Die Durga Puja im Calcutta des 19. Jahrhunderts

Bezugspunkt und Ausdrucksform urbaner Identität


Seminararbeit, 2013
16 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Durga Puja als urbane Identität

3. Der Platz des „Anderen“

4. Durga und das neue Hinduistische Nationalbewusstsein

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Ritual um die Göttin Durga, welches als Durga Puja in verschiedenen Teilen Indiens in teilweise unterschiedlicher Form jedes Jahr nach dem traditionellen Mond-kalender im Monat Ashwin (September / Oktober) stattfindet,[1] wurde in der Vergang-enheit auch als ritueller Ausdruck königlicher Herrschaft durchgeführt. Die Durga Puja repräsentierte dabei symbolisch die göttliche Legitimation politischer Macht und den Status herrschaftlicher Patronage. Unter Bezugnahme auf Phyllis Granoff schreibt Daniela Berti zur historischen Bedeutung von religiösen Ritualen in Indien: „[...] ritual distinctions were used for expressing what were primarily territorial, political or geographical oppositions”.[2] Indem Berti auf Hermann Kulke verweist, stellt sie dar, wie entsprechend gewandelter gesellschaftlicher Verhältnisse ausge-wählte Rituale für herrschaftliche Machtpolitik instrumentalisiert wurden:

Inversely, rituals in medieval India also served to unite territorially and politically based distinctions. This is shown, for example, by the inclination of Hindu kings to select an existing local cult and to apply it to the whole territory of their kingdom by means of royal patronage.[3]

Mit der Einführung von neuen Kategorien, wie Rasse, urbane Unterteilung und die Rhetorik von individuellen Rechten durch koloniale Modernität in Indien, entstand die Frage nach der aktuellen Beziehung zwischen religiösem Glauben und dem modernen Moment. Globale Faktoren des Kapitalismus wurden eng mit dem lokalen Kontext verbunden und bewirkten so eine Manifestation von Ungleichheit und Differenz. Unter diesen Umständen entstand eine urbane koloniale Öffentlichkeit mit neuen Formen von Zeit, Raum und Arbeit im Interesse einer gesteuerten Kapital-akkumulation. Diese neue Öffentlichkeit disziplinierte die Einstellung der Menschen zueinander und zur Welt, die sie umgab. Die Betroffenen waren den neuen globalen Einwirkungen aber nicht willenlos ausgeliefert, sondern konnten im Umgang mit diesen neuen Lebensumständen agieren, protestieren oder einfach nur folgen.[4]

Mitte des 19. Jahrhunderts war sich die Hindu-Mittelklasse in Bengalen und Calcutta, der Entmachtung und des Potentials der neuen öffentlichen Sphäre sehr wohl bewusst. Um koloniale Verletzungen und Unterdrückung zu unterstreichen und anzuprangern, brachte sie ihre Sorgen über erhaltenswerte Traditionen als „private Sphäre“ innerhalb des Bereichs der neuen Öffentlichkeit zum Ausdruck, wobei modern eingestellte Nationalisten und konservative Traditionalisten verschiedene Standpunkte einnahmen und damit unterschiedliche Ziele verfolgten.

Der Diskurs über den Bezug von „privater Sphäre“ zu moderner Öffentlichkeit brachte verschiedene religiöse Ausdrucksweisen und Praktiken des Hinduismus in das öffentliche Leben, und verlieh ihnen teilweise politische Züge. Printmedien und neue urbane Praktiken unterstützen diesen Prozess bestimmter Zuschreibungen und Symbolik für eine bestimmte Religion durch die neue öffentliche Arena und verliehen so auch der entstehenden Nation eine spezielle Färbung. In diesem Prozess konstruierte sich eine deutlich religiöse Gemeinschaft mit klar definierten Grenzen, die sich selbst „Hindu“ nannte. In der neuen öffentlichen Sphäre konnte sich die soziale Kraft von religiösem Symbolismus, von den Symbolen und Praktiken der Religion der dominanten Gruppe, eines neu definierten Hinduismus, verstärkt ent-falten. Ab dem späten 19. Jahrhundert wurden ausgewählte Hindu Diskurse und Riten zur Definition einer politischen Gemeinschaft in Bengalen mit antikolonialen und traditionalistischen Aspekten verwendet. Die dazu verwendeten Bilder kamen aus der „privaten Sphäre“. Die Nation wurde als Frau dargestellt, entehrt und verletzt nach Gerechtigkeit rufend. Frauen und Geschlechterbeziehungen wurden als eine Bastion reiner vorkolonialer Ordnung symbolisiert, die es gegen einen angreifenden kolonialen Staat und Westliche Legalität zu verteidigen galt.

Durga Puja Zeremonien waren das Hauptfestival der Bengalischen Hindus des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts in Calcutta. Seit dieser Zeit verbindet eine literarische Tradition Durga mit dem nationalen Schicksal. Durga ist dabei gleich-zeitig ideale Tochter und Mutter und tapfere Siegerin über Dämonen, ein Symbol von „guter“ Familie und politischer Kraft, die als „das Gute“ im kosmischen Sinne „das Schlechte“ besiegt. Sie ist damit auch ein Symbol für den Kreislauf des Lebens, schafft Reinheit als Voraussetzung für Neues, denn nach dem Tod kommt nach hinduistischen Vorstellungen die Wiedergeburt.[5]

Die neue Symbolik der Göttin und die Veränderung des Status ihrer Puja während des 19. Jahrhunderts erzeugten eine spezifische zivile Empfindlichkeit und förderten damit die Konstruktion bestimmter Identitäten, wie „Gemeinschaft“ und „Nation“. Dieses Zusammenspiel von Modernität, Religion, Gemeinschaft und Identität wird im Folgenden am Beispiel der historischen Veränderungen im kolonialen Calcutta des 19. Jahrhunderts dargestellt. Dabei wird gezeigt, wie sich die Durga Puja von einem religiösen Familienfest der Reichen und Mächtigen zu einem Volksfest mit religiösem Charakter wandelte, durch das die Göttin Durga, mit veränderter Zuschreibung, symbolisch die erfolgreiche Konstruktion von urbaner Identität in Calcutta, und darüber hinaus, von nationaler Identität in Indien unterstützte.

[...]


[1] Kinsley 1997: 145-159.

[2] Berti 2011: 126, vgl.Granoff 2003: 109-131.

[3] Berti 2011: 126, vgl. Kulke 1986: 139-155.

[4] Bhattacharya 2007: 923.

[5] Bhattacharya: 924, vgl. Kinsley: 152 f.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Durga Puja im Calcutta des 19. Jahrhunderts
Untertitel
Bezugspunkt und Ausdrucksform urbaner Identität
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Asien- und Afrikawissenschaften)
Veranstaltung
Forschungsseminar: Urban Development and Urbanization in South Asia
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
16
Katalognummer
V213773
ISBN (eBook)
9783656424840
ISBN (Buch)
9783656436515
Dateigröße
3425 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Durga, Durga Puja, Urbanization, Indien, Calcutta, Identity, National Identity, Festival, Religious Festival
Arbeit zitieren
Jan Andrejkovits (Autor), 2013, Die Durga Puja im Calcutta des 19. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/213773

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