Die folgende Arbeit befasst sich mit der Gestalt des Mose im Johannesevangelium. Der
Umstand, dass das Johannesevangelium Mose insgesamt sieben Mal namentlich nennt, macht
die Rezeption des Moses durch dessen Autor zu einem beachtenswerten Objekt. Zunächst soll
die literarische Situierung der Mose-Erwähnungen im Gesamtzusammenhang des
Johannesevangeliums betrachtet werden. Danach analysiert die Arbeit schwerpunktmässig
jede der sieben namentlichen Erwähnungen zunächst einzeln und versucht zu verstehen, wie
der Evangelist Johannes Mose darstellt. Dabei werden der inhaltliche und literarische Kontext
beleuchtet und hinsichtlich der Frage nach Gestalt des Mose und dem Verhältnis zur Person
Jesu ausgewertet. Anschließend sollen die daraus resultierenden Ergebnisse auf eine mögliche
Systematik untersucht werden, die Auskunft über das Verhältnis zwischen Moses und Jesus in
der Intention des Autors des Evangeliums geben soll. Abschließend soll verbunden mit dem
Fazit der Frage nachgegangen werden, ob anhand des selektiven Verhältnisses zwischen
Mose und Jesus von einer Kontinuität oder einer Diskontinuität der beiden Testamente
ausgegangen werden kann. In Anbetracht dessen, dass die frühneuzeitlichen protestantischen
Schriften gerne die Formulierung „das Gesetz Mosij“ in abwertender Polemik zwecks
christozentrischer Absichten verwendeten, bekommt der gewählte Schwerpunkt eine
Bedeutung, die nicht nur von Interesse für die antike johanneischen Gemeinde war. Als
Textgrundlage dient die Übersetzung der Elberfelder Bibel, wo es von semantischer
Bedeutung ist, wird der griechische Urtext herangezogen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Intertextuelle Einordnung der Mose-Erwähnungen
3.1. Mose im Johannesprolog (1,17)
3.2. Mose in der Berufungserzählung (1,45)
3.3. Mose im Nikodemusgespräch (3,14)
3.4. Mose in der ersten Verteidigungsrede Jesu (5,45f.)
3.5. Mose in der Brotrede (6,32)
3.6. Mose im Streitgespräch während des Laubhüttenfestes (7,19.22f)
3.7. Mose im Gespräch über den Blindgeborenen (9,28)
4. Systematik der Mose-Erwähnungen
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die sieben namentlichen Erwähnungen der Gestalt Mose im Johannesevangelium, um deren literarische Funktion und die theologische Intention des Evangelisten bezüglich des Verhältnisses zwischen Mose und Jesus zu ergründen. Dabei wird analysiert, ob der Autor eine Kontinuität oder Diskontinuität der beiden Testamente beabsichtigt und inwiefern die Figur Mose lediglich als Instrument zur Christologie dient.
- Literarische und inhaltliche Analyse der sieben Mose-Referenzen
- Die Funktion Mose als Zeuge und Ankläger gegenüber dem jüdischen Umfeld
- Untersuchung des Verhältnisses von Gnade, Wahrheit und dem Gesetz Mose
- Die christozentrische Überbietungslogik des Evangelisten
- Diskussion über Kontinuität versus Diskontinuität zwischen Altem und Neuem Testament
Auszug aus dem Buch
3.1. Mose im Johannesprolog (1,17)
Der besagte „Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben; die Gnade und die Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden“ steht im Kontext des Prologs, in welchem Jesus von Johannes, als die Inkarnation des präexistenten Logos ausweist. Jesus und Mose werden an dieser Stelle in ein unübersehbar antithetisches Verhältnis gestellt. Die Intention dieser antithetischen Formulierung des Verfassers dürfe aber kaum der Entwurf einer Typologie Mose-Jesus sein, denn nicht die Abgrenzung steht im Zentrum des Verses, sondern die Gnade. Bereits in 1,14 und 1,16 spricht Johannes von der Gnade Gottes, die sich im fleischgewordenen „λόγος“ offenbart. Johannes versucht also gar nicht Mose und Jesus in ein Verhältnis setzen, sondern vielmehr das, was durch sie geschieht: Durch Mose wurde zwar das Gesetz gegeben, aber mit dem fleischgewordenen „λόγος“, der Jesus ist, ist aber Gnade und Wahrheit „geworden“.
In der Darstellung von Mose als („nur“) Vermittler und Jesus, bei dem Gnade und Sein eine ontologische Synthese eingehen, überbietet die Offenbarung Jesu quasi die Offenbarung des Mose, ohne den zweiten abzuwerten. Zurecht wird erwähnt, dass die Stelle, an der Jesus zum ersten Mal erwähnt wird, nicht isoliert, sondern in Verbindung mit Mose steht. Weiter betont Hasitschka, dass der messianische Anspruch Jesu ohne Mose gar nicht verstehbar wäre.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung steckt das Forschungsfeld ab und definiert die Zielsetzung, die Rolle von Mose im Johannesevangelium auf Basis der sieben Erwähnungen zu untersuchen.
2. Intertextuelle Einordnung der Mose-Erwähnungen: Dieses Kapitel verortet die Nennungen Mose innerhalb des Aufbaus des Evangeliums und diskutiert die methodische Herangehensweise der Untersuchung.
3.1. Mose im Johannesprolog (1,17): Analyse des Prologs, in dem Mose als Vermittler des Gesetzes der durch Jesus gewordenen Gnade und Wahrheit gegenübergestellt wird.
3.2. Mose in der Berufungserzählung (1,45): Untersuchung der Berufungsszene, in der Jesus unter Berufung auf die Schrift als derjenige vorgestellt wird, von dem Mose geschrieben hat.
3.3. Mose im Nikodemusgespräch (3,14): Analyse des Vergleichs zwischen der Erhöhung der Schlange durch Mose in der Wüste und der Erhöhung des Sohnes des Menschen.
3.4. Mose in der ersten Verteidigungsrede Jesu (5,45f.): Untersuchung der Rolle Mose als Zeuge und potenzieller Ankläger der Juden, die Jesus nicht als den Messias anerkennen.
3.5. Mose in der Brotrede (6,32): Analyse der Abgrenzung Jesu gegenüber dem Manna-Wunder des Mose durch die Selbstdefinition als Brot des Lebens.
3.6. Mose im Streitgespräch während des Laubhüttenfestes (7,19.22f): Diskussion über die Legitimation des Gesetzesverständnisses bezüglich der Sabbatheilung im Kontrast zur Beschneidung.
3.7. Mose im Gespräch über den Blindgeborenen (9,28): Darstellung des Konflikts, in dem die Pharisäer ihre Jüngerschaft zu Mose der Anhängerschaft Jesu gegenüberstellen.
4. Systematik der Mose-Erwähnungen: Zusammenführende Betrachtung der instrumentalisierten Rolle Mose als Referenzpunkt für die christologische Überbietungslogik.
5. Fazit: Beantwortung der Frage nach Kontinuität und Diskontinuität, wobei das Christusereignis als hermeneutischer Schlüssel der Schrift identifiziert wird.
Schlüsselwörter
Johannesevangelium, Mose, Jesus Christus, Gesetz, Offenbarung, Christologie, Schriftverständnis, Kontinuität, Diskontinuität, Exegese, Judentum, Vermittler, Logos, Erlösung, Gnade
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Rezeption der alttestamentlichen Gestalt Mose im Johannesevangelium und untersucht, wie der Evangelist Mose verwendet, um die Person und das Wirken Jesu theologisch zu definieren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die sieben namentlichen Erwähnungen Mose, das Verhältnis von Gesetz und Gnade, die christozentrische Schrifthermeneutik des Johannes sowie das Spannungsfeld zwischen der jüdischen Tradition und der frühen christlichen Identität.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Hauptziel ist es, zu klären, ob Johannes durch die Einbindung von Mose eine inhaltliche Kontinuität zwischen dem Alten und Neuen Testament begründen will oder ob er eine Diskontinuität konstruiert, um die Überlegenheit Jesu zu verdeutlichen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit angewandt?
Die Arbeit nutzt eine textnahe, exegetische Analyse der entsprechenden Perikopen des Johannesevangeliums unter Berücksichtigung des literarischen Kontextes und der johanneischen Gemeindesituation.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Analyse der sieben Einzelstellen (1,17; 1,45; 3,14; 5,45f.; 6,32; 7,19.22f.; 9,28), in denen Mose namentlich erwähnt wird, sowie eine anschließende systematische Auswertung dieser Befunde.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die vorliegende Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind unter anderem Johannesevangelium, Christologie, Gesetz Mosii, Schrifthermeneutik und die Frage nach Kontinuität in der christlichen Offenbarung.
Welche Funktion hat Mose in der Verteidigungsrede Jesu im fünften Kapitel?
In Kapitel 5 dient Mose nicht nur als Zeuge für die Messianität Jesu, sondern tritt im Argumentationsgang des Evangelisten in einem scharfen Tonfall als Ankläger jener Juden auf, die Jesus trotz des Schriftzeugnisses ablehnen.
Wie deutet der Autor die Analogie zwischen der ehernen Schlange und Jesus?
Die Analogie dient dazu, Jesus als denjenigen darzustellen, der durch sein Leiden und seine Erhöhung eine rettende Macht ausübt, die das Handeln Gottes im Exodus übertrifft und ewiges Leben ermöglicht.
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- Dorian Winter (Autor:in), 2013, Das Verhältnis zwischen der Gestalt Mose und Jesus im Johannesevangelium, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/213834