Homoerotische Filmästhetik im heteronormativen Kontext

Eine sequenzanalytische Betrachtung Bernardo Bertoluccis "Die Träumer"


Hausarbeit, 2011

35 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Homosexualität im heteronormativen Kontext - eine Begriffsdefinition

Zum Film „Die Träumer“

Das Sequenzprotokoll

Homosexualität im Film „Die Träumer“

Warum scheitert Théo am gemeinsamen Sex mit Matthew?

Literaturverzeichnis

Filmographie

Abbildungsverzeichnis

Vorwort

„Ein Grund, diesen Film zu machen, war für Bertolucci das gegenwärtige Unwissen darüber, was die damalige Generation wirklich bewegt hat.1 Heute wüssten nur noch wenige, dass es Filmbegeisterte gewesen seien, welche die Mai-Unruhen ausgelöst hätten.2 Die Beteiligten hofften, die Welt zu verändern, und wussten, dass sie an dieser Veränderung irgendwie beteiligt sein würden.3

' Ich habe keinen historischen Moment erlebt, der einen solchen Glanz hatte, eine solche Magie, einen solchen Enthusiasmus!' 4 Und: ' Die 1960erJahre waren für mich die beste Zeit meines Lebens.' 5

Er wolle nichts überhöhen, aber das Publikum dazu anregen, wie die Bewegung die Gesellschaft verändert hat.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Die Träumer (DVD-Cover)

Die Zurückdrängung autoritärer Erziehungsformen, die Stärkung der Demokratie und der Frauen sowie freiere Sexualität seien Errungenschaften, die der Bewegung anzurechnen sind.6 In den Globalisierungsgegnern sieht er so etwas wie Erben der 1968er-Bewegung.78

Wohl besser auf den Punkt könnte man die Faszination Bertoluccis für seinen eigenen Film nicht beschreiben als in diesem kurzen Passus - zugegeben, aus dem Internet. Es gibt wohl nur sehr wenige Menschen, die sich nicht von der Magie der erzählten Geschichte, Bertoluccis Reduktion auf die drei Hauptprotagonisten in einer Welt im Umbruch, mitreißen lassen in diesen Sog in vergangene Tage. Nur noch wenige können sich - wie Bertolucci oben schon sagte - an die Gründe für die 68er-Revolten in ganz Europa erinnern. Das es wirklich die Faszination am Film war, mag ein Auslöser sein, bleibt wohl aber nur einer unter vielen Faktoren, die die aufstrebende, die Vergangenheit abschüttelnde Jugend als Anlass nahm um auf die Straßen zu gehen. Das sich der Film aber mit weit mehr als der Befreiung der 68er befasst wird spätestens dann klar, wenn die Unruhen auf den Straßen beginnen, die drei Freunde (Matthew, Isabelle und Théo - beide letztere sind Geschwister) verschlafen es fast. Sie verlieren sich in ihrer ganz eigenen Geschichte, aus Sex, Nötigung, Familie, Freundschaft und der Wohnung der Eltern Isabelles und Théos, die sie gekonnt in Beschlag nehmen, da die Eltern aufs Land verreist sind.

Was die Motivation der drei ist, sich trotz ihrer Faszination für das Kino doch so sehr aus der Wirklichkeit zu nehmen und ihre ganz eigene Geschichte zu schreiben soll mit dieser Arbeit aufgeschlüsselt werden. Vor allem das Tabu der homosexuellen Handlung, die auch in der 68er- Bewegung einen Aufbruch, aber keine abschließende - der Prozess ist heute noch zu beobachten - Akzeptanz sowohl unter den frei Liebenden als auch in der Gesellschaft als Ganzes findet, nimmt eine entscheidende Rolle in dieser Arbeit ein.

Welche Absichten hat Théo Matthew zu verführen? Warum gelingt es ihm nicht? Soll es ihm überhaupt gelingen? Welche Rolle spielt dabei die permanente Anwesenheit Isabelles dabei? Und wie ist die Beziehung zwischen Théo und Isabelle, genauso wie die zwischen Isabelle und Matthew zu sehen und zu bewerten? Ist Isabelle das Dreh- und Angelpunkt der Dreiecksbeziehung und ist das für Théo die Hürde, die er nehmen müsste um zu Matthew vorzudringen oder müsste er eine andere einschlagen?

Diese Fragen sollen an unterschiedlicher Stelle dieser Arbeit wiederkehren und eine mögliche Beantwortung bekommen. Dabei benutze ich das filmanalytische Element der Sequenzanalyse, die einen ganzen Abschnitt in dieser Arbeit einnehmen wird. Nach der Sequenzanalyse werde ich mich aber nur noch auf die Schlüsselsequenzen stützten, die ein, vielleicht auch nur diffus zu erkennende homosexuelle Filmästhetik im heteronormativen Kontext wiedergeben.

Anstatt eines Fazits werde ich die abschließende Frage versuchen zu beantworten, warum nun Théo an der Verführung Matthews scheitert, da der Zuschauer ab einem gewissen Punkt im Film (näheres dazu bei der Sequenzanalyse) erwartet, dass es zum geschlechtlichen Verkehr zwischen den beiden männlichen Darstellern kommt. Eine eingehende Analyse der Figurenkonstellation in Bertoluccis Film „Die Träumer“ wird dabei eine wichtige Stütze sein.

Die zwei Themengebiete vor dem Sequenzprotokoll: also „Homosexualität im heteronormativen Kontext“ beschäftigt sich mit der allgemeinen Definition des Sachverhaltes, „Der Film 'Die Träumer'“ gibt einen Überblick über Handlung und Kritiken zum Film Michael Krieger, Berlin im Jahr 2011.

Homosexualität im heteronormativen Kontext - eine Begriffsdefinition

Bevor ich meine Ausarbeitung auf den Film „Die Träumer“ beziehen kann, sehe ich es als Notwendigkeit an, vorab näher auf die Begriffe Homosexualität, Heteronormativität und Kontext einzugehen, ebenso wie auf den Begriff der Sexualität. Damit möchte ich dem Leser zu verstehen geben, auf welcher Grundlage ich den Film genauer untersucht habe und zur Schaffung einer gleichen Diskussionsgrundlage über die Begrifflichkeiten. Da sich diese Begriffe aber auch im Verlauf der Zeit verändert haben - zwar nur marginal aber dennoch - stütze ich mich bei der folgenden Ausarbeitung überwiegend auf Rüdiger Lautmanns9 Ausarbeitungen von 1977 mit dem Titel „Seminar: Gesellschaft und Homosexualität“ und darin auf das 1. Kapitel „Eine soziologische Perspektive“, denn auch der Film „Die Träumer“, spielt in den 1960er Jahren und ein Rückgriff auf die Begriffsdefinitionen dieser Zeit sind als zweckdienlich zu betrachten.

Da sich der „heteronormative Kontext“ überwiegend auf die gesellschaftlichen Gepflogenheiten richtet, wird die Eingrenzung der Begriffe anhand der soziologischen Bedeutung erfolgen. Eine argumentative Begründung für die Fokussierung auf die Soziologie findet sich an der jeweiligen Stelle. Dennoch hier ein kurzes Eingehen darauf, da man in einer literaturwissenschaftlichen Analyse eher einen diskursiven Ansatz vermuten würden, anstelle eines soziologischen. Da sich die Analyse des Films auf den darin gezeigten Diskurs der Homosexualität bezieht und damit wiederum auf die sozialen Strukturen und Aspekte der Homosexualität (heteronormativer Kontext) stützt, ist es unumgänglich die Begriffe nicht in einer diskursiven Perspektive zu erklären, sondern in einer soziologischen.

Homosexualität

„Die Homosexuellen sind Menschen mit einem ganz besonderen Ruf. Ob im Volksmund oder in wissenschaftlichen Texten - die homosexuelle Frau oder der homosexuelle Mann treten meist als jemand auf, der anders als ‚die Normale‘ erscheint. Unter einem Homosexuellen versteht man nicht nur den, der vornehmlich Sexualpartner seines eigenen Geschlechts hat, sondern man findet bei ihm zahlreiche weitere Eigenschaften, die aus ihm erst ein eigentümliches Wesen machen. Kein Zweifel, Homosexualität gilt als grundlegende, auf vieles ausstrahlende Beschaffenheit eines Menschen. An dieser Auffassung knüpft sich die Frage, ob Homosexualität damit nicht missverstanden wird. Vielleicht ist der Umstand, mit welcher Art von Partnern jemand zu geschlechtlicher Befriedigung gelangt, doch ein zu dürftiges Merkmal, um danach die gesamte Beschaffenheit eines Menschen beurteilen zu können. Vielleicht auch verstehen wir das Problem besser, wenn wir Homosexualität weniger als individuelles Merkmal, das seine besondere Bedeutung erst aus dem Verhältnis zwischen den Nichthomosexuellen und den Homosexuellen gewinnt.“10 Nach dieser Definition Lautmanns könnte man die Homosexualität aus soziologischer Sicht als genügend erklärt ansehen, damit käme man aber in de Beurteilung des Films „Die Träumer“ nicht sonderlich weit, da man den Charakter Théos nicht nach dieser Definition als homosexuell einstufen kann, da er vor allem mit den Formen - wie ich noch zeigen werden - von Homosexualität agiert. Homosexualität muss man als Interaktionsprozess verstehen, das Zusammenwirken eines einzelnen mit oder in einer Gruppe aus deren Umwelt (Kontext) heraus.11 „Den überragenden Einfluss in diesen Wechselprozessen übt weniger das konkret gleichgeschlechtliche Verhalten aus, also die effektiv geschehende Homosexualität, als vielmehr die ‚Homosexualität‘, nämlich das, was die gesellschaftliche Meinung daraus macht. […] Außerdem ist auch die ‚Homosexualität‘ etwas Wirkliches, nämlich in den Köpfen der Bevölkerung und ihrer Meinungsführer.“12

Um den Wertekanon der 1960er und 1970er Jahre, in denen der Film spielt, noch genauer zu umreißen ist die Frage zu klären, in welcher Sichtweise Homosexualität zu Heterosexualität gesehen wurde. Dabei spielt der Normbegriff, also die „Regel, wie wir handeln sollen“13 die Krux in sich. „In diesem Sinne - als vorgeschriebenes Verhalten - ist nur Heterosexualität normal, aber Homo- und Bisexualität sind es nicht, zumindest nicht hier und heute.“14

Da die Systematik der Diskriminierung nach soziologischen Gesichtspunkten in „Die Träumer“ keine weitere Rolle spielt, lasse ich die weitere Definition von Antihomosexualität und Homophobie an dieser Stelle zur weiteren Eingrenzung des Begriffs der Homosexualität weg.

Homosexualität, so abschließend, kann als eine Interaktionsprozess, bis hin zum eigentlich Geschlechtsverkehr zwischen mindestens zwei Individuen gleichen natürlichen oder sozialen Geschlechts gesehen werden, der aufgrund der Normierung durch die Umwelt (Kontext) ein Determinierung erfährt. Ich lasse bewusst eine Wertung, ob es sich um eine negative, positive oder neutrale Determinierung handelt außen vor, da dies nicht durch das homosexuelle Sein selbst bestimmt wird, sondern durch den Kontext, auf welchen ich im Folgenden näher eingehen möchte.

Ebenso eine Festlegung, ab wann Homosexualität als solche in reiner Form verstanden wird, kann mit dieser Arbeit nicht abschließend und genauer betrachtet werden (zum Beispiel ob das Betrachten eines heterosexuellen Pornos nicht auch schon homosexuelle Züge in sich trägt, wenn der männliche Phallus zu einer Erregung des ebenfalls männlichen Betrachters führt) oder ab wann man von Bisexualität sprechen kann. Eventuell ließe sich in einer weiteren Arbeit zu einem pornografischen Film oder einer soziologischen Untersuchung eine genauere Eingrenzung finden. Für die Arbeit soll der oben genannte Absatz ausreichend sein.

heteronormativer Kontext

Zunächst auf den zweiten Teil, Kontext, bezugnehmend: Im einfachsten Wortsinn kann man Kontext mit Bezugsrahmen definieren. Auch als Kulisse, Paradigma, Hintergrund, Zusammenhang, Konnex oder Nexus zu verstehen15. Allerdings wäre die Definition damit zu kurz gefasst. Betrachtet man das Wort Kontext in seiner sprachwissenschaftlichen Bedeutung, besonders in der Kommunikations- Theorie, so versteht man darunter alle Elemente, die das Verständnis der Äußerung bestimmen.16

Nebst der sprachwissenschaftlichen Bedeutung des Begriffes muss die Bedeutung des Kontextes auch im soziologischen Sinne gesehen werden. Klassischerweise betrifft der Kontext einen körperlichen (Körperteile, Zwillinge) oder gedanklichen (juristisch, naturwissenschaftlich) Zusammenhang. Da sich die soziologische Definition auf meine Mischung aus beiden Materien bezieht, wäre damit der emotionale Zusammenhang, Prägungen oder Reaktionen, Zusammenhänge von Gruppen oder eine gemeinsame Sprachebene, Sinneseindrücke und Erinnerungen gemeint.17

Wie bereits zur Definition des Wortes Homosexualität angeführt sei auch Kontext grob als Umwelt zu sehen. Mehr oder weniger alle Einflüsse aus dem täglichen Leben auf den einzelnen oder die Gruppe wären damit als Kontext zu sehen. Werte, Normen und Ansichten resultieren aus dem Kontext auf den einzelnen. Eine Ableitung ist aber nicht stringent zu sehen, da der Einzelne auch abweichende Ansichten zu Werten, Normen und Ansichten haben kann. Ebenso kann man vom Einzelnen nicht auf den Kontext schließen. Geht man damit der Frage nach, wie sich Kontext generiert, so könnte man dies in der soziologischen Betrachtung darin sehen, dass der kleinste gemeinsame Nenner aller Individuen die Werte, Normen und Ansichten im Kontext bildet. Wiederum diese Beantwortung zur Disposition stellen, zeigt, dass nicht der kleinste gemeinsame Nenner, sonder die größte Schnittmenge der Majorität die Werte, Normen und Ansichten wiedergibt. Abweichungen des Individuums zum Kontext und umgekehrt sind somit möglich; sowie auch die Änderung von Werten, Normen und Ansichten, des Kontextes also, im Laufe der Veränderung durch Zeit, Umstände und Zusammensetzung der Majorität.

Bei der Definition, was man unter dem Adjektiv „heteronormativ“ versteht kann man wiederum Rückschlüsse aus der Definition von Homosexualität ableiten, wobei man erwähnen muss, dass sich eigentlich die Definition von Homosexualität aus der Herbeileitung für Heterosexualität ergibt18. Da ich den Begriff „heteronormativ“ und die gesamte Begriffsdefinition an dieser Stelle nicht zu sehr ausdehnen möchte greife ich auf Lautmann zurück: „In der Soziologie bezeichnet der Normbegriff eine Regel, wie wir handeln sollen (vgl. R. Lautmann, Wert und Norm, 1969, S. 108). In diesem Sinne - als vorgeschriebenes Verhalten - ist nur Heterosexualität normal, aber Homo- und Bisexualität sind es nicht, zumindest nicht hier und heute. Die Frage nach der Normalität führt uns also wieder darauf zurück, die gesellschaftlichen Reaktionen auf Homosexualität - ihre Stellung innerhalb des sozial Ge- und Verbotenen - als maßgebend zu betrachten.“19

Lautmann eröffnet hier bereits die Gegebenheit eines Kontextes („gesellschaftliche Reaktionen“20 ). Unter dem heteronormativen Kontext versteht man nunmehr die Determination der Werte, Normen und Ansichten durch die Majorität der Gesellschaft (die heterosexuell ist21 ) als heterosexuell. Diese Determination bezeichnet man als heteronormativ, was zeigt, dass eine gewisse Erwartungshaltung des geschlechtlichen Verhaltens mit sich bringt.

Die „Homosexualität im heteronormativen Kontext“ soll also zeigen, wie sich gleichgeschlechtliches Verhalten in einer „normalen“ Umwelt zeigt und zu welchen Reaktionen es daraufhin hervorruft. Bezugnehmend auf den hier zu analysierenden Film „Die Träumer“ bedeutet dies, zu zeigen, welche Irritationen Théos homosexuelles Verhalten auf Isabelle (seine Schwester) und Matthew (Bekannter/Freund) hat, mit dem Hintergrund der 1960er und 1970er Jahre hat.

Sexualität

„Im sozio- und verhaltensbiologischen Sinne bezeichnet der Begriff [der Sexualität] die Formen dezidiert geschlechtlichen Verhaltens zwischen Geschlechtspartnern. Bei vielen Wirbeltieren hat das Sexualverhalten zusätzliche Funktionen im Sozialgefüge der Population hinzugewonnen, die nichts mehr mit dem Genomaustausch zu tun haben müssen, so dass dann die handelnden Partner auch nicht unbedingt unterschiedlichen Geschlechts sein müssen.“22

Da diese Definition von Sexualität, vor allem von menschlicher Sexualität nicht ausreicht, soll auch die erweiterte Definition davon hier zum Tragen kommen, um auch die Definition von Homosexualität hinreichend betrachten zu können: „Im weiteren Sinn bezeichnet Sexualität die Gesamtheit der Lebensäußerungen, Verhaltensweisen, Empfindungen und Interaktionen von Lebewesen in Bezug auf ihr Geschlecht. Zwischenmenschliche Sexualität wird in allen Kulturen auch als ein möglicher Ausdruck der Liebe zwischen zwei Personen verstanden.“23

Zum Film „Die Träumer“

Der Spielfilm „Die Träumer“ ist das bisher letzte Werk des italienischen Regisseurs Bernardo Bertolucci und wurde 2003 veröffentlicht. Die Geschichte bezieht sich auf mehrere Werke des britischen Schriftstellers Gilbert Adair, der auch das Drehbuch verfasste.24

Die Handlung des Films

Matthew, ein amerikanische Student ist im Paris des Jahres 1968. Er ist dort für ein Jahr um sein Französisch zu verbessern. Vor der Cinémathèque française begegnet er dem französischen Geschwisterpaar Isabelle und Théo und als deren Eltern in den einmonatigen Urlaub an die Küste nach Turin fahren, laden sie Matthew ein, aus dem Hotel auszuziehen und bei ihnen zu wohnen. Matthew nimmt die Einladung zögerlich an. Die besuchen unabhängig von einander Vorführungen in der Cinémathèque, bis diese wegen der studentischen Unruhen schließt. Während die Proteste sich steigern, verlassen die drei kaum noch die Wohnung. Das Trio genießt stattdessen das Zusammensein. In einer Art Spiel müssen die jeweils anderen die Titel der nach gespielten Filmszenen erraten, dabei ist Strafe bei NichtWissen mit zunehmender sexueller Natur.

Matthew wird anfangs spielerisch, dann zunehmend in das einbezogen, was eine seit langem bestehende, heimliche inzestuöse Beziehung der Zwillinge Isabelle und Théo zu sein scheint. Als Théo eine Filmszene nicht erraten kann, muss er zur Strafe vor einem Filmplakat mit Marlene Dietrich masturbieren; die anderen beiden sehen dabei zu. Isabelle, mit einer gewissen perversen Genüßlichkeit, hebt Théos Hemd immer wieder mit einem Staubwedel an und reizt ihn dadurch noch zusätzlich, Matthew sieht dagegen Abbildung 2: Louis Garrel (Théo) mit Entsetzen, allerdings entflieht er der Situation nicht, zu. Später im Film wird Théo Matthew fragen, ob ihn die Szene nicht angemacht hätte, ein erster Indiz auf tendenzielle Homosexualität.

Eine andere Bestrafung trifft Matthew: Théo spielt eine Ermordung aus Scarface (1932) nach, weder Isabelle noch Matthew - der sich sträubt in das Spiel eingebunden zu werden - erraten den Film. Théo verlangt daraufhin von Matthew mit Isabelle zu schlafen. Zunächst weigert er sich und hastet durch die Wohnung, wird aber schließlich von den beiden in der Küche gestellt. Nachdem Isabelle ihm die Unterhose heruntergezogen hat, findet sie dort ein Bild von ihr, welches Matthew zuvor aus Théos Zimmer entwenden konnte und aus Panik erwischt zu werden in seine Unterwäsche steckte. Daraufhin willigt er dennoch nonverbal in den Geschlechtsverkehr ein und stellt hinterher fest, dass sie noch jungfräulich war. Théo ist dem Beischlaf anwesend und brät gleichzeitig Eier.

Das Spiel aus Sex, Leidenschaft und Offenheit gegenüber dem Nacktsein bekommt einen ersten Knick als Théo und Matthew bereits in der Badewanne sitzen und Isabelle zu ihnen steigt. Sie schlafen alkoholisiert vom Wein ein. Als Matthew wieder erwacht ist er irritiert, als die Regelblutung von Isabelle im Wasser treibt. Théo beruhigt ihn mit den Worten, dass dies etwas ganz Natürliches und Gutes sei. Wieder beginnt ein Spiel zwischen den Dreien, als Matthew zu Isabelle sagt, dass er sie liebt. Théo erwidert, dass auch sie beide ihn lieben würden. Ein Missverständnis entsteht, bleibt aber weiter ungeklärt. Man merkt die aufkommende Eifersucht Théos.

Als „Beweis der Liebe“ wollen Isabelle und Théo Matthews Schamhaare rasieren. In den 1968er Jahren ein absoluter Frevel gegen die Männlichkeit. Matthew rastet aus und schlägt Isabelle das Rasierzeug aus der Hand. Théo versucht ihn zu beruhigen. Matthew bittet Isabelle um ein Rendezvous ohne Théo. Da sie die Situation entschärfen möchte, willigt sie ein.

Isabelle und Matthew werden ein Paar, doch tut dies vorerst der engen Beziehung zwischen Isabelle und Théo keinen Abbruch. Ein erneuter Konflikt zwischen den Dreien zeichnet sich ab, als Matthew Isabelle dazu bringen will, unabhängiger von ihrem Bruder zu agieren. Isabelle ist zu einer Loslösung von ihrem Bruder jedoch nicht bereit. Das abgeschottete Leben in der Wohnung stößt an seine Grenzen, als ihnen die Vorräte ausgehen und

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Eva Green (Isabelle) auch keine Schecks der Eltern mehr vorhanden sind um sich zu versorgen.

Matthew und Théo liegen, ausschließlich in Bademänteln bekleidet auf Théos Bett und lesen und unterhalten sich über die Umbrüche auf den Pariser Straßen. Théo nähert sich Matthew dabei soweit an, dass es den Anschein nimmt als würde es nicht mehr zu lange dauern, bis sie miteinander schlafen. Isabelle unterbricht die hoch erotisierte Stimmung und will den beiden etwas zeigen. Isabelle baute in der Wohnung ein Zelt aus Decken, Tüchern und Bettzeug auf, in dem die drei schlafen.

Als ihre Eltern vorzeitig zurückkehren, eine Begründung dafür liefert der Film nicht, finden sie eine Wohnung voller Unordnung vor.

[...]


1 Bertolucci im Gespräch mit film-dienst Nr. 2/2004, S. 10-11

2 Bertolucci im Gespräch mit Focus, 12. Januar 2004, S. 54-56

3 Bertolucci im Gespräch mit film-dienst Nr. 2/2004, S. 10-11

4 Der Spiegel, Nr. 4/ 2004, S. 148-149, von Urs Jenny

5 Bertolucci im Gespräch mit film-dienst Nr. 2/2004, S. 10-11

6 ebd.

7 Bertolucci im Gespräch mit Welt am Sonntag, 18. Januar 2004

8 aus http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Träumer (Zugriff am 24. Februar 2011) 4

9 vgl. im Weiteren Lautmann, Rüdiger: „Eine soziologische Perspektive“, Seite 9-46, in: Lautmann, Rüdiger (Hrsg.): „Seminar: Gesellschaft und Homosexualität“, 1. Auflage, Frankfurt am Main, 1977

10 Lautmann, Rüdiger: Eine soziologische Perspektive, Seite 9, in: Lautmann, Rüdiger (Hrsg.): Seminar: Homosexualität und Gesellschaft, Frankfurt am Main, 1977

11 vgl. ebd. Seite 17

12 ebd. Seite 17

13 Lautmann, Rüdiger: Wert und Norm, Seite 108, Frankfurt am Main, 1969

14 Lautmann, Rüdiger: Eine soziologische Perspektive, Seite 19, in: Lautmann, Rüdiger (Hrsg.): Seminar: Homosexualität und Gesellschaft, Frankfurt am Main, 1977

15 vgl. hierzu Internet-Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Kontext

16 vgl. Bußmann, Hadumod: „Lexikon der Sprachwissenschaft“, 3. Auflage, Stuttgart 2002

17 vgl. hierzu http://de.wikipedia.org/wiki/Zusammenhang

18 vgl. Lautmann, Rüdiger: Eine soziologische Perspektive, in: Lautmann, Rüdiger (Hrsg.): Seminar: Homosexualität und Gesellschaft, Frankfurt am Main, 1977

19 Lautmann, Rüdiger: Eine soziologische Perspektive, Seite 19, in: Lautmann, Rüdiger (Hrsg.): Seminar: Homosexualität und Gesellschaft, Frankfurt am Main, 1977

20 ebd.

21 vgl. W. Simon und J. H. Gagnon: Sexuelle Außenseiter. Kollektive Formen sexueller Abweichungen, Seite 20, Reinbek, 1970

22 vgl. Internet-Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Sexualität

23 ebd.

24 Die weiteren Ausführungen dieses Kapitels beziehen sich größten Teils auf den Wikipedia-Artikel, der mit entsprechenden weiteren aufgeführten Quellen hinterlegt wurde, da es nur schwer war eindeutige Quellen zum Film zu finden, die sich nicht lediglich in einer Kritik (siehe Ende des Kapitels) zum Film befassten. Deshalb: vgl. http//de.wikipedia.org/wiki/Die_Träumer (Zugriff am 1. März 2011 - 17 Uhr)

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Homoerotische Filmästhetik im heteronormativen Kontext
Untertitel
Eine sequenzanalytische Betrachtung Bernardo Bertoluccis "Die Träumer"
Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)  (Kulturwissenschaftliche Fakultät)
Veranstaltung
Semiotik, Filmwissenschaft, Filmästhetik: Die Erotik zwischen Kunst und Pornographie
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
35
Katalognummer
V213107
ISBN (eBook)
9783656411215
ISBN (Buch)
9783656412168
Dateigröße
1071 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Erotik, Kunst, Film, Die Träumer, Bernardo Bertolucci, Filmästhetik, Sequenzanalyse
Arbeit zitieren
Michael Krieger (Autor), 2011, Homoerotische Filmästhetik im heteronormativen Kontext, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/213107

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