Das politische Gerücht

Eine exemplarische Analyse anhand der Affärengerüchte um Nicolas Sarkozy und Carla Bruni aus dem Jahr 2010.


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013
34 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffsbestimmung
2.1 Ursprung des Begriffes Gerücht
2.2 Charakteristische Wesenszüge und Merkmale

3 Das politische Gerücht
3.1 Seine Spezifik
3.2 Anwendungsmöglichkeiten und Funktionen

4 Bekämpfung politisch motivierter Gerüchte
4.1 Vorbeugende Maßnahmen
4.2 Reaktive Handlungsalternativen
4.2.1 Direkte Reaktion - Dementi
4.2.2 Direkte Reaktion – Gegengerücht
4.2.3 Direkte Reaktionen – juristische Schritte
4.2.4 Diskrete Reaktionen - Ablenkung
4.2.5 Diskrete Reaktionen – Umdeutung
4.3 Keine Reaktion

5 Gerüchtanalyse

6 Literaturverzeichnis
6.1 Internetquellen

1 Einleitung

Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist das kommunikative Massenmedium Gerücht, dessen Charakteristik anhand der spezifischen Ausprägungsform des politischen Gerüchtes thematisiert und konkretisiert wird. In der Fachliteratur wird dem Phänomen des Gerüchtes häufig auch die Bezeichnung ältestes Massenmedium der Welt zugewiesen. Seine Ursprünge lassen sich bis in die römische Kaiserzeit 64. n. Chr. zurückverfolgen und das Phänomen kann somit auf eine weitreichende Popularität und eine über Jahrhunderte hinweg belegbare Existenz zurückblicken. Beide Fakten sind dem Umstand geschuldet, dass vor der Entwicklung neuer Massenmedien wie Zeitung, Fernsehen und Internet ursprünglich nur der Kommunikationskanal der mündlichen Mitteilung existierte und jede Informationen auf diesem Weg verbreitet wurde. Die Arbeit fokussiert sich auf die Nutzung des Massenmediums Gerücht im Bereich der Politik und sieht ihren thematischen Schwerpunkt in der Darstellung des politischen Gerüchtes im inhaltlichen Querschnitt. Um die Basis für ein Verständnis des vorliegenden Themas zu liefern, befasse ich mich zu Beginn mit dem Begriff des Gerüchtes und gehe in diesem Zusammenhang kurz auf seine Herkunft ein. In anschließendem Abschnitt folgt der angesprochene Querschnitt durch das politische Gerücht und die Erörterung dessen Spezifik, einschließlich der Anwendungsmöglichkeiten und Funktionen im politischen Machtkampf der heutigen Zeit. Er kategorisiert zudem das politische Gerücht als eine von vielen Formen der politischen Kommunikation und geht detaillierter auf die große Bedeutung moderner Massenmedien im heutigen Politik-Machtkampf ein. In diesem Zusammenhang wird auf die spezifische Wirkungsweise der modernen Medien wie Fernsehen und Internet eingegangen. Nachfolgend werden Bekämpfungsmaßnahmen gegen politisch motivierte Gerüchte anhand prophylaktischer sowie reaktiver Handlungsalternativen kategorisch aufgezeigt und anhand wirklichkeitsnaher Beispiele konkretisiert und vertieft. Die Arbeit schließt mit der Analyse des politischen Gerüchtes über die angeblichen Affären des ehemaligen französischen Staatsoberhauptes Nicolas Sarkozy und dessen Gattin Carla Bruni aus dem Jahr 2010 ab. Anhand dieses Gerüchtes werden der prozesshafte Charakter sowie die verschiedenen Prozessphasen von Gerüchten exemplarisch aufgezeigt und anhand ausgewählter Quellen belegt.

2 Begriffsbestimmung

Da vorliegende Arbeit das Phänomen des Gerüchtes thematisiert, findet einleitend ein kurzer Diskurs in die Historie sowie in die Entwicklung des Begriffes Gerücht statt. Neben der Eingrenzung auf sprachwissenschaftlicher Ebene wird auf das Wesen und die Rahmenbedingungen, unter denen Gerüchte entstehen und sich verbreiten, eingegangen. Vorangestellte Informationen dienen als Verständnisgrundlage des in dieser Arbeit behandelten politischen Gerüchtes und liefern substantielles Hintergrundwissen.

2.1 Ursprung des Begriffes Gerücht

Der Begriff des Gerüchts leitet sich vom attisch-griechischen Wort pheme bzw. dem dorisch-griechischen phama ab und hat seinen Ursprung in der griechischen Mythologie. In ihr wird mit dem Begriff pheme bzw. phama die Göttin des Gerüchtes und des Ruhmes benannt. Das lateinische Wort fama ist wiederum eine Entlehnung der griechischen Ursprungswörter phama und pheme und alle drei bezeichnen eine unverbürgte Nachricht, die stets von allgemeinem bzw. öffentlichem Interesse ist und sich diffus und zumeist mündlich verbreitet. Zudem unterliegt ihr Inhalt mehr oder weniger starken Veränderungen (vgl. Keil/Kellerhof 2006, S.11). Im deutschen Wörterbuch des Duden-Verlages wird der Begriff als „etwas, was allgemein gesagt, weitererzählt wird, ohne dass bekannt ist, ob es auch wirklich zutrifft“ definiert und als Synonym wird das bereits angesprochene fama, also die Rederei angegeben (vgl. Duden online 2012, `Gerücht`). Vorangehende Ausführungen versuchen, den Begriff auf sprachwissenschaftlicher Ebene zu erfassen, liefern jedoch keine Informationen über charakteristische Wesenszüge bzw. Merkmale von Gerüchten und lassen ebenfalls die Rahmenbedingungen, unter denen Gerüchte entstehen und sich verbreiten, außer Acht. Angesprochene Gerüchte-Charakteristika werden nachfolgend geliefert und anhand bereits getroffener Definitionen und Erklärungsansätzen konkretisiert.

2.2 Charakteristische Wesenszüge und Merkmale

Charakteristisch für das Gerücht ist seine Einstufung als Medium, wobei in der Fachliteratur sogar vom ältesten Massenmedium der Welt gesprochen wird (vgl. Kapferer 1997, S.10). Diese Einschätzung begründet sich auf der Tatsache, dass die Gesellschaften vor der Existenz der Schrift nur auf den Kommunikationskanal der mündlichen Mitteilung zurückgreifen konnten. Somit erhielt das Gerücht einen mächtigen Status. Es übermittelte Nachrichten, konnte Prestige verleihen, es aber auch wieder nehmen. Außerdem war es dazu in der Lage, Unruhen heraufzubeschwören oder sogar Kriege zu verursachen. Die weitreichende Verbreitung der Gerüchte in allen gesellschaftlichen Schichten und Sphären begründet sich durch den mündlichen Charakter der Informationsweitergabe, denn diese Form der Kommunikation beherrscht jeder Mensch, egal welchen Bildungsstandes. Ist von Gerüchten die Rede, so bezieht sich die Bezeichnung immer auch auf ihre Verbreitungsprozesse. In diesem Zusammenhang zeichnet sich ein Gerücht immer durch Diffusion aus, d.h. es weist stets spezifische charakteristische Eigenarten bei seiner Weitergabe auf (vgl. Lauf 1990, S.15). Paradoxerweise hemmt der Umstand, dass dem Kolporteur der Wahrheitsgehalt und die Gerüchtequelle unbekannt sind nicht die Verbreitung des Gerüchtes, sondern forciert diese sogar noch. Gerade die Eigenschaft der Gerüchte, dass sie unbestätigt sind, halten ihre Zirkulation und ihre kollektive Erörterung in Gang (vgl. Weingart 2008, S.241). Bemerkenswert ist, dass das Medium Gerücht auch nach der Einführung der Schrift als Kommunikationsform weiterhin existent blieb und nichts von seiner Popularität einbüßte. Es überlebte sogar das Aufkommen anderweitiger Massenmedien wie Presse, Rundfunk und die anschließend entstehenden audiovisuellen Medien, zu denen z.B. Filme und Videos zählen. Das Vorhandensein verschiedener Massenmedien führte zu einer Spezifizierung des Informationsflusses und zu der Konsequenz eines eigenen Wirkungsbereiches für jedes Medium. Dieser Umstand impliziert, dass die Menschen für spezifische Informationen bestimmte Informationskanäle nutzen. Beispielsweise wird das Medium Fernsehen für den Erhalt der aktuellsten Wetterinformationen genutzt, Auskünfte über eine regionale politische Entscheidung werden aber häufig weiterhin über das Medium der mündlichen Kommunikation eingeholt. Zu dieser Kommunikationsform gehört z.B. auch der Plausch am Sonntagmorgen beim Bäcker, der die zeitnahe Meinungs- und Stimmungslage wiedergibt. Obwohl jeder den Begriff des Gerüchtes kennt und von der Existenz des Phänomens weiß, fällt es den Menschen schwer, es eindeutig einzugrenzen bzw. zu definieren. Die Schwierigkeit, die charakteristischen Merkmale des Gerüchtes zu erfassen, liegt in seiner temporären und vergänglichen Natur. Vergleichsweise bleiben Botschaften, die über die Presse, den Rundfunk oder das Fernsehen verbreitet werden, erhalten und sind aufgrund dessen nachträglich wesentlich effizienter auszuwerten. So besteht z.B. die Möglichkeit, bestimmte Nachrichten in Zeitungsarchiven nachzuvollziehen oder Fernsehsendungen auf Video aufzuzeichnen und hinterher einer Analyse zu unterziehen. Bei einem Gerücht hingegen erfährt der Wissenschaftler in der Regel erst von ihm, wenn es bereits zu spät ist, also das Gerücht bereits nicht mehr in Umlauf ist oder sich in seiner Endphase befindet (vgl. Kapferer 1997, S.11). Die nur noch zu diesem Zeitpunkt möglichen Befragungen können durch mangelndes Erinnerungsvermögen der Befragten oder Verfälschungen negativ beeinflusst werden. Verfälschungen können beispielsweise durch den Effekt der Flüsterpost auftreten, bei dem entweder die Information des Senders nicht richtig beim Empfänger ankommt oder der Empfänger dem Sachverhalt Informationen hinzufügt oder weglässt. Des Weiteren steht bei den bisher durchgeführten wissenschaftlichen Untersuchungen eher der moralische Aspekt als der der Funktionsweise im Vordergrund. Gerüchte werden zudem als inoffizielle Information kategorisiert und stehen konträr zum offiziellen Informationsfluss, der über die bereits erwähnten Massenmedien wie Presse, Rundfunk und Fernsehen abläuft. Ein weiteres charakteristisches Merkmal des Gerüchtes ist seine Schnelligkeit, was unter anderem zu Redewendungen wie „das Gerücht verbreitet sich wie im Fluge“ (vgl. Kapferer 1997, S.27), bzw. „wie in Windeseile“ (vgl. Weingart 2008, S.241) oder „es liegt in der Luft“ (Ebd.) geführt hat. Die Übertragung und Verbreitung von Gerüchten sind so schwer einzudämmen, dass häufig sogar Analogien zur Seuchenverbreitung hergestellt werden. Die Frage, warum diese Form der Information so schnell um sich greift, ist durch den inoffiziellen Charakter des Gerüchtes begründet, der gleichzeitig etwas Verbotenes und Geheimes impliziert. Denn bei einer Information, die für jedermann bestimmt ist, besteht die Möglichkeit, sie über einen der bereits erwähnten offiziellen Informationswege zu erhalten. Kapferer definiert das Gerücht aufgrund dessen auch als einen Geheimnisbruch (ebd.). Zudem ergibt sich der unheimliche Charakter des Gerüchtes aus seiner Eigenschaft, sich selbst einen Halt für seine Erzählung zu geben und gleichzeitig auszudrücken, dass die Information von einer anderen Person stammt (vgl. Neubauer 2009, S.14). Gerüchte bestehen somit zugleich aus dem Medium Hörensagen und der übermittelten Botschaft. Die Kommunikation des Gerüchtes basiert auf Personalisierungsstrategien und die Weitergabe beginnt häufig anhand von Redewendungen wie „dieser oder jene dort hat mir erzählt, dass…“ oder der Sprecher bindet seine Tätigkeit des Nach- und Weitererzählens an das anonyme Kollektiv, was dann an Äußerungen wie „man sagte mir, dass dieses oder jenes geschehen sei“ deutlich wird (vgl. Pompe 2008, S. 131). Des Weiteren ist es üblich, dass die Kolportage eines Gerüchtes mit dem Satzbeginn „ich habe gehört, dass“ eingeleitet wird. Der hier verwendete Indikativ fingiert den Sprecher als Subjekt seines Sprechaktes und seine Einleitung rahmt dabei eine Aussage, die sowohl im Indikativ (es ist geschehen) als auch im Konjunktiv (Wahrscheinlichkeitsform -> es soll geschehen sein) erscheint (Ebd.). Diese rahmende Einleitung bewirkt, dass sich der Gerüchteverbreiter seiner Verantwortung gegenüber seinem eigenen Sprechakt entziehen kann. Außerdem beeinflussen Gerüchte die Menschen unterschwellig und prägen so deren Einstellung und Verhalten in Bezug auf den thematisierten Inhalt des Gerüchtes. Ihm kann aufgrund dessen ein durchaus ansehnliches Machtpotential attestiert werden, da es teilweise die Menschen stärker beeinflusst, als es verlässliche Informationen aus offizieller Quelle tun (vgl. Sommerfeld u.a. 2007, S.1). Hinzukommt, dass bei einem Gerücht die Information immer so schnell wie möglich weitergegeben wird, da sie nur innerhalb eines kleinen Zeitfensters wertvoll ist. Diese charakteristische Schnelllebigkeit hat auch das Sprichwort „Das Gerücht ist blind, aber es läuft schneller als der Wind“ geprägt (vgl. Neubauer 2009, S. 267). Ein Gerücht ist lediglich in dem Zeitrahmen wertvoll, indem sich der „Gerüchteverbreiter“ mit einer angeblich aktuellen und relevanten bzw. enthüllenden Information brüsten und somit das erhoffte Prestige einheimsen kann. Würde jemand eine veraltete Information weitergeben, hätte dies den gegenteiligen Effekt für sein Ansehen, da sich dem Gegenüber die insgeheim angestrebte Selbstprofilierung offenbaren würde. Der gewollte Effekt der Einweihung in eine relevante und geheime Information würde hingegen völlig in den Hintergrund geraten. Gerüchte beziehen sich deswegen häufig auf ein noch nicht so lange zurückliegendes Ereignis, denn je älter das Gerücht ist, desto größer ist sein Wertverlust. Liegt es dennoch weit zurück, versucht der Erzähler stets, sich als Erstvermittler darzustellen, um den Wertverlust zu minimieren. Ein weiteres zentrales Merkmal des Gerüchtes ist die Ungewissheit über seinen Wahrheitsgehalt. Denn eine Falschmeldung bzw. ein unwahres Gerücht entsteht häufig aus ungenauen individuellen Beobachtungen oder aus Augenzeugenberichten, die der Beobachter unvollständig wahrgenommen hat (vgl. Bloch 2000, S.191). Hinzukommt, dass die Menschen nicht erfasste Informationen unbewusst durch ihre Vorurteile, Abneigungen und Ängste unterfüttern, damit sie für sich einen schlüssigen Sachverhalt ergeben. Ein Gerücht wird im Endeffekt erst dann zu einer Nachricht oder Information, sobald sein Inhalt „offiziell“ bestätigt wurde. Übrigens widerlegt dieser Sachverhalt die gängige Meinung, dass ein Gerücht von seinem Inhalt her grundsätzlich falsch sein muss und per se nicht auf einer belegbaren Tatsache basiert (vgl. Bruhn/Wunderlich 2004, S.15). Trotz der schwer fassbaren und inkongruenten Eigenschaften von Gerüchten existieren Wissenschaftler, die das Wesen von Gerüchten untersucht haben und zu konkreten Definitionen gelangt sind. Die nachfolgende Fülle an Definitionsversuchen zeigt allerdings, dass das Phänomen des Gerüchts recht schwer zu fassen ist. Als Beispiel sind in diesem Zusammenhang die beiden US-Forscher Gordon W. Allport und Leo Postman zu nennen, die als erste Wissenschaftler dem Phänomen des Gerüchtes systematisch nachgingen und 1946 folgende Definition hervorbrachten: Es ist eine „mit den Tagesereignissen verbundene Behauptung, die geglaubt werden soll, gewöhnlich von Mensch zu Mensch mündlich weitergegeben wird, ohne dass genaue Fakten vorhanden sind“ (Keil/Kellerhoff 2006, S.12). Ihre Kollegen Warren A. Peterson und Noel P. Gist grenzten das Phänomen einige Jahre später ähnlich ein und umschrieben Gerüchte als: „Berichte oder Erklärungen, die nicht bestätigt sind, von Mensch zu Mensch verbreitet werden und ein Objekt, ein Ereignis oder eine Frage von öffentlichem Interesse behandeln“ (Peterson/Gist 1951, S. 159f.). Dass Gerüchte in einer stark subjektiv gefärbten Wahrnehmung bzw. in einer Vermutung wurzeln, belegen die Formulierungen von Kathleen Tierney, die sich ihrerseits auf die Ausführungen des amerikanischen Soziologen Tom Shibutani aus dem Jahr 1966 stützt. Gerüchte sind ihrer Meinung nach “Formen kollektiven Austausches, die in einer Situation relativer Unwissenheit über ein bestimmtes Ereignis auftreten, in denen vertrauenswürdige Informationen über die Massenmedien nicht verfügbar sind, aber die Menschen verstehen möchten, was vorgefallen ist“ (Tierney 2001, S.3). In Konsequenz dieser Definition beginnen die Menschen nun, sich über den entsprechenden Sachverhalt auszutauschen bzw. zu mutmaßen und es existiert aufgrund der fehlenden vertrauenswürdigen Information die Möglichkeit sich zu profilieren, indem die weitergeleiteten Vermutungen als Fakten dargestellt werden.

3 Das politische Gerücht

Da im weiteren Verlauf der Arbeit das politische Gerücht um Nicolas Sarkozy und Carla Bruni analysiert wird, fungiert der nachfolgende Abschnitt dazu, seine Eigenheiten vorzustellen. Die Spezifik des politischen Gerüchtes wird zunächst konkretisiert, indem seine typische Ausprägungsform anderen Formen des Gerüchtes gegenübergestellt wird. Die signifikanten Unterschiede werden zudem anhand einer Kategorisierung der verschiedenen Gerüchtetypen verdeutlicht. Anschließend werden die verschiedenen Funktionen und Anwendungsmöglichkeiten des politischen Gerüchtes erläutert und in diesem Zusammenhang seine positiven wie auch negativen Verwendungen konkretisiert.

3.1 Seine Spezifik

Grundsätzlich werden in der Fachliteratur ausgehend von der Annahme, dass Gerüchte emotionale Bedürfnisse wie Wünsche, Ängste und Feindseligkeiten befriedigen, drei Gerüchtetypen unterschieden. Der erste Gerüchtetyp vereint sogenannte Wunschgerüchte (pipe-dream oder wish rumors) und verleiht den Hoffnungen und Wünschen desjenigen Ausdruck, der das Gerücht verbreitet (vgl. Knapp 1944, S.22f.). Zu dieser Kategorie gehören beispielsweise Gerüchte, die das Privatleben von Stars betreffen. Im Leben mancher Menschen stellen Stars die wichtigste Bezugsperson überhaupt dar und haben für sie eine solch überragende Bedeutung, dass sie sich regelrecht mit ihr verbunden fühlen und sie als ihr Vorbild und ihre Identitätsquelle ansehen (vgl. Kapferer 1997, S.216). Der zweite Gerüchtetyp stellt das Gegenstück zu obiger Gerüchteart dar und wird als Furchtgerücht (bogy rumors) bezeichnet. Es wird aus Angst und Unruhe hergeleitet und beinhaltet pessimistische bis panische Gerüchte (vgl. Knapp 1944, S.22f.). Hierzu zählen Gerüchte innerhalb des Berufslebens. Sie basieren auf der Überzeugung des Arbeitnehmers, die Kontrolle über die eigene Zukunft verloren zu haben, da diese nun vom Vorgesetzten übernommen wird. Der dritte und letzte Gerüchtetyp wird feindseliges bzw. Aggressionsgerücht genannt und entsteht aus Ablehnung bzw. aus Aggression gegen jemanden oder eine Gruppe (Ebd.). Zu dieser Gerüchteart wird das politische Gerücht gezählt, da es aus Ablehnung einer Person (in diesem Fall der des Politikers) oder einer Gruppe (Partei), in der Öffentlichkeit verbreitet wird. Es stellt im Waffenarsenal des politischen Krieges ein mächtiges und zudem sehr vielfältig einzusetzendes Werkzeug dar (vgl. Kapferer 1997, S.261) und seine Wurzeln lassen sich bis ins 50 Jh. v. Chr. im alten Rom[1] nachvollziehen. In dieser Zeit versinnbildlichte das Forum mit der Rostra (Rednerbühne) das politische Zentrum und somit auch den Mittelpunkt des Gerüchteherds (vgl. Christ 2011, S.57). Das politische Gerücht vereint mehrere Vorzüge. Zunächst erlaubt es der Ursprungsquelle, unerkannt zu bleiben und trotzdem ein Statement zu einem bestimmten Thema außerhalb der offiziellen Möglichkeiten abzugeben. Außerdem kann die entsprechende Person des politischen Lebens durch diese Vorgehensweise eine Gegenmacht zu jeglichem politischen Inhalt bilden und dennoch unerreichbar, geheimnisvoll bleiben und kann vor allem nicht zur Verantwortung gezogen werden. Diese Eigenschaften ermöglichen sogar, Themen öffentlich anzusprechen, deren Behandlung normalerweise die politische Tradition verbietet. Beispielsweise konnte auf diese Art und Weise auf das Privatleben der Ehefrau des ehemaligen Bundespräsidenten Wulf eingegangen und ihm somit politisch geschadet werden. Auf einer konformen politischen Bühne hätte sich wohl niemand (auch nicht die politischen Feinde) gewagt, einen solchen, für die Politik unwichtigen Inhalt aus dem Privatleben eines Mitstreiters zu thematisieren. Ein weiterer Vorzug des politischen Gerüchtes ist der Umstand, ohne jegliche Evidenzen auszukommen. Die öffentliche Meinung reagiert in der Regel schon auf Eindrücke und versäumt es, sich diese auch anhand von Fakten belegen zu lassen. Um einem politischen Gegner zu schaden, reichen aufgrund dessen in den meisten Fällen schon Anschuldigungen aus. Hinzu kommt, dass es eine äußerst sparsame und praktische Möglichkeit der Gegner-Diskreditierung darstellt. Es werden weder viele Mitarbeiter benötigt, um das Gerücht zu „produzieren“, noch Kosten verursacht, was im Vergleich zu anderen politischen Kampagnen, bei denen teilweise Millionenbeträge im Spiel sind, erstaunlich ist. Dennoch weist das politische Gerücht einen signifikanten Nachteil auf: Es besteht die Gefahr, dass es sich dem Zugriff des Urhebers und somit jeglicher Kontrolle entzieht, denn sobald sein Inhalt in der breiten Öffentlichkeit angekommen ist, stellt es einen recht unberechenbaren Selbstläufer dar. Des Weiteren kann es sich im Nachhinein gegen die Zwecke der Gerüchtequelle auswirken, wenn das „Diskreditierungsopfer“ es schafft, das Gerücht zu widerlegen. Gelingt dies, sind auch alle weiteren Gerüchte nicht mehr glaubwürdig und es ist eher der gute Ruf des „Anstifters“ in Gefahr.[2]

[...]


[1] Rom wurde aufgrund dessen auch als Hauptstadt der Fama bezeichnet.

[2] Siehe zu dieser Thematik auch Punkt 4.2.3 `Ablenkung`.

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Das politische Gerücht
Untertitel
Eine exemplarische Analyse anhand der Affärengerüchte um Nicolas Sarkozy und Carla Bruni aus dem Jahr 2010.
Hochschule
Universität Koblenz-Landau  (Institut für Germanistik)
Note
2,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
34
Katalognummer
V213425
ISBN (eBook)
9783656416234
ISBN (Buch)
9783656416470
Dateigröße
688 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Germanistik, Sprachwissenschaft, Kulturwissenschaft, Gerücht, Fama, Nicolas Sarkozy, Carla Bruni, Politische Kommunikation, Politik, Hausarbeit, Proseminar, Hauptseminar, Dementi, Gerüchtanalyse
Arbeit zitieren
Daniel Unger (Autor), 2013, Das politische Gerücht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/213425

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