In den 1970er Jahren entstanden die großen internationalen Erdölregime im Nahen Osten . In der MENA-Region (siehe Kapitel 3 und Abbildung 1) bildeten sich paternalistische Herrschaftsformen auf der Grundlage materieller Leistungen und traditioneller Loyalitäten. Die Staatsapparate waren nepotistisch gesteuert und personell überdimensioniert. Im Zentrum des bürokratischen Apparates stand der Herrscher beziehungsweise Autokrat. (Pawelka, 2012, S. 6) Durch die Implemen¬tierung autokratischer Regime bildeten sich die Rentenökonomien als Pendant zu den international vorherrschenden kapitalistischen Produktions¬weisen heraus. Eine Folge der speziellen Rentenökonomien war, dass sich im Nahen Osten spezielle nichtkapitalistische Eliten herausbildeten, die durch externe Renten (siehe Kapitel 7) gefördert wurden. (Pawelka, 2008, S. 45) Hossein Mahdavy prägte daraufhin in den siebziger Jahren am Beispiel des erdölreichen Iran erstmals den Begriff des Rentierstaates. (Pawelka, 2008, S. 45)
Durch den Verkauf von Rohstoffen (siehe Kapitel 7.1), wie zum Beispiel Erdöl und Erdgas, oder andere externe Renteneinnahmen konnten die politischen Eliten ohne nennenswerte Gegenleistungen beziehungsweise Investitionen enorme Staatsein-nahmen generieren. (Pawelka, 2008, S. 45) Die Folge war und ist, dass diese Eliten nicht in moderne wirtschaftliche Strukturen investierten. Zudem wurden die Entfal-tungsmöglichkeiten der Wissenschaft, Forschung, Bildung und des Rechts¬systems ihrer Autonomie entledigt. Vielmehr konzentrierte sich die Politik auf die Beschaffung beziehungsweise Stabilisierung von externen Renten und der damit einhergehenden Machtsicherung. (Pawelka, 2012, S. 6)
In den 1990er Jahren kam es zu Preisstürzen auf dem Weltenergiemarkt und die Welt wurde erstmals durch den Prozess der Globalisierung geprägt. Beide Faktoren zusammen stürzten die arabischen Systeme in eine Existenzkrise. Das Ausbleiben wichtiger Reformen in nahezu allen Bereichen der Wirtschaft und der Gesellschaft (speziell in Kultur, Wissenschaft, Bildung und im Rechtssystem) führte in der MENA-Region zur Akkumulation gesellschaftlicher Proteste. Im Jahre 2011 mündeten diese Proteste in den „Arabischen Frühling“ (siehe Kapitel 2). (Pawelka, 2012, S. 6 f.)
Die vorliegende Arbeit befasst sich deskriptiv mit der Theorie und den Prinzipien des Rentierstaates. Des Weiteren werden die vorwiegenden Rentenarten der MENA-Region aufgezeigt und die Auswirkungen des Arabischen Frühlings angeführt.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Der Arabische Frühling
3 Die MENA-Region im Wandel
4 Theorie des Rentierstaates
5 Prinzipien eines Rentierstaates
6 Der Semi-Rentierstaat
7 Bedeutende Rentenarten der MENA-Region
7.1 Rohstoffrenten
7.2 Politische Renten
7.3 Effektenrenten
7.4 Migrationsrente
7.5 Lagerente
7.6 Tourismusrente
8 Ausblick der Renteneinnahmen in der MENA-Region
9 Demokratische Entwicklungen der Rentierstaaten und Semirentierstaaten nach dem Arabischen Frühling
10 Schlussfolgerungen
Zielsetzung & Themen der Publikation
Die vorliegende Arbeit untersucht deskriptiv die Theorie und die Prinzipien des Rentierstaates sowie dessen Rolle als Hemmschuh für demokratische Entwicklungen in den Ländern des Arabischen Frühlings. Dabei liegt der Fokus auf der Analyse verschiedener Rentenarten und deren Auswirkung auf die politische Stabilität und Reformfähigkeit der betroffenen MENA-Staaten.
- Grundlagen der Rentierstaatstheorie nach Mahdavy, Beblawi und Luciani
- Differenzierung zwischen Rentierstaaten und Semi-Rentierstaaten
- Analyse der bedeutendsten Rentenarten (Rohstoff-, politische, Migrations-, Lager- und Tourismusrenten)
- Zusammenhang zwischen Renteneinnahmen, politischer Legitimation und dem Ausbleiben demokratischer Reformen
- Entwicklungsperspektiven für die MENA-Region nach den Umbrüchen des Arabischen Frühlings
Auszug aus dem Buch
4 Theorie des Rentierstaates
Der Begriff „Rentier-Staat“ wurde erstmals von H. Mahdavy im Jahre 1970 geprägt. In seiner Publikation „The Patterns and Problems of Economic Development in Rentier States: The case of Iran“ erläutert Mahdavy die Theorie des Rentierstaates am Beispiel des Iran, der im Jahre 1965 ein typischer Ölstaat der Region mit Öleinnahmen von über 70 Prozent der Staatseinnahmen war und immer noch ist. (Schmid, 1991, S. 53 ff.)
Mahdavy konzeptualisiert den Rentierstaat in einem budgetanalytischen Ansatz als Sondertypus eines peripheren Staates. Er erkennt einen strukturellen Zusammenhang zwischen dem Regimeverhalten und der staatlichen Einkommensstruktur bei Rentierstaaten. Nach seiner Theorie gelten externe Einnahmen eines Staates wie zum Beispiel Schiffspassagen- und Pipelinegebühren, Entwicklungshilfezahlungen und Öleinnahmen als Renten. (Mahdavy, 1970, S. 428 ff.); (Schmid, 1991, S. 53 f.) Mahdavy definiert den Rentierstaat wie folgt:
„Rentier States are defined here as those countries that receive on a regular basis substantial mounts of external rent. External rent are in turn defined as rentals paid by foreign individuals, concerns or governments to individuals, concerns or governments of a given country.” (Mahdavy, 1970, S. 428)
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die historische Entstehung der Rentenökonomien im Nahen Osten ein und definiert den Begriff des Rentierstaates sowie die Auswirkungen externer Renten auf wirtschaftliche und politische Strukturen.
2 Der Arabische Frühling: Dieses Kapitel zeichnet den Verlauf der Protestbewegungen in der MENA-Region nach, ausgehend von der Jasminrevolution in Tunesien bis hin zu den Umbrüchen in Libyen, Ägypten und Syrien.
3 Die MENA-Region im Wandel: Hier werden die demografischen und sozioökonomischen Herausforderungen der Region beschrieben, die als Nährboden für die Aufstände und den Ruf nach politischer Partizipation dienten.
4 Theorie des Rentierstaates: Dieses Kapitel erläutert das wissenschaftliche Konzept des Rentierstaates, basierend auf den Definitionen von Mahdavy, Beblawi und Luciani.
5 Prinzipien eines Rentierstaates: Der Fokus liegt hier auf dem impliziten Gesellschaftsvertrag, bei dem materielle Leistungen gegen politische Loyalität und den Verzicht auf Partizipation getauscht werden.
6 Der Semi-Rentierstaat: Hier werden Staaten definiert, die nur zu Teilen von externen Renten abhängen und somit eine andere ökonomische Dynamik aufweisen als reine Rentierstaaten.
7 Bedeutende Rentenarten der MENA-Region: Detaillierte Analyse der verschiedenen Einnahmequellen, darunter Rohstoff-, politische, Migrations-, Lager- und Tourismusrenten.
8 Ausblick der Renteneinnahmen in der MENA-Region: Eine Prognose über die Zukunft der Renteneinnahmen unter Berücksichtigung globaler Marktentwicklungen und politischer Instabilitäten.
9 Demokratische Entwicklungen der Rentierstaaten und Semirentierstaaten nach dem Arabischen Frühling: Analyse der unterschiedlichen Reaktionen autoritärer Regime auf die Proteste und die Schwierigkeiten beim Aufbau demokratischer Strukturen.
10 Schlussfolgerungen: Dieses Kapitel fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt die These, dass die Rentierstaatlichkeit einen wesentlichen demokratiehemmenden Faktor in der Region darstellt.
Schlüsselwörter
Rentierstaat, MENA-Region, Arabischer Frühling, Politische Renten, Rohstoffrenten, Demokratisierung, Autokratie, Allokationspolitik, Legitimationskrise, Semi-Rentierstaat, Rent-Seeking, Gesellschaftsvertrag, Nahost-Konflikt, politische Partizipation, Wirtschaftsreformen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen der ökonomischen Struktur von sogenannten Rentierstaaten in der MENA-Region und dem Ausbleiben bzw. der Hemmung demokratischer Entwicklungen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Rentierstaatstheorie, die verschiedenen Formen externer Renteneinnahmen, der Arabische Frühling sowie die politische Stabilität und Reformfähigkeit autoritärer Systeme.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, die These zu untermauern, dass Rentierstaatlichkeit einen signifikanten demokratiehemmenden Faktor für die Länder der MENA-Region darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verfolgt einen deskriptiven und analytischen Ansatz, der auf bestehenden Theorien der Politikwissenschaft und Wirtschaftsanalyse (insbesondere Rentierstaattheorie) aufbaut.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Prinzipien des Rentierstaates, differenziert zwischen Rentier- und Semi-Rentierstaaten und untersucht detailliert die verschiedenen Arten von Renteneinnahmen und deren Auswirkung auf die politische Legitimation der Regime.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Rentierstaat, MENA-Region, Arabischer Frühling, Allokationspolitik, politische Partizipation und Demokratiehemmung.
Was versteht die Arbeit unter dem „impliziten Gesellschaftsvertrag“?
Es ist ein Mechanismus, bei dem der Staat der Bevölkerung soziale Sicherheit und Subventionen gewährt, während die Gesellschaft im Gegenzug auf politische Teilhabe verzichtet und Loyalität zeigt.
Warum sind Semi-Rentierstaaten stärker von Protesten betroffen?
Da diese Staaten weniger externe Renten generieren, reicht deren Verteilung oft nicht aus, um breite Gesellschaftsschichten zu „bestechen“ oder regimetreu zu halten, was den Druck für politische Teilhabe erhöht.
Was ist die „Lagerente“?
Die Lagerente ist eine Form von Einnahmen, die sich aus der geopolitischen Lage eines Staates ergibt, wie etwa Gebühren für die Passage des Suezkanals oder Transitgebühren für Pipelines.
- Quote paper
- Niels Schirrmeister (Author), 2013, Rentierstaatlichkeit in der MENA-Region , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/212999