Die gemeinsame Afrika-EU-Strategie 2007 im Fokus

Die Neuausrichtung der Entwicklungsstrategie - Startschuss einer wirklich nachhaltigen Entwicklung?


Essay, 2010

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Nachhaltige Entwicklung
1.1 Begriffsklärung
1.1.1 Entwicklung
1.1.2 Nachhaltige Entwicklung
1.2 Die politische Idee
1.3 Das Konzept der Nachhaltigen Entwicklung

2. Die gemeinsame Afrika-EU Strategie
2.1 Struktur und Organisation
2.2 Erster „Action Plan“ (2008-2010)

3. Kritische Auseinandersetzung

4. Fazit

Einleitung

Seit sechzig Jahren leisten die großen Industriestaaten Entwicklungshilfe für Afrika. Das Ergebnis fällt nicht gerade positiv aus. Durch die zunehmende Vielfältigkeit der Berichterstattung über die Missstände in Afrika, stellen die Menschen in Europa die Entwicklungspolitik und mit ihr die Glaubwürdigkeit der eigenen Regierung, Afrika wirklich helfen zu wollen, immer mehr in Frage. Dieses führte schließlich, innerhalb der Europäischen Union (EU), zu einer grundlegenden Neuausrichtung der Entwicklungsstrategie. Seit der Konferenz über Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio de Janeiro ist das Leitbild der „nachhaltigen Entwicklung“ zu einem politischen Schlagwort geworden.[1] Es geht nicht mehr alleine darum den Entwicklungsländern einen gleichen Lebensstandard zu ermöglichen. Globale Probleme wie der Klimawandel und die zunehmende Ressourcenverknappung haben fatale ökologische, soziale wie auch ökonomische Folgen, welche die sicherheitspolitischen Interessen keines Staates unberührt lassen. Um diesen globalen Herausforderungen entgegenzutreten bedarf es einer gemeinsamen Herangehensweise. Im Dezember 2007 wurde in Lisabon die, von Vertretern der EU und der afrikanischen Staaten gemeinsam erarbeitete Afrika-EU Strategie verabschiedet. Diese Strategie soll die Grundlage für eine neue Partnerschaft zwischen der EU und Afrika darstellen. Ob diese Partnerschaft nun auch den Startschuss für eine wirklich nachhaltige Entwicklung darstellt, soll innerhalb dieser Arbeit geprüft werden. Dazu werden zunächst einmal die Begriffe „Entwicklung“ und „nachhaltige Entwicklung“ erklärt. Daraufhin werden die Entstehung und der Inhalt der politischen Idee der „nachhaltigen Entwicklung“ erläutert. Schließlich wird das Konzept der „nachhaltigen Entwicklung“ beschrieben, auf dessen Basis die gemeinsame Afrika-EU Strategie geprüft wird. Im zweiten Punkt wird dann auf die gemeinsame Afrika-EU Strategie eingegangen. Dafür wird zunächst die Struktur und Organisation, die sich hinter der Strategie verbirgt beschrieben. Im nächsten Punkt wird der erste „Action Plan“, welcher die ersten Maßnahmen innerhalb der neuen Strategie beinhaltet, kurz erläutert. Eine kritische Auseinandersetzung mit der Afrika-EU Strategie erfolgt in Punkt drei. Im letzten Punkt wird dann schließlich das Fazit gezogen.

1. Nachhaltige Entwicklung

1.1 Begriffsklärung

1.1.1 Entwicklung

In Anbetracht des vielseitigen Gebrauchs des Begriffs „Entwicklung“ in der gegenwärtigen Politik lässt sich schnell feststellen, dass es sich dabei um einen extrem unklaren Begriff handelt. Der Soziologe Wolfgang Sachs schrieb bereits Ende der 80er Jahre, dass „…Entwicklung zu einem qualligen, amöben-gleichen Wort geworden [ist]. Es fasst nichts mehr, weil seine Konturen verschwimmen…. . Wer es ausspricht, benennt gar nichts, doch nimmt [er] für sich alle guten Absichten dieser Welt in Anspruch.“[2] Dennoch ist es an dieser Stelle erforderlich dem „amöben-gleichen“ Begriff einen Inhalt zu geben. Die Bedeutung des Begriffes bezieht sich in dieser Arbeit weniger auf das heutige generalisierte Verständnis, dass etwas entwickelt wird, sondern eher in Anlehnung an die Aufklärungsphilosophen Immanuel Kant und Gottfried Wilhelm Leibnitz, dass sich etwas entwickelt. Nach Kant sind alle Naturanlagen eines Geschöpfes dazu bestimmt, sich einmal vollständig und zweckmäßig auszuwickeln. Wobei die Geschöpfe diese Entwicklung durch ihre eigene Tätigkeit zustande bringen müssen. Entwicklung ist demnach kein passiver sondern ein aktiver Prozess. Durch das Auswickeln der eigenen Fähigkeiten können neue besondere Problemlagen besser gemeistert werden.[3] Unter anderem werden in der internationalen Politik die Begriffe Wachstum und Entwicklung oft fälschlicherweise synonym verwendet. Auch hier gilt es wieder zum Ursprung der Bedeutung der beiden Begriffe zurückzukehren. Wachstum bedeutet eine quantitative Zunahme in der Größe, während Entwicklung eine Ausweitung oder Realisierung von Potenzialen hin zu einem qualitativ besseren Zustand bedeutet.[4]

Das auf der Wiener Menschenrechtskonferenz (1993) von den Industrieländern akzeptierte „Recht auf Entwicklung“ zielt eher darauf ab, eine mögliche Entwicklung in den weniger entwickelten Ländern durch externe Einflüsse nicht zu verhindern, als ihnen das Recht zuzusprechen mit Entwicklungsgeldern überhäuft zu werden. Letztendlich sind alle Ziele von Entwicklung in den bereits bestehenden Menschenrechtskonventionen zu finden. Danach bedeutet Entwicklung die Verwirklichung der politischen, sozialen und kulturellen Menschenrechte.[5] Die beiden Politikwissenschaftler Dieter Nohlen und Franz Nuscheler stellten 1974 erstmals ihr „magisches Fünfeck von Entwicklung“ vor, welches sich aus den Komponenten Wachstum, Arbeit, Gleichheit/Gerechtigkeit, Partizipation und Unabhängigkeit zusammensetzt. Wichtig ist hier, dass sich alle Komponenten gegenseitig bedingen. Schließlich fassten Nohlen und Nuscheler das „magische Fünfeck“ in der folgenden Definition zusammen:

„die eigenständige Entfaltung der Produktivkräfte zur Versorgung der gesamten Gesellschaft mit lebensnotwendigen materiellen sowie lebenswerten kulturellen Gütern und Dienstleistungen im Rahmen einer sozialen und politischen Ordnung, die allen Gesellschaftsmitgliedern Chancengleichheit gewährt, sie an politischen Entscheidungen mitwirken und am gemeinsam erarbeiteten Wohlstand teilhaben lässt.“[6]

Ausgehend von diesem Entwicklungsverständnis soll nun der Begriff der „nachhaltigen Entwicklung“ (NE) genauer erklärt werden.

1.1.2 Nachhaltige Entwicklung

„Nachhaltige Entwicklung“ wurde international unter dem Begriff „Sustainable Development“ bekannt. Im deutschen Sprachraum gibt es jedoch keine allgemein gültige Übersetzung.[7] In der Literatur sind unter anderem Übersetzungen wie nachhaltige Entwicklung (UNO-Umweltkonferenz in Rio), dauerhafte Entwicklung (Brundtland-Bericht), ökologisch tragfähige Entwicklung, zukunftsfähige Entwicklung, etc. zu finden. In dieser Arbeit wird der Begriff der „nachhaltigen Entwicklung“ (NE) synonym zu „Sustainable Development“ (SD) verwendet.[8]

Die Problematik der Uneinheitlichkeit spiegelt sich sowohl in der Übersetzung als auch in der Definition von SD wieder. „Nachhaltigkeit ist inzwischen schon zu einem semantischen Chamäleon verkommen, das jedermann mit eigenen Vorstellungen zu füllen pflegt.“[9] Eine der wohl bedeutendsten Definitionen bietet der Brundtland-Bericht[10]. Dieser stellt im Prinzip auch den Ausgangspunkt der internationalen Diskussion um das Konzept der NE dar.[11] Im Brundtland-Bericht wird unter NE eine Entwicklung verstanden, „that meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs.“[12] Diese sehr allgemeine Definition lässt großzügigen Interpretationsspielraum. Dennoch sind eindeutige Werturteile wie Gerechtigkeit, Langfristigkeit, etc. zu erkennen. Das Konzept der nachhaltigen Entwicklung ist demnach ein normatives Konzept, da es den Menschen Handlungs- und Verhaltensempfehlungen gibt. Auffallend ist außerdem, dass es primär um den Menschen geht und nicht um die Umwelt. Natürlich spielt die Umwelt, als natürliche Lebensgrundlage, für eine NE eine sehr bedeutende Rolle. Ihr wird jedoch nur insofern ein Wert zugesprochen, als das sie einen instrumentellen Wert für den Menschen hat. Das Überleben der Menschen steht im Mittelpunkt, dessen Voraussetzung eine hinreichend funktionierende Natur ist.[13] Kernelement der NE ist demzufolge ein bedürfnisorientiertes, anthropozentrisches Weltbild und eine Ethik, welche auf Gerechtigkeit sowohl innerhalb als auch zwischen den Generationen abzielt.[14] Der NE werden folglich drei verschieden Dimensionen zugeschrieben, eine ökonomische, eine ökologische und eine soziale. Die ökonomische Dimension der NE konzentriert sich auf die Aufrechterhaltung der Möglichkeit zur Bedürfnisbefriedigung aller heutigen und zukünftigen Generationen. Die ökologische Dimension betont demgegenüber die direkte oder indirekte Abhängigkeit jeglicher Bedürfnisbefriedigung des Menschen von der Natur. Die soziale Dimension stellt die Frage der Verteilungsgerechtigkeit. Es geht um die Befriedigung der Bedürfnisse aller Menschen, zukünftige Generationen eingeschlossen. Es wird sowohl die intergenerationale als auch die intragenerationale Gerechtigkeit angesprochen.[15] In Anbetracht der verschiedenen Dimensionen ist es verständlich, dass es sich bei der NE um ein interdisziplinäres Konzept handelt. Es beschäftigt Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den verschiedensten Bereichen sowohl transkulturell als auch transnational.

[...]


[1] Vgl. Barbian, Dina: Ökonomie und Sustainable Development. Entwicklung eines Ansatzes zur Umsetzung von Nachhaltigkeit, Aachen 2001, S. 19f.

[2] Sachs, Wolfgang: Zur Archäologie der Entwicklungsidee, in: epd-Entwicklunspolitik, Heft 10/1989, in: Nuscheler, Franz: Lern- und Arbeitsbuch Entwicklungspolitik, 5. Auflage, Bonn 2004, S. 225.

[3] Vgl. Nuscheler, Franz: Lern- und Arbeitsbuch Entwicklungspolitik, 5. Auflage, Bonn 2004, S. 226.

[4] Vgl. Harborth, Hans-Jürgen: Sustainable Development – Dauerhafte Entwicklung, in: Nohlen, Dieter; Nuscheler, Franz (Hrsg.): Handbuch der Dritten Welt. Grundprobleme Theorien Strategien, 3. Auflage, Bonn 1992, S. 231-247, S. 233; Vgl. Barbian, a.a.O., S. 48.

[5] Vgl. Nuscheler: Entwicklungspolitik, a.a.O., S. 233.

[6] Ebd., S. 73.

[7] Wie vielfältig der Begriff 'Sustainable Development' inhaltlich ausgelegt werden kann, wird beispielsweise im Buch „Blueprint for a green economy“ von Pearce, David; Markandya, Anil; Barbier, Edward B., London 1990, S. 173-185, verdeutlicht.

[8] Vgl. Barbian, a.a.O., S. 9.

[9] Nuscheler: Entwicklungspolitik, a.a.O., S. 382.

[10] Brundtland-Bericht wird der 1987 veröffentlichte Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung genannt. Die ehemalige norwegische Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland hatte in dieser Kommission den Vorsitz.

[11] Vgl. Bauer, Steffen: Leitbild der Nachhaltigen Entwicklung, in: Information zur politischen Bildung, Heft 287, Bonn 2008, in: http://www1.bpb.de/die_bpb/UA5H5Q,0,Leitbild_der_Nachhaltigen_Entwicklung.html (27.12.2009)

[12] Report of the World Commission on Environment and Development (A/42/427): Our Common Future, Chapter The Concept of Sustainable Development, Oxford 1987, in: http://www.un-documents.net/ocf-02.htm#I (03.01.2010)

[13] Vgl. Barbian, a.a.O., S. 7f.

[14] Vgl. Bauer, a.a.O..

[15] Vgl. ebd.; Vgl. Barbain, a.a.O., S. 8; Vgl. Nuscheler: Entwicklungspolitik, a.a.O., S. 246.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die gemeinsame Afrika-EU-Strategie 2007 im Fokus
Untertitel
Die Neuausrichtung der Entwicklungsstrategie - Startschuss einer wirklich nachhaltigen Entwicklung?
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie)
Veranstaltung
Die Europäische Union und Afrika
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
19
Katalognummer
V213014
ISBN (eBook)
9783656416029
ISBN (Buch)
9783656416050
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
EU, Europäische Union, Afrika, Entwicklung, Internationale Beziehungen, African Union, Entwicklungshilfe, Entwicklungszusammenarbeit, Außenpolitik, Integration, Nachhaltigkeit, Lissabon, EU-Afrika, Vertrag
Arbeit zitieren
Benjamin Spörer (Autor), 2010, Die gemeinsame Afrika-EU-Strategie 2007 im Fokus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/213014

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