Berichterstattung über Menschen mit Migrationshintergrund in den deutschsprachigen Medien


Hausarbeit, 2013

28 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Berichterstattung über muslimische Migranten

2. Berichterstattung über Straftäter mit Migrationshintergrund

3. Berichterstattung über Frauen mit Migrationshintergrund
3.1 Berichterstattung über nicht-muslimische Frauen
3.2 Berichterstattung über muslimische Frauen

4 Berichterstattung über Sportler mit Migrationshintergrund

Fazit

Einleitung

Um kaum ein Thema in der Bundesrepublik wurde in den vergangenen Jahren so viel und so emotional debattiert und gestritten wie um das Thema Migration und Asyl, sei es in der Gesellschaft, den Medien oder der Politik. Sachliche Argumente spielten dabei nicht immer eine Rolle. So behauptete der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl noch 1991 in seiner Regierungserklärung, dass Deutschland kein Einwanderungsland sei.[1] Dies entsprach weder den zeitgenössischen Fakten, noch der deutschen Migrationsgeschichte.

Diese blickt nämlich auf eine jahrhundertelange Tradition zurück. Ließen sich in der Frühen Neuzeit v.a. religiös verfolgte Gruppen wie die Hugenotten aus Frankreich oder die Mennoniten aus Holland in deutschen Gebieten nieder, - die mit ihrem Fachwissen die dortige Wirtschaft ankurbelten - waren es zur Zeit des Kaiserreiches in erster Linie Polen und Russen, die es als Bergwerksarbeiter in die neuen Industriezentren an Rhein und Ruhr oder als Erntehelfer auf die ostelbischen Höfe zog. Es existierte aufgrund fehlender Arbeitnehmer sogar der Plan, zusätzliche Arbeitskräfte aus China einzusetzen.[2] Der Vorteil war schon damals, dass diese schwere Arbeit von inländischen Arbeitern nicht zu ähnlich günstigen Preisen geleistet werden konnte bzw. wollte.[3]

Nach dem 2. Weltkrieg, von dessen Folgen Deutschland sich wirtschaftlich erstaunlich schnell erholte, betrieb die Bonner Regierung eine gezielte Ausländerpolitik: Im Interesse der Wirtschaft, die einen stetig wachsenden Bedarf an Arbeitskräften verzeichnete, wurde die Anwerbung von sogenannten Gastarbeitern beschlossen. Mit verschiedenen Mittelmeer-Staaten wurden Anwerbeabkommen unterzeichnet, die den – damals noch als befristet angesehenen – Arbeitsaufenthalt ausländischer Arbeitnehmer in der Bundesrepublik regelten.[4]

Bald jedoch kristallisierte sich heraus, dass die Ausländerbeschäftigung kein vorübergehendes Phänomen darstellte. Nur ein geringer Anteil der Gastarbeiter kehrte in seine Heimatländer zurück; viele holten stattdessen ihre Familien nach Deutschland. Aus Furcht vor sozialen Konflikten und in Anbetracht der wirtschaftlichen Rezession beschloss die Bonner Regierung am 23. November 1973 einen Anwerbestopp für ausländische Arbeitskräfte. Gleichzeitig wurde zum ersten Mal eine Eingliederungspolitik für die ausländischen Familien beschlossen.[5] Trotz einer Begrenzungspolitik in den 1980-er Jahren und der konsequenten Leugnung ein Einwanderungsland zu sein, stieg die Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund[6] seitdem bundesweit um 64 %.[7]

Derzeit leben In Deutschland knapp 16 Millionen MmM. Das entspricht etwa einem Anteil von 20 % der Gesamtbevölkerung.[8] Ein erheblicher Teil der Deutschen ohne ausländische Wurzeln hat jedoch kaum Kontakt zu Deutschen mit Migrationshintergrund bzw. in Deutschland lebenden Ausländern.[9] Daher kommt der journalistischen Berichterstattung über MmM eine hohe Bedeutung zu, da sie das Bild vieler deutscher Rezipienten prägt.

Dem verhältnismäßig hohen Anteil von MmM in Deutschland steht ein verschwindend geringer Prozentsatz von MmM in den Medien gegenüber (ca. 3 % des Medienpersonals).[10] Dies hat zur Folge, dass überwiegend Deutsche ohne Bezug zum Thema Migration und Asyl darüber berichten. In meiner vorliegenden Arbeit möchte ich untersuchen, welche Konsequenzen dies für die Berichterstattung hat, d.h. wie MmM in den deutschen Medien dargestellt werden.

Dabei werde ich mich verschiedenen Migrationsgruppen widmen. Zuerst gehe ich auf die Berichterstattung über (männliche) muslimische Migranten ein, auch hinsichtlich der Frage, wie sich die Darstellung in den Medien seit dem 11. September verändert hat. Anschließend beschäftige ich mich mit der Berichterstattung über Straftäter mit Migrationshintergrund. In meinem dritten Punkt setze ich mich mit der Berichterstattung über Frauen mit Migrations-hintergrund auseinander. Es ist der ausführlichste Teil meiner Arbeit, auch weil hier Elemente meiner anderen Themen, wie Kriminalität oder Terrorismus, mit einfließen. Danach beleuchte ich die Berichterstattung über Sportler mit Migrationshintergrund, wo mein Schwerpunkt im Bereich Fußball liegt. In meinem Fazit fasse ich die Ergebnisse schlussendlich zusammen und zeige kurz Lösungsvorschläge auf, wie die Berichterstattung über MmM zu verbessern wäre. In meiner Arbeit beschränke ich mich auf die Darstellung in den politisch nicht radikalen Printmedien. Die zitierten Spiegel-Artikel habe ich zumeist im Archiv von Spiegel-Online gefunden und den entsprechenden Link jeweils als Fußnote ange-geben. Bei den anderen zitierten Zeitungen und Magazinen bin ich nur teilweise fündig geworden, da deren Archiv nicht immer so weit zurückreicht.

In der Kommunikationswissenschaft ist in den letzten Jahren eine zunehmende Auseinandersetzung mit dem Thema Migration festzustellen, wobei sich der Schwerpunkt der Forschung mit dem Themenkomplex Islam beschäftigt. Von einer inhaltsanalytischen Erfassung der Medienberichterstattung wird neuerdings auch auf Erscheinungen wie die der Ethnomedien eingegangen. Sehr gelungene Aufsatzsammlungen zu dem Thema haben die beiden Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge und Gudrun Hentges herausgegeben. Dennoch bleibt festzuhalten, dass zu einigen Bereichen, wie etwa der Frage nach Mediennutzung und Integrationsprozess, Forschungsbedarf besteht.[11]

1. Berichterstattung über muslimische Migranten

Mit über 14 % machen den größten Anteil von MmM Bürger mit türkischen Wurzeln aus.[12] Daher wundert es nicht, dass sich die Medien schon länger mit dem Thema Migration und Islam auseinandergesetzt haben. Interessant ist zu untersuchen, inwieweit die Terroranschläge des 11. September die Sichtweise der Medien auf den Islam verändert haben.

Zunächst lässt sich feststellen, dass nach dem 11. September die Berichterstattung über den Islam und die innere Sicherheit erheblich zunahm.[13] Änderte sich neben der Quantität auch die Qualität der Beiträge?

Tatsächlich existierten schon vor den Anschlägen von New York und Washington in der deutschen Bevölkerung Vorurteile und Ressentiments gegenüber dem Islam. So wurde er als repressiv, modernitäts- und frauenfeindlich angesehen. Eine Unterscheidung zwischen extremistischem und moderatem Islamismus wurde kaum vorgenommen, stattdessen betrachteten viele Deutsche den Islam verstärkt als Politik und weniger als Religion. Muslimische Religiosität wurde zunehmend mit Gewaltbereitschaft gleichgesetzt. Auch wurde mehr über äußere Erscheinungs-formen des Fundamentalismus debattiert, als über dessen gesellschaftliche Ursachen.[14]

Problematisch ist hierbei die Rolle der Medien zu beachten, denn das, was die Mehrheit der deutschen Bevölkerung über den Islam zu wissen meint, ist ihr selten aus eigener Anschauung bekannt, sondern wird ihr vielmehr über die Massenmedien vermittelt.[15] So hat sich bereits vor dem 11. September ein Islambild auf muslimische Migranten in Deutschland übertragen, das einen exogenen, dem fundamentalistischen Extremismus aus dem Nahen Osten verbundenen Ursprung aufwies. Häufig befassten sich Beiträge mit Gewaltfragen und Terrorismus, obwohl es bis dahin in Deutschland keinen Hinweis auf islamistisch begründete Terroranschläge gab. Ein anderes Thema waren Glaubensfragen in Zusammenhang mit sozialen Konflikten. Bei Moscheebauten etwa berichteten die Zeitungen nicht über das Bauvorhaben an sich, sondern bevorzugt über den Konflikt mit dem lokalen, nicht-islamischen Umfeld.[16]

Ein beliebtes Thema in den Medien war der Kopftuchstreit. Dabei stellten die Zeitungen das Kopftuch stets als Symbol der Differenz des Islam von der deutschen Gesellschaft bzw. einer Form der Unterdrückung der Frau dar und ließen dabei außer Acht, dass es auch als Zeichen eines wertkonservativen Weltverständnisses verstanden werden kann, das nicht nur in muslimischen Gesellschaften getragen wird.[17] Generell förderten weite Teile des Journalismus die Idee einer erheblichen kulturellen Differenz zwischen Muslimen und Nichtmuslimen. Dabei arbeiteten sie häufig mit gegensätzlichen Bildern wie moderner/ rationaler/friedlicher Westen versus rückständiger/ fanatischer/gewaltbereiter Islam.[18]

Diese weitestgehend negative Berichterstattung über den Islam – auch schon vor den Ereignissen des 11. September – blieb nicht ohne Einfluss auf die muslimischen Migranten in Deutschland. Das islamisch-orientalische Fremde wurde explizit betont, gleichzeitig den Muslimen in Deutschland Rückständigkeit (etwa in Bezug auf die Gleichberechtigung der Frauen) und mangelnder Integrationswillen unterstellt. Schlechte Ergebnisse der PISA-Studie wurden auf den hohen Anteil muslimisch-migrantischer Kinder in den Klassen zurückgeführt, ebenso wie die zunehmende Gewalt in den (Haupt-) Schulen.

Nach dem 11. September rückte die Komponente des „gefährlichen Moslems“ in Deutschland verstärkt in den Blickpunkt der medialen Darstellung. Dies ist umso bedenklicher, weil die Medien eigentlich eine neutrale und sachliche Blickweise auf die Ereignisse und ihre Folgen haben sollten. Tatsächlich stellt der Terrorismus im Gegensatz zu anderen Formen kriminellen Verhaltens wie Diebstahl oder Körperverletzung eine Gefährdung dar, die nur die allerwenigsten Menschen unmittelbar betrifft. Doch die mediale Aufmerksamkeit an den Terroranschlägen in New York und Washington, die mit einer globalen zeitgleichen Teilhabe an dem Ereignis einherging, führte zu einer Dichotomie zwischen Ursache, Reaktion und Wirkung, was sich negativ auf die Berichterstattung über muslimischen Migranten in Deutschland auswirkte.[19]

Medial wird Zuwanderung von Muslimen in erster Linie als Sicherheitsproblem thematisiert; muslimische Migranten geraten unter eine Art Generalverdacht, als „Schläfer“ in Deutschland zu leben und nur darauf zu warten, einen Terroranschlag auszuüben.[20] So berichtet etwa die rheinische Boulevardzeitung Express am 24.9.2001, dass in Nordrhein-Westfahlen 5000 Gotteskrieger bereitstünden. „Bin Ladens Helfernetz ist größer als bisher angenommen.“ Illustriert wird der Artikel mit einem großen Foto, das Frauen mit Kopftüchern zeigt, sowie einem kleinen Jungen, der ein Spielzeuggewehr in den Händen hält. Außerdem wird die Frage aufgeworfen, ob Gift-Anschläge aus der Luft geplant seien. Zwei Tage zuvor berichtete der Express , dass immer mehr Kölner Gasmasken kaufen würden.[21] Wie gezielt Zeitungen und Magazine Fotos verwenden, um eine Bedrohungslage zu erzeugen, zeigt ein aktuelles Beispiel von Spiegel online . Gibt man dort den Suchbegriff „Salafist“ ein, erscheint das Bild einer zornigen Gruppe bärtiger Männer, die ihre Arme hochrecken und dabei lauthals brüllen. Bezeichnet werden sie als „Die Radikalen“. Diese Art der Berichterstattung erweckt den Eindruck einer unmittelbaren Gefahr durch muslimische Migranten, wodurch eine Stimmung in der Bevölkerung erzielt wird, die es Politikern leicht macht, mit Forderungen wie einer sofortigen Ausweisung von Ausländern beim Vorliegen konkreter Verdachtsmomente zu punkten.[22]

[...]


[1] Siehe: http://helmut-kohl.kas.de/index.php?menu_sel=17&menu_sel2=&menu_sel3=&menu_sel4 =&msg=609

[2] Vgl. Meier-Braun, Karl-Heinz. Deutschland, Einwanderungsland. Frankfurt am Main 2002. S. 9.

[3] Vgl. ebd.

[4] Vgl. ebd. S. 30ff.

[5] Vgl. ebd. S. 42.

[6] Im Folgenden mit MmM abgekürzt.

[7] Vgl. ebd. S. 52.

[8] Siehe: https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/2012/09/PD12_326_122.html

[9] Vgl. Bonfadelli et al. Rundfunk, Migration und Integration. In: Medien & Kommunikationswissenschaft. S. 406.

[10] Vgl. Röbel, Bärbel. Migrantinnen in den Medien. Diversität in der journalistischen Produktion – am Beispiel Frankfurt/Main. In: Wischermann, Ulla; Thomas, Tanja (Hrsg.): Medien, Diversität, Ungleichheit. Wiesbaden 2008. S. 142.

[11] Vgl. Bonfadelli et al. Rundfunk, Migration und Integration. S. 407ff.

[12] Siehe: https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/2011/09/PD11_355_122.html

[13] Anmerkung: Im untersuchten Zeitraum des Jahres 2001 und des ersten Quartals 2002; siehe: Hentges, Gudrun. Von „Knochenbrechern“ und dem „schwarzen Dreieck Moskau – Minsk – Kiew“. Migrationsberichterstattung im Spiegel. In: Butterwegge, Christoph; Hentges, Gudrun (Hrsg.). Massenmedien, Migration und Integration. Wiesbaden 2006. S. 92.

[14] Vgl. Hafez, Kai. Antisemitismus, Philosemitismus und Islamfeindlichkeit: ein Vergleich ethnisch-religiöser Medienbilder. In: Butterwegge, Christoph; Hentges, Gudrun; Sarigöz, Fatma (Hrsg.). Medien und multikulturelle Gesellschaft. Opladen 1999. S. 124f.

[15] Vgl. Trautmann, Sebastian. „Terrorismus und Islamismus“ als Medienthema. In: Butterwegge/Hengtes. Massenmedien und Integration. S. 141.

[16] Vgl. Hafez. Antisemitismus und Islamfeindlichkeit. S. 125f.

[17] Vgl. ebd.

[18] Vgl. ebd. S. 126f.

[19] Vgl. Trautmann. „Terrorismus und „Islamismus“. S. 141f.

[20] Vgl. ebd. S. 150f.

[21] Vgl. ebd. S. 154f.

[22] Vgl. ebd. S. 147.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Berichterstattung über Menschen mit Migrationshintergrund in den deutschsprachigen Medien
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Otto-Suhr-Institut)
Veranstaltung
Seminar: Journalismus und Migration
Note
2,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
28
Katalognummer
V213296
ISBN (eBook)
9783656418221
ISBN (Buch)
9783656419310
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
berichterstattung, menschen, migrationshintergrund, medien
Arbeit zitieren
Christian Stielow (Autor), 2013, Berichterstattung über Menschen mit Migrationshintergrund in den deutschsprachigen Medien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/213296

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