Weibliche obdachlose Jugendliche (er)leben auf Deutschlands Straßen. Fluchtmotive und Bewältigungsstrategien ihrer Straßenkarriere


Magisterarbeit, 2011

125 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. EINLEITUNG

2. STRASSENKINDERPROBLEMATIK IN DEUTSCHLAN
2.1 BEGRIFFSERLÄUTERUNGEN
2.1.1 Definition von Wohnungslosigkeit
2.1.2 Definition des Begriffs ״Straßenkind“
2.2 Zahlenmaterial & Statistiken über deutsche Obdachlose

3. FORSCHUNGSGEGENSTAND WEIBLICHER SOZIALISATION IM HINBLICK AUF DIE STRASSENFLUCHT
3.1 Weibliche Entwicklungstendenzen im Zuge eines fortschreitenden Individualisierungsprozesses
3.1.1 Weibliche Sozialisation in der Adoleszenz
3.1.2 Einfluss von Peer-Groups
3.1.3 Problematik der Frauenrolle
3.2 Wege in die Wohnungslosigkeit
3.2.1 Forschungsgegenstand von Fluchtmotiven weiblicher Straßenjugendlicher
3.2.2 Familiäre Risikofaktoren

4. THEORETISCHER HINTERGRUND
4.1 Einbettung in sozialstrukturellen Kontext
4.2 Klassische Kriminalitätstheorien
4.2.1 Ätiologische Kriminalsoziologie basierend auf der Anomietheorie von Merton
4.2.2 Labeling approach

5. QUALITATIVE SOZIALFORSCHUNG
5. 1 Planungsphase und Darstellung meiner Forschung
5.1.1 Untersuchungsmethode mittels eines qualitativen Interviews
5.1.2 Erstellung des Leitfadens
5. 2 Durchführungsphase
5.2.1 Methodisches Vorgehen in der Praxis: Die Kontaktaufnahme
5.2.2 Datenerhebung mittels der durchgeführten Interviews
5.2.3 Auswertung der Interview

6. ERGEBNISSE CHARAKTERISIERENDER MERKMALE WEIBLICHER STRAßENJUGENDLICHER ANHAND DER INTERVIEWS
6.1 Interview mit ״M.“ (15 Jahre alt)
6.1.1 Darstellung von ״M.“ Lebenserfahrungen in der Familie
6.1.2 Wichtige Stationen während ihres Straßenlebens
6.2 Interview mit ״E.“ (17 Jahre alt)
6.2.1 Biographische Auszüge aus ihrer familiären Lebenssituation
6.2.2 ״E.“ straßenkarrierre
6.3 Interview mit ״s.“ (20 Jahre alt)
6.3.1 ״s.“ Leben vor ihrer Straßenflucht
6.3.2 ״s.“ Erfahrungen im Straßenalltag
6.4 Vergleichende Darstellung hinsichtlich ihrer Merkmalsausprägungen
6.4.1 Gewalt in der Familie
6.4.2 Bezug zur Schule
6.4.3 Sozialisation und Persönlichkeitsentwicklung
6.4.4 Fremd- und Selbstbild
6.4.5 Bewältigungsstrategien im Straßenalltag
6.4.6 Beziehungs- und Sexualverhalten
6.4.7 Suchtverhalten hinsichtlich des Alkohol- und Drogenkonsum
6.4.7.1 Alkoholsucht
6.4.7.2 Drogensucht
6.4.8 Strafauffälligkeit
6.4.9 subkulturelle Beziehungen und Szenestrukturen
6.4.10 Einfluss von Peer Groups:
6.4.11 Erfahrungen mit öffentlichen Beratungsstellen
6.4.12 Wünsche und Zukunftsperspektiven 6.5. Theoretische Einbindungen
6.5.1 struktureller Zusammenhang
6.5.2 Überprüfung herausgearbeiteter Merkmale im auf die Anomietheorie von Merton
6.5.3 Empirische Untersuchung des Datenmaterials hinsichtlich des Labeling approach Ansatzes

7. FAZIT UND DIMENSIONALER AUSBLICK

8. LITERATUTURVERZEICHNIS

9. ANHANG
9.1 Abkürzungsverzeichnis
9.2 Leitfadenkonzept
9.3 Tabellarische Anschauung Darstellung der Codevariablen "Einfluss der Peer Groups" in Bezug auf die Gewichtung

1. Einleitung

Lange Zeit gilt in Deutschland das Phänomen der Straßenkinderproblematik als Tabuthema; vielerorts ausgeklammert beziehungsweise bagatellisiert. Ein Blick hinter die Fassade der ״deutschen Wohlstandsgesellschaft“ offenbart jedoch eine andere Realität und lässt eklatante Lücken im sozialen Netz erkennen. Obdachlosigkeit in Deutschland erweist sich als aktuelles Diskussionsthema und wird jedem Menschen bewusst, wenn er mit offenen Augen durch die Straßen zentraler Brennpunkte wie Berlin, Hamburg und Köln geht. Die Dimensionen sind jedoch weitreichender und spürbarer, wenn solche Fälle auch im eigenen sozialen Umfeld geschehen. Beispielsweise in meiner schwäbischen Heimatstadt Mindelheim (ca. 15.000 Einwohner) wusste eine Mutter mehrere Jahre nicht, wo sich ihr Sohn aufhielt und wie es ihm erging. Erst nach drei Jahren nahm er wieder Kontakt zu seiner Mutter auf und erzählte ihr von seinem Leben in der Augsburger Straßenszene und seinen dort durchlebten Erfahrungen. Dadurch wird klar, dass mit dem Begriff Straßenkinder nicht nur die Dritte Welt assoziiert wird. Dieses Thema stellt einen großen Anreiz dar, sich eingehender mit der aktuellen Straßenkinderproblematik in Deutschland zu beschäftigen und Gründe für ihre Straßenflucht und ihre persönlichen Erfahrungsprozesse herauszustellen.

Wie sieht die aktuelle Situation in Deutschland aus und unter welchen Lebensumständen verbringen deutsche Kinder und Jugendliche ihren Alltag? Was treibt sie dazu von zu Hause wegzugehen und sich für ein Leben auf der Straße zu entscheiden? Die Heterogenität des Phänomens schlägt sich auch in einer Vielfalt der Rahmenbedingungen nieder, die in der vorliegenden Arbeit genauer dargelegt werden. Das daraus entstandene Zusammenspiel familiärer, schulischer und gesellschaftlicher Faktoren verdeutlicht die Komplexität dieser Problematik, denen sich Jugendliche zwangsläufig stellen müssen.

Um das Thema der Straßenkinderproblematik inhaltlich und strukturell einzugrenzen, liegt der Fokus in dieser schriftlichen Arbeit ausschließlich auf den Problemlagen von weiblichen Jugendlichen im Alter von 14 bis 21 Jahren.

Im empirischen Teil liegt der Fokus auf den qualitativen Interviews mit drei weiblichen straßenjugendlichen aus Berlin. Die Erzählungen und Erfahrungsberichte der Mädchen geben einen tiefgehenden Einblick über das Straßenleben, wie es sich in Wirklichkeit darstellt. Dadurch wird die vorliegende Arbeit in ihrer Glaubwürdigkeit und in ihrem Wesenskern nachhaltig gestärkt.

Als Einstieg in das Thema wird der Begriff ״Straßenkind“ definiert. Anschließend werden anhand der Definition aktuelle Statistiken über Wohnungslose in Deutschland ausgewertet. Des Weiteren wird der Forschungsstand von weiblicher Sozialisation dargelegt, der den Entwicklungsprozess von weiblichen Jugendlichen maßgeblich beeinflusst. In Folge dessen tragen diese Risikofaktoren entscheidend dazu bei, dass weibliche Jugendliche schlussendlich beschließen ihre Familie zu verlassen und auf der Straße zu leben. Mittels der qualitativen Interviews werden neue Erkenntnisse gewonnen, erläutert und anschließend anhand herausgearbeiteter Charaktermerkmale dargelegt. Die Aussagekraft der typischen Verhaltensweisen wird dadurch untermauert, da sie in Bezug auf die klassischen Theorien belegt werden, worauf in Kapitel 6.5 näher eingegangen wird.

2. Straßenkinderproblematik in Deutschland

ln seiner Veröffentlichung ״Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne“ (1986)1 spricht der Sozialwissenschaftler Ulrich Beck von der ״Zweiten Moderne“, die sich seit den 1970er Jahren abzeichnet. Im Zuge einer zunehmenden Globalisierung und Rationalisierung geht laut Beck eine ״Risikogesellschaft“ hervor, die er wie folgt beschreibt.

״Die Risikogesellschaft ist [...] keine revolutionäre Gesellschaft, sondern mehr als das: eine Kathastrophengesellschaft. In ihr droht der Ausnahme- zum Normalzustand zu werden.“2

Aufgrund der Pluralisierung und Individualisierung hat Deutschland als Wohlstandsgesellschaft in einem der reichsten Länder der Welt mit dem Problem einer sozial gespaltenen Gesellschaft zu kämpfen. Es zeichnet sich eine auseinanderklaffende Schere zwischen Arm und Reich ab. Die Politik ist heutzutage mehr denn je gefordert, Maßnahmen gegen die fortschreitende Kinderarmut in Deutschland zu ergreifen. Vor allem stellt sich die Frage, wie viele Kinder und Jugendliche in Deutschland von Armut bedroht sind oder bereits unter dem Existenzminimum leben.3

Unweigerlich hat die Finanzkrise in Deutschland einschneidende Sparmaßnahmen bei Sozialprogrammen hervorgerufen. Diese Maßnahmen wirken sich vor allem nachteilig bei sozial schwachen Familien aus, wobei die Kinder oft die Leidtragenden sind. Sie erleben soziale und emotionale Benachteiligung und sehen als letzten Ausweg das Leben auf der Straße. Focus Online Schule hat Anfang des Jahres einen Bericht über die aktuelle Straßenkinderproblematik veröffentlicht. Hierbei sind familiäre Probleme eine der Flauptursachen, warum Jugendliche auf der Straße leben, meint Markus Seidel, Gründer des Vereins der ״Off Road Kids“4, den es seit Anfang der 1990er Jahre gibt. Ergebnissen dieser Hilfsinitiative zufolge haben junge Obdachlose häufig bereits Erfahrungen mit der Jugendhilfe gemacht, da familiäre Strukturen nur noch fragmentarisch vorhanden sind. Weiter lässt sich feststellen, dass es viele straßenjugendliche in Großstädte zieht, um sich aus der familiären, gewohnten Umgebung loszulösen und ihre Freiheit ausleben zu können. Sie wählen ihren Aufenthalt bewusst weg von ihrem elterlichen Wohnsitz, um dort anonym leben zu können und nicht entdeckt zu werden. Experten haben eine Erklärung für die steigende Zahl der Straßenkinder: ״Als einen wichtigen Grund sehen wir die Einführung des SGB II im Jahr 2005“, erklärt Werena Rosenke von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Wohnungslosenhilfe. Die spezifischen Regelungen für Sozialhilfeempfänger unter 25 Jahren, beim Auszug aus dem Elternhaus, sehen zunehmende Einschränkungen vor. Einem Arbeitslosengeldempfänger, der seine gesetzlich vorgeschriebenen Pflichten nicht erfüllt, droht, keine finanzielle Unterstützung mehr zu bekommen. Zusätzlich muss er die Kosten für Unterkunft und Heizung drei Monate lange selbst tragen.

2.1 Begriffserläuterungen

2.1.1 Definition von Wohnungslosigkeit

Da es in Deutschland keine einheitliche Berichterstattung über die aktuellen Zahlen von wohnungslosen Personen gibt, werden die jährlichen Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.v. herangezogen, um darüber genauere Aussagen treffen zu können. Im Jahr 2008 beträgt die Zahl dieser Wohnungsnotfälle insgesamt ca. 330.000. Im Vergleich dazu liegt der Wert 2007 bei 350.000. Für das Bezugsjahr 2008 sind ca. 227.000 wohnungslos und ca. 103.000 gehören zu den von Wohnungslosigkeit bedrohten Menschen. Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass jeder Mensch, der auf der Straße lebt, wohnungslos ist. Ein Mensch wird als wohnungslos bezeichnet, so die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.v., wenn dieser nicht über einen mietvertraglich abgesicherten Wohnraum verfügt.

Demzufolge sind Personen akut von Wohnungslosigkeit betroffen

-die aufgrund ordnungsrechtlicher Maßnahmen ohne Mietvertrag, d.h. lediglich mit Nutzungsverträgen in Wohnraum eingewiesen oder in Notunterkünften untergebracht werden die ohne Mietvertrag untergebracht sind, wobei die Kosten nach Sozialgesetzbuch XII (SGB XII: § 67) und/oder II übernommen werden 5
- die sich in Heimen, Anstalten, Notübernachtungen, Asylen, Frauenhäusern aufhalten, weil keine Wohnung zur Verfügung steht
- die als Selbstzahler in Billigpensionen leben
- die bei Verwandten, Freunden und Bekannten vorübergehend Unterkommen
- die ohne jegliche Unterkunft sind
- Aussiedler, die noch keinen Mietwohnraum haben und in Aussiedlerunterkünften untergebracht sind.6

Des Weiteren lässt sich Wohnungslosigkeit in der Fachterminologie zwischen latent und manifest unterschieden. Dabei bezeichnet die manifeste Wohnungslosigkeit Formen offensichtlich wahrgenommener und offiziell registrierter Wohnungslosigkeit.7 Von latenter Wohnungslosigkeit betroffen sind nach Geiger und steinert (1991), die sich näher mit dem Thema weibliche Obdachlose beschäftigen, Frauen, die auf der Straße leben. Sie halten sich in einer Gruppe innerhalb des Straßenmilieus auf oder ziehen als Einzelgängerinnen umher8. Mit latenter Wohnungslosigkeit ist die verdeckte Wohnungslosigkeit gemeint, die auf prekäre Wohnverhältnisse hinweist und mit einem hohen Maß an persönlicher Abhängigkeit verbunden ist.9

2.1.2 Definition des Begriffs ״Straßenkind“

In den letzten 30 Jahren hat sich der Begriff ״Straßenkind“ in der Literatur der Sozialwissenschaft und der Sozialpädagogik gewandelt, was auf die explosiven und radikalen Gesellschaftsveränderungen rückzuführen ist. Aufgrund der marginal bestehenden strukturellen Bindungen innerhalb des Gesellschaftsbildes ergeben sich moderne Konstellationen und Lebensmuster, die neue Orientierungsrichtungen aufzeigen.

Vorweg lässt sich sagen, dass in der Weiterführung ausschließlich von Straßenjugendlichen gesprochen wird, da diese Bezeichnung die hier untersuchte Zielgruppe, der 14 bis 21- Jährigen, genau definiert. Wenn generell von Straßenkindern die Rede ist, handelt es sich hierbei ausschließlich um Minderjährige. Unter Berücksichtigung einer spezifizierten Altersgruppe wird auch die Begriffsbezeichnung ״Straßenkinder“ in entsprechender Literatur verwendet.

In den 1980er Jahren werden Familie und Heim als die beiden wichtigsten Sozialisationsinstanzen verstanden, gegen die sich die Jugendlichen auflehnen und sich institutionellen Normen widersetzen.10 Von diesem klar abgetrennten Lebensumfeld handelt auch das Buch von Jordan und Trauernicht (1981)11. Straßenkinder werden von den Autoren als ״Ausreißer“ und ״Trebegänger“ betitelt. Ersteres beschreibt Kinder und Jugendliche, die meist nur kurzfristig aus ihrer Herkunftsfamilie weglaufen. Dieses Verhalten wird oft als Reaktion auf Missverständisse zwischen Kindern und Erziehungsberechtigten gewählt. Das Weglaufen ist als ein Aufschrei zu sehen, der an die Familie appelliert, sie und ihre Probleme ernst zu nehmen. Die Begrifflichkeit ״Trebegänger“ meint Kinder und Jugendliche, die unter schwierigen und ernstzunehmenden Konfliktlage leiden und generell keinen festen Wohnsitz haben. Konsequenterweise führen diese prekären Lebensumstände letztendlich dazu, sich ihren Lebensunterhalt selbst zu finanzieren, indem sie zu illegalen Mitteln greifen. Durch diesen Prozess manifestiert sich ihr Weg in die Kriminalität innerhalb der Subkultur12.

Im Hinblick auf neuere Forschungsansätze bleibt festzuhalten, dass Jugendliche vor Beginn ihrer straßenkarriere bereits in ihrer frühen Jugend den Kontakt zur Straße suchen. Dabei kommt besonders bei Minderjährigen die Problematik hinzu, dass es offiziell keine obdachlosen Minderjährigen gibt. Laut dem Kinder- und Jugendhilfegesetz leben Kinder per se entweder bei ihren Eltern oder in Heimen.13 Grundsätzlich teilt ein minderjähriges Kind nach § 11 BGB seinen Wohnsitz mit den Eltern und kann seinen Aufenthalt nicht selbst bestimmen.14 Demnach ist auch in § 42 KJHG festgelegt, dass das Jugendamt berechtigt ist ein Kind oder einen Jugendlichen in seine Obhut zu nehmen, wenn dies der ausdrückliche Wunsch der betroffenen Person ist oder eine dringende Gefahr für das Wohl des Kindes oder des Jugendlichen besteht.15

Die Verwendung des Begriffs ״Straßenkind“ gilt in Deutschland als kontrovers und wird demzufolge häufig kritisch betrachtet. Ein Grund hierfür ist, dass mit dem Wortgebrauch ״Straßenkind“ hauptsächlich Kinder in Entwicklungsländern wie beispielsweise Lateinamerika in Verbindung gebracht werden und damit ״Kinder und Jugendliche [beschrieben werden - VM], die auf der Straße leben und/oder arbeiten.“16 In Deutschland wird der Begriff ״Straßenkind“ vielschichtiger gebraucht. Demnach sind 14 bis 26 Jährige betroffen, die nach § 7 Abs. 1 KJHG als Jugendliche, junge Volljährige und junge Menschen gelten. Juristisch sind Kinder Menschen unter 14 Jahren (vgl. § 7 Abs. 1 Nr. 1 KJHG).17

Hierbei lässt sich sagen, dass in der folgenden Arbeit ausschließlich von Straßenjugendlichen gesprochen wird, da diese Bezeichnung die hier untersuchte Zielgruppe, der 14 bis 21- Jährigen, genau definiert. Wenn in Fachliteratur der Begriff ״Straßenkind“ gebraucht wird, handelt es sich ausschließlich um Minderjährige.

In der Publikation ״Lebensort Straße - Kinder und Jugendliche in besonderen Problemlagen“ (1996) des Instituts für soziale Arbeit sind drei unterschiedliche Typen genannt, die den Begriff Straßenkinder im Allgemeinen charakterisieren und praktisch veranschaulichen.18

Straßenkinder sind hier definiert als:

-Die Ausgegrenzten: Die Straße stellt bei diesen Kindern und Jugendlichen den vorläufigen Endpunkt einer langen Kette von Desintegrationserfahrungen dar.
-Die Auffälligen: Das Leben auf der Straße ist für sie ein Moment der Selbstinszenierung als Ausdruck der eigenen Identitätssuche.
-Die Gefährdeten: Kinder und Jugendliche, bei denen ein gesteigertes Risiko besteht, dauerhaft in prekäre Wohnsituationen abzugleiten.19

Sie sind demzufolge obdachlos und verbringen ihr Leben ausschließlich auf der Straße. Das Buch stellt dahingehend klar heraus, dass die ״Grenzen und Übergänge zwischen der vollständigen Ablösung aus vorgelagerten Sozialisationsinstanzen wie Familie und Jugendhilfe und dem Abgleiten in die faktische Obdachlosigkeit bzw. die City- und Bahnhofsszenen [...] keineswegs klar zu ziehen sind“20

Durch die Veröffentlichung des Deutschen Jugendhilfeinstituts (DJI) ״Endstation Straße? straßenkarrieren aus der Sicht von Jugendlichen“ (1998) wird auch von einem Karrierebegriff gesprochen, der den Blickwinkel sowohl auf die Vergangenheit als auch auf die Zukunft der Jugendlichen richtet und ihren Entwicklungsweg hin zum Straßenleben rekonstruiert.21 Die Autorinnen Hanna Permien und Gabriela Zink konzentrieren sich in dieser Forschungsstudie nicht nur auf die aktuelle Situation, in der die Jugendlichen sich befinden, sondern schließen soziale Beziehungen und institutionelle Instanzen in ihre Überlegungen mit ein. Anhand dieser Darstellung lässt sich ein chronologischer Ablauf der Lebensgeschichte erkennen, in der die einzelnen Phasen Vorgeschichte, Einstieg und weiterer Verlauf einer straßenkarriere klar getrennt sind. Trennlinien und saubere Grenzen zwischen den einzelnen Phasen verschwimmen und in der Studie wird deutlich, dass die Vorgeschichte und die Einstiegsphase häufig ineinander übergehen und erste Fluchtgedanken und Fluchtversuche oft bereits auf die erste Phase zurückgehen.22

Das Institut für soziale Arbeit stellt hierbei klar heraus, dass das Karrierekonzept des Phänomens Straßenkinder grundsätzlich dynamisch abläuft und dass dabei differenzierte Einstiegs- und Ausstiegsmöglichkeiten betrachtet werden müssen.23

Was die Wohnungsmöglichkeiten anbelangt, verfügen Minderjährige über soziale Netzwerke, bei denen sie kurzfristig Unterkommen oder sie werden in Jugendhilfseinrichtungen betreut, wo sie übernachten können. Ohne große Ansprüche zu stellen, schlafen sie im Freien, an öffentlichen Plätzen oder haben sogar die Möglichkeit für mehrere Tage und Wochen in Wohnungen bei Bekannten oder Freunden, teilweise auch illegal, unterzukommen. Die Unterbringung in Jugendheimen oder der Psychiatrie, das Verstecken in Flotéis und Abbruchhäusern, sind weitere Schlafplätze, die diese fortdauernden Pendelbewegungen zwischen verschiedenen Unterkünften über Monate oder sogar Jahre hinweg charakterisieren.24 Die Existenz solcher ״Unterstützungsnetzwerke“ unterstreicht, dass es sich bei dem Phänomen Straßenkinder um ein Gruppenphänomen handelt. Erst durch die Ausdehnung des Begriffes ״Straßenkind“ auf eine Szene erscheinen uns bestimmte Verlaufsdynamiken für die Entwicklung von straßenkarrieren klar und verständlich.25

Des Weiteren wird ein Aspekt angesprochen, der auf die Delinquenz, sprich das ״abweichende Verhalten“, bei weiblichen straßenjugendlichen abzielt. Der Begriff ״Normalität“ gibt vor, was gesellschaftlich normkonformes Flandeln ausmacht. In der heutigen, schnelllebigen Zeit unterliegt die ״Normalität“ jedoch gesellschaftlichen Individualisierungs- und Pluralisierungsprozessen. Daraus wird schlussfolgernd eine unsichere Vorstellung dessen vermittelt, was ״Normalität“ ausmacht. Schlussfolgernd lässt sich präventives Handeln als notwendiger Eingriff in individuelle Freiheitsrechte leichter erklären. Festgelegte Normen sind gesellschaftlich und individuell unterschiedlich auszulegen und zu bewerten. Beide Arten von Normen können Zusammenhängen und sich aufeinander beziehen, aber auch widersprechen. Neben abweichendem Verhalten wird häufig der Begriff des Problemverhaltens bei Straßenjugendlichen verwendet. Diese Bezeichnung bezieht sich dabei nicht primär auf eine Strafhandlung und Sanktion und dementsprechend auf sozial orientierte Normen, sondern orientiert sich zunehmend an persönlichen Normen.26

Unter dieser Berücksichtigung kann ein Verstoß gegen soziale Regeln, sprich eine Missachtung eines friedlichen Zusammenlebens, vorliegen oder aber die eigene Persönlichkeitsentwicklung wird gestört. Letzteres deutet genau auf dieses Problemverhalten hin, das im biografischen und entwicklungspsychologischen Bild des jeweiligen straßenjugendlichen verwurzelt ist.27 Beide Arten von Normen sind interkulturell und milieuspezifisch differenziert zu bewerten und unter situationsbedingten Gesichtspunkten unterschiedlich auslegbar. Beispielsweise wird der Alkoholgenuss unter minderjährigen Jugendlichen allgemein gesellschaftlich als ״nicht normal“ angesehen. Dieses abweichende Verhalten wird jedoch in verschiedenen Subgruppen toleriert, da es einen Status von ״Normalität“ innerhalb der betrachteten Zielgruppe darstellt und diese Verhaltensweise dadurch individuell anerkannt wird. Hierbei stellt sich die Frage, welche Norm, ob nun sozial oder persönlich orientiert, zeitlich, räumlich und situativ Bestand hat und welche als ״nicht normal“ gilt. Daraus lässt sich herauslesen, dass es sich weniger um eine qualitative Bewertung als vielmehr um eine gesellschaftliche Reaktion resultierender Zuschreibungen handelt. Im Punkt 4.2.2 werden diese Formen möglicher Sanktion im Hinblick auf gesellschaftliche Toleranz näher beschrieben und auf die Theorie des Labeling approach Ansatzes bezogen.

Darüber hinaus kommt es unter dem Rückbezug auf die Verhängung von Strafen und der Diskussion über etwaige Jugendhilfemaßnahmen zu einem Machtspiel um Definition und Sanktion der jeweiligen normgebenden Instanzen.

Trotz dieser Vorschriften und Gesetzgebungen ist der Begriff ״Normalität“ auch im Kontext der Straßenkinder nicht zu vernachlässigen. Hierbei muss klar gestellt werden, welcher Bereich als normal zulässig gilt, welche Eingriffsmöglichkeiten vorherrschen und welche präventiven Maßnahmen die regelverstoßenden Menschen erwartet.28

Abschließend lässt sich in diesem Kapitel zusammenfassend darstellen, was Straßenkinder charakterisiert und welche Merkmale ihnen zugeschrieben werden. Als anschauliche Erklärung dafür eignet sich die Definition des DJI, in der Straßenkinder formell als minderjährig gelten, die

- sich weitgehend abgewendet haben von gesellschaftlich vorgesehenen Sozialisationsinstanzen wie Familie oder ersatzweise Jugendhilfe­Einrichtungen sowie Schule und Ausbildung
- sich der ״Straße“ zugewandt haben und sich dort mit den anderen Jugendlichen zusammenfinden, so dass ״Straße“ zur wesentlichen oder auch einzigen Sozialisationsinstanz und zum Lebensmittelpunkt wird
- mit ihrem Handeln - meist in mehrfacher Hinsicht - gegen gesellschaftlich anerkannte und durchgesetzte ״Normalzustände“ verstoßen und
- bei denen es sich bei diesen drei Merkmalen nicht nur um ein kurzfristiges und vorübergehendes Verhalten handelt, sondern um Verhaltensweisen, die eine gewisse Dauerhaftigkeit aufweisen.29

2.2 Zahlenmaterial & Statistiken über deutsche Obdachlose

״Da in der Bundesstatistik zwar nachzulesen ist, wie viele Schling- und Kletterpflanzen in bundesdeutschen Baumschulen gezüchtet werden [...], aber nicht, wie viele Menschen in unwürdigen Verhältnissen wohnen müssen, lässt sich die Zahl der Obdach- und Wohnungslosen nur schätzen.“30

Nach Angaben der Arbeitsgemeinschaft der Kinder- und Jugendhilfe (AGJ) lebt mehr als jeder vierte Jugendliche in Armut oder ist von Armut bedroht.31 Soziale Benachteiligung stellt einen Grund dar, der für die Flucht von zu Hause spricht. Was genau führt jedoch dazu, dass Straßenkinder in Deutschland existieren und von zu Hause flüchten?

Laut Uwe Britten, der längere Zeit mit ״Straßenkindern“ zusammengelebt hat, geht Berlin von täglich rund 3000 Straßenkindern aus. In seinem Buch ״Abgehauen. Wie Deutschlands Straßenkinder leben“ (1995) berichtet er eindrucksvoll von seinen Erlebnissen und gibt Einblick in das Handeln, Denken und Fühlen von Kindern in der Berliner Straßenszene.32 Berlin als Schmelztiegel wirkt reizvoll und zieht Straßenkinder aus ganz Deutschland an. ״Von überall kommen sie: aus Niedersachsen und Bayern genauso wie aus Nordrhein-Westfallen und Thüringen“33 meint der Experte Uwe Britten.

Grundlegend lässt sich sagen, dass aufgrund der hohen Fluktuation sowie der Dunkelfzifferproblematik die Zahlen obdachloser Personen ständig schwanken. Aus diesem Grund legt die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.v. (BAG W) jedes Jahr ihre Schätzung zur Zahl der Wohnungslosen vor. Nach aktuellsten Zahlen von 2008 gehören laut der BAG w 223.000 zu den offiziell wohnungslosen Menschen. Dabei liegt der Frauenanteil bei ca. 25%(56. 000). Kinder und Jugendliche werden auf 11% (24.000) geschätzt und die Männerquote macht von der Gesamtzahl etwa 64% (142.000) aus.34

Um Aussagen über eine repräsentative Angabe der Anzahl von obdachlosen Kindern und Jugendlichen auf der Straße geben zu können, eignet sich der im Mai 2010 veröffentlichte Statistikbericht für das Jahr 2007. Diese Studie bezieht sich auf alle Personen, die eine Hilfeleistung in einer der 141 Einrichtungen und Dienste in Anspruch nahmen und an der Erhebung teilnahmen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

35 Tabelle über Altersgruppen- und Geschlechtsverteilung -Statistikbericht 2007

Die Statistik geht von insgesamt 18.278 Wohnungslosen für das Jahr 2007 aus. Davon sind 15.305 Männer und 2.973 Frauen. Bezogen auf den weiblichen Anteil liegt der Wert der Altersgruppe bis 24 Jahren im Jahr 2007 bei insgesamt 29,1 %. Im Vergleich dazu liegt der Prozentsatz bei den Männern desselben Alters bei 14,6 %. Von 2006 hin zu 2007 lässt sich ein Anstieg beider Geschlechter einschließlich der 24-Jährigen festmachen, wobei der Wert bei den Frauen anstieg. (2006: 26,7 %; 2007: 29,1 %)

Das untere Schaubild weist nochmals detailliertere Angaben zu den jeweiligen Altersklassen auf. Hierbei wird in Bezug auf meine Themenstellung weiblicher Straßenjugendlicher auf die Relevanz und Aussagekraft der insgesamt 2.937 delinquenten weiblichen Personen hingewiesen. Der Prozentsatz der 18 bis 19-Jährigen liegt bei 9,6 %, was absolut gesehen allein 286 weibliche Personen repräsentiert. Vergleicht man dieselbe Altersstufe bei den männlichen Betroffenen sind dies nur 3,4 % bei insgesamt 522 Personen. Allgemein kristallisiert sich bei den Jugendlichen heraus, dass der Prozentsatz der weiblichen Quote, vor allem bei den 18 bis 24- Jährigen, deutlich höher liegt als bei den Männern.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle über spezifische Alters- und Geschlechtsverteilung 2007 - Statistikbericht 2007

Wie lässt sich diese Überrepräsentanz der weiblichen Jugendlichen anhand der statistischen Daten erklären?

Die Studie von Martina Bodenmüller ״Auf der Straße leben“ (1995) weist darauf hin, dass ein geschlechtsspezifisches Anzeigeverhalten der Eltern besteht. Im36 Vergleich zu Jungen desselben Alters wird deren Weglaufen leichter toleriert und sie werden weniger schnell als vermisst gemeldet. Bei Mädchen ״wird eher die Gefahr einer körperlichen und sexuellen Bedrohung vermutet, was zu einem frühzeitigen Eingreifen der Instanzen der sozialen Kontrolle führen kann"37

Weitere Erklärungen verdeutlichen, dass nicht alle als vermisst gemeldeten Jugendlichen wirklich für längere Zeit auf der Straße leben. Des Weiteren werden nicht alle Betroffenen von ihren Eltern oder Bezugspersonen auch offiziell gesucht. Da Eltern situationsbedingt unterschiedlich darauf reagieren und sie aus Erfahrung wissen, dass ihre Kinder sehr häufig ausreißen und wieder zurückkehren, fehlen diese Fälle in den registrierten Daten. Somit gibt die Vermisstenstatistik nur verzerrt Auskunft darüber, wie viele Straßenkinder es tatsächlich gibt. Die Dunkelziffer schließt auf eine weit höhere Gesamtzahl an obdachlosen Jugendlichen.38

3. Forschungsgegenstand weiblicher Sozialisation im Hinblick auf ihre Straßenflucht

3.1. Weibliche Entwicklungstendenzen im Zuge eines fortschreitenden Individualisierungsprozesses

Der nächste Gliederungspunkt bezieht sich auf die Sozialisationsbedingungen von Mädchen, besonders in der Adoleszenz. Zusätzlich wird der Wandel des Mädchenseins zur Frau als ein typisches Rollenmuster gesehen, die die Entwicklung der weiblichen Jugendlichen prägt und ein Ausbrechen aus sozial fest gefahrenen Strukturen forciert.

Aufgrund der existierenden Straßenkinderproblematik in Deutschland und der großen Dunkelziffer, wie in Kapitel 2 beschrieben, erscheint es sinnvoll näher auf die Sozialisationsbedingungen weiblicher Jugendlicher und der sich daraus resultierenden Entwicklungstendenzen einzugehen.

Weitblickend treten infolge der zunehmenden Individualisierung drei Dimensionen auf, die laut Beck dementsprechend bezeichnet werden als ״Herauslösung aus historisch vorgegebenen Sozialformen und sozialen Bindungen im Sinne traditionaler Herrschafts- und Versorgungszusammenhänge, [sprich Freisetzung - VM], [...] Verlust an traditionalen Sicherheiten im Hinblick auf Handlungswissen, [meint den Begriff Entzauberung - VM], Glauben und leitende Normen [...] und eine neue Art der sozialen Einbindung, [was Reintegration bedeutet-VM]39

Der Soziologe und Mitbegründer der Chicago School William I. Thomas beschreibt die Individualisierung als logische Konsequenz einer sich verändernden Gesellschaft basierend auf grundlegenden Annahmen des theoretischen symbolischen Interaktionismus. Dieser gesellschaftliche Wandel wirkt sich auf alle Individuen gleichermaßen aus, dem sich keiner zwangsläufig entziehen kann.

,,[...] the child is always born into a group of people among whom all the general types of situation which may arise have already been defined and corresponding rules of conduct developed, and where he has not the slightest chance of making his definitions and following his wishes without interference."40

Hinsichtlich ihrer Jugendphase wandelte sich in den letzten Jahrzehnten das Verständnis dessen, was die Jugend betrifft, weitgehend. Die Tatsache, dass Ablösungsprozesse, Autonom isierung und Abgrenzung von der Erwachsenenwelt früher beginnen, jedoch weitgehend ohne finanziell selbstständig zu sein, zeigt, dass Kinder und Jugendliche unter anderen Lebensumständen aufwachsen. Sie orientieren sich vielmehr an Gleichaltrigen und entwickeln soziokulturell eigenständige Persönlichkeiten. Dieser Umstand geht mit der Ausweitung des Bildungssystems einher und verschiebt gleichzeitig den Eingang in die Erwerbstätigkeit und dem Erbringen gesellschaftlicher Pflichtleistungen nach hinten. Konsequenterweise bleiben Jugendliche wiederum finanziell von ihren Eltern oder von staatlichen Transferleistungen abhängig. Hinsichtlich ihrer Zukunftschancen werden sie im Sinne einer konkurrenzfähigen Leistungsgesellschaft an ihrem Bildungsgrad gemessen, da mit dem Bildungsniveau gleichzeitig der Anspruch an die Qualität des Lebensstandards wächst. Dabei können sich Jugendliche nicht mehr primär an ihren Eltern orientieren, da von ihnen ein höheres Maß an qualifizierter Schulbildung als früher gefordert wird.41

Unter dem Gesichtspunkt der Mädchenforschung entwickelten sich einige positive Tendenzen hinsichtlich einer rein rechtlichen Gleichstellung und bildungspolitischer Reformen ausgehend von einer gleichberechtigten Schulbildung. Die Ehe und Familiengründung hat nicht mehr Prioritätsmaßstab. Vielmehr erstreben junge Frauen Erfolg im Beruf zu haben und finanziell selbständig zu sein. Individuelle Verhaltensweisen von Mädchen wie Jungen gleichen sich im alltäglichen Zusammenleben immer mehr an. Durch die modernen Bedingungen der Individualisierung von Lebenslagen und der zunehmenden Freisetzung von Jugend verändern sich auch die Lebenslagen für Mädchen. Jedoch entsteht im Zuge der Individualisierung auch ein Orientierungsverlust, der Mädchen oft verunsichert, wodurch sie in ihren Handlungsmöglichkeiten begrenzt sind.42

Diese Zukunftsangst ist bei den weiblichen Jugendlichen deutlicher ausgeprägt. Innere, wie sozialstrukturell äußere grundlegende sozialstrukturelle Rahmenbedingungen, die sich besonders in der Adoleszenz bemerkbar machen, wirken sich nachhaltig auf ihre weitere Entwicklung aus. Im Vergleich zu den männlichen Altersgenossen unterscheiden sich die Erziehungsmaßnahmen in einigen Aspekten grundlegend, die unterschiedliche Bewertungen und Einstellungen hinsichtlich ihrer späteren Lebensführung hervorrufen.

3.1.1 Weibliche Sozialisation in der Adoleszenz

Der folgende Abschnitt gibt einen Überblick über die zeitgemäßen Umstände, die sich auf die Phase der Jugend und Pubertät der Mädchen auswirken. Zentrales Thema bleibt hierbei, die Beweggründe zur Straßenflucht und die Aspekte, die mit dem Straßenleben in Verbindung stehen, herauszuarbeiten. Daraus lässt sich hierbei anhand verschiedener Ausprägungen der Entwicklungsprozess der weiblichen Jugendlichen zu veranschaulichen, um daraus Rückschlüsse ziehen zu können.

In der heutigen Zeit ist es schwierig Forschungen über Mädchen zu vereinheitlichen, da Mädchen mit den unterschiedlichsten sozialen Lebensbedingungen zu Recht kommen müssen und daraus [manifestieren sich - VM] ihre [Lebensentwürfe - VM] und Handlungsstrategien, [ausgehend von ihren - VM] unterschiedlichen subjektiven Bewältigungsformen und Selbstbildern.“43

Laut dem amerikanischen Soziologen William I. Thomas werden moderne Lebensansichten der jungen weiblichen Generation folgendermaßen charakterisiert und hinsichtlich eines Übergangs zu unmoralischen Werten hinterfragt:

״The modern age of girls and young men is intensely immoral, and immoral seemingly without the pressure of circumstances. [...] Is the result of what we call ״the emancipation of woman", with its concomitant freedom from chaperonage, increased intimacy between sexes in adolescence and a more tolerant viewpoint toward all things unclean in life?”44

Daraus folgende Erklärungen geben Aufschluss über die gegebenen Bedingungen, die ihnen gestellten Herausforderungen und über die sich daraus entwickelten Vorgehensweisen. In der Erziehung von Mädchen spielt es eine wesentliche Rolle, dass sie stärker beaufsichtigt werden als dies bei den Jungen der Fall ist. Gerade in der Pubertät wird das Kontrollverhalten oft noch verstärkt und Mädchen haben sich oft an strikte Abmachungen und Auflagen zu halten45

Bodenmüller resümiert hieraus, dass Mädchen konsequenterweise dementsprechend wenig Selbstvertrauen entwickeln und sie lernen nicht ausreichend ihre eigene stärke zu zeigen. Ihnen werden weniger Freiräume gegeben, ihr soziales Umfeld zu erkunden und sich dort frei bewegen zu können.46

Dadurch stauen sich bei den Mädchen häufig Aggressionen an, da sie in ihrer Pubertät kein Verständnis für die Erziehungsmaßnahmen ihrer Eltern zeigen und ihre Jugend ohne Vorschreibungen ausleben wollen. Gitta Trauernicht (1989)47, die sich dem Thema Mädchenforschung widmet, beschreibt in ihrem Buch, dass die Beschränkungen in der Familie eine große Rolle spielen, die zur Familienflucht führen können.

Weitere charakteristische Merkmale der Mädchenerziehung führen laut den Flerausgeberinnen Dietlinde Gipser und Marlene Stein-Flilbers in der Veröffentlichung: ״Wenn Frauen aus der Rolle fallen“ (1980)48 an:

- Mädchen werden bei falschem Verhalten eher mit Liebesentzug bestraft. Daher sind sie von der Zuwendung der Eltern abhängiger als Jungen und entwickeln Angstbereitschaft und AbhängigkeitDie insgesamt stärker liebesorientierte Erziehungstechnik bei Mädchen birgt die Gefahr der Überanpassung in sich
- Die Leistungsorientierung in der Mädchenerziehung richtet sich auf die Beliebtheit bei anderen, vor allem dem männlichen Geschlecht, während sie in der Jungenerziehung schulisch und beruflich orientiert ist 49

Des Weiteren entwickelt sich nicht nur der innerliche Reifeprozess, sondern die klassische Vorstellung von Weiblichkeit wird wesentlich geprägt vom äußeren Erscheinungsbild. An diese veränderte Wahrnehmung müssen sich die Mädchen in einem neuen Erfahrungsprozess gewöhnen. Diese Phase stellt sich für die weibliche Jugendliche oftmals schwierig dar, sich an die neue Situation zu gewöhnen. Ihnen wird nachhaltig bewusst, ״dass der Körper zum Objekt der offenen Begutachtung und der Kommentierung wird.“50 Mit diesem veränderten Körpergefühl gehen Mädchen oft sehr selbstkritisch um und zeigen sich unsicher gegenüber der äußeren Umgebung. Latente Verhaltensweisen weisen auf diese Verunsicherung und das mangelnde Selbstbewusstsein hin. Dieser Schutzmechanismus basiert vor allem darauf, dass Mädchen viele Reaktionen allein auf ihren Körper beziehen und sie sich oft auf ihr äußeres Erscheinungsbild reduziert fühlen.51 Gerade beim Thema Geschlechtsverkehr befinden sich weibliche Jugendliche oft in einer Konfliktsituation zwischen freiem Ausleben ihrer Sexualität und sich zu bewahren. Die weibliche Sexualität befindet sich im Zwiespalt eigenen Bedürfnissen nachzugehen und sich gesellschaftlichen Normen und Wertevorstellungen anzupassen.52 Dies führt zu einem Grundkonflikt weiblicher Sozialisation, in dem sich Mädchen auf einem schmalen Grad zwischen Sinnlichkeit und Sittsamkeit befinden.53 3.1.2 Einfluss von Peer Groups

Im nächsten inhaltlichen Gliederungspunkt werden die subkulturellen Netzwerke innerhalb jugendlicher Szenen charakterisiert, in die männliche wie weibliche Jugendliche eintreten. Dieser Cliquentreffpunkt öffnet Jugendlichen Wege und Mittel, ihr Jugendsein frei und uneingeschränkt auszuleben. Jugendliche finden sich oft nicht zurecht, verlieren den Überblick und fühlen sich überfordert aus den verschiedenen Lebensgestaltungsmöglichkeiten heraus die richtige Entscheidung für sich zu treffen. In seinem Buch ״Streetwork in Cliquen, Szenen und Jugend(sub)kulturen“ (1992) gibt Fred Krause an, dass Jugendliche dieses ״Sozialisationsloch“ durch Cliquen, Subkulturen und Szenen kompensieren. Diese Freiräume, Terrains und Szenen dienen der eigenen Identitätsfindung, um ״sich selbst inszenieren“ zu können.54

Jugendliche orientieren sich gegenwärtig an Peers, am erlebten Augenblick in der Gruppe und im Gegenzug befreien sie sich aus den festgefahrenen familiären Strukturen. Diese Loslösung von der Familie geht einher mit dem Erwachsenwerden und der Entwicklung hin zu einer eigenständigen Persönlichkeit. Die familiäre Vertrauensbasis von Jugendlichen wandelt sich zusehends in ein Misstrauensverhältnis, beziehungsweise sie stoßen auf Unverständnis innerhalb der Familie. Daraus schüren sich häufig Auseinandersetzungen und Konflikte zwischen den Jugendlichen und ihren Eltern, was letztendlich eine Abkapselung von der Familie und der Flinwendung zur subkulturellen Clique intendiert. Dies kann soweit führen, dass der Familienkontakt vollständig abgebrochen wird und im Umkehrschluss Wohnungslosigkeit bedeutet.55

Speziell für Mädchen ist die Cliquenzugehörigkeit von großer Bedeutung. Mädchen streben danach gleichberechtigt behandelt zu werden und dem Mann gleichgestellt zu sein. Jedoch gestaltet sich die Möglichkeit, sich Cliquen anzuschließen für Mädchen anders als für Jungen. ״Jugend“ ist generell männlich dominiert und oft sind kommerzielle Jugendkulturen häufig von Männern angeführt. Da Mädchen eine größere Mitverantwortung im Haushalt innerhalb der Familie haben und der elterlichen Kontrolle stärker ausgesetzt sind, stellt es sich für sie oft schwierig heraus, Zugang zu Cliquen bzw. jugendkulturellen Gruppen zu finden.56 So sind Mädchen oft dazu angehalten, sich an Peers und Jugendkulturen zu messen und selbstsicher gegenüber den männlichen Cliquenmitgliedern aufzutreten. Unter näherer Betrachtung der Beziehungen zu Peer Groups bei Mädchen ergeben sich hierbei Tendenzen, die für eine Straßenflucht sprechen. Für die meisten Mädchen bedeutet die Orientierung an Peers und Jugendkulturen, dass sie ihr Selbstbewusstsein am männlichen Maßstab bzw. anhand ihrer Reaktion von Jungen messen.57 Sie befinden sich in einem ״Dilemma zwischen Selbstbehauptung und Selbstaufgabe“.58

Sich über Kontrollinstanzen hinwegzusetzen und seinen eigenen Standpunkt zu vertreten, wird für die weiblichen Jugendlichen eine schwierige Entscheidung, dadurch auch ihren Bezug zum nahen Umfeld wie Familie oder langjährige Freunde zu verlieren. In ihrem näheren Bekanntenkreis fühlen sie sich persönlich nicht vollständig akzeptiert und finden oft keine Mittel und Wege, ihre Wünsche und Bedürfnisse zu äußern. Sie verschließen sich, und bauen eine Schutzmauer um sich auf. Die einzige Lösung sehen die Betroffenen oft nur darin, unterzutauchen, um nicht ständig mit ihren Problemen konfrontiert zu werden.

3.1.3 Problematik der Frauenrolle

Weiterführend wird die Thematik der Entwicklung vom Mädchen zur Frau behandelt. Dabei zeichnet sich ein vielschichtiges, sowohl persönlichkeitsorientiertes, als auch sozialkonstituiertes Bild ab, welches in den Entwicklungsprozess mit einfließt. Im Zuge gesellschaftlicher Individualisierung werden weibliche Entwicklungen und ihre Voraussetzungen anders bewertet, als es bei Männern der Fall ist. Die traditionelle Zuschreibung, was als Frauenbild gesellschaftlich verstanden wird und in ihre Arbeitsbereiche gehört, kann nicht auf die veränderten Lebensumstände übertragen werden. Geschlechtstypische Merkmale bleiben bestehen und dementsprechend sind charakteristische soziale Rollen nach wie vor in den Köpfen verankert.59 Daraus entwickeln sich geschlechtsspezifische Identitäten, die mit bestimmten Verhaltenspräferenzen einhergehen. Entscheidend ist hierbei, dass Individualisierung sich nicht nur auf Wünsche und Bedürfnisse bezieht, sondern sich dies nachteilig für die Stellung der Frau innerhalb der Gesellschaft auswirkt. Das beste Beispiel stellen generell die veränderten Bildungsmöglichkeiten dar, die Frauen zwar ausreichend qualifizieren, aber ihnen im Vergleich zu den Männern weniger Chancen einräumen einen gleichgestellten Beruf zu erlangen.

Die weiblichen beruflichen Anforderungen sind nicht gleichzustellen mit den Vorstellungen männlicher Erwerbsarbeit, die den Schwerpunkt auf Konkurrenz, Leistung, Mobilität und Autonomie legen. Diese Desintegration und Benachteiligung im Vergleich zum Mann zeigt sich auch innerhalb der Familie, da ihnen primär die Erziehungsauftrag zugeschrieben wird und sie dementsprechend in höherem Maße von Subventionen abhängig sind.60

Als anschauliches Beispiel dient die Situation alleinerziehender Mütter im Falle einer Scheidung. Flier sehen sich Frauen einer Doppelbelastung von Kindererziehung und gleichzeitiger Berufstätigkeit ausgesetzt. Viele können ihren Beruf nur in Form eines Flalbtagesjobs ausüben und sind auf die Unterhaltszahlungen des Vaters angewiesen. Mädchen und heranwachsenden Frauen wird diese Rollenverhaftung durch die gesellschaftliche Erwartungshaltung aufgezeigt.

In der modernen Gesellschaft sind geschlechtsspezifische stereotypen von Mädchen und Jungen nicht mehr derart verhaftet wie früher und viele Mädchen zeigen Offensive, für ihre Forderungen und Vorstellungen einzutreten. Jedoch bleiben strukturellen Grundbedingungen und die damit verbundenen Nachteile nach wie vor bestehen.61

Die amerikanische Soziologin Carol Flagemann-White62 beschäftigt sich eingehend mit dem Thema der Geschlechterforschung und weist dabei auf geschlechtsspezifische Arbeits- und Lebensbereiche hin, die normative Weiblichkeits- und Männlichkeitsbilder festschreiben. Dabei macht die Sozialforscherin deutlich, dass ein äußerer Zuschreibungs- und gleichzeitig ein innerer Selbstsozialisationsprozess Zusammenwirken, die sich sozial fortlaufend in der Kindheit und vor allem in der Jugend herauskristallisieren. Der ״weibliche Sozialcharakter“63 spiegelt ein ״Dasein für andere“64 wider. Parallel dazu manifestiert sich ein gegenläufiges Verständnis dessen, was als männlich ״autonomes Individuum“ gilt.65

Männliche und weibliche stereotype entstehen auch unabhängig von den konkreten Erfahrungen, die einerseits über Bilder und Vorgaben durch Erziehung und Medien vermittelt werden. In Werbeeinblendungen beispielsweise werden Flaushaltswaren häufig mit Frauen dargestellt, die in den Köpfen stereotype Vorstellungen hervorrufen und rollenspezifisch assoziiert werden. Andererseits gelten gewisse äußere Gegebenheiten, wie beispielsweise typische Frauenberufe wie Kindergärtnerinnen, als normal. Weiblichen Personen werden fürsorgliche und erzieherische Fähigkeiten zugeschrieben. Geschlechtsspezifische Typisierungen werden ständig neu konstituiert und indirekt vermittelt. Ein triviales, aber anschauliches Beispiel sind die unterschiedlichen Vorkehrungen in Parkhäusern, in denen es spezielle Parkplätze für Frauen gibt. Hierbei wird weiblichen Personen suggeriert, dass sie aufgrund ihrer mütterlichen Pflichten dahingehend entlastet werden, nicht zu weit mit dem Kinderwagen oder Familieneinkäufen laufen zu müssen.

Dieses Verständnis prägt sich in den Köpfen der Mädchen ein und wird weitgehend internalisiert. Oftmals stellt sich für sie nur die Flucht als letzten Ausweg dar, sich dieser Erwartung geschlechtsspezifischer stereotypisierter Rollen zu entziehen. Sich dem gesellschaftlichen Zwang zu entziehen, stellt für viele Mädchen eine Diskrepanz zwischen dem neu erlebten Freiheitsgefühl und der endgültigen Abgrenzung aus dem nahen sozialen Umfeld dar. Flucht ist somit nicht als ein ״abweichendes“ störendes Verhalten zu betrachten, sondern stellt einen aktiven Problemlösungsversuch dar, um sich letztlich von gesellschaftlichen Zwängen befreien zu können.

3.2. Wege in die Wohnungslosigkeit

3.2.1 Forschungsgegenstand von Fluchtmotiven weiblicher Straßenjugendlicher

Im folgenden Abschnitt werden gezielt die auslösenden Faktoren der Straßenflucht weiblicher Jugendlicher aufgeführt. Vorausgehend dient dieser Einblick vor allem dazu, der Argumentation in den späteren empirisch herausgearbeiteten Ergebnisdarstellungen der Interviews zu stützen und den Bezugsrahmen darzustellen.

Historisch betrachtet lässt sich die wissenschaftliche Erforschung der Straßenflucht von weiblichen Jugendlichen in zwei Phasen unterteilen, wobei die erste den 1980er Jahren und die zweite den 1990er Jahren zuzuordnen ist. In der älteren Forschungsdiskussion wie Z.B. in der Veröffentlichung66 ״Ausreißerinnen und Trebegängerinnen“ (1989)67 von Gitta Trauernicht richtet sich die Thematik auf das spezifische Verhalten der Ausreißer und erklärt defizitäre familiäre Strukturen als bedeutendste Ursachen für die Straßenflucht.68

Grundlegender Maßstab ist eine idealisierte Vorstellung eines Familienbildes, das sich am ehesten anhand von Stabilität, Geborgenheit, Privatsphären und stabilen, tragfähigen Beziehungen festmachen lässt. Der Ausbruch weist ״auf konflikthafte Beziehungen [des - VM] Kindes oder Jugendlichen mit seiner relevanten Umwelt69 hin. Abweichendes Verhalten von Kindern wie Jugendlichen wurde so thematisiert, das es stark von einem Erhalt kollektiver Werte und Normen in der jeweiligen Erziehung abhängt. Im gegenwärtigen wissenschaftlichen Diskurs hinsichtlich auslösender Impulse für eine Straßenflucht wird der Schwerpunkt auf die individuellen Biographien der Betroffenen sowie auf die unterschiedlichen Einstiegs- und Ausstiegsbedingungen von Straßenszenen gelegt, wie sie zum Beispiel in den publizierten Studien von Stefan Thomas (2005)70, Martina Bodenmüller.(2003)71, Peter Hansbauer (2000)72 angesprochen werden. Paradigmatisch zeigt die selbst durchgeführte Feldstudie am Flamburger Flauptbahnhof von Ute Metje (2005)73 neue Denkrichtungen auf, da die Forscherin in der Einrichtung ״KIDS“ am Tagesgeschehen teilnehmend junge Frauen beobachtet und ihre Erfahrungen und Betrachtungen detailliert und persönlich schildert. Dahingehend haben sich auch die Vorstellungen geändert wohnungslose Frauen als eine eigenständige Zielgruppe zu betrachten und dementsprechend wird eine verstärkte Sozialarbeit hinsichtlich sozialstruktureller Diskriminierungen weiblicher Armut und Wohnungslosigkeit eingesetzt.74

Dabei gehen die Autoren nicht mehr primär von einem familiären Umfeld, als Hauptursache für die Straßenflucht aus, sondern sie berücksichtigen den gesamten Lebensraum der Betroffenen Aufgrund der Komplexität unterschiedlicher Einflüsse, gibt es keine universell gültige Konstellation verantwortlicher Aspekte, die dem Beginn einer Straßenkarriere vorausgehen. Speziell in der Pubertät prägt das Zusammenspiel negativer Faktoren den Entwicklungsprozess weiblicher Jugendlicher nachhaltig.

Wie im Kapitel 3.1 dargestellt, sind die Sozialisationserfahrungen im sozial nahen und im gesamtgesellschaftlichen Kontext Wegbereiter für den weiteren Ablösungsprozess von der Familie und dadurch eng verknüpft mit der Entscheidung auf der Straße leben zu wollen. Maßgebliche Kriterien können neben der Flucht aus der Herkunftsfamilie auch die Heimflucht, das Ende der Erziehungsmaßnahmen, der Reiz subkultureller Szeneorte oder ökonomische Ursachen sein.

Diesen Entwicklungstendenzen geht voraus, dass die weiblichen Jugendlichen sich erst nach verschiedenen aufgetretenen Krisenzeiten und Konfliktsituationen entscheiden auf die Straße zu flüchten. Herauszustellen ist, dass nicht allein eine Ursache ausschlaggebend für den Ausbruch ist, sondern vielfache Problemkonstellationen, die straßenkarrieren produktiv fördern und nicht isoliert voneinander betrachtet werden dürfen. Gitta Trauernicht hat ein intégratives Deutungsmodell entworfen, das sowohl mikro- als auch makrogesellschaftliche sozialstrukturelle Gesichtspunkte berücksichtigt. Der Autorin ist es hierbei wichtig auf geschlechtsspezifische Konflikte, soziale Bindungslosigkeit, innerfamiliäre Verhältnisse und die subjektiven Deutungen

[...]


1 Beck, Ulrich. (1986): Risikogesellschaft - Auf dem Weg In eine andere Moderne. Frankfurt/ Main

2 Zit. siehe ebd., S.105 (Hervorhebungen Im Original) Fischer Birgit: statt eines Vorwortes (2000): Mit einer tief gespaltenen Gesellschaft ins

3.Jahrtausend?!, In: Butterwegge, Christoph: Kinderarmut in Deutschland. Ursachen, Erscheinungsformen und Gegenmaßnahmen. Frankfutrt/Main: s.llff

4 Vgl. Offraod Kids e.v. Perspektiven für Straßenkinder in Deutschland, gegr. von Seidel, Markus (1994), URL: http://www.offroadkids.de/ [zuletzt geprüft 08.01.2011]

5 Meldung der Agentur MB/APN : Die Zahl der straßenklnder wächst. In: Focus Online Schule am 16.02.2010, URL: htt p://www.focus.de/sch ule/fa m ¡I Ie/erzleh и ng/jugendl ¡che-zahl-der-strassenkmder-waechst_ald_480731.html [zuletzt geprüft am 24.09.2010]

6 Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.v. (BAG w): Statistikbericht 2004 bis 2006, Bielefeld: 2008, URL: http://www.bag-wohnungslosenhilfe.de/index2.html [zuletzt geprüft am 27.09.2010]

7 Vgl. Geiger; steinert, Erika (1991): Alleinstehende Frauen ohne Wohnung. Stuttgart, Berlin und Köln:s.36

8 Bodenmüller, Martina (2000): Auf der Straße leben- Mädchen und junge Frauen ohne Wohnung. Frankfurt/Main: S.10

9 Vgl. Geiger, steinert (1991): Alleinstehende Frauen ohne Wohnung. S.36

10 Buchholz, Sarah (1998): Suchen tut mich keiner- Obdachlose Jugendliche in der individualisierten Gesellschaft. Münster: S.21

11 Jordan, Erwin; Trauernicht, Gitta (1981): Außreißer und Trebegänger. Grenzsituationen sozialpädagogischen Handelns. München

12 Jordan; Trauernicht (1981): Außreißer und Trebegänger. Grenzsituationen sozia!pädagogischen Handelns, s. 18

13 Vgl. § 42 (1) KJHG, SGB VIII (2007) In: Walhalla Fachredaktion: Das gesamte Sozialgesetzbuch, SGB I bis SGB XII; 2007/1, Regensburg und Berlin

14 Buchholz (1998): Suchen tut mich keiner- Obdachlose Jugendliche in der individualisierten Gesellschaft. S.31

15 Vgl. § 42(1), KJHG, 2007

16 Bodenmüller; Piepel (2003): Streetwork und Überlebenshilfen. Entwicklungsprozesse von Jugendlichen aus Straßenszenen, s.ll

17 Buchholz (1998): Suchen tut mich keiner- Obdachlose Jugendliche in der individualisierten Gesellschaft.S.26

18 ISA - Institut für soziale Arbeit (1996): Lebensort Straße. Kinder und Jugendliche in besonderen Problemlagen. Münster: S.30

19 Ebd.,s.ll

20 Ebd., S.30

21 Permien, Hanna; Zink, Gabriela (1998): Endstation Straße? Straßenkarrieren aus der Sicht von Jugendlichen. DJI (Hrsg.); München: s.ll

22 Ebd., s. 89

23 Vgl. Buchholz (1998): Suchen tut mich keiner- Obdachlose Jugendliche in der individualisierten Gesellschaft. S.25

24 Ebd., s. 279ff

25 Hansbauer, Peter (1998): Kinder und Jugendliche auf der Straße. Analysen, Strategien und Lösungsansätze. Münster: S.31

26 Vgl. Silbereisen, Rainer K.; Kästner, Peter (1987): Jugend und Problemverhalten: Entwicklungspsychologische Perspektiven. In: Oerter, Rolf; Montada, Leo (Hrsg.): Entwicklungspsychologie, München/Weinheim: s. 885ff

27 Vgl. Hurrelmann, Klaus (1995): Einführung in die Sozialisationstheorie: über den Zusammenhang von Sozialstruktur und Persönlichkeit. Weinheim/Basel: S.179ff

28 Hansbauer (1998): Kinder und Jugendliche auf der Straße. Analysen, Strategien und Lösungsansätze. s.32ff

29 Projektgruppe (1995): Straßenkarrieren von Kindern und Jugendlichen, ln: DJI (Hrsg.):Straßenkinder - Annäherungen an ein soziales Phänomen. Bericht zur ersten Projektphase. München/Leipzig: S.138

30 Geißler, Rainer (1996): Die Sozialstruktur Deutschlands. Zur gesellschaftlichen Entwicklung mit einer Zwischenbilanz zur Vereinigung. Opladen: S.190

31 Klausch, Peter: Jeder 4. Jugendliche lebt In Armut, In: Presseinformation der Arbeitsgemseinschaft vom 11.06.2008 (2008), URL: http://www.agj.de/pdf/Jugendarmut.pdf [zuletzt geprüft am 18.09.2010]

32 Vgl. Britten, Uwe (1995): Abgehauen. Wie Deutschlands Straßenkinder leben, Bamberg: S.5

33 Ebd., S.7

34 Bundesarbeltsgemelnschaft Wohnungslosenhllfe e.v. (BAG w) (2010): Schätzung der Zahl der Wohnungslosen und von Wohnungsloslgkelt Bedrohten, URL: http://www.bag-wohnungslosenhllfe.de/lndex2.html [zuletzt geprüft am 11.10.2010]

35 Specht, Thomas (2010): Statistikbericht 2007. In: Bundesarbeltsgemelnschaft Wohnungslosenhllfe e.v. (Hrsg.), (2010), URL: http://www.bagwohnungslosenhllfe.de/agstado/Statlstlkberlcht_2007.pdf[zuletzt geprüft am 27.09.2010]

36 Tabelle veröffentlicht In Ebd. (2010) [zuletzt geprüft am 27.09.2010]

37 Bodenmüller, Martina(2001): Auf der Straße leben- Zur Lebenssituation wohnungsloser Mädchen und den Konsequenzen für die Jugendhilfe., ln:Retza, Burglinde; Weber, Monika (Hrsg.), (2001): Mädchen auf der Straße - im Blick von Jugendhilfe, Forschung und Mädchenarbeit. Frankfurt/Main: S.16

38 Vgl. Buchholz (1998): Suchen tut mich keiner. Obdachlose Jugendliche in der individualisierten Gesellschaft. s.34ff

39 Beck (1986): Risikogesellschaft - Auf dem Weg in eine andere Moderne. S.206

40 Thomas, Wiliam (1967): The unadjusted girl. New York: S.42

41 Vgl.. Bodenmüller (2001): Auf der Straße leben- Zur Lebenssituation wohnungsloser Mädchen und den Konsequenzen für die Jugendhilfe. s.21ff

42 Bitzan, Maria; Daigler, Claudia (2001): Mädchen heute. Zum Aufwachsen von Mädchen unter modernisierten Bedingungen, s.11-39, In: Retza; Weber (Hrsg.) (2001): Mädchen auf der Straße im Blick von Jugendhilfe, Forschung und Mädchenarbeit, s. 13

43 Ebd., S.21

44 Thomas: The unadjusted girl. 1967, s. 84f

45 Vgl. Birtsch, Vera (1996): Doppelt benachteiligt. Sozialisation von Mädchen in Familie und Heim. In: Birtsch, Vera; Hartwig, Luise; Retza, Burglinde (Hrsg.) (1996):Mädchenwelten- Mädchenpädagogik. Perspektiven zur Mädchenarbeit in der Jugendhilfe. Frankfurt am Main,s. 18

46 Vgl. Bodenmüller (2001): Auf der Straße leben- Zur Lebenssituation wohnungsloser Mädchen und den Konsequenzen für die Jugendhilfe.s.32

47 Vgl. Trauernicht, Gitta (1989): Ausreißerinnen und Trebegängerinnen: Theoretische Erklärungsansätze, Problemdefinitionen der Jugendhilfe, strukturelle Verursachung der Familienflucht und Selbstaussagen der Mädchen, Münster

48 Gipser, Dietlinde; Stein-Hilbers, Marlene (1980): Wenn Frauen aus der Rolle fallen. Weinheim/ Basel

49 Zit. n. Leopold, Beate; Burchat, Roswitha (1996) : Auf der Suche nach Leben, Unabhängigkeit, sich selbst Mädchen und Sucht. In: Birtsch; Hartwig; Retza, (Hrsg.): Mädchenwelten - Mädchenpädagogik. Perspektiven zur Mädchenarbeit in der Jugendhilfe. Frankfurt/ Main: S.59

50 Bitzan; Daigler (2001): Mädchen heute. Zum Aufwachsen von Mädchen unter modernisierten Bedingungen. S.24

51 Vgl. ebd. s.24ff

52 Vgl. ISA (1996): Lebensort Straße. Kinder und Jugendliche in besonderen Problemlagen. S.42

53 Vgl. Bodenmüller (2000): Auf der Straße Konsequenzen für die Jugendhilfe. S.33

54 Krause, Fred (1992): Streetwork in Cliquen, Szenen und Jugend(sub)kulturen. In: Jugendhilfe, 30. Jg., Heft 3/1992, s. 98f

55 Vgl. Conen, Marie-Luise (1983): Mädchen flüchten aus der Familie: ״Abweichendes" Verhalten als Ausdruck

56 gesellschaftlicher und psychischer Konflikte bei weiblichen Jugendlichen. München: s. 48

Bitzan; Daigler (2001): Mädchen heute. Zum Aufwachsen von Mädchen unter modernisierten Bedingungen. S.26 In: Retza; Weber (Hrsg.): Mädchen auf der Straße im Blick von Jugendhilfe, Forschung und Mädchenarbeit.

57 ”vgl. ebd., S.26

58 Ebd., S.22

59 Hagemann-White, Carol (1984): Sozialisation. Männlich Weiblich. In: Heitmeyer, Wilhelm et al (Hrsg.): Gewalt. Schattenseiten der Individualisierung bei Jugendlichen aus unterschiedlichen Milieus. 3.Aufl., München/ Weinheim״ S.266

60 Vgl. Heitmeyer et al (Hrsg.) (1998): Gewalt. Schattenseiten der Individualisierung bei Jugendlichen aus unterschiedlichen Milieus. s.266ff

61 “vgl. ebd.s.41

62 Hagemann-White, Carol (1984): Sozialisation. Männlich Weiblich.

63 zit. n. Bizan, Maria; Daigler (2001): Claudia: Eigensinn und Einmischung: Einführung in Grundlagen und Perspektiven parteilicher Mädchenarbeit. München/ Weinheim : S.23

64 Zit.n. Ebd., S.23

65 Zit.n. Ebd.' S.23

66 Siehe ebd., s. 17

67 Vgl. Trauernicht (1989): Ausreißerinnen und Trebegängerinnen: Theoretische Erklärungsansätze, Problemdefinitionen der Jugendhilfe, strukturelle Verursachung der Familienflucht und Selbstaussagen der Mädchen

68 Zit. n.. Buchholz (1998): Suchen tut mich keiner- Obdachlose Jugendliche in der individualisierten Gesellschaft. S.38

69 Jordan; Trauernicht (1981): Außreißer und Trebegänger. Theoretische Erklärungen Grenzsituationen sozialpädagogischen Handelns. S.36

70 Thomas, Stefan (2005): Berliner Szenetreffpunkte Bahnhof Zoo. Alltag junger Menschen auf der Straße. Wiesbaden

71 Bodenmüller, Martina; Piepel, Georg (2003): Streetwork und Überlebenshilfen. Entwicklungsprozesse von Jugendlichen aus Straßenszenen. Weinheim/ Berlin/ Basel: Verlagsgruppe Beltz

72 Hansbauer (1998): Kinder und Jugendliche auf der Straße. Analysen, Strategien und Lösungsansätze.

73 Vgl. Metje, Ute Marie (2005): ״Zuhause im Übergang. Mädchen und junge Frauen am Hamburger Hauptbahnhof. Frankfu rt/Main

74 Enders-Dragässer, Uta; Sellach, Brigitte et. al. (Berichterstattung und Herausgabe) (2000): Frauen ohne Wohnung. Handbuch für die ambulante Wohnungslosenhilfe für Frauen. Modellprojekt "Hilfen für allein stehende wohnungslose Frauen" im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Stuttgart, Berlin/ Köln: s.81f

Ende der Leseprobe aus 125 Seiten

Details

Titel
Weibliche obdachlose Jugendliche (er)leben auf Deutschlands Straßen. Fluchtmotive und Bewältigungsstrategien ihrer Straßenkarriere
Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
125
Katalognummer
V212906
ISBN (eBook)
9783668711167
ISBN (Buch)
9783668711174
Dateigröße
1345 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
weibliche, jugendliche, deutschlands, straßen, fluchtmotive, bewältigungsstrategien, straßenkarriere
Arbeit zitieren
Verena Manlig (Autor), 2011, Weibliche obdachlose Jugendliche (er)leben auf Deutschlands Straßen. Fluchtmotive und Bewältigungsstrategien ihrer Straßenkarriere, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/212906

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