Die 'Hündchen Petitcriu-Scene' in Gottfried von Straßburgs Tristan


Hausarbeit, 2012
13 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was ist eine Liebesgabe?

3. Der Hund als Liebesgabe in der Literatur
3.1. Das Hündchen Petitcriu in Gottfrieds von Straßburg Tristan
3.2. Inwieweit erfüllt Petitcriu die Kriterien einer Liebesgabe?

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis
5.1. Primärliteratur
5.2 Sekundärliteratur

1. Einleitung

swem nie von liebe leit geschach, dem geschach ouch liep von liebe nie. Liep unde leit diu wâren ie an minnen ungescheiden.[1] Mit diesen Worten beschreibt Gottfried von Straßburg im Prolog seines Werks Tristan die enge Verknüpfung zwischen minne und Leid und charakterisiert somit passend den Ausgang der Petitcriu-Szene. Das Zauberhündchen Petitcriu – eine Liebesgabe, welche ausschweifend beschrieben wird und doch unbeschreiblich bleibt. Ein Hündchen, welches in seiner ursprünglichen Funktion, nämlich von Leid zu befreien, das Liebesband zwischen den Liebenden zerreißen soll, auch wenn dies aus selbstloser Liebe des Schenkenden Tristan geschieht, der seine Geliebte Isolde vom Liebesschmerz befreien will. Doch die Empfängerin Isolde entscheidet sich gegen die schmerzstillende Wirkung, die das Hündchen auf sie haben könnte und somit für das Leid der minne wegen.

Die folgende Arbeit beschäftigt sich zunächst mit der Beantwortung der Frage was eine Liebesgabe ist. Ludger Liebs Aufsatz „Kann denn Schenken Sünde sein?“ und ein kurzer Einblick in die Studien des „Urvaters“ der Liebesgabentheorien Marcell Mauss bilden die Grundlagen dieser Überlegungen. Daraufhin wird der Hund als Liebesgabe in der Literatur untersucht und kurz einige Beispiele vorgestellt. Das Hündchen Petitcriu aus Gottfrieds von Straßburg Tristan bildet das zentrale Thema dieser Hausarbeit. Inwieweit Petitcriu die Kriterien einer Liebesgabe erfüllt und ob es tatsächlich den Inbegriff einer Liebesgabe darstellt wird im Fazit herausgearbeitet.

2. Was ist eine Liebesgabe?

Marcel Mauss‘ umfangreiche Studien über Gabenprozesse in archaischen Gesellschaftsformen bilden das Fundament heutiger wissenschaftlicher Untersuchungen über Liebesgaben in der Literatur des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Nach Mauss sind Gaben nur scheinbar selbstlos, freiwillig und spontan. In Wirklichkeit sieht er jedoch in den Geschenken eine Verpflichtung, diese immer wieder erwidern zu müssen, eine Fiktion, reinen Formalismus und soziale Lüge. Mauss untersuchte archaische Gesellschaften, wie z.B. Indianerstämme in Nordwestamerika oder Volksstämme in Polynesien, um seine Theorien zu untermauern.[2]

Über 80 Jahre später baut Ludger Lieb seine Definition der Liebesgabe auf genau diese Aussage Mauss‘ auf und behauptet „dass Liebe[…] stets auf ökonomischem Austausch und ökonomischen Forderungen beruht.“[3] Entweder erwartet der Schenkende also eine Gegengabe oder eine Gegenleistung, also die Erwiderung der Liebe oder körperliche Annäherung. Nach Lieb ist eine Liebesgabe immer ein Zeichen. Er unterscheidet zwischen symbolischen und metonymischen Zeichen. Unter die Gruppe der symbolischen Zeichen gehören: der materielle Tauschwert als Zeichen der Liebe, bei welchem die Höhe des materiellen Wertes der Gabe die Bedeutung zumisst und die Liebessymbole, welche dem Beschenkten aufgrund der Beschaffenheit der Gabe die Liebe des Gebenden demonstrieren. Die metonymischen Zeichen stellen zunächst die Geschichte des Erwerbs und die Geschichte der Herstellung dar, bei welchen die Wertschätzung an dem erbrachten Aufwand zur Beschaffung der Gabe gemessen zu werden scheint. Der Akt des Gebens und die daraus resultierende Erinnerung und die Möglichkeit der metonymischen Präsenz, bei der der abwesende Schenker eine Art magische Präsenz einnimmt, gehören ebenfalls zu den metonymischen Zeichen.

Auch für Jacques Derrida ist ein Geschenk nur dann eine Gabe aus wirklicher Liebe, wenn keine Reziprozität vorherrscht, also keine Gegengabe oder das Gefühl der Schuld, etwas zurückgeben zu müssen.[4]

Um von einer Liebesgabe sprechen zu können, muss das übergebende Objekt zunächst einmal als eine solche benannt beziehungsweise erkannt werden. Häufig wird eine Nachricht mit übergeben, falls nicht durch die Symbolik eindeutig hervorgeht, dass es sich um eine Gabe aus Liebe handelt.[5]

3. Der Hund als Liebesgabe in der Literatur

„Empathie, Hierarchie- und Prestigedenken, die Wahrung von Einflussmöglichkeiten und nicht zuletzt das Mehr an Selbstbewusstsein, das aus der Hundehaltung erwächst“[6] könnten Gründe für die bis heute währende Vorliebe des Menschen für das Haustier Hund sein.

Und auch in der Literatur wird der Hund bereits sehr früh als treuer Freund des Menschen präsentiert: Schon in Homers Odysee tritt beispielsweise „Argos“, der Hund des Odysseus auf, welcher 20 Jahre lang auf sein Herrchen wartet und erst als er ihn erblickt, beruhigt dahinscheidet.[7]

Hunde wurden nicht nur schon immer gerne als Freund und Begleiter gehalten, sondern auch als Liebesgabe verschenkt. Meistens als ständige Erinnerung an den nicht vor Ort weilenden Geliebten, die gehegt und gepflegt werden soll. Manchmal auch als Demonstration des Wohlstands und des Begehrens und beim wohl bekanntesten Beispiel Petitcriu als Droge, um den Liebeskummer zu vergessen. Ein Beispiel taucht in Dietrichs von Glezze Der Borte auf, in welchem ein Ritter versucht seine Angebetete mithilfe von verschiedenen Liebesgaben, darunter auch zwei Windhunden zum Beischlaf zu verführen. Der Versuch schlägt fehl und die Windhunde werden im weiteren Verlauf der Handlung von der Angebeteten des Ritters an ihren Ehemann weitergeschenkt, um diesen wieder für sich zu gewinnen. Ein weiteres Beispiel stellt ein Hündchen dar, welches in Wirnts von Grafenberg Wigalois der Jungfrau Nereja von Wigalois im Wald gefangen und im Kampf gegen den Besitzer verteidigt wird und das Nereja vil gemeit[8] macht. In Eilharts von Oberg Tristant kann der Bracke Utant als Beweis für Isaldes Liebe zu Tristant gesehen werden. Tristan übergibt ihr Utant mit den Worten: „ ob ich úch lieb sy, daß tuond an den hund schin!“[9]. Später rettet Isaldes durch eine List dargestellte Zuneigung zu dem Hund Tristants Leben und bekommt eine noch elementarere Bedeutung für das Liebesband zwischen den beiden unglücklich Verliebten.

[...]


[1] Gottfried von Straßburg, Tristan, nach dem Text von Friedrich Ranke mit Stellenkommentar und Nachwort hrsg. von Rüdiger Krohn, Stuttgart 1980, V.204 f.

[2] vgl. Mauss, Marcel: Die Gabe, Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften, Hrsg. von Hennig Ritter, Frankfurt am Main 91990.

[3] Lieb, Ludger: Kann den Schenken Sünde sein? in: Geist und Geld. Wirtschaft und Kultur im Gespräch, Hrsg. von Anette Kehnel, Frankfurt a.M. 2009 (1), S. 185 f.

[4] vgl. Egidi, Margareth und Wedell, Moritz: Perspektiven einer Poetik der Liebesgabe, in: Liebesgaben. Kommunikative, performative und poetologische Dimensionen in der Literatur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit, hrsg. von Ludger Lieb, Margareth Egidi, Berlin 2012, S.15.

[5] vgl. Lieb, Ludger, S.186 f.

[6] Voland, Eckert: Hunde sind billiger als Menschen, in: Süddeutsche Zeitung Wissen. Das philosophische Gespräch. Interview mit Philip Wolff, 2010.

[7] Homer: Odyssee, übertragen von Johann Heinrich Voß, Augsburg 2002, XVII, 290 f.

[8] Wirnt von Grafenberg: Wigalois, hrsg. von J. M. N. Kapteyn, Berlin 2005, V.2221.

[9] Eilhart von Oberg: Tristant, hrsg. von Buschunger, Danielle, Greifswald 1993.V.5196 f.

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Details

Titel
Die 'Hündchen Petitcriu-Scene' in Gottfried von Straßburgs Tristan
Autor
Jahr
2012
Seiten
13
Katalognummer
V213685
ISBN (eBook)
9783656422341
ISBN (Buch)
9783656424215
Dateigröße
573 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
hündchen, petitcriu-scene, gottfried, straßburgs, tristan
Arbeit zitieren
Katharina Müller (Autor), 2012, Die 'Hündchen Petitcriu-Scene' in Gottfried von Straßburgs Tristan, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/213685

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