Der Beginn der Industrialisierung in Deutschland bis zur Revolution 1848/49


Bachelorarbeit, 2009
41 Seiten, Note: 3,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Allgemeine Fakten zur industriellen Entwicklung in Deutschland.

3. Entwicklungen im Primärsektor
3. 1 Bauernbefreiung.
3. 2 landwirtschaftliche Produktion
3. 3 Einkommens- und Ertragslage.

4. Entwicklungen im Sekundärsektor
4. 1 Gewerbefreiheit
4. 2 gewerbliche Produktion
4. 3 Einkommenslage

5. Entwicklungen im Tertiärsektor
5. 1 Verkehrswesen
5. 2 Handel
5. 2. 1 Der Weg zum Deutschen Zollverein
5. 2. 2 Außenhandel
5. 3 Geld- und Bankwesen.

6. Entwicklungen im öffentlichen Finanzwesen

7. Lage der Bevölkerung

8. Ausblick

9. Fazit

10. Literaturverzeichnis

11. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Als Industrialisierung bezeichnet der Historiker einen, durch agrarische, soziale, politische und wirtschaftliche Wandel, ausgelösten Umbruch ganzer Gesellschaften beziehungsweise Staaten auf dem Weg zur modernen Industriegesellschaft. Hierbei wurden alle Bereiche durch neue Erfindungen, technische Innovationen oder auch kapitalintensive Fabrikproduktionen bereichert. Diese neuen Formen der Produktion wurden seit dem 18. Jahrhundert zunächst in Europa, dann auch in anderen Ländern der Welt eingeführt und verbreitet.

Der langwierige Prozess der Industrialisierung fasste ursprünglich gegen 1700 in England Fuß. Der Grund hierfür war, dass England zu dieser Zeit schon wesentlich weiter entwickelt war, als die anderen europäischen Staaten. Im Speziellen bedeutet das, dass die Prinzipien der des Absolutismus und der Grundherrschaft sehr lockere Züge angenommen hatten und die Zeit des Zunftzwanges schon lange vorbei war. Somit waren die Voraussetzungen für eine freiere Ausbreitung des Handels, der Kapitalbildung und der technischen Erneuerung gelegt. Wichtige englische Erfindungen waren zum einen die 1712 entwickelte Dampfmaschine von Thomas Newcomen, welche 1769 die entscheidende Weiterentwicklung durch James Watt erhielt und zum anderen der mechanische Webstuhl, welcher auch unter dem Namen „Spinning Jenny“ bekannt ist. Durch Kundschafter, welche nach England reisten, um die neuen Erfindungen zu bewundern, kam der Prozess der Industrialisierung gegen Ende des 18. Jahrhunderts auch nach Deutschland.

In der nachfolgenden Ausarbeitung werde ich mich mit dem industriellen Prozess in Deutschland beschäftigen. Da dieses Thema jedoch sehr breit gefächert ist, werde ich mich auf die erste Phase des Vorganges, die so genannte Vorindustrialisierung, beschränken. In diesem Abschnitt des Industrialisierungsprozesses wurden wichtige Grundlagen für den weiteren Ereignisverlauf gelegt. Diese möchte ich in meiner Arbeit genauer darstellen. Zu Beginn werde ich allgemeine grundlegende Fakten zur Industrialisierung in Deutschland nennen und erläutern, welche wichtig für die nachfolgenden Punkte sind und dem besseren Verständnis dienen sollen. Danach beginne ich mit meinen Untersuchungen, wobei ich mein Augenmerk auf die drei Sektoren der Volkswirtschaft richten werde.

Bei der Bearbeitung des primären Sektors werde ich vor allem auf den Prozess der Bauernbefreiung, die Produktionsverhältnisse und deren Ergebnisse eingehen. Im sekundären Sektor wird bei meiner Untersuchung die Gewerbefreiheit in den Vordergrund rücken. Aber auch hier werde ich die allgemeine Produktion beleuchten. Das Verkehrs- und Bankenwesen, sowie der Handel werden im dritten Sektor eine wichtige Rolle für meine Bearbeitung spielen. Darauf folgend werde ich mich mit der allgemeinen Lebenssituation der Bevölkerung auseinandersetzen. Ein kurzer Ausblick auf die beiden weiteren Phasen der Industrialisierung soll als Abschluss meiner Untersuchung dienen.

In meiner gesamten Arbeit werde ich mich immer wieder an meiner Leitfrage, welche Bedeutung die Vorindustrialisierung für den weiteren Verlauf des Prozesses hatte, orientieren und Bezug dazu nehmen. Durch die Analyse und Beantwortung dieser Frage möchte ich erreichen, die Bedeutung dieser ersten Phase deutlich zu machen und zu zeigen, dass die Industrialisierung ohne die Schaffung bestimmter Grundlagen nicht hätte stattfinden können.

2. Allgemeine Fakten zur industriellen Entwicklung in Deutschland

Um die nachfolgenden Untersuchungen besser nachvollziehen zu können, müssen zu Beginn die zeitliche Einordnung, wichtige Begriffe und Hintergründe erläutert werden.

Allgemein muss man sagen, dass sich die Entwicklung zum Industriestaat über mehrere Jahrzehnte hinzog. Anhand verschiedener Quellen wird deutlich gemacht, dass die Industrialisierung in Deutschland um 1795 begann. Die erste Phase des Prozesses, welche in meiner Arbeit die vorwiegende Rolle spielen wird, dauerte bis zur Revolution von 1848/ 49 an. Verschiedene Faktoren waren für den Ausbruch dieses Modernisierungsprozesses von Bedeutung. Friedrich- Wilhelm Henning schreibt in seinem Werk „Die Industrialisierung in Deutschland 1800 bis 1914“, dass es von großer Notwendigkeit war, „die beengenden Produktionsverhältnisse im gewerblichen […] und im landwirtschaftlichen […] Sektor“[1] in jeglicher Hinsicht auszudehnen. Ich bin der Meinung, diese Ausweitung war notwendig, da zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Anzahl der Bevölkerung extrem anwuchs. So musste man die Erträge der Produktionen steigern, um die Menschen grundlegend versorgen zu können. Außerdem fasste liberales Gedankengut aus der erst vorangegangenen Französischen Revolution (1789- 1799) in Deutschland Fuß. Der französische Baron und Mathematiker François Pierre Charles Dupin förderte während der Zeit der französischen Revolution die industrielle Entwicklung in Frankreich. Laut den Aussagen Hubert Kiesewetters, einem Dozenten für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, stellte Dupin fest, dass man mehr Industrie in den protestantischen Gebieten Frankreichs vorfand, als in den katholischen Gebieten.[2] Ich bin der Meinung, dass Dupin der festen Überzeugung war, dass Protestanten in ihrem Denken und Handeln wesentlich weiter entwickelt waren, als die Katholiken. Durch die Aufstellung dieser These wollte er seine Ansicht bekräftigen. Ich denke jedoch, dass der industrielle Zustand in den einzelnen französischen Gebieten nicht allein auf die Religionszugehörigkeit bezogen werden kann, da man auch die verschiedenen Möglichkeiten der Entwicklung in Betracht ziehen muss. In seinem Werk „Die Industrielle Revolution in Deutschland 1815- 1914“ schreibt Hubert Kiesewetter, dass der deutsche Soziologe Max Weber die Grundsätze dieser Theorie Dupins aufgriff und vertiefte.[3] Allgemein ist diese Debatte als „Theorie der protestantischen Ethik und dem Geist des Kapitalismus“ bekannt. Ich bin der Meinung, dass diese Theorie eine der wichtigsten in der Geschichte der Soziologie darstellt. James S. Coleman fasst den Kern dieser Lehre in seinem Werk „Grundlagen der Sozialtheorie“ wie folgt zusammen: „ Die religiöse Ethik, die diejenigen Gesellschaften kennzeichnete, die in der Reformation protestantisch wurden […] beinhaltete Werte, die das Wachstum einer kapitalistischen Wirtschaftsorganisation begünstigte.“[4] Ich denke, dass Weber sein Augenmerk vor allem auf Faktoren legte, welche in der deutschen Gesellschaft und Wirtschaft bisher fehlten, um wirklich produktiv erfolgreich zu sein. Meiner Meinung nach, begann man in Bezug auf den Nutzen zu denken. Das heißt, man wägte immer mehr ab, wie viel Kraft und Mittel man in eine Sache investieren musste, um einen guten Ertrag erzielen zu können. Wie ich schon gesagt habe, denke ich allerdings nicht, dass es Sinn macht, diese Entwicklung nur auf die Herausbildung des Protestantismus zu beziehen. Ich denke, dass Dupin sowie auch Weber zu wenige Aspekte berücksichtigt haben, um diese Behauptung zu begründen. Auch in der Forschung bestehen Zweifel an dieser Aussage. So schreibt zum Beispiel Coleman in seinen „Grundlagen der Sozialtheorie“, dass erst verschiedene Nachweise erbracht werden müssen, um diese Theorie belegen zu können. Als mögliche Belege erwähnt er in seinen Ausführungen zum Beispiel die methodische Untersuchung von protestantischen und nicht- protestantischen Wirtschaftssystemen. Diese müssten dann gegenübergestellt werden, um zu erkennen, ob die protestantischen Gebiete wirklich die besseren wirtschaftlichen Voraussetzungen besaßen. Nach der Meinung des Autors hätte man sich des Weiteren über die zeitlichen Entstehungsräume von Kapitalismus und Protestantismus Gedanken machen müssen.[5] Hierzu muss ich sagen, dass es nicht der Fall war, dass sich der Kapitalismus direkt nach der Entstehung des Protestantismus herausgebildet hat. Diese Richtung der Wirtschaftsgeschichte existierte in ihren ersten Zügen bereits schon seit dem Mittelalter. Dort ging der Kapitalismus aus dem freien Markt des Fernhandels hervor. Folglich steht das Aufkommen der beiden Begriffe in keinerlei Zusammenhang.

Friedrich- Wilhelm Henning schreibt in seinen Ausführungen, dass auch die allgemeine Idee des Liberalismus, welche in der Französischen Revolution die wichtigste Grundlage darstellte, für den industriellen Prozess in Deutschland übernommen wurde.[6] Wie der Begriff schon sagt, behandelt diese philosophische Richtung die Freiheit eines jeden Einzelnen.[7] Ich bin der Meinung, dass der Liberalismus für das Funktionieren des industriellen Prozesses eine wichtige Rolle spielte. Der Bürger war bisher an verschiedene Abhängigkeiten gebunden. Ich vermute, dass diese Abhängigkeitsverhältnisse die freie Entfaltung stark beeinträchtigten. Daher denke ich, war die Beseitigung dieser, grundlegende Voraussetzung, um produktiv wirksam zu werden. In seinem Werk zur deutschen Industrialisierung bestätigt Friedrich- Wilhelm Henning meine Ansicht und nennt zum Beispiel die wirtschaftlichen Abhängigkeiten eines Bürgers, welche dann durch tiefgreifende Maßnahmen, die ich in den nächsten Gliederungspunkten erläutern werde, beseitigt wurden.[8]

Man sieht also, dass viele Faktoren und Gegebenheiten für die Herausbildung der Industrialisierung in Deutschland von Bedeutung waren. In den nachfolgenden Punkten werde ich nun die Ereignisse der ersten industriellen Phase erläutern.

3. Entwicklungen im Primärsektor

In vielen Lexika erfährt man, dass der Primärsektor, welcher auch als der erste Sektor der Volkswirtschaft bezeichnet wird, die Land- und Forstwirtschaft umfasst. In diesen primären Sektor gehören Ackerbau, Viehzucht, Waldnutzung mit Jagd, sowie die Fischerei und der Bergbau.[9] In der ersten Phase der Industrialisierung kam es in dem agrarischen Bereich zu prägenden Veränderungen. Diese Veränderungen waren von großer Bedeutung, „da um 1815 60- 70% der Bevölkerung auf dem Lande lebten, ja selbst die kleineren Städte hatten noch ein dörfliches Gepräge.“[10] Anhand dieser Prozentzahlen kann man, meiner Ansicht nach erkennen, dass der agrarische Bereich einen wichtigen Teil der allgemeinen Wirtschaft darstellt.

3. 1 Bauernbefreiung

Wie ich schon im vorangegangen Gliederungspunkt erläutert habe, war es für das Funktionieren des Industrialisierungsprozesses von großer Wichtigkeit, dass die Menschen aus ihren Abhängigkeitsverhältnissen herausgelöst wurden. Der Prozess der Bauernbefreiung erreichte dies.

Friedrich- Wilhelm Henning definiert diesen Prozess folgendermaßen: „Unter Bauernbefreiung versteht man die Aufhebung der Abhängigkeitsverhältnisse, denen die bäuerliche Bevölkerung durch das den größten Teil der ländlichen Bereiche erfassende Feudalsystem unterworfen war und auf Grund derer von den Bauern Leistungen unterschiedlicher Art und Höhe gefordert werden konnten und wurden.“[11] Hierzu kann ich sagen, dass die Gesellschaft vor dem Beginn der Industrialisierung durch das Feudalwesen, welches in der historischen Forschung auch als Lehnswesen bezeichnet wird, geordnet war. In einer Lehnsherrschaft war es üblich, dass der Lehnsherr seinen Untergebenen Land verlieh. Für die Nutzung dieses Landes musste der so genannte „Pächter“ regelmäßig Abgaben an den Lehnsherrn leisten. Meines Wissens nach, entstand dieses System bereits im Mittelalter und bestand bis ins 19. Jahrhundert fort. Aus dieser Art von Abhängigkeitsverhältnis haben sich verschiedene Varianten herausgebildet. Laut den Aussagen Friedrich- Wilhelm Hennings war der Bauer rechtlich sowie wirtschaftlich an seinen Herren, welcher zur Zeit der Industrialisierung auch als Rittergutsbesitzer bezeichnet werden kann, gebunden. Rechtliche Bindungen waren Abhängigkeiten in Bezug auf die Person.[12] Hierzu kann ich sagen, dass eine dieser personenrechtlichen Bindungen zum Beispiel die Leibherrschaft darstellte. Das bedeutete, dass der Landesherr in jeglicher Hinsicht über den Bauern verfügen konnte. Der Bauer musste dessen Länder in Stand halten und war gezwungen, Eingriffe in sein Leben zu akzeptieren. Henning schreibt zu diesen persönlichen Abhängigkeiten, dass diese dem Bauern im schlimmsten Fall "die persönliche Unfreiheit […] und die Beschränkung der Freizügigkeit brachten.“[13] Wirtschaftlich verpflichtet bedeutete, dass der landesherrliche Betrieb mit dem Bauernhof verbunden war.[14] Meines Wissens nach, musste der Bauer zum Beispiel dulden, dass Arbeitskräfte, Zugtiere und verschiedene handwerkliche Geräte auf seinem Hof gehalten und unterhalten wurden.

Hubert Kiesewetter schreibt in seinem Werk „Die Industrielle Revolution in Deutschland 1815- 1914“ über das Feudalwesen vor der Industrialisierung, dass vor allem in den preußischen Gebieten, wie zum Beispiel in Ost- und Westpreußen, Pommern, Schlesien, Brandenburg, in einigen norddeutschen Gebieten, zum Beispiel Schleswig- Holstein, sowie in Mittel- und Südwestdeutschland diese Abhängigkeitsverhältnisse als ländliche Rechtsverfassung noch immer dominierten. Der Verfasser erläutert genauer, dass im Norden und in den preußischen Gebieten die so genannte Gutsherrschaft, oder auch als Lehnsherrschaft bekannt, überwog. Diese konnte, wie bereits erwähnt, im schlimmsten Falle zur rechtlichen Unfreiheit des Bauern führen. Kiesewetter schreibt weiter, dass in den mittleren und südwestlichen Regionen Deutschlands die so genannte Grundherrschaft, eine mögliche Variante der Gutsherrschaft, dominierte.[15] Meiner Meinung nach, war diese Gutsherrschaft zwar auch durch gewisse Abgaben an den Gutsherren gekennzeichnet, belastete den Bauern aber nicht so sehr wie bei der Grundherrschaft. Diese Tatsache lässt sich dadurch erklären, dass in diesem Falle das Prinzip der Erbteilung möglich war. Kiesewetter versteht unter der Erbteilung die Möglichkeit des Verkaufes, der Verschuldung oder der Aufteilung des bäuerlichen Landes.[16]

Da unter diesen bisherigen Umständen keine produktive Landwirtschaft entstehen konnte, kam es also in Deutschland zu Beginn des 19. Jahrhunderts zum, schon erläuterten Begriff, der Bauernbefreiung. „Sie war […] nicht die Folge einer politischen Revolution […], sondern das Ergebnis staatlicher Reformen.“[17] Friedrich- Wilhelm Henning schreibt in seinen Ausführungen über die Bauernbefreiung, dass deren Maßnahmen zwischen den Jahren 1765 und 1850 am stärksten Fortschritte erzielten.[18] Hierzu muss ich aber sagen, dass auch schon in den Jahren zuvor Schritte zur Verbesserung des Agrarwesens eingeleitet wurden, welche in ihren Konsequenzen jedoch nicht so tiefgreifend waren.

Durch die Einführung verschiedener Reformen wurden fünf Schritte durchgesetzt, welche ich im Folgenden erläutern werde. Die Zunahme der Bevölkerung im Verlauf des 18. Jahrhunderts hatte zur Folge, dass die persönlichen Bindungen, wie etwa die Beschränkung der bäuerlichen Freizügigkeiten oder der Gesindezwangdienste, nach und nach aufgehoben wurden.[19] Meiner Ansicht nach, lässt sich diese Tatsache durch den enormen Anstieg der Bevölkerungszahlen erklären. Das heißt durch die gestiegene Menschenzahl waren nun auch mehr Arbeitskräfte vorhanden, so dass die bisherigen Berechtigten nicht mehr auf Zwangsdienste angewiesen waren. Anhand der Untersuchungen Friedrich- Wilhelm Hennings erfährt man, dass Einschränkungen der Persönlichkeit auf formeller Ebene vor allem durch das so genannte Oktober- Edikt aus dem Jahre 1807 beseitigt wurden. Weiterhin schreibt der Verfasser, dass dieser Erlass hauptsächlich für die Situation in Preußen von Bedeutung war.[20] Die folgende Quelle zeigt einen Ausschnitt aus diesem Erlass:

Das Oktoberedikt (1807)

§1 Jeder Einwohner Unsrer Staaten ist, ohne alle Einschränkung in Beziehung auf den Staat, zum eigenthümlichen und Pfandbesitz unbeweglicher Grundstücke aller Art berechtigt; der Edelmann also zum Besitz nicht blos adelicher, sondern auch unadelicher, bürgerlicher und bäuerlicher Güter aller Art, und der Bürger und Bauer zum Besitz nicht blos bürgerlicher, bäuerlicher und anderer unadelicher, sondern auch adelicher Grundstücke […]

§12 Jeder Edelmann ist, ohne allen Nachtheil seines Standes, befugt, bürgerliche Gewerbe zu treiben; und jeder Bürger und Bauer ist berechtigt, aus dem Bauer- in den Bürger- und aus dem Bürger- in Bauerstand zu treten […]

§12 Mit dem Martini- Tage [11. November]Eintausend Achthundert und Zehn [1810]hört alle Guts- Unterthänigkeit in Unseren sämmtlichen Staaten auf. Nach dem Martini- Tage giebt es nur freie Leute.[21]

Hierbei handelt es sich um eine traditionelle Quelle, welche im Jahre 1807 in Preußen veröffentlicht wurde. Außerdem stellte dieser Erlass vom 9. Oktober 1807 den offiziellen Beginn der preußischen Reformpolitik dar. Des Weiteren wurde dieses Gesetz durch den Reichsfreiherrn vom Stein ausgearbeitet, welcher anschließend die amtliche Zustimmung des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. erhielt. Diese Quelle zeigt drei Paragraphen aus dem Oktoberedikt, welche grundlegende Neuerungen enthielten. Im ersten Abschnitt wird deutlich gemacht, dass jeder Einzelne von nun an Anspruch auf ein Stück hatte. Der erste Teil des zwölften Paragraphs sagt aus, dass jeder Einzelne berechtigt war, im gewerblichen Bereich tätig zu sein. Der zweite Part der zwölften Rechtsklausel belegt die Persönlichkeitsfreiheit, welche die Beseitigung aller bestehenden Abhängigkeitsverhältnisse beinhaltete. Wie schon erwähnt, erschien dieses Edikt im Rahmen der preußischen Reformpolitik. Zur Interpretation der Quelle ist zu sagen, dass der Staat durch diese Änderungen auf das Wohl der Bevölkerung eingeht. Durch diesen Erlass sollte die bisherige Situation dieser verbessert werden und somit die landwirtschaftliche Produktion gesteigert werden. Weiterhin sollte das veraltete System der Feudalherrschaft, in welches die Bauern verflochten waren, durch eine neue, besser an die Zeit angepasste, Möglichkeit ersetzt werden. Die Hauptkernaussagen dieser Tradition sind die Auflösung der Dependenzen zu den Gutsherren und die Berechtigung des Besitzes und individuellen Nutzens von Land. Wie man anhand dieser Quelle erkennen kann, konnte durch diese Maßnahmen die allgemeine Zufriedenheit der Bauern gesteigert und infolgedessen die agrarische Herstellung gesteigert werden.

In dem Werk „Die Industrielle Revolution in Deutschland 1815- 1914“ kann man lesen, dass es am 14. September 1811 zu einem weiteren Erlass kam, welcher das Oktoberedikt ergänzte.[22] Zu dieser Verordnung kann ich sagen, dass sie von dem preußischen Staatsmann, Außenminister und Staatskanzler Karl August Freiherr von Hardenberg erdacht wurde und ebenfalls unter die preußischen Reformen zählte. Hubert Kiesewetter erläutert zu diesem Gesetz, welches auch als Regulierungsedikt bekannt ist, folgendes: „Dieses Edikt sah vor, dass Bauern mit erblichem Besitz ein Drittel, mit nicht- erblichem Besitz die Hälfte ihres Grundbesitzes an den Grundherrn abtreten konnten, wonach alle Abgaben, Dienste und Verpflichtungen wegfallen sollten.“[23] Zu den Ergebnissen des Erlasses muss ich sagen, dass dieser in der historischen Forschung oft auf Kritik stieß. Zum Beispiel stellt Manfred Görtemaker in seinen Ausführungen über Deutschland im 19. Jahrhundert fest, dass die Bauern ihren Grundbesitzern durch diese Regelung nicht auf finanzieller Basis Schadensersatz leisten konnten und daher gezwungen waren, einen Teil ihres Landes zurückzugeben.[24] Ich denke, dass diese Regelung auf der einen Seite den Vorteil hatte, dass sich die Bauern von nun an als freie Eigentümer bezeichnen konnten. Auf der anderen Seite war es, meiner Meinung nach, für die Bauern nachteilig, einen Teil des Landes, welches sie bis dato aus eigener Kraft bewirtschaftet hatten, wieder an den Grundbesitzer zurückgeben zu müssen.

Ein zweiter Schritt der Bauernbefreiung war die Einführung der bezahlten Naturalabgabe. Laut den Aussagen Hennings bedeutete dieser Punkt, dass der Adel an den Bauern einen gewissen Betrag zahlen musste, um Güter zu erhalten.[25] Ich denke, dass dies eine positive Auswirkung hatte, da die Bauern für ihre Arbeit und Produktion nun auch eine Entschädigung bekamen und nicht mehr verpflichtet waren, die Waren kostenfrei abzugeben.

[...]


[1] Henning, F-W.: Die Industrialisierung in Deutschland 1800 bis 1914. Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 1978 (= Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Band 2), S. 35.

[2] Vgl. Kiesewetter, H.: Industrielle Revolution in Deutschland 1815- 1914. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1989 (= Neue Historische Bibliothek, Band 539), S. 26.

[3] Ebd. S. 25f.

[4] Coleman, James S. (Hrsg.): Grundlagen der Sozialtheorie. Band 1: Handlungen und Handlungssysteme. R. Oldenbourg Verlag, München 1991, S. 7.

[5] Vgl. Coleman, James S.: Grundlagen der Sozialtheorie. S. 8.

[6] Vgl. F.-W. Henning: Die Industrialisierung in Deutschland 1800 bis 1914. S. 36.

[7] Vgl. Coleman, James S.: Grundlagen der Sozialtheorie. S. 16.

[8] Vgl. F.-W. Henning: Die Industrialisierung in Deutschland 1800 bis 1914. S. 36.

[9] Vgl. Bauerkämpfer, Arnd u.a. (Hrsg.): Condrau, Flurin: Die Industrialisierung in Deutschland. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2005, S. 8f.

[10] Kiesewetter, H.: Industrielle Revolution in Deutschland 1815- 1914. S. 142.

[11] F.- W. Henning: Die Industrialisierung in Deutschland 1800 bis 1914. S. 37.

[12] Vgl. F.- W. Henning: Die Industrialisierung in Deutschland 1800 bis 1914. S. 37f.

[13] F.- W. Henning: Die Industrialisierung in Deutschland 1800 bis 1914. S. 37.

[14] Vgl. F.-W. Henning: Die Industrialisierung in Deutschland 1800 bis 1914. S. 39.

[15] Vgl. Kiesewetter, H.: Industrielle Revolution in Deutschland 1815- 1914. S. 142.

[16] Ebd. S. 143.

[17] Görtemaker, M.: Deutschland im 19. Jahrhundert. S. 156.

[18] Vgl. Henning, F.- W.: Die Industrialisierung in Deutschland 1800 bis 1914. S. 43.

[19] Ebd. S. 43.

[20] Ebd.

[21] Abgedruckt in: Beimel, Matthias/ Mögenburg, Harm (Bearb.): Industrialisierung- das deutsche Beispiel (1800- 1914). Verlag Moritz Diesterweg, Frankfurt am Main 1987, Quellennummer 12, S. 15.

[22] Vgl. Kiesewetter, H.: Industrielle Revolution in Deutschland 1815- 1914. S. 145.

[23] Kiesewetter, H.: Industrielle Revolution in Deutschland 1815- 1914. S. 145.

[24] Vgl. Görtemaker, M.: Deutschland im 19. Jahrhundert. S. 158.

[25] Vgl. Henning, F.- W.: Die Industrialisierung in Deutschland 1800 bis 1914. S. 44.

Ende der Leseprobe aus 41 Seiten

Details

Titel
Der Beginn der Industrialisierung in Deutschland bis zur Revolution 1848/49
Hochschule
Universität Erfurt  (Philosophische Fakultät)
Veranstaltung
Deutschland im 18./19. Jahrhundert
Note
3,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
41
Katalognummer
V213816
ISBN (eBook)
9783656439424
ISBN (Buch)
9783656439547
Dateigröße
580 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
beginn, industrialisierung, deutschland, revolution
Arbeit zitieren
Annegret Busse (Autor), 2009, Der Beginn der Industrialisierung in Deutschland bis zur Revolution 1848/49, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/213816

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