Politischer Konjunkturzyklus: Destabilisierung durch politisches Handeln?


Seminararbeit, 2003
31 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Konjunkturzyklen
2.1 Definition „Konjunkturzyklus“
2.2 Phasen des Konjunkturzyklus
2.2.1 Länge eines Konjunkturzyklus
2.2.2 Amplitude eines Konjunkturzyklus
2.2.3 Frequenz eines Konjunkturzyklus
2.3 Konjunkturindikatoren und Ursachen
2.4 Strategien und Instrumentarien

3 Politische Konjunkturzyklen
3.1 Definition „Politischer Konjunkturzyklus“
3.2 Ursachen politischer Konjunkturzyklen
3.2.1 Wiederwahlinteressen
3.2.1.1 Die Opportunistische Theorie
3.2.1.2 Der Nordhaus-Ansatz
3.2.1.3 Kritik an der Nordhaus-Theorie
3.2.2 Ideologieorientierung
3.2.2.1 Die Partisan-Theorie (PT)
3.2.2.2 Kritik an der Partisan-Theorie
3.2.2.3 Die Rationale Partisan-Theorie (RPT)
3.2.2.4 Kritik an der Rationalen Partisan-Theorie

4 Politische Konjunkturzyklen anhand empirischer Daten

5 Kritische Schlussbetrachtung

1 Einleitung

Die traditionelle Volkswirtschaftslehre sieht den Staat als „wohlwollenden Diktator“, unterstellt den privaten Haushalten und Unternehmen Nutzenmaximierung. Die Anhänger der „Neuen Politischen Ökonomie“ stellen diese Annahmen aber in Frage. Vielmehr unterstellen sie dem Staat anstelle der allgemeinen Wohlfahrt selbst Nutzenmaximierung. Sie gehen deshalb davon aus, dass für Politiker die Wiederwa Vordergrund steht. Denn nur die Wiederwahl sichert den Machterhalt und damit Privilegien wie Einkommen und Prestige. Die Theorie des politischen Konjunkturzyklus geht noch weiter und besagt, dass Regierungen durch Wiederwahlinteressen grundsätzlich konjunkturelle Schwankungen auslösen können. Oder können Politiker durch ihre Wiederwahlinteressen sogar destabilisierend auf die Wirtschaft einwirken? Diese Fragestellung soll in dieser Hausarbeit kritisch untersucht werden.

Um einen geeigneten Einstieg in die Thematik zu ermöglichen, werden zu Beginn die wichtigen Begrifflichkeiten und Inhalte der (politischen) Konjunkturtheorie dargestellt. Im Hauptteil dieser Arbeit gehen wir auf die unterschiedlichen theoretischen Ansätze der politischen Konjunkturzyklen ein. Hierbei werden die drei Ansätze vorgestellt: Der Nordhaus-Ansatz, der das Wiederwahlinteresse der Regierung in den Vordergrund stellt, um politische Konjunkturzyklen zu erzeugen. Ein weiterer Grund, einen politischen Konjunkturzyklus zu erzeugen, besteht aus ideologischen Gründen. Bei der Partisan-Theorie und der Rationalen Partisan-Theorie stellt dieser Grund den zentralen Aspekt dar.

Die Schlussbetrachtung reflektiert die gewonnenen Erkenntnisse und setzt diese in Bezug auf die historische wirtschaftliche Entwicklung in der Bundesrepublik Deutschland. Dabei werden vor allem wegen der Unterscheidung in den ideologischen Theorien die zwei Koalitionen aus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland gegenübergestellt. Abschließend werden die Theorien auch im Hinblick auf aktuelle wirtschaftliche Entwicklungen kritisch gewürdigt und es erfolgt eine eindeutige Stellungnahme zur Theorie des politischen Konjunkturzyklus. Es werden zudem Möglichkeiten vorgestellt, politische Konjunkturzyklen zu verhindern, sofern sie bestehen.

2 Konjunkturzyklen

2.1 Definition „Konjunkturzyklus“

Der Begriff Konjunktur beschreibt die wiederkehrende, wellenförmige Veränderung der wirtschaftlichen Aktivität einer Volkswirtschaft“.1 Wichtig ist, dass nicht jede Schwankung der Wirtschaftsaktivität konjunkturell bedingt ist. Der Begriff wird vielmehr auf solche Schwankungen bezogen, die2

- mehr oder weniger regelmäßig mit einer Periodenlänge von rund drei bis sieben Jahren und
- im Verbund einer Vielzahl von gesamtwirtschaftlichen Aggregaten zu beo- bachten sind.

Historisch bildeten sich Konjunkturen in diesem Sinne erst mit der Industrialisierung heraus. Zwar sind auch schon zuvor mehr oder weniger regelmäßig auftretende Krisen zu verzeichnen, sie wurden jedoch vor allem durch Missernten und kriegerische Auseinandersetzungen verursacht, also durch Einflussfaktoren außerhalb des engeren wirtschaftlichen Bereichs. Mit der Industrialisierung ändert sich dieses Bild. Es entstehen breite, arbeitsteilige Produktionsverbände, die über Märkte koordiniert werden. Erst in diesen Strukturen entwickeln sich die typischen Auf- und Abschwungphasen eines Konjunkturzyklus.3

2.2 Phasen des Konjunkturzyklus

Der Konjunkturzyklus lässt sich von Hochpunkt zu Tiefpunkt und von Tiefpunkt zu Hochpunkt grob in zwei Phasen unterteilen: Aufschwung und Abschwung. Wenn man die Umgebung der Hoch- und Tiefpunkte jeweils als eigenständige Phase betrachtet, ergeben sich vier charakteristische Abschnitte eines typischen Konjunkturzyklus:4

1. Vollauslastung, Hochkonjunktur, Boom
2. Abschwung
3. Krise, Talsohle, Rezession
4. Aufschwung

- In der Phase der Hochkonjunktur herrscht zumeist Vollbeschäftigung, wobei sich dieser Begriff theoretisch sowohl auf den Faktor Arbeit als auch des Kapitals bezieht. Seit Mitte der siebziger Jahre gab es in Deutschland aber auch während dieser Phasen der Hochkonjunktur eine hohe Arbeitslosigkeit.5
- In der Phase des Wirtschaftswachstums kommt zu einer Kontraktion des Wirtschaftswachstums, also rückgängigen Wachstumsraten, bei langsam zunehmender Arbeitslosigkeit. Diese Entwicklung mündet wiederum in eine Phase der Krise, wie sie nachfolgend beschrieben wird.
- Als Krise oder Rezession bezeichnet man den Zeitraum mit geringer Kapazitätsauslastung und aufgrund der zurückhaltenden Erwartungen geringer Investitionsbereitschaft. Möglich sind sogar negative Nettoinvestitionen.
- Der Aufschwung schließt an die überwundene Krise an und zeichnet sich aus durch eine beschleunigende Zunahme der Produktion und Verkäufe. Die Nutzung der vorhandenen Produktionsanlagen nimmt zu und fördert damit die Bereitschaft zu neuen Investitionen.

In Abbildung 1 werden die vier Abschnitte zum besseren Verständnis visualisiert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 - Phasen des Konjunkturzyklus 6

2.2.1 Länge eines Konjunkturzyklus

Diese wird definiert durch die Strecke zweier Punkte in einem Zyklus, die eine gleiche Richtung der Wellenbewegung aufweisen. Bei politischen Konjunkturzyklen weist diese einen direkten Zusammenhang mit der Länge einer Legislaturperiode auf. Die Frage nach der generellen Länge von Konjunkturzyklen lässt sich nur schwer beantworten. Schumpeter geht zum Beispiel von einer andauernden Schwingung der volkswirtschaftlichen Aktivitäten von sieben bis zwölf Jahren aus. Grund hierfür sind seiner Meinung nach wechselnde Investitionsaktivitäten.7

In der jüngsten Vergangenheit scheinen sich die Konjunkturzyklen zu verkürzen, was unter anderem auf die Stabilisierungsmaßnahmen der Politik zurückzuführen ist. Gabisch beziffert die Länge eines Konjunkturzyklus in der Bundesrepublik Deutschland mit fünf bis sieben Jahren. Dagegen sprechen Assenmacher und Baßeler von einem Zeitraum von drei bis fünf bzw. sechs Jahren.8

2.2.2 Amplitude eines Konjunkturzyklus

Diese stellt die größte Abweichung einer Wellenbewegung zu einem Bezugspunkt dar (z.B. die größte, während des Zyklus auftretende, Abweichung der Arbeitslosenquote von der natürlichen Arbeitslosenquote).9

2.2.3 Frequenz eines Konjunkturzyklus

Sie zeigt die Anzahl der Schwingungen in einer Zeitspanne (z.B. einer Legislaturperiode) an.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2 - Bestimmungselemente eines Konjunkturzyklus

2.3 Konjunkturindikatoren und Ursachen

Der Konjunkturverlauf ist eine Darstellung der Entwicklung des Bruttosozialproduktes einer Volkswirtschaft. Demzufolge stellt das Bruttosozialprodukt einen direkten und zeitlich nicht verzögerten Indikator für die Konjunktur dar. Zu diesen so genannten Präsenzindikatoren zählen auch die Indikatoren „Industrielle Produktion“ und „Kapazitätsauslastung“.

Weitere Indikatoren sind die Spätindikatoren. Diese reagieren erst mit einer gewissen Verzögerung auf die ihnen zugrunde liegende konjunkturelle Entwicklung. Hierzu zählen unter anderem Preisveränderungen.

Frühindikatoren zeichnen sich wiederum dadurch aus, dass sie bereits vor Eintritt der konjunkturellen Veränderung Signale setzen wie zum Beispiel Auftragseingänge oder Lagerbestände in der Industrie. Um Fehler bei der Interpretation der Indikatoren zu vermeiden, müssen die Indikatoren immer systematisch und im gegenseitigen Zusammenhang analysiert werden.10

Demzufolge greift man daher oft auf die Einschätzungen und Erwartungen der Wirtschaftsteilnehmer zurück, also sowohl der Haushalte als auch der Unternehmen. Dabei beruft man sich auf die Annahme, dass die subjektiven Erwartungen das tatsächliche Produktions- und Konsumverhalten bestimmen.11

Die Betrachtung der Ursachen von Konjunkturzyklen ist deshalb von Bedeutung, da sie die Grundlage für wirtschaftspolitisches Handeln darstellen, um ungewollte Konjunkturentwicklungen zu verhindern. Grundsätzlich unterscheidet man zwischen endogenen und exogenen Konjunkturtheorien. Allerdings sind beide Erklärungsansätze nicht allgemeingültig und unumstritten. Endogen bezeichnet man die Theorien, welche die Konjunkturentwicklung mit ökonomischen Ursachen erklären. Exogene Theorien verweisen dagegen auf nichtökonomische Ursachen wie Kriege oder Naturkatastrophen.12

2.4 Strategien und Instrumentarien

Man kann zwei grundsätzliche Auflassungen zur Stabilitätspolitik unterscheiden: Keynesianismus und Neoklassizismus. Sie unterscheiden sich anhand der Aussage, wie der Staat zu handeln hat, um ein stabiles Wachstum der Volkswirtschaft zu fördern. Die Keynesianer sind der Ansicht, dass der Markt nicht in der Lage ist, Störungen und Krisen selbstständig auszugleichen. Dabei wird von Marktversagen gesprochen, dessen Ursache vor allem die Starrheit von Löhnen und Preisen ist. Die Anhänger Keynes gelten daher im Gegensatz zu den Neoklassikern als Marktpessimisten.13 Wichtigstes Ziel dieser Theorie ist das Erreichen der Vollbeschäftigung.

Um diese gewünschte Vollbeschäftigung zu erreichen, fordern die die Keynesianer ein antizyklisches Eingreifen des Staates auf der Nachfrageseite. Der Fiskalpolitik wird daher mehr Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung eingestanden als der Geldmarktpolitik.14 Dem gegenüber stehen die Neoklassiker. Sie sind Marktoptimisten und vertrauen in die Fähigkeit des Marktes, Störungen selbstständig zu beseitigen. Demzufolge hat der Staat die Vollkommenheit des Marktes zu garantieren, in dem er sich auf die Schaffung von Rahmenbedingungen konzentriert, die es den Marktteilnehmern ermöglichen, uneingeschränkt frei handeln und entscheiden zu können.15 Das antizyklische Handeln des Staates sehen sie als Ursache konjunktureller Schwankungen. Der Staat hat ihrer Meinung nach vielmehr durch eine geeignete Geldmarktpolitik für Preisniveaustabilität zu sorgen, da eine Inflation zur Schwächung des Wachstums führt.

Ob nun der Preisniveaustabilität oder der Vollbeschäftigung mehr Bedeutung beigemessen werden soll, kann hier an dieser Stelle nicht eindeutig geklärt werden. An der Bewältigung dieser Aufgabe müssen sich vielmehr Wirtschaftspolitiker messen lassen. Inwieweit wirtschaftspolitische Entscheidungen der Regierungsparteien Einfluss auf die Konjunkturzyklen haben soll im nächsten Kapitel, dem eigentlichen Hauptteil der Arbeit geklärt werden.

3 Politische Konjunkturzyklen

3.1 Definition „Politischer Konjunkturzyklus“

„Ein politischer Konjunkturzyklus entsteht in westlichen Demokratien, wenn Regierungen, motiviert durch Wiederwahlinteressen und/oder ideologischen Gründe, die wirtschaftliche Aktivität beeinflussen und dadurch selbst zusätzliche mehr oder weniger systematische Schwankungen auslösen.“16 Aus den vielen wirtschaftlichen Kennzahlen werden zur Verdeutlichung dieser Hypothese zwei für die Beurteilung der Wirtschaftskraft einer Volkswirtschaft entscheidende Variablen ausgewählt: Die Höhe der Inflationsrate und der Arbeitslosigkeit. Schon die Theorie der Phillips-Kurve versuchte einen Zusammenhang zwischen diesen beiden Variablen herzustellen. Auch die Theorie des politischen Konjunkturzyklus orientiert sich eng an dieser (teilweise umstrittenen) Theorie. Im Gegensatz zur klassischen Wirtschaftspolitik, in der die Regierung als Institution gesehen wird, der man nur die nötigen Instrumente in die Hand geben muss und sie im laufenden Prozess darüber aufklärt, wie sie diese Instrumente optimal einsetzen kann17, bedeutet dies eine neue Sichtweise von ökonomischen Konjunkturzyklen. Regierungen können mitunter selbst zusätzliche, oft systematische Schwankungen auslösen.18

Umstritten sind schon die Thesen der traditionellen Volkswirtschaftslehre, z.B. die Frage, ob Regierungen überhaupt in der Lage sind, stabilisierend in den Wirtschaftsablauf eingreifen zu können (die Monetaristen verneinen dies). Auf diese Punkte wollen wir in dieser Arbeit aber nicht näher eingehen. Der Fokus der folgenden Kapitel wird auf die Gründe, warum Regierungen ein Interesse daran haben sollten, die wirtschaftlichen Konjunkturzyklen bewusst zu verstärken bzw. zu generieren, beschränkt.19

3.2 Ursachen politischer Konjunkturzyklen

Wie oben erwähnt werden in der gängigen Literatur zwei Gründe für die bewusste Erzeugung politischer Konjunkturzyklen angeführt: Zum einen wollen Regierungen wieder gewählt werden, zum anderen aus ideologischen Gründen. Für den ersten Ansatz ist vorwiegend William D. Nordhaus verantwortlich, dessen These als Erstes behandelt wird. Der zweite Ansatz ist weitgehend umfangreicher erforscht. Hier beschränken wir uns allerdings auf die Grundzüge der Partisan- und Rationalen Partisan-Theorie.

[...]


1 Belke (1996), S. 11.

2 Wienert (2001), S. 266

3 Wienert (2001), S. 266

4 Wienert (2001), S. 270

5 Assenmacher (1990), S.11

6 Wienert (2001), S. 270

7 Schumpeter (1939), S. 120

8 Assenmacher (1990), S. 20

9 Belke (1996), S. 12

10 Altmann (1995), S. 70

11 Baßeler (1999), S.726

12 Altmann (1995), S. 60

13 Mussel/Pätzold (1998), S.16

14 Altmann (1995), S. 235

15 Altmann (1995), S. 234

16 Belke (1996), S. 1

17 Frey/Kirchgässner (1994), S. 300

18 Frey/Kirchgässner (1994), S. 300

19 Frey/Kirchgässner (1994), S. 300

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Politischer Konjunkturzyklus: Destabilisierung durch politisches Handeln?
Hochschule
Hochschule Pforzheim  (Volkswirtschaftslehre)
Veranstaltung
Wirtschaftspolitisches Seminar
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
31
Katalognummer
V21288
ISBN (eBook)
9783638249393
ISBN (Buch)
9783638691758
Dateigröße
2554 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Politischer, Konjunkturzyklus, Destabilisierung, Handeln, Wirtschaftspolitisches, Seminar
Arbeit zitieren
Christian Runge (Autor), 2003, Politischer Konjunkturzyklus: Destabilisierung durch politisches Handeln?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/21288

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