Zur These der „strategischen Clique“ und der französischen Okkupation von Tunesien am Beispiel des Vertrages von Bardo


Seminararbeit, 2012

24 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Die Vorgeschichte- aus französischer Sicht
Die französische Okkupation von Algerien
Frankreichs innenpolitische Lage
Frankreichs wirtschaftliche Lage

Die Vorgeschichte aus tunesischer Sicht
Tunesiens innenpolitische und wirtschaftliche Situation
Tunesiens außenpolitische Situation

Die strategischen Cliquen in Tunesien

Die französische Okkupation von Tunesien

Der Bardo-Vertrag

Zusammenfassung und Bewertung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Der „scramble for Africa“ begann bereits vor der Berliner Westafrikakonferenz mit der französischen Okkupation von Algerien und Tunesien. Zunächst besetzten französische Truppen bereits 1830 Algerien. Von dort aus marschierten sie dann Mitte 1881 in Tunesien ein. Dieser Einmarsch führte zur Unterzeichnung des Vertrages von Bardo am 12. Mai 1881, sowie der Vereinbarung von La Marsa am 8. Juni 1883 zwischen Frankreich und dem tunesischen Bey, was letztendlich die Einrichtung eines französischen Protektorates über Tunesien bedeutete.

Gilbert Ziebura vertritt in seinem Aufsatz „Interne Faktoren des französischen Hochimperialismus 1871-194“ die These, dass in Tunesien eine strategische Clique existierte, die aus Franzosen gebildet wurde, welche die französische Intervention in Tunesien maßgeblich beeinflusst haben.[1] Diese strategische Clique habe eine wichtige Rolle bei der Okkupation Tunesiens gespielt, so Ziebura.

Ziel dieser Arbeit ist es, die Absichten dieser Clique herauszuarbeiten und zu überprüfen, in wie weit diese Ziele innerhalb des Gesamtvorganges der französischen Okkupation von Tunesien wiedergefunden werden können. Als Maßstab dafür soll der Vertrag von Bardo dienen. Immerhin bildete dieses Dokument den Rahmen der französischen Herrschaft in Tunesien. Wenn Ziebura mit seiner These Recht hat, so müssten die Ziele, oder zumindest Teile der Ziele, der strategischen Cliquen in dem Dokument zu finden sein.

Dazu ist es nötig, kurz auf die Vorgeschichte der französischen Intervention in Tunesien einzugehen, die zur Unterzeichnung des Vertrages von Bardo führte. Dabei soll nicht nur die französische Seite, sondern auch die tunesische Seite berücksichtigt werden. Danach soll die Zusammensetzung der strategischen Cliquen und deren Ziele untersucht werden, um nach einer Analyse und Interpretation des Vertrages von Bardo und der Vereinbarung von La Marsa zu untersuchen, ob die Ziele der Clique in diesem Vertrag wiedergefunden werden können. Abschließend soll ein Fazit formuliert werden, in dem die These von Ziebura unter dem Gesichtspunkt des genannten Dokumentes bewertet wird.

Die Vorgeschichte- aus französischer Sicht

Aus historischer Sicht kann man Frankreichs Kolonialgeschichte in zwei große Epochen aufteilen. Zum einem gab es das sogenannte erste französische Kolonialreich, dessen Blütezeit im 17. und 18. Jahrhundert war und dessen geographischer Schwerpunkt in Amerika lag. Zum anderen existierte das zweite französische Kolonialreich, dessen Blütezeit im 19. Bis Mitte des 20. Jahrhundert war und dessen geographischer Schwerpunkt in Afrika und Südostasien lag.[2] Aus geographischer und zeitlicher Differenz zum Thema dieser Arbeit kann eine genauere Beschäftigung mit dem gesamten ersten französischen Kolonialreich, sowie dem zweiten französischen Kolonialreich in Südostasien entfallen. Von Relevanz ist zunächst nur die Beschäftigung mit dem Aufbau des zweiten Kolonialreiches, der 1830 in Algerien begann.

Die französische Okkupation von Algerien

Algerien war am Anfang des 19. Jahrhunderts de jure Teil des Osmanischen Reiches. De facto herrschte in Algerien aber ein Dey. Dieser Titel wurde ursprünglich vom Sultan in Istanbul an den ihn Stellvertretenden in Algerien verliehen. Nach kurzer Zeit jedoch wurde dieser Titel durch ein Wahlgremium in Algerien, dem Diwan, verliehen. Es entstand so eine Art „Wahlmonarchie“[3], die innerhalb der Kaste der Janitscharen etabliert wurde.[4] Obwohl von Istanbul losgelöst, stand Algerien trotzdem unter türkischer Herrschaft.

Wirtschaftlicher Schwerpunkt dieses eigenständigen Staates war die Landwirtschaft. Algerien produzierte Getreide für den Export, und so kam es, dass Frankreich um 1800 herum größere Mengen Getreide bei Algerien einkaufte, um damit seine Armeen zu versorgen.[5] Die Summe, die Frankreich Algerien dafür schuldete, wurde nicht beglichen. Nachdem diesen Forderungen Langezeit nicht nachgekommen wurde, beschloss Dey Hussein Khodja am 29. April 1827, entschlossener gegen die Franzosen nachzugehen. Der damalige französische Konsul Deval empfand dieses Vorgehen als harsche Kritik an Frankreich, und so kam es zu einer französischen Blockade von Alger. Die Situation und spitze sich so weit zu, dass Frankreich Truppen nach Algerien schickte und begann, das Land unter seine Kontrolle zu bringen. Letztlich war die Angelegenheit mit dem nicht bezahlten Getreide zwar nur casus belli, aber so setzte die Kolonisation von Algerien durch Frankreich ein. Die Entscheidung dazu wurde in Paris getroffen, von König Karl X. und seinen Ministern.[6]

Dieser Vorgang ist insofern für Tunesien von Bedeutung, da nun erstmals eine europäische Macht in direkter Nachbarschaft zu Tunesien stand. Besonders die gemeinsame Grenze zwischen der nun französischen Kolonie Algerien und Tunesien wird für den weiteren Verlauf eine gewisse Bedeutung haben.

Nicht nur die Tatsache an sich, dass Frankreich Algerien besetzt hat, ist wichtig. Ebenso verdient die Art und Weise Beachtung, wie dies geschah: Zwar spielte der französische Konsul Deval eine wichtige Rolle in diesem Prozess, doch wurden alle wichtigen Entscheidungen ausschließlich in Paris gefällt. Die Franzosen, die vor Ort waren, agierten nur im Namen der Krone.[7] Im Falle Tunesiens wird dies genauer zu betrachten sein.

Frankreichs innenpolitische Lage

Frankreichs innenpolitische Lage hat sich in den Jahren von 1852 bis 1870 zweimal grundlegend geändert: So endete die Zweite Republik 1852, und das Zweite Kaiserreich entstand. Dieses Kaiserreich jedoch währte nur bis 1870, als –unter dem Eindruck des Deutsch-Französischen Krieges- die Dritte Republik entstand.[8] Aus diesen grundlegenden Transformationsprozessen gingen verschiedene politische Gruppierungen hervor, die sich am politischen Diskurs beteiligten. Besonders wichtig dabei waren die sogenannten Opportunisten, die sich nochmals in eine „Union républicaine“ und eine „Gauche républicain“" aufteilten. Die Union unterstand Léon Gambetta; die anderen Jules Ferry.[9] Politisch standen die Opportunisten zwar eher mitte-links, doch gelang es ihnen, die Republik zu festigen. Im Parlament saßen außerdem noch die radikalen Linken unter George Clemenceau und die Monarchisten.[10]

Als sich die Frage nach der Okkupation von Tunesien immer mehr aufdrängte, stellte die „Gauche républicaine“ den französischen Premierminister: Jules Ferry. Zudem besaßen die Opportunisten die Mehrheit im Parlament, doch stellte auch eine innerparteiliche Zersplitterung die Regierung vor Probleme.

Seit 1870/71 jedoch war zumindest das Hauptziel der französischen Politik klar: Es ging um die Errichtung einer stabilen Republik, was eindeutig unter dem Eindruck der Pariser Kommune und der Niederlage gegen Preußen bzw. dem Deutschen Reich stand. Besonders schwerwiegend waren der Verlust von Elsass-Lothringen sowie die Vernichtung der französischen Landarmee. Diese wieder aufzubauen war ein wichtiges politisches Projekt, welches bis circa 1879 andauerte.[11] Zudem gesellten sich teilweise erhebliche wirtschaftliche Herausforderungen dazu, die im nächsten Abschnitt näher vorgestellt werden.

Da auf diesen dringenden innenpolitischen Problemen der Fokus lag, wurde bis 1880 kaum Kolonialpolitik betrieben. Dies hatte jedoch auch noch einen anderen Grund: In der französischen Gesellschaft und Politik gab es keine einheitliche Meinung dazu. Die radikalen Linken unter Clemenceau lehnten Kolonien an sich ab;[12] genau die gleiche Meinung vertraten die Sozialisten.[13] Selbst innerhalb der Opportunisten war man sich zu diesem Thema nicht einig.[14]

Umstritten ist, wie die politische Führung zum Thema Kolonien stand. Manche Historiker gehen davon aus, dass bereits mit Amtsantritt von Jules Ferry als Premierminister am 23. September 1880 die politische Führung an einer erneuten aktiven Kolonialpolitik interessiert waren; als ein Grund dafür wird häufig genannt, dass man damit von inneren Problemen ablenken wollte sowie Frankreichs Prestige, dass mit der Niederlage gegen Deutschland gelitten hatte, aufpolieren wollte.[15]

Andere hingegen glauben, dass sich das Interesse der politischen Führung an Kolonialpolitik erst im Laufe der Regierung, teilweise auch durch Beeinflussung von anderen Gruppierungen, ergeben hätte.[16]

Frankreichs wirtschaftliche Lage

Frankreichs Wirtschaft im Zeitraum um 1880 war, trotz der Industrialisierung, immer noch von der Landwirtschaft geprägt. 1885 arbeiteten 5,8 Millionen Menschen in der Landwirtschaft, aber nur 3,7 Millionen waren in der Industrie tätig. Weitere 2,4 Millionen Menschen waren im sogenannten dritten Sektor beschäftigt. Somit arbeitete von 12,4 Millionen Menschen etwas weniger als die Hälfte in der Landwirtschaft.[17]

Was ebenfalls bemerkenswert ist: Bis zu 83% aller Betriebe beschäftigten höchstens vier Arbeitnehmer, 13% der Betriebe beschäftigten bis zu 50 Mitarbeiter und die restlichen vier Prozent hatten mehr als 50 Mitarbeitern. Dies bedeutete, dass rund ein Fünftel aller Beschäftigten in Betrieben mit mehr als 50 Mitarbeitern arbeiteten.[18]

Diese zersplitterte Wirtschaftsstruktur bedingte die hauptsächlich produzierten Güter der französischen Wirtschaft: Eine Serienproduktion fand noch nicht statt, sondern die aufwendige Fertigung von Luxus- und Halbluxusgütern wie Textilien und hochwertigen Lebensmitteln.[19]

Darüber hinaus existierte in Frankreich keine größere Schwerindustrie, zumindest seit Elsass-Lothringen an das Deutsche Reich abgetreten werden musste. Damit einher ging auch der Verlust von größeren Rohstoffvorkommen, vor allem von Eisenerz.[20] Frankreich musste daher Rohstoffe importieren, was freies Kapital benötigte.

Obschon im Allgemeinen nicht von einer Monopolisierung in der französischen Wirtschaft gesprochen werden kann, so gilt dies auf jeden Fall für die französischen Banken, die sich in Paris ansiedelten.[21] Die Banken in Frankreich unterteilten sich zu jener Zeit in zwei verschiedene Arten: Zum einen gab es Depositenbanken, zum anderen gab es Handelsbanken. Aus dieser Unterteilung folgt, dass eine „Fusion von Bank- und Industriekapital zum Finanzkapital“ nicht stattgefunden hat.[22]

[...]


[1] Ziebura, Gilbert: Interne Faktoren des französischen Hochimperialismus 1871-1914. Versuch einer gesamtgesellschaftlichen Analyse, in: Mommsen, Wolfgang J. (Hg.): Der moderne Imperialismus. Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz 1971, S. 85-139.

[2] Zu dieser Einteilung s.a.: Schulze, Udo/Zimmermann, Detlev/ Fuchs, Günther : Unter Lilienbanner und Trikolore : zur Geschichte des französischen Kolonialreiches. Leipzig 2001.

[3] Ganiage, Jean: Histoire contemporaine du Maghreb. De 1830 à nos jours, Paris 1994, S. 22.

[4] Vgl. auch: Rivet, Daniel : Le Maghreb à l´épreuve de la colonisation. Paris 2002, S. 104-108

[5] Vgl. Ganiage, Jean: Histoire contemporaine. S. 83.

[6] Vgl. Rivet, Daniel: Le maghreb, S. 109.

[7] Das genauere französische Vorgehen und die Entscheidungsprozesse dabei sind ausführlich beschrieben bei: Ganiage, Jean: Histoire contemporaine, S. 83-103; sowie bei: Rivet, Daniel: Le meghreb, S. 108-120.

[8] Vgl. Schulze, Udo/Zimmermann, Detlev/ Fuchs, Günther : Unter Lilienbanner und Trikolore, S. 118f.

[9] Vgl. Martin, Jean-François: Histoire de la Tunisie contemporaine. De Ferry à Bourguiba 1881-1956, Paris 1993, S. 48.

[10] Ebda.

[11] Vgl. Pervillé, Guy: De l´Empire français à la décolonisation. Paris 1991, S. 39.

[12] Zumindest zu diesem Zeitpunkt; als Clemenceau 1906 französicher Premierminister wurde führte er gleichwohl Kolonialpolitik fort

[13] Vgl. z.B. Fuchs, Günther/ Henseke, Hans: Das französische Kolonialreich. Berlin 1987, S. 65.

[14] Vgl. Martin, Jean-François: Histoire de la Tunisie, S. 46.

[15] Einen solchen Standpunkt vertreten: Martin, Jean-François: Histoire de la Tunisie, S. 46 und Pervillé, Guy: De l´Empire français à la décolonisation, S.39

[16] Eine solche Ansicht vertritt etwa: Ziebura, Gilbert: Interne Faktoren des französischen Hochimperialismus, S. 99f.

[17] Vgl. Ziebura, Gilbert: Interne Faktoren des französischen Hochimperialismus, S. 86.

[18] Ebda.

[19] Ebda.

[20] Vgl. Fuchs, Günther/ Henseke, Hans: Das französische Kolonialreich, S. 60.

[21] Ebda.

[22] Ziebura, Gilbert: Interne Faktoren des französischen Hochimperialismus, S. 89.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Zur These der „strategischen Clique“ und der französischen Okkupation von Tunesien am Beispiel des Vertrages von Bardo
Hochschule
Universität Konstanz
Veranstaltung
Die Berliner Westafrikakonferenz und der „scramble for Africa“
Autor
Jahr
2012
Seiten
24
Katalognummer
V213438
ISBN (eBook)
9783656418627
ISBN (Buch)
9783656418900
Dateigröße
561 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frankreich, Imperialismus, Tunesien, Bardo, strategische Clique
Arbeit zitieren
Florian Raupach (Autor), 2012, Zur These der „strategischen Clique“ und der französischen Okkupation von Tunesien am Beispiel des Vertrages von Bardo, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/213438

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