Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit den Standeslügen im Versroman "Tristan" des mittelalterlichen Schriftstellers Gottfrieds von Straßburg. Der Augenmerk ist auf den Protagonisten gelegt. Es wird versucht darzustellen, in welchen Situationen sich Tristan als eine Person anderen Standes ausgibt.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Der Topos der Lüge im historischen Wandel
3 Die Standeslügen im „Tristan“
4 Analyse
4.1 Tristan, der Lügner
4.2 Mit welchen Mitteln täuscht/lügt Tristan?
5 Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Funktion und Motivation von Standeslügen des Protagonisten Tristan im Versroman von Gottfried von Straßburg, um aufzuzeigen, wie Tristan durch gezielte Täuschung und die Aneignung fremder Identitäten existenzielle Situationen meistert.
- Mittelalterliche Ständegesellschaft und soziale Mobilität
- Definition und moraltheologische Einordnung der Lüge (Augustinus und Bonaventura)
- Analyse der spezifischen Standeslügen Tristans im Verlauf der Handlung
- Die Rolle höfischer Erziehung und äußeren Erscheinungsbildes als Täuschungsmittel
- Vergleich mittelalterlicher und moderner gesellschaftlicher Strukturen
Auszug aus dem Buch
4.1 Tristan, der Lügner
Folgt man den eingangs erwähnten Definitionen von Lüge, so ist Tristan ein klarer Lügner. In mehreren Situationen gibt er sich als eine andere Person zu erkennen, als er tatsächlich ist. In Wirklichkeit ist er ein Ritter von hoher Abkunft. Sein Vater war der Herrscher über das Reich Parmenien, seine Mutter die Schwester König Markes von Cornwall. Hier stellt sich die Frage nach dem Warum. Warum lügt Tristan?
Die erste angeführte Textstelle enthält die erste Lüge des Versromans. Tristan ist ein Neugeborener, hat mit der Lüge selbst aber nichts zu tun. Diese erste Standeslüge wird von Rual li Foitenant ausgesprochen, um das Baby vor einem Mordanschlag und das Land vor einem erneuten Krieg zu schützen. Nach den eingangs angeführten Definitionen handelt es sich hier um eine Bonaventur´sche kleine Lüge, die ein größeres Übel verhindert. Außerdem lässt sich erkennen, dass es der gesellschaftliche Stand ist, der Tristan beinahe zum Verhängnis wird. Diese erste Lüge entscheidet, dass Tristan in einem falschen Bewusstsein über seine eigene Identität heranwächst. Man könnte argumentieren, Tristan wäre das Lügen über seinen Stand in die Wiege gelegt worden, doch dies wäre zu einfach. Wie aus mehreren Stellen im Roman ersichtlich wird, lügt Tristan bewusst, nicht etwa weil es in seiner Natur liegt zu lügen. Tristan gibt vielmehr Falschaussagen zu seinem Stand an, wenn die Geschichte vor einer Entscheidung steht. Würde Tristan sich auf seiner ersten Reise nach Irland als Herrscher von Parmenien und als Mörder von Morgan zu erkennen geben, so würde er von den Iren, die ihn am Hafen in Empfang nehmen, getötet werden, spätestens aber durch die Hand der irischen Königin Isolde müsste Tristan sein Leben lassen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Arbeit führt in die Thematik der Standeslügen im „Tristan“ ein und erläutert die methodische Vorgehensweise sowie den historischen Kontext der mittelalterlichen Ständegesellschaft.
2 Der Topos der Lüge im historischen Wandel: Es werden die theoretischen Grundlagen der Lügendefinitionen von Augustinus und Bonaventura dargelegt und deren Bedeutung für das literarische Verständnis von Fiktion und Täuschung im Mittelalter diskutiert.
3 Die Standeslügen im „Tristan“: Dieses Kapitel präsentiert und analysiert zentrale Textstellen aus dem Versroman, in denen sich Tristan als eine Person anderen Standes ausgibt, um verschiedene Gefahrensituationen zu überstehen.
4 Analyse: Die Analyse prüft unter Anwendung der zuvor erarbeiteten Definitionen das Handeln Tristans und untersucht die rhetorischen sowie performativen Mittel, die er zur erfolgreichen Täuschung einsetzt.
5 Resümee: Die Arbeit fasst die Ergebnisse zusammen und reflektiert die Rolle von Identität und gesellschaftlichen Konventionen im Mittelalter im Vergleich zur Moderne.
Schlüsselwörter
Tristan, Gottfried von Straßburg, Standeslüge, Mittelalter, Identität, Lüge, Täuschung, Ständegesellschaft, Augustinus, Bonaventura, Literaturanalyse, Höfische Erziehung, Fiktion, Soziale Zugehörigkeit, Repräsentation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit den Standeslügen des Protagonisten Tristan im gleichnamigen Versroman von Gottfried von Straßburg.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die mittelalterliche Ständegesellschaft, die moraltheologische Bewertung der Lüge sowie die Analyse von Tristans Identitätstäuschungen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Es wird untersucht, in welchen Situationen sich Tristan als Person anderen Standes ausgibt und welche Motive (insbesondere die Sicherung des eigenen Überlebens) diesen Handlungen zugrunde liegen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf der Analyse von mittelhochdeutschen Originaltextstellen im Abgleich mit historischen und moralphilosophischen Definitionen von Lüge.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Verortung der Lüge, die philologische Analyse spezifischer Romanpassagen und die Untersuchung der Mittel, durch die Tristan seine Täuschungen vollzieht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Tristan, Standeslüge, Mittelalter, Identität, Täuschung, Ständegesellschaft, Fiktion und höfische Erziehung.
Warum lügt Tristan aus moraltheologischer Sicht laut der Autorin?
Unter Berufung auf Bonaventura wird argumentiert, dass Tristan lügt, um ein größeres Übel (den eigenen Tod oder Gefahren für das Reich) abzuwenden, was sein Handeln in einem spezifischen moralischen Kontext rechtfertigt.
Welche Bedeutung hat das Äußere für Tristans Standeslügen?
Im Mittelalter war das Erscheinungsbild (Kleidung, Habitus) ein entscheidendes Merkmal des Standes. Tristan nutzt diese Konventionen geschickt aus, um durch sein Auftreten und seine Kleidung die Identität eines Pilgers oder Kaufmanns glaubhaft zu simulieren.
Wie unterscheidet sich die letzte Standeslüge im Roman von den vorangegangenen?
Die letzte Standeslüge als Pilger erfolgt nicht durch eine verbale Lüge, sondern rein durch eine nonverbale Inszenierung mittels Kleidung und körperlicher Veränderung.
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- Christina Kreuzwirth (Author), 2012, Die Standeslüge im "Tristan" Gottfrieds von Straßburg, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/213254