Moral und Religion bei Joyce Cary: Analyse der "Second Trilogy" und "Mr. Johnson "


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2013

32 Seiten


Leseprobe

Gliederung

I. Einleitung

II. Vorwort Joyce Cary

III. Joyce Cary und Mr. Johnson (1939)

IV. Christliche Moral und Religion als Voraussetzung hybrider Grundkonstellation in Mr. Johnson S. 8

V. Joyce Cary und seine Second Trilogy (1952-1955) Wie beeinflussen Moral und Religion das menschliche Leben?

VI. Gestaltende Kräfte: Moral und Religion
1. Moral
2. Religion

VII. Schlussbemerkungen

VIII. Literatur

I. Einleitung

Die Diskussionen in der gegenwärtigen Literaturtheorie werden von vier Hauptrichtungen bestimmt. Postmodernism , The New Historicism , Gender Studies (mit der verbleibenden Debatte um Feminismus) und Postcolonialism haben sich hierbei als die treibenden Kräfte etabliert. Innerhalb dieser vier Strömungen fällt der postkolonialen Debatte eine zentrale Rolle zu, auch wegen der literarischen Aktivität ihrer Autoren, zu der die islamische Gruppe gegenwärtig als aktivste zählt. Die enorme Vielfältigkeit postkolonialer Autoren hat ihren Ursprung (so wie die afrikanischer und jamaikanischer Schriftsteller) in der kolonialen Literatur englischer Autoren wie Daniel Defoe, Rudyard Kipling, Joseph Conrad, Alexander Durell oder Joyce Cary. Gemeinsam war diesen und anderen kolonialen Autoren eine Darstellung der europäischen Sichtweise im Schatten von Kolonialsierung, Imperialismus oder dem beginnenden Phänomen der Globalisierung (Childs/Williams 1997, 1-3; Walder 1998, 1-6; Erll/Nünning 2008; Erll/Rigney 2009).

Said, Bhabha und Spivak, die als die drei herausragenden Vertreter des Postkolonialimus gelten müssen, haben jeder auf seine Art und Weise eine kritische Reflexion dieser kolonialen Schreibweise vorgelegt. Sie reichen von einer negativen Konstruktion des Orients (Said) über eine Transformation von Identität (Bhabha) hin zu einer konstruktivistisch feministisch/ marxistischen Sichtweise über Rasse, Geschlecht oder Klasse (Spivak).

Basis jeglicher postkolonialer Kritik ist der Foucauldsche Ansatz, dass soziale Strukturen von den vorherrschenden Praktiken bestimmt werden, wobei den Begriffen Power und Knowledge und Discourse eine zentrale Rolle zufällt. Die Verwendung von Religion für eine historische, soziale, politische, oder postkoloniale Debatte, sowie moralische oder philosophische Fragestellungen (Identitätsthematik als zentrales Anliegen gegenwärtiger Literatur) kann als Gegenpol zur Literaturbewegung der New Atheists gesehen werden, die ihren beginnenden Einfluss in den letzten zwanzig Jahren nicht weiter ausbauen konnten. Neben den klassischen Themenbereichen des englischen Romans wie race , gender oder class kann man momentan sogar von einer Renaissance des Religiösen und religiöser Fragestellungen sprechen. Joyce Cary gehört zu der Gruppe englischer Autoren, die moralisch-religiösen Anliegen gegenüber immer offen waren, auch wenn er sie an die menschliche Entscheidungsfähigkeit koppelte. Diese enge Bindung gilt auch für die die hier vorgestellten Werke Mr. Johnson (1934) und The Second Trilogy (1952-1954). Die Analyse dieser Romane unter moralisch religiösen Aspekten verdeutlicht Carys Verbindungsfunktion zwischen kolonialem und postkolonialem Schreiben. So wird das protestantische Christentum im kolonialen Rahmen noch als Unterdrückungsinstrument dargestellt, das auch für die Hybridität der der Hauptperson verantwortlich ist. Diese hybride Funktion verlagert Cary nicht nur in den moralisch religiösen Bereich menschlichen Lebens, sondern übernimmt sie für alle seine Romane als menschliche Grundfunktion. Joyce Cary avanciert damit zu einem der wenigen englischsprachigen Autoren, der moralische Anliegen und religiöse Fragestellungen sowie deren Auswirkungen im kolonialen wie nicht kolonialen Rahmen festmachte.[1]

Im folgenden wird nun der Versuch gestartet, Moral und Religion an zwei zentralen Werken zu analysieren. Ziel wird es nicht nur sein, die verschiedene Handhabung dieser literarischen Parameter an vier Romanen zu verdeutlichen, sondern eine Darstellung ihrer Verbindung von der postkolonialen Debatte ( Mr. Johnson ) zum traditionellen Roman ( Second Trilogy ) zu erreichen.

II. Vorwort Joyce Cary

Der Anglo-Ire Joyce Cary gehört ohne Zweifel zu den interessantesten Schriftstellern der neueren englischen Literatur. So arbeitet er einerseits in der Tradition des englischen Gesellschaftsromans, der im 18. und 19. Jahrhundert geprägt wurde, andererseits baut er in vielen seiner Romane moderne Erzähltechniken, wie die Epiphanie Technik und die stream-of-consciousness-Methode, ein.2 Bei der Verwendung dieser modernen Erzähltechniken knüpft Cary an Schriftsteller wie Thomas Hardy, Joseph Conrad, Henry James, Virginia Woolf und James Joyce an (Van O'Connor 1966, 3). Auf der anderen Seite besitzen aber besonders seine beiden Trilogien eine auffallende Vorliebe für das Genre des traditionellen Romans, auf das später noch genauer eingegangen werden soll. Diese beiden Pole – das traditionelle Element und das moderne Erzählelement – bedingen notwendigerweise ein Spannungsverhältnis, das eine Grundintention Carys deutlich werden läßt, der versucht, den Forderungen sowohl des modernen experimentellen, als auch des traditionellen Romans nachzukommen.

Karl (1963) sagt deshalb über Cary:

“Now, shortly after his death, the work of Joyce Cary has become a literary battleground between those anxious to force nineteenth century conventions on the contemporary novel and those wishing to support the avant-garde, the latter

usually defined as work in the manner of Ulysses and Finnegans Wake.”

Wie zeigt sich bei genauerer Analyse dieses traditionelle Element? Entscheidend geprägt wurde es von Carys vitalem Interesse für alles was Englisch ist oder mit England und den Engländern zu tun hat. Rückblickend auf seine Jugend, die er in Irland und England verbrachte, sagt Cary selbst:

“My feeling about England is especially deep and concious because I was born in Ireland to an Anglo-Irish Family, long settled there. My earliest memories are of Donegal, its wild hills and the great sea loughs of Foyle and Swilly. I loved the country and the people, spoilers of children. But my heroes where the great men of English history, many of them Anglo-Irish like myself. My imagination played on a world stage. I was engaged for England; I triumphed in her glories and suffered in her defeat and shames.“ (Bishop 1976, 71/72).3

Diesem engen Verhältnis zu England, das Cary hier anspricht, konnte er in vielen seiner Romane nicht mehr entrinnen. Besonders die beiden Trilogien, die er zwischen 1941 und 1955 schrieb, sind voll von Fragestellungen und Themengebieten, deren Ausgangspunkt die englische Gesellschaft, die englische Kolonialpolitik oder auch nur typisch englische Eigenschaften bilden.

Cary stellt hier dem Leser die vergangene und gegenwärtige soziale und politische Szenerie der englischen Gesellschaft vor, die sich unter anderem mit folgenden Problemen konfrontiert sieht:

- Wie ordnen Menschen mit unterschiedlichem gesellschaftlichen Hintergrund ihr Zusammenleben auf privater und gesellschaftlicher Ebene?
- Wie kann ein Mensch seiner Pflicht nachkommen, wenn er sein Konzept von Pflicht selbst entwickelt hat?
- Wie ist die gesellschaftliche Stellung des Künstlers oder Politikers zu deuten?
- Wie stehen sich individuelle Freiheit und Kreativität und gesellschaftlich vorgegebene Werte, Normen und Zwänge einander gegenüber?
- Wie beeinflussen Moral und Religion das menschliche Leben?

III. Joyce Cary und Mr. Johnson

Um Cary und seine Afrikaromane verstehen zu können, muss man ihn und die gesamte europäische Tradition des kolonialen Romans im Blickwinkel haben. Dies erscheint notwendig, da die westliche Platzierung von Literatur prinzipiell als kontrovers angesehen werden kann und gleichzeitig eine Abkehr vom europäischen Muster des Romans erfolgte (Verlust des locus classicus etc.). Dieser prinzipielle Ansatz trifft auch für Cary zu, da seine Afrikaromane zu den letzten einer „explorer's novel“ ( Echeruo , 1973: 1) zählen. Genau hier aber wird seine exponierte Stellung deutlich, da es nach Carys Roman Mr. Johnson kein weiteres wichtiges Werk dieses Romantyps gab, auch deshalb weil sich die gesamtpolitischen Bedingungen geändert hatten. Insgesamt reflektieren Carys vier Afrikaromane die Stimmungen und Wirkungsfelder von europäischer intellektueller, moralischer und religiöser Vorgehensweise, bzw. deren Auswirkungen auf die einheimische Bevölkerung.4

Carys Romane als Analyse afrikanischer Realität sind letztlich aber auch eine Momentaufnahme von Menschen und Phänomenen kolonialer Wirklichkeit. Der 1939 erschienene Roman Mr. Johnson passt in dieses Schema, auch weil immer wieder eine intellektuelle und schriftstellerische Nähe zu Joseph Conrads Werk Heart of Darkness (1902) gesehen wird (vgl. u.a. Wright , 1958). Dafür spricht nicht nur die verblüffende physische Ähnlichkeit beider Hauptpersonen und ihre temperamentvolle Nähe, sondern auch das zentrale Anliegen der Selbstfindung mittels Moral und Religion.

IV. Christliche Moral und Religion als Voraussetzung hybrider Grundkonstellation in Mr. Johnson

Joyce Cary kontrastiert in seinem Werk Mr. Johnson die koloniale Welt mit Nigeria. Johnson, ein junger nigerianischer Angestellter im Dienst der Kolonialmacht England, wird als Mensch beschrieben, der seine natürlichen afrikanischen Eigenschaften wie Offenheit, Freude, Glück oder Männlichkeit den Anforderungen einer bürokratisch orientierten kolonialen Welt unterordnen muss. Diese westliche Welt wird durch Bürozeiten, Aktenordner und vor allem durch Ausbeutung, d.h. Profitstreben reguliert und kontrolliert.

Für Cary erweist sich Johnson als "[...] a young clerk who turns his life into a romance, he is a poet who creates for himself a glorious destiny" (Mohood 1964, 60). Klooß (1976) spricht in diesem Zusammenhang von „bipolar affection" (ibid.: 232) und verweist darauf, dass Gefühle wie natürliche Leidenschaft durch die vom Westen aufoktroyierten Moralvorstellungen und christliche Moral so determiniert werden, dass ein interkultureller Dialog erschwert wird. Cary kontrastiert in diesem Raster (angebliche) Ordnung und Zivilisation mit (angeblichem) Chaos, sowie Heidnischem und Dämonischem. Durch den Wechsel des Handlungsortes von Europa nach Afrika erreicht er außerdem eine Verlagerung der Beschreibung von christlicher Moral und Religion in einen kolonialen Rahmen.5

Somit benutzt er das europäische Christentum als Mechanismus zur Festigung des kolonialen Systems (Carey/Festa 2009, 141) und nicht als idealen Entwurf einer wirklichen christlichen Gemeinschaft mit vielen Möglichkeiten.6 Das Ergebnis sind Menschen, die - so wie der Held selbst - Opfer des Konfliktes zwischen Kulturen werden (Stewart 1961, 141). Für Hall (1983) ist Johnson sogar “[…] the innocent victim of his own social isolation“ (ibid.: 50).

[...]


[1] Deutlich wird hierbei, dass die Spannung in diesem Rahmen für beide Seiten einschnitte bedeutet. Dem Afrikaner bringen sie „Kulturverlust“, dem Europäer einen „Verlust an Humanität (Klooß 1976, 307).

2 Carys lange Entwicklung zum erfolgreichen Schriftsteller ist Spiegel der verschiedensten

und oftmals falschen literarischen Versuche, einen eigenen Stil zu finden. Dieses

sprachliche Experimentieren ermöglichte zwar eine literarische Vielfalt, erklärt aber auch

die immer wieder zu verzeichnenden Divergenzen in Bewertung und Interpretation seiner

Werke.

3 Neben diesem Interesse an England, das er mit allgemeinen Fragestellungen verband,

besaß Cary zeitlebens eine nie abbrechende Beziehung zu Irland. Doch wird man dieses

Interesse nur als rein privat bezeichnen können, da Cary im Gegensatz zu Joyce oder

O'Casey –die, wie er außerhalb von Irland lebten- nur zwei seiner Werke in Irland ansiedelte.

Vgl. Forster 1969, 21,139,298.

4 Mr. Johnson wird im folgenden mit MJ abgekürzt.

5 Zur Darstellung Afrikas im englischen Roman vgl. bes. Killam (1968) und Ramasararam (1970).

6 Dieser englische Protestantismus basierte auf Hobbes und Locke und deren politisch/philosophischen Ideen einer Rechtfertigung für Souverän, Staat und Empire. Carey/Festa (2009) sprechen in diesem Zusammenhang nicht nur von „Evangelicalism“ (ibid.:138), sondern auch davon, dass England das ihm auferlegte Schicksal der Weltherrschaft geniessen konnte, obwohl es mit der Aufgabe verbunden war, „to civilize and to „anglicize“ (ibid.: 138). Es handelt sich hierbei um eine Aufgabe, die Kipling in seinem Gedicht ‛The White Man’s Burden’ (1899) treffend zusammengefasst hat und die später Anlass für Postkoloniale Kritik (s. Gegenentwurf ‛The Black Man’s Burden’ wurde.

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Moral und Religion bei Joyce Cary: Analyse der "Second Trilogy" und "Mr. Johnson "
Autor
Jahr
2013
Seiten
32
Katalognummer
V213530
ISBN (eBook)
9783656418092
ISBN (Buch)
9783656419617
Dateigröße
620 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
moral, religion, joyce, cary, dargestellt, second, trilogy, johnson
Arbeit zitieren
Matthias Dickert (Autor), 2013, Moral und Religion bei Joyce Cary: Analyse der "Second Trilogy" und "Mr. Johnson ", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/213530

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Moral und Religion bei Joyce Cary: Analyse der "Second Trilogy" und "Mr. Johnson "



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden