Unzuverlässiges Erzählen in Joe Wrights Film "Atonement"

Wie das Unkenntlichmachen eines Erzählers dessen Unzuverlässigkeit verbergen kann.


Term Paper, 2009
14 Pages, Grade: 1,3

Excerpt

Inhaltszverzeichnis

1. Einleitung

2. Formale und inhaltliche Aspekte und Probleme
2.1. Form und Inhalt
2.2. Die problematische Anwendung des Begriffes unreliable narration

3. Analyse der unzuverlässigen Erzählung
3.1. Die offensichtliche Unzuverlässigkeit und Etablierung der Glaub- 5 Würdigkeit der Erzählinstanz im ersten Akt
3.2. Die „Abbitte“: Aufdeckung der tatsächlichen Unzuverlässigkeit

4. Fazit

Literatur und Filmographie

1. Einleitung

Joe Wrights gleichnamige Verfilmung des Romans Atonement von Ian McEwan aus dem Jahr 2007 lässt sich als ein adäquates Beispiel heran ziehen, wie sich unzuverlässiges Erzählen im Film umsetzen lässt und mit welch komplexen Strukturen der Rezipient konfrontiert wird. Denn in diesem Film, der weitestgehend der Romanvorlage angeglichen ist, lässt sich gleich eine doppelte Unzuverlässigkeit ausmachen. Dabei ist die eine Form der Unzuverlässigkeit aber völlig offensichtlich, um die andere regelrecht zu verschleiern, aber am Ende auch zu legitimieren.

Die hier zu untersuchende These lautet demnach: Die Sichtweise der Figur der Briony wird im ersten Akt von der übergeordneten Erzählinstanz, von der der Rezipient annimmt, es sei die objektive Kamera, als unzuverlässig entlarvt. Dies geschieht zu dem Zweck, der übergeordneten Erzählinstanz absoluten Glauben zu schenken bei der Schilderung der Ereignisse im zweiten Akt, die sich aber letztendlich zum Großteil als fiktional herausstellen, da die Erzählinstanz - wie im dritten Akt deutlich wird - in Wirklichkeit die spätere, 64 Jahre ältere Briony selbst ist, die nun Abbitte leisten will und deshalb wiederum zur unzuverlässigen Erzählerin wird.

Da diese These anfänglich sehr verwirrend klingt, soll in dieser Arbeit zunächst einmal nach einer kurzen Inhaltsangabe des Filmes die Problematik des Begriffes der unreliable narration im Zusammenhang mit diesem Film erklärt werden. Anschließend soll die offensichtliche Unzuverlässigkeit im ersten Akt des Films untersucht werden. Hier sind die Schlüsselszenen zu finden, die die Ursache des tatsächlichen unzuverlässigen Erzählens konstituieren und Aufschluss darüber geben, warum schon zu Beginn Unzuverlässigkeit entlarvt wird, und im dritten Akt in der Auflösungsszene erst die wahre Unzuverlässigkeit ans Licht kommt.

Beleuchtet werden soll, wie der Rezipient durch wechselnde Fokalisierung und die Erzählsituation im ersten Akt auf eine „falsche Fährte“ (Fuxjäger 2007: 17) geführt wird und diese auch im zweiten Akt für real hält und wie die Sichtweise der jungen Briony und das wahre Geschehen dargestellt werden, damit sie gleich als unzuverlässig entlarvt werden kann. In einem weiteren Schritt soll vom dritten Akt ausgehend aufgezeigt werden, warum Briony ihrjüngeres selbst diskreditiert und wie die wahre Unzuverlässigkeit durch Fiktion in der Erzählung auf den Rezipienten wirkt.

Da sich die Fachliteratur noch nicht mit dem Film Atonement auseinander gesetzt hat, sondern nur mit McEwans Roman, und da der Film aber in seinem Inhalt wie auch in seiner Struktur sehr stark der Romanvorlage folgt, scheint es legitim, auch für die Filmanalyse Literatur zu nutzen, die sich mit dem Roman beschäftigt. Abweichungen des Filmes vom Roman sind zwar vorhanden, doch so geringfügig, dass es kaum Auswirkungen auf die Nutzung von Literatur zum Roman hat.

2. Formale und inhaltliche Aspekte und Probleme

2.1. Form und Inhalt

Der Film von 109 Minuten Länge mit dem deutschen Titel Abbitte gliedert sich in drei Akte, die sich nicht nur in ihrer Länge, sondern auch in ihrer Komplexität unterscheiden. Während der erste und der zweite Akt nahezu die gleiche Erzählzeit einnehmen (49 Minuten und 54 Minuten), beschränkt sich der letzte Akt nur auf acht Minuten und beinhaltet auch nur zwei Szenen, nämlich die sentimentale Abschluss­szene und davor die Auflösungsszene: Hier begründet die 77 Jahre alte Briony, die im Jahr 1999 eine bekannte Schriftstellerin ist, in einem Interview, warum sie ihren letzten Roman Abbitte nicht nur als autobiographisches Werk verfasst hat, sondern auch viele Begebenheiten erfunden hat. Hier wird dem Zuschauer, der den ersten und zweiten Akt bisher für real gehalten hat, klar, dass er die Erinnerung bzw. Fiktion des Romans der Schriftstellerin Briony in der Retrospektive gesehen hat: Denn der erste Akt, der auch der komplexeste ist und an nur einem Tag im Jahr 1935 spielt, ist eine Erinnerung der alten Briony an ihre Erlebnisse als dreizehnjähriges Mädchen. Allerdings kann der Rezipient hier noch nicht erkennen, dass die alte Briony dies erzählt, da die Kamera die Erzählinstanz zu sein scheint, die objektiv erzählt.

Im Falle der drei Schlüsselszenen im ersten Akt wird zwar ganz klar erkennbar gemacht, dass man die Ereignisse nun mit Brionys Augen sieht, doch dann wird ihre Sicht sofort wieder berichtigt, indem objektiv durch die Kamera die selbe Szene noch einmal gezeigt wird und was sich in Wahrheit abgespielt hat. So sieht Briony aus ihrem Zimmerfenster ihre Schwester Cecilia völlig nass und halbnackt aus dem Brunnen steigen, während Robbie, der Sohn der Haushälterin, ihr dabei zuschaut. Für Briony, die nur einen Teil dessen sieht, was sich ereignet, wirkt es, als habe Robbie

Cecilia gezwungen, halb nackt in den Brunnen zu springen. In Wirklichkeit aber war Cecilia in den Brunnen getaucht, um ein Stück einer zerbrochenen Vase zu suchen. Brionys Vermutung, dass Robbie ihre Schwester sexuell nötigt, wird noch mehr bestärkt durch einen Brief, den Robbie ihr in die Hand gibt, um ihn Cecilia zu übergeben. Doch da er mehrere Versionen dieses „Liebesbriefes“ geschrieben hat, hat er nicht bemerkt, dass er eine falsche, sehr schlüpfrige Version eingesteckt hat, die nun Briony aus Neugierde liest und die ihren Glauben fördert, er sei sexbesessen. Die letzte Schlüsselszene wird wieder sowohl aus Brionys, als auch aus der „realen“ Sichtweise gezeigt: Briony überrascht Robbie und ihre Schwester in der Bibliothek beim Verkehr. Da sie jetzt schon fest davon überzeugt ist, dass Robbie ein Sexbesessener ist, der Frauen belästigt, glaubt sie auch jetzt, er vergehe sich an Cecilia. In Wahrheit, wie dieselbe Szene aus objektiver Sicht daraufhin zeigt, gestehen sich Robbie und Cecilia ihre Liebe und vollziehen aus freiem Willen den Geschlechtsverkehr.

Am selben Abend noch wird Lola, Brionys Cousine, vergewaltigt. Briony entdeckt den Täter, der sich gerade an Lola vergeht, kann ihn im Dunkeln aber nicht erkennen. Für sie steht jedoch fest, dass es nur Robbie gewesen sein kann und dement­sprechend gibt sie bei der Polizei nicht nur an, sie wisse, wer der Täter sei, sondern sie habe ihn auch mit ihren eigenen Augen gesehen, obwohl dies nicht der Wahrheit entspricht (Vgl: Atonement: Akt 1, Filmkapitel 8). Doch auf ihre Angaben hin wird Robbie verhaftet.

Die erzählte Zeit des zweiten Aktes erstreckt sich ungefähr auf drei Wochen, die vier Jahre später spielen. Der zweite Akt handelt größtenteils von Robbie, der nach seiner Gefängnisstrafe in den Krieg ziehen musste und sich nun in der Normandie aufhält. Die Evakuierung von Dünkirchen und Robbies Erlebnisse machen den ersten Teil des zweiten Aktes aus, die Erlebnisse der mittlerweile achtzehnjährigen Briony den zweiten Teil. Am Ende dieses zweiten Aktes findet Briony heraus, dass es der damalige Freund ihres und Cecilias Bruders, Marshall, gewesen war, der Lola vor vier Jahren vergewaltigt hat. Nun besucht Briony ihre Schwester, bei der sich auch Robbie aufhält, da die beiden nun ein offizielles Liebespaar sind. Sie will ihren Fehler ihrer Jugend wieder gut machen, indem sie Angaben bei der Polizei machen, ihre Aussage von damals berichtigen und Robbie entlasten will.

Erst im dritten Akt wird schließlich aufgelöst, dass all dies aber Fiktion im Roman der alten Briony ist: Sie hat nie ihre Schwester besucht und demnach auch ihr „Vergehen“ nicht wieder gut gemacht, weil sie zu feige gewesen war. Und Robbie war auch nie zu Cecilia zurückgekehrt, weil er 1940 in Dünkirchen starb und auch Cecilia kam bei der Bombardierung Englands im Oktober 1940 ums Leben. Doch die alte Briony macht im Interview deutlich, sie habe keinen Sinn darin gesehen, die Wahrheit zu schildern, da es nicht befriedigend für den Leser sei und weil sie sich schuldig für ihr „Vergehen“ fühle, den beiden die gemeinsame Zukunft zerstört zu haben. Deshalb habe sie sie wenigstens im Buch zusammenführen wollen (Vgl.: Atonement: Akt 3, Filmkapitel 19).

2.2. Die problematische Anwendung des Begriffes unreliable narration

Der auch heute noch noch nicht ausgereift scheinende Begriff der unreliable narration wurde 1961 von Wayne Booth etabliert und eine genaue Definition wird noch immer viel diskutiert (vgl.: Nünning 1998: 3). Ansgar Nünning etwa spricht sich für einen kognitiv-narratologischen Ansatz aus, „bei dem die Informationen und Strukturen des Textes und das von Rezipienten an den Text herangetragene Weltwissen und Werte- und Normensystem gleichermaßen zu berücksichtigen sind“ (Nünning 1998: 23). Grundsätzlich ist diese Definition Nünnings sinnvoll, wenn in einem Text oder Film dem Rezipienten selbst die Möglichkeit gelassen wird, eben durch die Kombination von Textsignalen1 und dem eigenen Weltwissen und Werte- und Normensystem die Unzuverlässigkeit selbst zu entdecken bzw. zu erahnen. Problematisch aber wird der Begriff in der Anwendung auf den Film Atonement. Zwar ist am Ende völlig klar, dass es sich bei Briony um eine unzuverlässige Erzählerin handelt und ebenso wird im ersten Akt die unzuverlässige Sichtweise der jungen Briony durch die „Berichtigungen“ deutlich. Doch der Rezipient hat keine Möglichkeit, selbst Unzuverlässigkeit zu entdecken: Im Fall der „Berichtigungen“ wird ihm sofort die wahre Begebenheit gezeigt und ihm somit die Unzuverlässigkeit direkt vor Augen gehalten. Also bekommt er nur um textuelle Signale, kann aber keinen Bezugsrahmen selbst herstellen..

[...]


1 Wenn hier von „Textsignalen“, „Text“ oder „Leser“ gesprochen wird, sind damit auch grundsätzlich immer Signale im Film, der vermittelte Inhalt und der Zuschauer gemeint. Da die literaturwissenschaftliche Erzähltheorie auf den Film ebenfalls anwendbar ist, finden auch die literaturwissenschaftlichen Begriffe hier Verwendung.

Excerpt out of 14 pages

Details

Title
Unzuverlässiges Erzählen in Joe Wrights Film "Atonement"
Subtitle
Wie das Unkenntlichmachen eines Erzählers dessen Unzuverlässigkeit verbergen kann.
College
Justus-Liebig-University Giessen  (Anglistik)
Course
Proseminar: Unzuverlässiges Erzählen in Literatur und Film
Grade
1,3
Author
Year
2009
Pages
14
Catalog Number
V212901
ISBN (eBook)
9783656409236
ISBN (Book)
9783656412298
File size
428 KB
Language
German
Notes
Es handelt sich um die Analyse des Films - nicht des Buches "Atonement" (Abbitte). Hausarbeit auf deutsch!
Tags
Atonement, Abbitte, Ian McEwan, Regie: Joe Wright, Filmanalyse, Unzuverlässiges Erzählen, unreliable narration, Literaturverfilmung
Quote paper
Janina Vahrenholt (Author), 2009, Unzuverlässiges Erzählen in Joe Wrights Film "Atonement", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/212901

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