Die Arbeit mit freier Musik erlebt seit Jahren einen kontinuierlichen Aufwind, von der Anerkennung der Möglichkeiten und Wirkungen freier Musik in Animation, Pädagogik und Therapie im Großen bis hinunter zu steigenden (bzw. beständig hohen) Besuchszahlen in Improvisationsseminaren. Natürlich ist die Musikimprovisation (MI) nur ein Teil der neuen Wege in der Sozialpädagogik, doch paßt sie wiederum zu jener noch relativ jungen Hörbewegung in unserer Kultur (vgl. BEHRENDT, 1985).
Ein Indikator dieser Entwicklung ist die weitere Vergrößerung und Professionalisierung des Zusatzstudiums 'Sozialpädagogische Musiktherapie' an dieser FH, in dessen Studienordnung die körperliche, seelische, soziale und kulturelle Wirkung von Musik aufgezeigt wird (vgl. Studienordnung Sozialpädagogische Musiktherapie, 3).
Meine Intention ist es, mit dieser Arbeit einen möglichst breiten Einblick in dieses nicht einfache Thema geben zu können. Nicht nur, daß das Studienfach Sozialpädagogik eine aus verschiedenen Wissenschaften wie Psychologie, Pädagogik, Soziologie, Recht u.a. bestehende Profession ist, also nicht eindeutig definierbar, so ist auch Musik etwas, was sich mit Worten schwer beschreiben läßt. Deshalb stelle ich Fragen, die ich aus verschiedenen Sichtweisen heraus zu beantworten suche. So frage ich als erstes einen Gestalttherapeuten nach dem Wesen von Musik und gehe auf ihr zentrales Wahrnehmungsorgan ein. Dann wird Wesen, Geschichte und Bedeutung der Improvisation aus der 'Sicht' von Musikern und Pädagogen heraus zu beschreiben versucht. Nicht stellen werde ich die Frage 'Was ist eine Gruppe?', doch werden Zusammenhänge - gerade die Bedeutung von Kommunikation - immer wieder auftauchen.
Im vierten Kapitel wird dann die musikalische Gruppenimprovisation näher beschrieben; zum einen anhand meiner Seminarerfahrungen an dieser FH von 1990-93, zum anderen durch die Beschreibung der von Kapteina aufgestellten Dimensionen der GI. Die Abkürzungen MI und GI werde ich im übrigen synonym verwenden, da es hier immer um die von einer Gruppe improvisierte Musik geht. Das letzte große Kapitel stellt dann den Bezug zur sozialpädagogischen Praxis und Lehre her. Anhand verschiedener Bereiche werden Möglichkeiten und Schwierigkeiten des Einsatzes von MI dargestellt. Ihre Wirkung ist im jeweiligen Zusammenhang während der ganzen Arbeit Thema.
Gliederung
1. Einleitung
2. Was ist Musik?
2.1. Die Gestalt der Musik nach Hegi
2.1.1. Der Rhythmus
2.1.2. Der Klang
2.1.3. Die Melodie
2.1.4. Die Dynamik
2.1.5. Die Form
2.2. Musikimprovisation und auditive Wahrnehmung
3. Was ist Improvisation?
3.1. Improvisation in verschiedenen Musikidiomen
3.1.1. Improvisation in der abendländischen Klassik
3.1.2. Improvisation im Jazz
3.1.3. Improvisation in der elektronischen Musik
3.1.4. Improvisation in der indischen Klassik
3.1.5. Improvisation im Flamenco
3.1.6. Zusammenfassung
3.2. Improvisation in der Musikpädagogik
3.2.1. Geschichtlicher Exkurs
3.2.2. Improvisation aus pädagogischer Sicht
3.3. Improvisation am Beispiel CAN
4. Was ist musikalische Gruppenimprovisation?
4.1. Exemplarischer Ablauf von Musikimprovisation unter Einbeziehung spiel- und reflexionsrelevanter Faktoren
4.2. Die Dimensionen der Gruppenimprovisation nach Kapteina
4.2.1. Die ästhetische Dimension
4.2.2. Die pädagogische Dimension
4.2.3. Die politische Dimension
4.2.4. Die sozialpsychologische Dimension
4.2.5. Die tiefenpsychologische Dimension
4.2.6. Die spirituelle Dimension
5. Musikimprovisation in der Sozialpädagogik
5.1. Musikimprovisation mit Kindern
5.2. Musikimprovisation mit Jugendlichen
5.3. Musikimprovisation mit Suchtkranken
5.4. Musikimprovisation mit behinderten Menschen
5.5. Musikimprovisation mit alten Menschen
5.6. Musikimprovisation mit Familien
5.7. Musikimprovisation in der Ausbildung
6. Schlußbemerkungen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Wesen, die Wirkung und die praktischen Möglichkeiten der musikalischen Gruppenimprovisation innerhalb der Sozialpädagogik, wobei insbesondere die Rolle von Kommunikation, Selbsterfahrung und persönlichem Wachstum im Vordergrund steht.
- Grundlagen der Musik und Improvisation aus verschiedenen Perspektiven.
- Die sechs Dimensionen der Gruppenimprovisation nach Kapteina.
- Anwendung der Musikimprovisation in unterschiedlichen sozialpädagogischen Praxisfeldern (Kinder, Jugendliche, Suchtkranke, Behinderte, Senioren, Familien).
- Bedeutung der Gruppenimprovisation für die Ausbildung in der Sozialpädagogik.
Auszug aus dem Buch
3.1.2. Improvisation im Jazz
Der entscheidende Impuls zur Wiederbelebung der Improvisation in der abendländischen Musik des 20. Jahrhunderts ging zweifellos vom Jazz aus. Dieser kann als eine unverwechselbare Art des Musizierens bezeichnet werden, bei der "gewisse Zwischenwerte des Rhythmus, der Phrasierung, der Tonbildung, der Improvisation des dem Augenblick entspringenden eigenen Antriebs der Spieler entscheidender sind als die Grundwerte der überkommenen europäischen Musik." (LINDLER, 278)
Im konventionellen Jazz basiert die Improvisation auf melodisch-harmonischen Themen (tunes) und deren Taktgliederung, sprich: eine nach einem festgelegten Taktschema gespielte Harmoniefolge wird in Melodielinien, Skalen und Arpeggien aufgelöst, wobei dem Harmoniegerüst stets eine der 'popular songs'-Formen oder der Blues in seiner zwölftaktigen Form zugrunde liegt. "Wirkliches Improvisieren umschließt aber die Fähigkeit, 1. zu komponieren, 2. das im Augenblick improvisatorisch komponierte auch richtig zu interpretieren. Die Einheitlichkeit in der Dreiheit Improvisator-Komponist-Interpret macht es so schwer (vielleicht gar unmöglich) das Entstandene durch andere Musiker nachspielen zu lassen" (LINDLER, 280), was aus improvisatorischer Sicht auch nicht Sinn des Ganzen wäre.
Völlig ausgeschriebene Partituren sind nur im kommerziellen Jazz denkbar, während die innovative Richtung mit größtmöglicher Improvisationsfreiheit der Free Jazz ist. Steve LACY, ein Beteiligter an der Entwicklung dieses Stils, sagt: "Für mich muß sich die Musik immer dort befinden - auf der Kante zwischen dem Bekannten und dem Unbekannten. Und man muß sie ständig ins Unbekannte vorantreiben, sonst verkümmert sie und man selbst auch." (BAILEY, 93) Der Sprung ins Unbekannte führt seiner Meinung nach über die Improvisation, sie ist der Lebensnerv des Jazz. Solche Einstellungen sind allerdings eher die Seltenheit, und so hat sich das meiste, was an Jazz gespielt wird, "von einer aggressiven, unabhängigen, vitalen und vorwärtsdrängenden Musik in ein nettes Erinnerungsstück an die gute alte Zeit gewandelt." (BAILEY, 88)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Bedeutung und den Stellenwert von Musik und Improvisation innerhalb des Studiums der Sozialpädagogik.
2. Was ist Musik?: Detaillierte Analyse der musikalischen Grundelemente Rhythmus, Klang, Melodie, Dynamik und Form sowie deren Bedeutung für das menschliche Erleben.
3. Was ist Improvisation?: Untersuchung der Improvisation in verschiedenen musikalischen Genres und deren geschichtliche Entwicklung sowie pädagogische Einordnung.
4. Was ist musikalische Gruppenimprovisation?: Beschreibung der praktischen Abläufe der Gruppenimprovisation und theoretische Herleitung durch die Dimensionen nach Kapteina.
5. Musikimprovisation in der Sozialpädagogik: Darstellung der Anwendungsmöglichkeiten von Gruppenimprovisation in verschiedenen Zielgruppenfeldern der sozialen Arbeit.
6. Schlußbemerkungen: Zusammenfassendes Fazit zur Relevanz der Musikimprovisation als Mittel zur Selbsterfahrung und pädagogischen Arbeit.
Schlüsselwörter
Musikalische Gruppenimprovisation, Sozialpädagogik, Musiktherapie, Improvisation, Kommunikation, Selbsterfahrung, Rhythmus, Klang, Pädagogik, Instrumentarium, Ausdruck, Gemeinschaft, Kreativität, Veränderung, Wahrnehmung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit befasst sich mit der Bedeutung, Wirkung und den Anwendungsmöglichkeiten der musikalischen Gruppenimprovisation im Rahmen der Sozialpädagogik.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Neben theoretischen Grundlagen zu Musik und Improvisation stehen die psychologischen Dimensionen der Gruppenarbeit sowie die spezifischen Einsatzgebiete in der Sozialpädagogik im Mittelpunkt.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Gruppenimprovisation als Methode der Selbsterfahrung und Kommunikation zur Entfaltung von Persönlichkeit und zur Bewältigung von Lebensproblemen in verschiedenen Zielgruppen beitragen kann.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturrecherche und theoretischen Aufarbeitung sowie der Verknüpfung mit praktischen Erfahrungen aus Seminaren und der sozialpädagogischen Praxis.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Definition von Musik und Improvisation, die Vorstellung der sechs Dimensionen der Gruppenimprovisation nach Hartmut Kapteina sowie die detaillierte Beschreibung von Anwendungsfeldern wie Arbeit mit Kindern, Jugendlichen, Suchtkranken, Behinderten und Senioren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Gruppenimprovisation, Sozialpädagogik, Kommunikation, Selbsterfahrung und kreative Ausdrucksformen charakterisieren.
Welche Rolle spielt die Band CAN in dieser Arbeit?
CAN wird als Beispiel für eine Gruppe angeführt, deren Improvisationskonzept und kollektive Arbeitsweise als Modell für die Synthese von Musik und persönlichem Wachstum dienen kann.
Wie bewertet der Autor das Verhältnis von Musik und Sucht?
Der Autor sieht in der Musik eine Chance für Suchtkranke, einen gesunden Zugang zu Lustgewinn und Ausdruck zu finden, warnt jedoch vor der Gefahr, dass Musik als reiner Fluchtweg missbraucht wird.
Warum ist die Unterscheidung zwischen dem 'Hören' und 'Horchen' wichtig?
Das 'Horchen' wird als aktive Form der Wahrnehmung definiert, die für Kommunikation und echte Selbsterfahrung in der Improvisation entscheidend ist, während das 'Hören' als passiver Akt dient.
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- Frank Doerr (Author), 1993, Musikalische Gruppenimprovisation in der Sozialpädagogik. Wesen, Wirkung und Möglichkeiten, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/212920