Ist der Vorwurf des latenten Antisemitismus in Alfred Anderschs Roman „Die Rote“ gerechtfertigt?


Hausarbeit, 2009
19 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Definition von Antisemitismus

III. Werkimmanente Anhaltspunkte für Antisemitismus in „Die Rote“
a) Das Motiv des Kaufens und Verkaufens
b) Das Motiv der Ratte
Exkurs: Shakespeares Darstellung des Shylocks in „Der Kaufmann von Venedig“
c) Das Motiv des Juden Shylock

IV. Fazit

V. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

„Sogar in den besten dieser Werke versagen die Autoren, wenn sie spezifisch Jüdisches zu beschreiben suchen. Kitsch oder […] Sentimentalität“[1] setzen sich durch, behauptet Ruth Klüger in ihrem Aufsatz „Gibt es ein `Judenproblem` in der deutschen Nachkriegsliteratur?“ nach eingehender Untersuchung der Darstellung von Juden in verschiedenen literarischen Werken der entsprechenden Zeit. „Die Rote“[2] von Alfred Andersch bilde da keine Ausnahme, es sei ein von Stereotypen durchzogener Roman, der den Vorwurf des latenten Antisemitismus herausfordert:[3] Ob Klügers Urteil gerechtfertigt ist soll Gegenstand der folgenden Untersuchung sein. Dafür wird das speziell Jüdische in dem Roman betrachtet und auf antisemitische Tendenzen hin untersucht.

Nach einer Definition von Antisemitismus, die als Arbeitsgrundlage dienen wird, werden im Weiteren drei zentrale in den Roman eingewebte Motive näher betrachtet, die hauptsächlich in der Juwelierszene (S. 191-214) auftreten: Das Motiv des Kaufens und Verkaufens, das der Ratte und das des Juden Shylocks. Im letzten Teil wird ein Fazit gezogen werden. Ziel der Arbeit ist es, falls sich die im Titel befindliche Fragestellung nicht bejahen lässt, eine entsprechende Gegenthese zu formulieren und zu begründen, also die Beantwortung der Frage: Welche Absicht verfolgte Andersch mit seiner Darstellung des Jüdischen, die nur scheinbar zum Vorwurf des Antisemitismus berechtigt.

Dabei sollen biographische Hinweise auf eine antisemitische Einstellung Anderschs keine Berücksichtigung finden.

II. Definition von Antisemitismus

Es gibt keine einheitliche, allgemeingültige Definition von Antisemitismus.[4]

Das EUMC[5] hat 2005 eine unverbindliche Definition herausgegeben, die als Leitfaden dienen soll und wesentliche Merkmale antisemitischer Einstellungen aufführt. So heißt es dort:

Anti-Semitism is a certain perception of Jews, which may be expressed as hatred toward Jews. Rhetorical and physical manifestations of anti-Semitism are directed toward Jewish or non-Jewish individuals and/or their property, toward Jewish community institutions and religious facilities.[6]

Helen Fein geht über diese Definition hinaus, indem sie Antisemitismus definiert as a persisting latent structure of hostile beliefs toward Jews as a collectivity manifested in individuals as attitudes, and in culture as myth, ideology, folklore, and imagery, and in actions - social or legal discrimination, political mobilization against the Jews, and collective or state violence - which results in and/or is designed to distance, displace, or destroy Jews as Jews.[7]

III. Werkimmanente Anhaltspunkte für Antisemitismus in
„Die Rote“

Im Folgenden wird das Kapitel „Franziska, Vormittag“ (S. 191-214) auf seine Motive hin untersucht. Vorweg eine kurze Inhaltsangabe:

Die Deutsche Franziska muss in einem venezianischen Juwelenladen ihren Ring verkaufen. Der Käufer erkennt sofort ihre Lage, nutzt diese aus und kauft Franziska den Ring für einen lächerlich geringen Preis ab. Die Hauptprotagonistin verlässt das Geschäft und trifft auf Kramer, einen ihr bereits bekannten ehemaligen NS-Mann, der mit ihr zurück in den Laden geht und den Käufer dazu drängt, der Deutschen eine anständige Summe zu bezahlen. Franziska will dies eigentlich nicht, sieht aber keine Möglichkeit Kramers Drängen zu widerstehen und so wird dessen Plan umgesetzt. Nach einer Weile trennen sich die Beiden wieder und „die Rote“ sucht zum dritten Mal den Juwelierladen auf, diesmal um dem Inhaber das von Kramer erpresste Geld zurückzugeben. Sie teilt dem Käufer mit, sie hasse Shakespeare, sobald sie an Shylock aus dessen Stück „Der Kaufmann von Venedig“ denke. Der Juwelier ist ganz überwältigt von so viel Anstand und versucht sich mit der Empfehlung eines Arztes zu bedanken.[8]

a) Das Motiv des Kaufens und Verkaufens

Franziska entschließt sich, nachdem ihr „das goldene Wappenschild mit der edlen Antiquaschrift“[9] auf dem Campo San Bartolomeo in den Blick fällt, zumindest zu versuchen, ihren Ring zu verkaufen. Sie betritt den Juwelierladen „Gioielliere“ -ihren Beschreibungen nach zu urteilen ein nobler Laden, so „[glänzte] das polierte Holz der Vitrine […] dunkel“[10] - und wird von einem elegant gekleideten Mann empfangen. Während dieser ersten Zeilen wird dem Leser das Bild eines Geschäftes vermittelt, dessen Inhaber in guten Verhältnissen lebt und nicht darauf angewiesen ist, sich auf Kosten anderer zu bereichern. Diesen Anschein erweckt auch das äußere Erscheinungsbild des Juweliers: „[…] ein kleiner, gut gekleideter Mann [...], dunkler Anzug mit Nadelstichmuster, das Stück weiße Seide in der Brusttasche locker gebauscht“.[11] Umso erstaunlicher ist es für den Leser, dass sich der Juwelier im Folgenden als ein eiskalter und halsabschneiderischer Geschäftsmann zu erkennen gibt, der sofort Franziskas finanzielle Notsituation erkennt und für sich ausnutzen will.

In inneren Monologen wird Franziska sich über ihre derzeitige Situation bewusst und erkennt, wie viel es ausmacht, ob man sich in der Rolle des Käufers oder Verkäufers befindet. Für sie zeichnet sich der Käufer durch sein „Ansehen“ aus, das es ihm erlaubt, dem Verkäufer „Verachtung“ entgegenzubringen und diesen Erniedrigungen durchleben lässt. Er befände sich in Abhängigkeit vom Käufer und müsse die Geringschätzungen aushalten, sofern er seine Ware loswerden wolle. Es ergibt sich für Franziska die Schlussfolgerung, dass sie schnellstmöglich wieder arbeiten muss, um dem Abhängigkeitsverhältnis entfliehen und zukünftig frei als Käufer agieren zu können, denn „wenn man arbeitet, verkauft man nichts außer sich selbst. In der übrigen Zeit ist man Käufer. Käufer und frei“ und nicht länger „der tausendjährigen Händlerniedertracht“ ausgeliefert.[12]

An dieser Stelle kommt die für Andersch charakteristische Intermedialität zum Ausdruck: Er nimmt Bezug auf Karl Marx, der in seinem Buch „Das Kapital“ den Arbeiter (in unserem Roman mit dem Verkäufer gleichzusetzen) dadurch charakterisiert, dass er nichts anderes besitzt als seine Arbeitskraft. Um Geld zu verdienen, muss er diese an den Unternehmer, also hier an den Käufer, verkaufen. Nur indem er selbst zur Ware wird, die ge- und verkauft werden kann, erhält der Arbeiter Lohn.[13] Das von Marx dargestellte Abhängigkeitsverhältnis erlebt Franziska nun nicht zum ersten Mal. Sie erfuhr bereits in ihrer Zeit als Sekretärin und Dolmetscherin, Ehefrau von Herbert und zugleich Liebhaberin von Joachim, dass „die Koordinaten ihrer Lebensverhältnisse […] nicht allein durch sie bestimmbar, sondern durch die Gegebenheiten der prosperierenden Wohlstandsgesellschaft bedingt [sind], in der sich menschliche Beziehungen vor allem über Ware-Geld-Beziehungen regeln“.[14] Sie erkennt, dass sie selbst zur Ware wurde, die sozusagen mittels Geld den Besitzer wechselte, die ge- und verkauft werden konnte.[15] Um solchen Zwängen nie wieder ausgesetzt zu sein, will sie auch nicht mehr in ihr altes Leben zurück, denn dann begäbe sie sich erneut „in die Welt des Kaufens und Verkaufens“.[16]

Ihre damalige Situation unterschied sich von der jetzigen jedoch insofern, als dass sie durch ihre Arbeit wenigstens wirtschaftlich unabhängig war.[17] Konnte Franziska aus den damaligen Verhältnissen fliehen, ist in der jetzigen Situation eine Flucht nicht möglich, da sie auf den Erlös des Ringes angewiesen ist, um so wieder eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit und Entscheidungsfreiheit zu erlangen. Und sich erst nach dem deutlich unter Wert liegenden Angebot des Juweliers aus dem Geschäft zurückziehen, will sie nicht, da sie sich ihrer Meinung nach bereits zu weit in den Handel eingelassen hat: „[…] ich habe mich schon erniedrigt, und wenn man sich erniedrigt hat, gibt es kein Zurück mehr“[18] ermahnt sich Franziska zum Durchhalten der unangenehmen Situation.

[...]


[1] Klüger, Ruth: Gibt es ein „Judenproblem“ in der deutschen Nachkriegsliteratur? In: Katastrophen. Über deutsche Literatur. Hrsg. von Ruth Klüger. Göttingen: Wallstein 1994. S. 35.

[2] Es wird ausschließlich die revidierte Fassung von 2006 betrachtet werden.

[3] Vgl. Ebd. S. 35f.

[4] Vgl. Bergmann, Werner: Was heißt Antisemitismus? http://www.bpb.de/themen/CHJOW7,2,0,Was_hei%DFt_Antisemitismus.html (23.02.2009).

[5] European Monitoring Centre on Racism and Xenophobia.

[6] Strutynski, Peter: Working Definition of Anti-Semitism.

http://www.uni-kassel.de/fb5/frieden/themen/Rassismus/antisemitismus6.html (23.02.2009). Auf der Homepage des EUMC ist die Studie nicht aufgeführt.

[7] Fein, Helen: The Persisting Question. Sociological Perspectives and Social Contexts of Modern Antisemitism. Berlin: de Gruyter 1987 (= Current research on antisemitism, Bd.1). S. 67.

[8] Vgl. Andersch, Alfred: Die Rote. Neue Fassung. Diogenes: Zürich 2006. S. 191-214.

[9] Ebd. S. 193.

[10] Ebd.

[11] Ebd. S. 194.

[12] Vgl. Andersch, A.: Die Rote. S. 195.

[13] Vgl. Marx-Arbeitsgruppe Historiker: Zur Kritik der Politischen Ökonomie. Einführung in das >Kapital<. Frankfurt am Main: Europäische Verlagsanstalt 1972 (= Basis Arbeitsergebnisse, Bd. 1). S. 1-3.

[14] Reinhold, Ursula: Alfred Andersch. Politisches Engagement und literarische Wirksamkeit. Berlin: Akademie 1988 (= Literatur und Gesellschaft). S. 140.

[15] Vgl. auch Battafarano, Italo M.: Alfred Anderschs Italien-Roman „Die Rote“: Zwischen Claudio Monteverdi und Michelangelo Antonioni. In: Alfred Andersch. Perspektiven zu Leben und Werk. Hrsg. von Irene Heidelberger-Leonard und Volker Wehdeking. Opladen: Westdeutscher 1994. S. 114.

[16] Andersch, A.: Die Rote. S. 212.

[17] Vgl. auch Reinhold, U.: Andersch. S. 140.

[18] Andersch, A.: Die Rote. S. 197.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Ist der Vorwurf des latenten Antisemitismus in Alfred Anderschs Roman „Die Rote“ gerechtfertigt?
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
19
Katalognummer
V212873
ISBN (eBook)
9783656413318
ISBN (Buch)
9783656414629
Dateigröße
513 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
vorwurf, antisemitismus, alfred, anderschs, roman, rote
Arbeit zitieren
Sina Lethaus (Autor), 2009, Ist der Vorwurf des latenten Antisemitismus in Alfred Anderschs Roman „Die Rote“ gerechtfertigt?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/212873

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