Betrachtet man die derzeitige Wahrnehmung der breiten Bevölkerung und die Eindrücke vieler Menschen in der Bundesrepublik Deutschland, so lässt sich konstatieren, dass Jugendgewalt offensichtlich ein zunehmend ernsteres und schwerwiegenderes Problem darstellt. Ob dieser Eindruck vornehmlich durch mediale Aufmerksamkeit und Überdramatisierung nach dem Leitbild „only bad news is good news“ entsteht, oder aber, ob diese Wahrnehmung einer real wahrnehmbaren Veränderung entspricht, ist trotz umfangreicher statistischer Nachforschung strittig. Neben der Frage nach der Zunahme von Jugendgewalt und deren vermeintliche Verrohung, wird in der öffentlichen Debatte ebenso stark diskutiert, ob insbesondere von türkischstämmigen und arabischen Jugendliche in Deutschland ein höheres Gewaltpotential ausgeht, als dies beispielsweise von deutschen Jugendlichen der Fall ist. Das Aufwerfen einer solchen Frage seitens deutscher Bürger wird oftmals als Anzeichen für Ausländerfeindlichkeit interpretiert, was wohlmöglich auf die NS- Vergangenheit und dessen „Erbschuld“ zurückzuführen ist. Dennoch weist diese Frage ihre Berechtigung auf; insbesondere dann, wenn Fälle bekannt werden, in denen diverse staatliche Institutionen Angst vor arabischen Großfamilien entwickeln und ihnen deshalb keine Sanktionen für gewisse Taten erteilen, oder aber wenn Statistiken der Berliner Staatsanwaltschaft darlegen, dass ein Großteil der Berliner Intensivtäter türkischer oder arabischer Herkunft ist. Es drängt sich die Frage auf, woher die einseitige Belastung der größtenteils muslimischen Jugendlichen in Berlin rührt. Eine Antwort lässt sich in den Lebens- und Erziehungsumständen in Abgrenzung zu anderen Ethnien suchen. Es ist weiterhin von Interesse, zu überprüfen, ob die Gewaltbereitschaft der Jugendlichen in Deutschland tatsächlich gestiegen ist, oder ob dieser Eindruck lediglich medial vermittelt wird und keinerlei empirischen Nachweise vorliegen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Ursache: Erziehungs- und Lebenssituation
3 Anstieg der Jugendgewalt in Deutschland (?)
4 Zusammenfassung und Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Faktoren, die zu einem überdurchschnittlich hohen Gewaltpotenzial bei türkischen und arabischen Jugendlichen in Berlin führen, und analysiert kritisch, ob die Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen in Deutschland tatsächlich zugenommen hat oder ob es sich hierbei primär um eine mediale Wahrnehmung handelt.
- Analyse von Risikofaktoren für delinquentes Verhalten bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund
- Untersuchung der Bedeutung von Erziehung, Bildung und sozialem Umfeld
- Gegenüberstellung von polizeilicher Kriminalstatistik und Dunkelfeldforschung
- Diskussion der Auswirkungen von Integration, Männlichkeitsnormen und Peer-Groups
- Kritische Würdigung der Thesen zur Jugendgewalt in Berlin
Auszug aus dem Buch
2 Ursache: Erziehungs- und Lebenssituation
Die Berliner Staatsanwaltschaft hatte im Jahr 2010 ungefähr 550 Intensivtäter für ihr Einzugsgebiet aufgelistet. Diejenigen unter den Intensivtätern, die als besonders kriminell galten und über 30 Taten angehäuft hatten, wiesen zu knapp 90 Prozent einen Migrationshintergrund auf, wovon alleine 80 Prozent türkisch- oder arabischstämmig waren (vgl. Heisig 2010: 80). Sehr viele von ihnen leben im Berliner Stadtteil Neukölln.
Im Allgemeinen gilt diejenige Person als Intensivtäter, die innerhalb eines Jahres mindestens zehn nicht unerhebliche Delikte begangen hat. Nach Ansicht der ehemaligen Jugendrichterin Kirsten Heisig, die am Amtsgericht Berlin-Tiergarten über viele Jahre tätig war, kann man das hohe Gewaltpotential vieler türkischer und arabischer Jugendlicher in Deutschland nicht länger mit „vierzig Jahren verfehlter Integrationspolitik“ begründen oder gar entschuldigen (ebd.: 85). Zwar wurden in den 60er Jahren insbesondere in der Bildungspolitik nicht die notwendigen Vorkehrungen getroffen, um eine Integration der Migrantenkinder möglichst erfolgreich durchzuführen zu können, jedoch darf Integration nicht als einseitig bedingte Aufgabe verstanden werden.
Der Staat alleine kann die Integration erleichtern, aber nicht erzwingen. Somit liegt es vor allem an den Immigranten selbst, den Willen zu zeigen, sich mit der deutschen Bevölkerung und deren Kultur auseinanderzusetzten beziehungsweise sich in gewissen Maßen den geltenden Normen anzupassen, um sich gesellschaftlich integrieren zu können. Die fehlende Bereitschaft und Motivation mancher Eltern spiegelt sich oftmals konsequent in der Folgegeneration wider. So kann beispielsweise die Arbeitslosigkeit des Familienvaters und anknüpfendes Desinteresse an der Arbeitssuche zum Verlust der „Identifikationsfigur des arbeitenden Vaters“ und damit einhergehender Perspektivlosigkeit bei den Kindern führen (ebd.: 81). Eine solche prekäre Ausgangslage in Verbindung mit diversen anderen belastenden Faktoren mündet oftmals in eine kriminelle Karriere und ist überdurchschnittlich oft bei arabischen und türkischen Familien in Berlin festzustellen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Debatte um Jugendgewalt ein und stellt die zentrale Forschungsfrage nach den Ursachen des Gewaltpotenzials bei muslimischen Jugendlichen sowie der tatsächlichen Entwicklung der Jugendgewalt in Deutschland.
2 Ursache: Erziehungs- und Lebenssituation: In diesem Kapitel werden spezifische Risikofaktoren wie elterliche Misshandlung, Bildungsniveau, Männlichkeitsnormen und der Einfluss von Peer-Groups und Großfamilien auf die Delinquenz Jugendlicher analysiert.
3 Anstieg der Jugendgewalt in Deutschland (?): Das Kapitel vergleicht die Sichtweisen der polizeilichen Hellfeldforschung mit den Ergebnissen der Dunkelfeldforschung und diskutiert, ob der subjektiv wahrgenommene Anstieg der Jugendgewalt statistisch belegbar ist.
4 Zusammenfassung und Fazit: Das Fazit fasst die zentralen Ergebnisse zusammen und betont, dass soziale Bedingungen und die mangelnde Integration als Kernprobleme für die Gewaltproblematik identifiziert werden können.
Schlüsselwörter
Jugendgewalt, Berlin, Migrationshintergrund, Intensivtäter, Delinquenz, Integration, Sozialisation, Kirsten Heisig, Kriminologisches Forschungsinstitut, Prävention, Erziehung, Bildungsniveau, Kriminalstatistik, Gewaltpotenzial, Peer-Group
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Hausarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Problematik der Jugendgewalt in Deutschland mit einem Fokus auf die Situation in Berlin und die Überrepräsentanz muslimischer Migranten in Kriminalstatistiken.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Arbeit behandelt die Zusammenhänge zwischen Integration, Erziehungsstilen, Bildung, sozialen Brennpunkten und delinquentem Verhalten bei Jugendlichen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Ursachen für ein höheres Gewaltpotenzial in bestimmten ethnischen Gruppen zu ergründen und die Frage nach einem tatsächlichen Anstieg der Jugendgewalt in Deutschland kritisch zu prüfen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Der Autor führt eine Literatur- und Diskursanalyse durch, indem er wissenschaftliche Forschungsberichte (KFN) mit subjektiven Erfahrungen von Praktikern wie der Richterin Kirsten Heisig sowie polizeilichen Statistiken kontrastiert.
Welche Themen werden im Hauptteil schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Ursachenanalyse (Risikofaktoren) und eine statistische Debatte über die Entwicklung und Messbarkeit von Jugendkriminalität.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die zentralen Charakteristika sind die Begriffe Gewaltpotenzial, Integrationsdefizite, Delinquenz und statistische Verzerrung.
Warum wird die Berliner Situation als spezielles Fallbeispiel gewählt?
Berlin weist aufgrund der Konzentration von Großfamilien und sozial segregierten Stadtteilen wie Neukölln eine besondere Problemdichte auf, die in der Debatte um Jugendkriminalität oft als Extrembeispiel angeführt wird.
Welche Rolle spielt die Differenz zwischen Hell- und Dunkelfeldstudien?
Die Differenz ist entscheidend, da Hellfeldstudien (Polizeistatistik) oft einen Anstieg verzeichnen, während Dunkelfeldstudien (Befragungen) ein gleichbleibendes oder sogar rückläufiges Gewaltverhalten aufzeigen, was auf unterschiedliche Anzeigebereitschaften hindeutet.
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- Nils Hübinger (Author), 2011, Berliner Jugend und Gewalt am Beispiel muslimischer Migranten, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/213796