Naturalismus und Symbolismus in Gerhart Hauptmanns "Bahnwärter Thiel"


Seminararbeit, 2013
16 Seiten, Note: 1,0
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Naturalismus in Bahnwärter Thiel
2.1. Naturalistische Thematik
2.2 Naturalistisches Erzählen

3. Symbolismus in Bahnwärter Thiel
3.1 Naturdarstellung
3.2 Eisenbahn

4. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Verhältnis der literarischen Strömungen des Symbolismus und des Naturalismus ist auf den ersten Blick ein antithetisches. Dem Ziel der möglichst unverfälschten und detailgetreuen Wirklichkeitsdarstellung im Naturalismus steht der „hermetische Charakter des symbolistischen Gedichts“[1] und die „Abkehr von allen auf Wiedergabe der äußeren Wirklichkeit bedachten Intentionen“[2] im Symbolismus gegenüber. Die vorliegende Arbeit will nun am Beispiel der Erzählung Bahnwärter Thiel von Gerhart Hauptmann zeigen, dass die beiden Strömungen trotz ihrer Gegensätzlichkeit eine Synthese eingehen und gemeinsam Ergebnisse hervorbringen können, welche eine der beiden literarischen Methoden allein nicht umzusetzen im Stande wäre.

In einem ersten Schritt soll eine Untersuchung der naturalistischen Merkmale in Bahnwärter Thiel erfolgen, im Zuge derer thematische Schwerpunkte der Erzählung sowie die Kennzeichen naturalistischen Erzählens beleuchtet werden. Anschließend wird sich das dritte Kapitel einer Analyse der symbolistischen Elemente in der „novellistischen Studie“ widmen, wobei der Schwerpunkt auf der Bildsprache, mit der die Natur und das Dingsymbol der Eisenbahn beschrieben werden, liegt. Abschließend wird der Versuch einer Synthese von Naturalismus und Symbolismus in Hauptmanns Erzählung unternommen. Diese sich hauptsächlich auf Fritz Martinis beachtenswerte Erörterungen von 1970 stützende Synthese wird illustrieren, dass sich Symbolismus und Naturalismus in Bahnwärter Thiel bedingen und ergänzen.

Die symbolistischen Merkmale in der Natur- und Technikdarstellung der Erzählung fanden abgesehen von der Interpretation Martinis außerdem durch Günter Taube (1936), Marianne Ordon (1951), Jürgen Born (2000), in Mary Stewarts Ausführungen in Landmarks in German Short Prose (2003) und in Paul Requadts Aufsatz zur Bildsprache in Bahnwärter Thiel Beachtung. Diese Untersuchungen lieferten wichtige Impulse für das zweite Kapitel der vorliegenden Arbeit zum Symbolismus. Der weniger ausführliche erste Teil zu den naturalistischen Aspekten in der „novellistischen Studie“ stützt sich insbesondere auf Benno von Wieses Untersuchung in Die deutsche Novelle von Goethe bis Kafka (1967), Herbert Krämers Ausführungen von 1980 und Werner Bleickers Erörterungen zum das Hauptmann’sche Prosawerk prägenden Erzählstil von 1962. Bevor dieser in 2.2. nähere Beachtung finden wird, soll nun im Kapitel 2.1. die naturalistische Thematik in Bahnwärter Thiel besprochen werden.

2. Naturalismus in Bahnwärter Thiel

2.1. Naturalistische Thematik

Es ist sinnvoll, die Untersuchung der Erzählung hinsichtlich ihrer naturalistischen Charakteristika mit einem Blick auf die in Bahnwärter Thiel behandelten Themenbereiche zu beginnen. In der Wahl seiner Sujets schließt sich Gerhart Hauptmann augenscheinlich der naturalistischen Tradition an. Wie auch schon seine Vorgänger greift der Autor die soziale Thematik des Arbeiteralltags und der Milieuzugehörigkeit auf. Dabei ist die peinlich genaue Schilderung der immer gleichen Abläufe in Bahnwärter Thiels Lebens- und Arbeitswelt kennzeichnend für die naturalistische Schreibweise, die im nächsten Kapitel nähere Beachtung finden wird. Thiel ist als unintellektueller Kleinbürger ein typischer Protagonist der naturalistischen Literatur. Charakteristisch für diese ist auch die zunehmende soziale Isolierung und Vereinsamung des Protagonisten, die in erster Linie durch seinen monotonen Berufsalltag und somit seine Milieuzugehörigkeit verursacht wird.[3]

Im Verlauf der Handlung wird ferner wiederholt auf Thiels zunehmende sexuelle Abhängigkeit von seiner zweiten Ehefrau Lene hingewiesen. Das Motiv der Triebhaftigkeit und sexuellen Hörigkeit gehört ebenfalls zu den häufig dargestellten Thematiken der Naturalisten. Eng mit ihr verbunden ist auch die Problematik der sozialen Determiniertheit und des Ausgeliefertseins der Protagonisten, so ist der Bahnwärter als nicht reflektierender, passiver und sprachloser Mensch seinen Trieben völlig ausgeliefert.[4]

Hauptmanns Gattungsbezeichnung der „novellistischen Studie“ nimmt die naturalistische Intention seiner Erzählung um die Familie Thiel schon vorweg. Es geht dem Autor hauptsächlich um die Schilderung des sukzessiven geistigen Zerfalls des Protagonisten, der schließlich im Wahnsinn endet. In wissenschaftlicher Manier werden „psychische und soziale Verirrungen“ in ihrer „Radikalität ausformuliert“[5], was laut Peter Benner charakteristisch für den deutschen Naturalismus ist und ihn vom Realismus abgrenzt, der eine Verklärung der äußerlichen Wirklichkeit vornimmt. Die Krankheitsgeschichte des Bahnwärters wird nüchtern und vom Erzähler unkommentiert in ihrer ganzen Unausweichlichkeit geschildert. Die Darstellung unschöner und tabuisierter Wirklichkeitszusammenhänge wie sie in Bahnwärter Thiel erfolgt, ist typisch für den Naturalismus.[6]

Wie im vorangegangenen Abschnitt evident wurde, ist die Thematik des Bahnwärter Thiel eindeutig naturalistisch geprägt. Allerdings weist Benno von Wiese darauf hin, dass beliebte Themen wie etwa die Vererbung außen vor bleiben. Darüber hinaus fällt auf, dass der typische Schauplatz der Großstadt und mit ihm verknüpft das Thema der Industrialisierung in der Novelle zu fehlen scheint. Doch durch das Dingsymbol der Eisenbahn findet die naturalistische Problematik des beginnenden Maschinenzeitalters auch im einsamen märkischen Kieferforst Einzug. Die bedrohliche Macht, die von der zunehmenden Technisierung der Gesellschaft ausgeht, wird von Gerhart Hauptmann sehr eindringlich und ganz im naturalistischen Sinne beschrieben. Dass er in seiner Darstellung dieser Bedrohung allerdings schon über den Naturalismus hinausweist, wird im zweiten Teil der vorliegenden Arbeit umfassend diskutiert werden. Doch vorab soll sich das nächste Kapitel mit den naturalistischen Aspekten des Erzählens befassen.[7]

2.2. Naturalistisches Erzählen

„Kunst = Natur – x.“[8] Mit dieser Formel legt Arno Holz drei Jahre nach der Veröffentlichung des Bahnwärter Thiel die wichtigste Grundregel für die naturalistische Schreibweise fest. Im Idealfall soll die Kunst der Natur entsprechen, das Erzählen also die Realität möglichst objektiv und unverfälscht abbilden. Das x in der Formel steht für die künstlerische Subjektivität, die optimalerweise gegen Null strebt. Dem Holz’schen Grundsatz versuchen die Naturalisten durch die Berücksichtigung unschöner, hässlicher und tabuisierter Themen in ihrer Literatur gerecht zu werden. In den prosaischen Werken des Naturalismus ist neben der möglichst phonographischen Wiedergabe von (Sprech)akten (Sekundenstil) vor allem die größtmögliche Objektivität der Erzählinstanz essentiell für den naturalistischen Erzählstil. Im Rahmen einer Analyse der naturalistischen Züge in Hauptmanns Erzählung ist es unumgänglich, zu klären, inwiefern Hauptmann den Holz’schen Grundsatz in seiner Erzählung umsetzt. Das Folgende wird einen groben Überblick über verschiedene Aspekte des Erzählens in Bahnwärter Thiel geben, detailliertere und voneinander getrennte Untersuchungen zu den einzelnen erzählerischen Aspekte können im begrenzten Rahmen dieser Arbeit nicht vorgenommen werden.[9]

[...]


[1] Hoffmann, Paul: Symbolismus. München 1987, S. 25.

[2] Fritz, Horst: Symbolismus. In: Borchmeyer, Dieter & Zmegac, Viktor: (Hg.): Moderne Literatur in Grundbegriffen. Tübingen 21994, S. 413-419, hier S. 413.

[3] Vgl. Payrhuber, Franz-Josef: Gerhart Hauptmann. Literaturwissen für Schule und Studium. Stuttgart 1989, S. 87f.

[4] Vgl. von Wiese, Benno: Gerhart Hauptmann: Bahnwärter Thiel. In: Ders. (Hg.): Die deutsche Novelle von Goethe bis Kafka. Interpretationen I. Düsseldorf 1967, S. 268-283, hier S. 268.

[5] Brenner, Peter: Neue deutsche Literaturgeschichte. Vom „Ackermann“ zu Günter Grass. Berlin/New York 32011, S. 198.

[6] Vgl. ebd., S. 197ff. & Stöckmann, Ingo: Naturalismus. Stuttgart 2011, S. 23-32.

[7] Vgl. von Wiese, a.a.O, S. 268 & Fullard, Katja: Mildernde Umstände für Thiel? Die Schuldfrage in Hauptmanns Novelle. In: Literatur für Leser 23 (2000), H. 3, S. 133-140, hier S. 134.

[8] Holz, Arno: Die Kunst. Ihr Wesen und ihre Gesetze. In: Brauneck, Manfred & Müller, Christine (Hg.): Naturalismus. Manifeste und Dokumente zur deutschen Literatur 1880-1900. Stuttgart 1987, S. 140-151, hier S. 148.

[9] Vgl. Krämer, Herbert: Gerhart Hauptmann, Bahnwärter Thiel: Interpretation. München 1980, S. 43f.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Naturalismus und Symbolismus in Gerhart Hauptmanns "Bahnwärter Thiel"
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,0
Jahr
2013
Seiten
16
Katalognummer
V212926
ISBN (eBook)
9783656409861
ISBN (Buch)
9783656414520
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Bahnwärter Thiel;, Thiel, Hauptmann, Gerhart Hauptmann, Naturalismus, novellistische Studie, Symbolismus
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Anonym, 2013, Naturalismus und Symbolismus in Gerhart Hauptmanns "Bahnwärter Thiel", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/212926

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