Grenzstellenarbeit: Pressesprecher - Eine typische Grenzstelle?


Essay, 2012
8 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Einleitung

Der Beruf des Pressesprechers1 scheint von großer Beliebtheit zu sein. Einige Menschen träumen davon, Verantwortung für das Image eines erfolgreichen Unternehmens, eines Sportvereins oder einer berühmten Persönlichkeit zu übernehmen. Ganze Studiengänge (Public Relations) widmen sich dieser Aufgabe und nicht zuletzt durch einige kuriose Vorfälle, wie die öffentliche Bloßstellung des Sprechers von Wolfgang Schäuble durch den Politiker selbst, rücken den Beruf ab und zu wieder in das öffentliche Interesse. Im Kontext des Seminars „Grundlegende Konzepte der Arbeitssoziologie“ und einen Vortrag zum Thema Grenzstellen in Organisationen, stellte sich mir die Frage, ob Presse- oder Regierungssprecher eine typische Grenzstellenfunktion einnehmen und welche Probleme und Schwierigkeiten damit einhergehen können. Um dieser Frage nachzugehen, möchte ich zunächst erläutern, was Grenzstellen in Organisationen und die Arbeit an ihnen ausmacht. Darauffolgend soll kurz der Beruf des Pressesprechers umrissen werden, um anschließend darzustellen, ob er mit einer typischen Grenzstelle gleichzusetzen ist. Zum Abschluss möchte ich anhand des aktuellen Regierungssprechers Steffen Seibert aufzeigen, welche Schwierigkeiten mit der Grenzstellenarbeit verknüpft sind.

Grenzstellen (-arbeit)

Um darstellen zu können, was Grenzstellen sind beziehungsweise was die Arbeit an ihnen ausmacht, welche Aufgaben, Ziele und Probleme mit ihr einhergehen, soll zunächst im Folgenden kurz erläutert werden, was Niklas Luhmann mit seiner Systemtheorie und dessen zentralen Begriffe Gesellschaft, Interaktionssystem und Organisation versteht.

Luhmann spricht in seiner Systemtheorie über soziale Systeme. Ein System kann als solches nur durch die Abgrenzung zu seiner Umwelt definiert werden und handelt weites gehend autonom, jedoch existieren auch Beziehungen verschiedener Art zu anderen Systemen. Es ist also nach innen operativ geschlossen und nach außen zu seiner Umwelt geöffnet. Als soziales System kann beispielsweise die Gesellschaft betrachtet werden, welche alle Kommunikation mit einschließt und nur aufgrund dieser funktionieren kann (Vgl. Luhmann 1998: 78). Kommunikation meint in Luhmanns System jedoch etwas anderes, als im alltäglichen Sprachgebrauch. Sie steht für die Selektion von Auswahlmöglichkeiten (Beispiel: Ja/ Nein) und sorgt dafür, dass das soziale System anschlussfähig bleibt und sich dadurch erhalten kann (Autopoiseis) (Vgl. Luhmann 1984: 240 ff.) .

Des Weiteren existieren noch zwei andere grundlegende Typen sozialer Systeme: Das

Interaktionssystem und die Organisation. Ein Interaktionssystem entsteht durch aufkommende Kommunikation zwischen anwesenden Personen (Vgl. Luhmann 1998: 814). Das für den Kontext dieser Arbeit relevante soziale System ist jedoch die Organisation. Sie ist eine besondere Form eines sozialen Systems, welches sich aber genau wie die anderen nur durch die Differenzierung und Abgrenzung zu anderen Systemen definiert (Vgl. Kühl 2011: 13f.). Eine Organisation ist entscheidungsfähig und stellt unter anderem Regeln über Mitgliedschaftsbedingungen auf (Vgl. Luhmann 1975: 99), besitzt vordefinierte Zwecke und meist klar definierte hierarchische Strukturen (Vgl. Kühl 2011: 19f.). Wie bereits erwähnt, kann eine Organisation (soziales System) nur durch die Abgrenzung zu anderen Systemen/ der Umwelt definiert werden. Es existiert demnach also eine Grenze, beziehungsweise eine Grenzstelle. Diese besteht zwischen zwei Systemen und kann als eine Art Zwischensystem verstanden werden, welches beide verbindet (Vgl. Holtgrewe &Kerst 2002: 142). Eine Grenzstelle bezieht sich also auf das zentrale Problem von Organisationen: Offenheit/ Öffnung gegenüber Geschlossenheit/ Schließung (Vgl. Tacke 1997 zitiert nach Holtgrewe &Kerst 2002: 142).

Bei einer Grenzstelle beziehungsweise bei der Grenzstellenarbeit handelt es sich also um eine Stelle in der Organisation die notwendig wird, wenn diese sich ausdifferenziert hat und infolge dessen eine bestimmte Position mit dem Kontakt oder der Kommunikation zur Umwelt beauftragt, um die Organisation dadurch nach außen zu vertreten (Vgl. Luhmann 1972: 223f.).

Zunächst klingt diese Aufgabe zu bewältigen, sie birgt jedoch auch einige Probleme, die zudem auch noch Spannungen erzeugen können, sowohl innerhalb, als auch außerhalb der Organisation. Die Grenzstellenarbeit sieht sich unter anderem mit widersprüchlichen Erwartungen konfrontiert: Einerseits ist es ihre Aufgabe die Organisation nach außen hin ideal zu präsentieren und dafür in Kontakt mit der Umwelt zu treten, um beispielsweise Verhandlungen zu führen oder Spannungen abzubauen. Andererseits soll sie jedoch zugleich auch Erwartungen von außen abblocken und (zu hohe) Ansprüche abweisen (Vgl. Luhmann 1972: 223f.). Demzufolge entscheidet also eine Person gleichzeitig über Eingehen und Abweisung bezüglich der Umwelt und hat dadurch eine Doppelfunktion, die nicht immer einfach zu bewältigen ist.

Festzuhalten bleibt, dass Grenzstellenarbeiter eine zentrale Position in der Organisation innehaben, da sie die Brücke zwischen ihr und der Umwelt darstellten. Sie verkörpern die Organisation nach außen und sind maßgeblich für das Image mitverantwortlich. Dennoch sind sie auch gleichzeitig mit sehr ambivalenten Anforderungen konfrontiert; sie müssen einerseits den Kontakt zur Umwelt aufbauen und pflegen, andererseits aber auch die Organisation „schützen“ und abgrenzen, damit diese bestehen bleiben kann.

Im nächsten Schritt soll zunächst kurz erläutert werden, was den Beruf eines Pressesprechers ausmacht, um anschließend zu klären, ob diese eine typische Grenzstellenfunktion innehaben und welche Faktoren dafür sprechen.

Pressesprecher: Eine typische Grenzstelle?

„The management of communication between organization and ist publics“(Grunig &Hunt 1984: 6). Das obige Zitat verdeutlicht, was die zentrale Aufgabe eines Pressesprechers ist: Die Leitung der Kommunikation zwischen Organisation und der Presse, anderen Organisationen oder der Bevölkerung.

„Mit ihren Mitteilungen über Ereignisse und Planungen, sorgen sie dafür, dass das Unternehmen in der Öffentlichkeit positiv dargestellt wird. […] Die gesammelten und ausgewerteten Informationen, werden gezielt nach außen weitergegeben“ (Berufsbild Pressesprecher in: Gehaltsvergleich.com).

Der aktuelle Regierungssprecher (diese Position kann von der Arbeit an sich mit der eines Pressesprechers verglichen werden) Steffen Seibert bestätigte in einem Interview diese Anforderungen, indem er sagte, „er wolle nicht nur der Presse und den Deutschen vermitteln, was die Regierung mache. Ein Teil der Aufgabe sei, die Stimmung der Bevölkerung nach innen weiterzugeben“ (Friederichs 2010: 2). Zudem rufe er auch mal persönlich bei Redakteuren an, um sich und die Regierung zu erklären und schlechte Presse und negative Schlagzeilen zu verhindern (Vgl. Friederichs 2010: 2). An diesen Aussage werden die Aufgaben und die Doppelfunktion der Position nochmals deutlich.

Anhand der Berufsdefinition wird also klar, dass Pressesprecher eine Grenzstelle darstellen. Auch sie sind als Brücke zwischen ihrer Organisation (dem System) und der Umwelt anzusehen und müssen die Kommunikation zwischen beiden Seiten organisieren und aufrechterhalten. Sie sind zudem ebenfalls dazu verpflichtet, ein positives Image aufzubauen und Verhaltenserwartungen der Umwelt an die Organisation weiterzuleiten. Zudem wird auch hier das Handeln einer Person als Handeln aller Mitglieder der Organisation interpretiert (Systemvertretung), wodurch die Position eine hohe Verantwortung mit sich bringt (Vgl. Luhmann 1972: 221).

[...]


1 Hiermit sind auch ausdrücklich weibliche Personen gemeint. Infolge wird aus Gründen der Übersichtlichkeit jedoch lediglich die männliche Form (Grenzstellenarbeiter, Pressesprecher,…) gewählt.

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Grenzstellenarbeit: Pressesprecher - Eine typische Grenzstelle?
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Institut für Soziologie)
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
8
Katalognummer
V212756
ISBN (eBook)
9783656410935
Dateigröße
421 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziologie, Arbeitssoziologie, Grenzstelle, Grenzstellenarbeit, Pressesprecher, Luhmann
Arbeit zitieren
Nadine Elsner (Autor), 2012, Grenzstellenarbeit: Pressesprecher - Eine typische Grenzstelle?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/212756

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