Der „autoritär-vormundschaftliche DDR Staat“ (Neunter Jugendbericht, S. 25), der auf umfassende Integration und Erziehung aller Mitglieder der Gesellschaft unter Führung der Arbeiterklasse und ihrer Partei der SED setzte und den Kampf gegen den kapitalistischen Klassenfeind führte (vgl. Neunter Jugendbericht, S. 26), nutzte gesellschaftlich weitreichende Felder, wie das Bildungssystem, den außerschulischen und vorberuflichen Bereich/Freizeit, sowie indirekt die Instanz der Familie, um direkt und kontrolliert auf Bildung, Erziehung und Sozialisation der DDR-Kinder und -Jugendlichen Einfluss zu haben.
Das Bildungssystem der DDR mit dem ganzheitlichen Konzept der Arbeitserziehung zielte „auf die Einübung der jungen Generation in die sozialistische Arbeitsgesellschaft“ (Neunter Jugendbericht, S. 24). Kinder und Jugendliche galten als „Nachwuchspotential der Werkstätigen in der sozialistischen Produktion“ (Neunter Jugendbericht, S. 24). So wurde der jungen Generation in der Schule Disziplin, Ordnung und Zuverlässigkeit vermittelt, mit dem Ziel, dass sich die allseitig gebildeten Persönlichkeiten der Sache des Sozialismus verschreiben (vgl Neunter Jugendbericht, S. 24). Durch Krippe oder Kindergarten schon gewöhnt an Anpassung und Unterordnung, hatten viele Jungen und Mädchen aber auch Freude am Lernen. „Die für jeden garantierte Perspektive auf einen Ausbildungs- und Arbeitsplatz verhinderte zumeist im großen Stil schulische Frustrationen“ (Neunter Jugendbericht, S. 25). Der DDR Staat beabsichtigte hierbei die Entwicklung von Individualität und Eigensinn selbstbewusster-kritischer Menschen nicht (vgl Neunter Jugendbericht, S. 25).
Schule und Ausbildungsplatz waren in einer bildungspolitischen Phase für die Rekrutierung einer neuen Sozialstruktur und einer sie repräsentierenden Führungselite instrumentalisiert worden (vgl Neunter Jugendbericht, S. 25). Das Bildungssystem hat effizient zum Aufbau und zur Reproduktion seiner Macht und Funktionselite beigetragen. So wurde „bei den männlichen Jugendlichen die Vergabe eines attraktiven Studienplatzes zunehmend von einer Verpflichtungserklärung für einen dreijährigen Wehrdienst bei der Nationalen Volksarmee abhängig gemacht“ (Neunter Jugendbericht, S. 26).
„Kindheit und Jugend in der DDR waren systematisch durch die spezifisch politisch-ideologischen Funktionen der FDJ und ihrer Pionierorganisationen geprägt. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Kindheit und Jugend im DDR-Staat
2. Familienleben und Sozialisation in der DDR
3. Vergleich: Kindheit und Jugend in den neuen und alten Bundesländern nach der Wende
4. Freizeitverhalten und soziale Strukturen 2006
5. Zukunftsperpektiven und der Wandel der Familie
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Ziel dieses Essays ist es, den historischen Wandel der Sozialisationskontexte von Kindern und Jugendlichen seit 1945 zu analysieren, wobei der Fokus auf dem Vergleich zwischen der DDR, den alten Bundesländern und der aktuellen gesellschaftlichen Situation liegt.
- Staatliche Einflussnahme und Erziehungskonzepte in der DDR
- Die Rolle der Familie und informeller Gruppen für die Sozialisation
- Transformationen der Lebenswelten von Jugendlichen nach der Wiedervereinigung
- Einfluss von sozialer Schicht und Bildungsniveau auf das Freizeitverhalten
- Bedeutung der Familie als zentraler „Heimathafen“ und ihre aktuelle Veränderung
Auszug aus dem Buch
Die Rolle der FDJ in der DDR
„Kindheit und Jugend in der DDR waren systematisch durch die spezifisch politisch-ideologischen Funktionen der FDJ und ihrer Pionierorganisationen geprägt. Die FDJ wurde in der offiziellen bildungspolitischen Programmatik als gleichrangige „dritte“ Erziehungssäule neben Elternhaus und Schule gestellt“ (Neunter Jugendbericht, S. 26). Die Unterstützung der Vermittlung von gesellschaftlichen Werten, wie „sozial nützliche Verhaltensweisen, Pünktlichkeit, Ordnung und Sauberkeit“ (Neunter Jugendbericht, S. 26), sowie die Hilfe bei Überwindung von Lernschwierigkeiten bis hin zur Berufsausbildung, entsprachen den Hauptaufgaben der FDJ. Ebenfalls gehörten die Durchführung der Jugendweihe, sowie das Angebot von Freizeitmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche dazu (vgl Neunter Jugendbericht, S. 26). Kinder und Jugendliche gingen gern ihren Hobbys, Sport und Kultur unter dem Dach der FDJ nach. Einige Jugendliche traten der Organisation auch bei, um Nachteile zu vermeiden oder weil sie keine Außenseiter sein wollten (vgl Neunter Jugendbericht, S. 26).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Kindheit und Jugend im DDR-Staat: Beschreibt die autoritäre Struktur des DDR-Bildungssystems, das auf die Erziehung zur sozialistischen Arbeitsgesellschaft und die Rekrutierung einer systemtreuen Funktionselite abzielte.
2. Familienleben und Sozialisation in der DDR: Analysiert die familienzentrierten Strukturen und die Rolle der FDJ als ideologische Instanz sowie die Entstehung privater Nischen in einer „zweisprachigen“ Gesellschaft.
3. Vergleich: Kindheit und Jugend in den neuen und alten Bundesländern nach der Wende: Beleuchtet die Angleichungsprozesse sowie Unterschiede in der Familienorientierung und dem Engagement in Vereinen direkt nach der Wiedervereinigung.
4. Freizeitverhalten und soziale Strukturen 2006: Untersucht, wie Bildungsniveau und soziale Schicht das Konsumverhalten sowie die Mediennutzung von Jugendlichen prägen und die klassische Ost-West-Trennung ablösen.
5. Zukunftsperpektiven und der Wandel der Familie: Erörtert die abnehmenden Zukunftsaussichten, den demografischen Wandel und die Bedeutung der Familie als stabilisierender Ankerpunkt in einer unsicheren Zeit.
Schlüsselwörter
Sozialisation, DDR-Staat, FDJ, Erziehung, Kindheit, Jugend, Familienorientierung, Bildungsniveau, soziale Schicht, Freizeitverhalten, Wertevermittlung, Wende, Zukunftsperspektiven, demografischer Wandel, Jugendbericht.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in diesem Essay im Kern?
Der Essay befasst sich mit dem historischen Wandel von Lebensbedingungen und Sozialisationskontexten von Kindern und Jugendlichen, ausgehend von der DDR bis hin zur modernen Gesellschaft nach der Wiedervereinigung.
Was sind die zentralen Themenfelder des Textes?
Die zentralen Themen sind staatliche Erziehung in der DDR, die Rolle der Familie als Stützungsinstanz, die Auswirkungen der Wiedervereinigung auf junge Generationen sowie der Einfluss von Bildung und sozialer Herkunft auf das Freizeitverhalten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die strukturellen Veränderungen in den Lebensphasen Kindheit und Jugend zu dokumentieren und aufzuzeigen, wie sich politisch-ideologische Einflüsse in individuelle Lebensentwürfe transformiert haben.
Welche wissenschaftliche Grundlage wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich primär auf offizielle Daten wie den Neunten Jugendbericht und die Shell Jugendstudie, um die soziologischen Veränderungen empirisch zu untermauern.
Welche Aspekte stehen im Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil behandelt die Transformation von der durchorganisierten DDR-Jugend hin zu einem differenzierten Verhalten, das heute eher durch soziale Schichten als durch geografische Herkunft geprägt ist.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Sozialisationskontext, Familienzentrierung, Bildungsniveau, gesellschaftliche Transformation und der Wandel der Zukunftsperspektiven junger Menschen.
Wie unterschied sich die Sozialisation in der DDR von der in den alten Bundesländern?
Während in der DDR eine systematische politisch-ideologische Durchdringung durch die FDJ und Schule erfolgte, war die Jugend in den alten Bundesländern stärker durch eine individuelle, nicht-staatliche Freizeitgestaltung geprägt.
Welchen Einfluss hat die soziale Herkunft heute auf Jugendliche?
Der Text stellt fest, dass heute weniger die Herkunft aus Ost- oder Westdeutschland das Verhalten bestimmt, sondern das Bildungsniveau und die soziale Schicht, die über Mediennutzung und Konsumverhalten entscheiden.
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- Patricia Beckmann (Author), 2013, Kindheit und Jugend in der DDR, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/213294