Das Parfum – ein Dauerbestseller

2. Das Denk- und Literatursystem der achtziger Jahre
2.1 Postmoderne
2.2 Poststrukturalismus
2.3 Erzählerische Tendenzen

3. Das Parfum im Kontext – ein Spiel mit Zeichen, Sprache und Strukturen
3.1 Aspekte des Discours
3.1.1 Narrative Instanz
3.1.2 Modus
3.1.3 Strukturelles
3.2 Aspekte der Histoire
3.2.1 Geruch und daran geknüpfte Emotionen
3.2.2 Kunst als zentrales Thema
3.2.3 Neo-Phantastisches
3.2.4 Rolle der Aufklärung
3.2.5 (Postmoderne) Gesellschaftskritik

4. Das Parfum – ein sinnverweigernder oder sinnstiftender Roman?

Literaturverzeichnis

1. Das Parfum – ein Dauerbestseller

Mit einer Gesamtauflage von mittlerweile über 12 Millionen Exemplaren weltweit handelt es sich bei dem Roman Das Parfum aus dem Jahr 1985 von Patrick Süskind unumstritten um einen internationalen Verkaufsschlager – über neun Jahre war er in Bestsellerlisten vertreten.[1] 2006 wurde der Roman unter der Regie von Tom Tykwer verfilmt.

Im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hieß es bei Erscheinen des Vorabdrucks 1984 bereits:

„So unglaublich die Detailkenntnisse dieses Autors […], so unaufdringlich ist die Geste, mit der Süskind dies alles vor uns ausbreitet: auf eine Weise, die uns, aus welchen Gründen auch immer, bisweilen den Atem verschlägt. Da gab es nicht eben viele Bücher in der letzten Zeit, von denen sich dies sagen ließe.“[2]

Eine Ursache des langanhaltenden Erfolges ist gewiss die Vielschichtigkeit des Romans: Das Parfum ist zugleich Historischer Roman, Kriminalroman, Künstlerroman, Entwicklungsroman u.v.m.

Daneben

„hält [der Text] unter seiner Oberfläche eine Menge intellektuell herausfordernder Abgründe und literarisch ambitionierter Metaphoriken und intertextueller Verweise bereit.“[3]

Gerade die Komplexität ist wohl auch der Grund, weshalb sich der Roman steigender Beliebtheit als Schullektüre erfreut.[4]

Aber nicht nur in den Bildungseinrichtungen wird viel diskutiert über Patrick Süskind und sein Erstlingswerk, sondern auch in der Literaturwissenschaft.

Hier dreht sich die Diskussion v.a. darum, ob Das Parfum mit dem Prädikat postmodern versehen werden darf oder nicht. Diese Frage soll im Folgenden beantwortet werden.

Dabei ist es zunächst notwendig, einen Blick auf das vorherrschende Denk- und Literatursystem der Zeit zu werfen und zu klären, was man unter postmodern eigentlich versteht.

2. Das Denk- und Literatursystem der achtziger Jahre

2.1 Postmoderne

Trotz intensiver Beschäftigung der Wissenschaft mit dem Thema Postmoderne gibt es bis heute keine eindeutige Definition des Begriffs.[5] Umberto Eco bedauert deshalb: „Unglücklicherweise ist ‚postmodern’ heute ein Passepartoutbegriff, mit dem man fast alles machen kann.“[6] Okka Hübner vermutet den Grund dafür darin, dass der Terminus „unterschiedliche Quellen und Traditionslinien hat und in unterschiedlichen Kontexten mit unterschiedlicher Bedeutung verwendet wurde.“[7]

Wie das Präfix post- bereits andeutet, handelt es sich um etwas, das der Moderne folgt und zugleich einen Bruch mit ihr bedeutet.

Der literaturtheoretische Begriff hielt in Deutschland 1968 durch Leslie Fiedler Einzug.[8] Die Debatte knüpfte an amerikanische Vorgänger an, deren Versuch es war, die neue Art von Literatur, die sich in den Fünfzigern herauszubilden begonnen hatte und sich von einer ästhetischen Moderne bewusst abzusetzen versucht hatte, zu benennen.[9]

Erst seit den späten Siebzigern findet sich der Begriff postmodern vermehrt auch in philosophischen und soziologischen Diskursen.[10] Wegbereitend für die Diskussion hier wurde in erster Linie Francois Lyotard mit seinem Werk Das postmoderne Wissen.[11]

Da die Philosophen und Soziologen mit Moderne vordergründig Neuzeit und Aufklärung meinen und nicht, wie die Literaturwissenschaftler, allein die literarischen und künstlerischen Strömungen der Zeit von 1850 – 1930[12], erschwert sich eine genaue Begriffsbestimmung.

Eco schreibt beispielsweise,

„daß ‚postmodern’ keine zeitlich begrenzbare Strömung ist, sondern eine Geisteshaltung oder, genauer gesagt, eine Vorgehensweise, ein Kunstwollen.“[13]

Er grenzt den Begriff zwar zeitlich nicht ein, dennoch beispielsweise deutlich enger als Peter Zima. Dieser führt an, dass sowohl Moderne als auch Postmoderne nur als Problematiken konstruiert werden können, nicht ausschließlich als Epochen, Ideologien oder stilistische Systeme.[14]

Seit Ausweitung des Begriffs in den siebziger Jahren gerät die ursprüngliche, literaturgeschichtliche Dimension immer mehr in den Hintergrund und es kristallisiert sich heraus, nur von einer Postmoderne zu sprechen, wenn auch das philosophische Gedankengut berücksichtigt wird.[15] Dieses hängt in hohem Maße mit den Ideen des Poststrukturalismus zusammen, die unter 2.2 genauer erläutert werden sollen.

Im Gegensatz zur Moderne , die von Aufklärung und Rationalismus geprägt war und damit von der „Frage nach dem Wie der Weltinterpretation“[16], rückt nun die „Frage nach dem Was der Welt“[17] in den Vordergrund. Man stellt die Wirklichkeit in Frage, denn diese scheint sich als Fiktion aufzulösen.[18] Lyotard behauptet, es gäbe keine verbindlichen Wahrheiten, sondern allein den Wunsch nach Wahrheit.[19] Die „Zeit der großen Sinn-Entwürfe“[20] sei aufgrund medialer Überflutung „an ein Ende gekommen“[21], so fasst Durzak Lyotards Untersuchungen zusammen.

Zima bezeichnet die Postmoderne als eine „Ära der Indifferenz: der austauschbaren Individuen, Beziehungen, Wertsetzungen und Ideologien“[22], in der die „Tendenz zur Partikularisierung sowie zum philosophischen, politischen und kulturellen Pluralismus[23] zum besonderen Merkmal wird. Kennzeichnend für die Postmoderne sei eine Gesellschaft,

„in der narzißtische Individuen nach Selbstverwirklichung streben und in der Wertsetzungen, Überzeugungen sowie ideologische oder religiöse Utopien immer mehr in den Hintergrund treten.“[24]

Wilfried Barner hält fest, dass v.a. die Achtziger von einem „Sichabschleifen der Gegensätze“[25] gekennzeichnet sind, mit dem Höhepunkt des ideologischen Mauerfalls im Jahr 1989.

Auf der anderen Seite kommt es gerade in diesem Jahrzehnt zu Aufbrüchen verschiedenster Art, z.B. im ökologischen oder feministischen Bereich[26], die einer zunehmenden Pluralisierung der Gesellschaft entsprechen.

2.2 Poststrukturalismus

Um das Phänomen Postmoderne besser begreifen zu können, muss der Blick, wie bereits erwähnt, auf eine philosophische Dimension geworfen werden, die u.a. von Jacques Derrida und Michel Foucault geprägt wurde und die auch Süskind in seinem Roman aufgreift. Wie Freudenthal bemerkt, bestehen

„zwischen den Ideen um den Begriff der Postmoderne und denen des Poststrukturalismus […] erhebliche Affinitäten, [was sich] gerade im Bereich der Sprachreflexion zeigt“.[27]

Ausgangspunkt des Poststrukturalismus bzw. Neostrukturalismus ist das strukturalistische Denken[28] und die Zeichentheorie Ferdinand de Saussures.[29] Bereits der französische Sprachwissenschaftler kam zu dem Schluss, dass Zeichen bzw. Sprache nur innerhalb eines bestimmten Systems funktionieren, denn ein Zeichen (gedacht als Einheit von Signifikat und Signifikant) definiere sich erst in Abgrenzung von anderen Zeichen.[30] Führt man diese Theorie fort, so stellt man wie Derrida fest, dass es kein transzendentales Signifikat (bedeutungsgebende Instanz) außerhalb des komplexen Verweissystems geben kann, denn jeder Signifikant verweist im Grunde auf einen weiteren, dieser wiederum auf den nächsten und so weiter.[31] Somit entschwinde jede Bedeutung, denn sie ist „nie völlig im Signifikanten präsent, sondern gleitet unaufhörlich unter ihm.“[32] Folglich werde alles zum Diskurs und jeder Sinn wird dezentralisiert.[33]

Aus diesem Grund müssen nun

„die Grundlagen der Neuzeit und der Metaphysik in Frage gestellt werden, die durch eine repräsentierende Sprache mit dem Axiom einer Einheit von Zeichen und Bezeichnetem legitimiert sind“.[34]

Derrida dekonstruiert das logozentristisch orientierte Denken des Abendlands, das die Frage nach den letzten Gründen allen Seins zu beantworten sucht, weil man von einer Ursprünglichkeit gewisser Dinge ausgeht.[35]

Mit dem Glauben an die menschliche Vernunft beschäftigt sich ferner Michel Foucault.

Ausgehend davon, dass Signifikanten immer im Kontext eines Diskurses stehen, bestimme dieser die Bedeutung.[36] Ändere sich der Kontext, so könne der Signifikant erneut als wahr oder falsch definiert werden.[37] Auch das Subjekt sei, so Foucault, diskursiv konstituiert und unterliege somit den (Sprach)spielregeln.[38] Die Souveränität eines jeden Subjekts ist demnach anzuzweifeln.

2.3 Erzählerische Tendenzen

In den achtziger Jahren wird nun vieles mit Skepsis betrachtet, u.a. auch die Vorstellung einer literarischen Avantgarde.[39] Postmoderne Autoren kritisieren, dass bereits in der Moderne die zur Verfügung stehenden Mittel der Erzählkunst bis aufs Äußerste getrieben worden seien und verlangen nun eine Rückkehr zu traditionellen Erzähltechniken.[40] Vor allem junge Autoren stehen einem weiteren Entwicklungsschritt im Sinne einer ästhetischen Progression skeptisch gegenüber.[41]

Es gehe nun darum, so fordern Kritiker, nach dem Motto von Leslie Fiedler Cross the

border – close the gap „sich nicht mehr an vorgegebene Grenzen zu halten, [sondern] diese spielerisch zu überschreiten“.[42]

Für die Literatur der Postmoderne ist deshalb charakteristisch:

„das Spielerische, das […] Parodistische, das intertextuell Collage- und Zitathafte, die Gattungsmetamorphose, die Mischung von Hoch- und Alltagskultur bzw. die semantische und soziologische Mehrfachkodierung […], das Autobiographische, das Geschichtliche, das Lokale bzw. Regionale, die Entdeckungsfreude, das Multikulturelle, das weltanschaulich Offene, Unsichere, Nichtfestgelegte, und schließlich die Vielfalt der Stile und Meinungen“[43].

Vorwürfe wie „Nivellierung statt Tiefe, Gefälligkeit statt Radikalität, blendende Virtuosität statt Erkenntniskraft“[44] oder es handele sich bei dieser literarischen Produktion „um eine künstliche gehätschelte Treibhaus-Literatur, die zur Bedeutungslosigkeit verwelke“[45] sind die Folge.

Okka Hübner macht nun darauf aufmerksam, dass postmoderne Literatur sich grundsätzlich in zwei Bereiche unterscheiden lässt: Postmodern in Bezug auf die philosophische Moderne und postmodern in Bezug auf die literarische Moderne.[46]

Ersterer gehe es, so Hübner, „vor allem um Sinndezentrierung, Vernunft- und Subjektkritik“[47], was in direkter Verbindung zu den Ideen des Poststrukturalismus steht (siehe 2.2). Letzterer sei vor allem der „Bruch mit dem modernistischen Innovationspostulat und mit der strikten Trennung von Hoch- und Trivialkultur“[48] wichtig.

Trotz pluralistischer Ausprägung habe postmoderne Literatur, so Ralf Schnell, ein Programm gemeinsam:

„schreibend auf die Leser und deren Wirklichkeitswahrnehmung, also auf vermittelte Weise auch verändernd auf die Wirklichkeit einzuwirken.“[49]

[...]


[1] Vgl. Decker 2006, S. 287.

[2] Görtz 1984.

[3] Decker 2006, S. 288.

[4] Vgl. Freudenthal 2005, S. 13 f.

[5] Vgl. Freudenthal 2005, S. 23.

[6] Eco 1987, S. 77.

[7] Hübner 2010, S. 12.

[8] Fiedler rief sozusagen in seinem Vortrag Das Zeitalter der neuen Literatur. Indianer, Science Fiction und Pornographie: die Zukunft des Romans hat schon begonnen! an der Freiburger Universität die Postmoderne in der Bundesrepublik aus. Vgl. Durzak 1994, S. 816.

[9] Vgl. Hübner 2010, S. 13 ff.

[10] Vgl. Ebd., S. 19.

[11] Vgl. Ebd., S. 19.

[12] Vgl. Ebd., S. 20.

[13] Eco 1987, S. 77.

[14] Vgl. Zima 1997, S. 3 ff.

[15] Vgl. Hübner 2010, S. 21 ff.

[16] Lützeler 1991, S. 13.

[17] Ebd., S. 13.

[18] Vgl. Durzak 1994, S. 817.

[19] Vgl. Freudenthal 2005, S. 26.

[20] Durzak 1994, S. 817.

[21] Ebd., S. 817.

[22] Zima 1997, S. 26.

[23] Ebd., S. 26 f.

[24] Ebd., S. 18.

[25] Barner 1994, S. 798.

[26] Vgl. Ebd., S. 800.

[27] Freudenthal 2005, S. 25 f. Auch Hübner schreibt, dass ein solcher Zusammenhang seit den späten Siebzigern und frühen Achtzigern von den Kritikern postuliert wurde. Vgl. Hübner 2010, S. 3.

[28] Dessen Grundannahme lautet: Sprache ist aller Erkenntnis und Bedeutung vorgängig. Vgl. Hübner 2010, S. 32.

[29] Vgl. Hübner 2010, S. 26.

[30] Vgl. Ebd., S. 28 ff.

[31] Vgl. Freudenthal 2005, S. 30.

[32] Hübner 2010, S. 37.

[33] Vgl. Ebd., S. 37.

[34] Freudenthal 2005, S. 27.

[35] Vgl. Hübner 2010, S. 38.

[36] Vgl. Ebd., S. 44.

[37] Vgl. Ebd., S. 44.

[38] Vgl. Ebd., S. 45.

[39] Vgl. Durzak 1994, S. 815 und 2.1.

[40] Vgl. Freudenthal 2005. S. 23 f.

[41] Vgl. Durzak 1994, S. 815.

[42] Freudenthal, 2005, S. 23.

[43] Lützeler 1991, S. 13.

[44] Ebd., S. 12.

[45] Durzak 1994, S. 815.

[46] Vgl. Hübner 2010, S. 5 f.

[47] Vgl. Ebd., S. 6. Wobei Hübner betont, dass die Verabschiedung von Sinn und Wahrheitsansprüchen durchaus positiv bewertet werden kann. Vgl. Hübner 2010, S. 1 f.

[48] Vgl. Ebd., S. 6.

[49] Schnell 2008, S. 657.

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Patrick Süskinds 'Das Parfum' im Kontext des Denk- und Literatursystems der 1980er Jahre
Hochschule
Universität Passau  (Philosophische Fakultät / Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Hauptseminar "Kultursemiotische Textanalyse"
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
32
Katalognummer
V212718
ISBN (eBook)
9783656407706
Dateigröße
633 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Süskind, Parfum, Postmoderne, Kultursemiotik
Arbeit zitieren
Melanie Huber (Autor), 2011, Patrick Süskinds 'Das Parfum' im Kontext des Denk- und Literatursystems der 1980er Jahre, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/212718

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