Nutzergerechte Gestaltung von öffentlichen Freiräumen in der Siegener Innenstadt

Integration der Trinkerszene in den öffentlichen Raum


Bachelorarbeit, 2013
110 Seiten, Note: 3,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Hintergrund
1.2 Zielsetzung und Methodik
1.3 wo sich diese Arbeit sieht
1.4 Aufbau der Arbeit

2. der öffentliche Raum
2.1 Geschichte und Entwicklung des öffentlichen Raums
2.2 Bedeutung des öffentlichen Raums für Stadt und Einwohner
2.3 Nutzergruppen und ihre Ansprüche
2.4 Freiflächen im Bereich der Siegener Innenstadt

3. die sozialen Randgruppen
3.1 was sind soziale Randgruppen- Begriffsdefinition
3.2 Aufteilung der sozialen Randgruppen in Siegen
3.3 Trinker und trinken im öffentlichen Raum
3.4 Bisherige Aufenthaltsflächen der sozialen Randgruppen
3.5 Fazit Kapitel zwei und drei- Auswahl der Untersuchungsflächen

4. Methodisches Vorgehen der empirischen Arbeitsweise
4.1 Forschungsdesign
4.1.1 Auswahl der Datenerhebungsmethoden
4.2 Durchführung der Datenerhebung
4.2.1 Vorbereitung der Beobachtung
4.2.2 Durchführung der Beobachtung
4.2.3 Vorbereitung der Interviews
4.2.4 Durchführung der Interviews
4.3 Auswertungsverfahren

5. Empirische Untersuchung
5.1 Bertramsplatz und Oranienpark
5.2 Beobachtung
5.3 Befragung
5.3.1 Negative Aspekte der ausgewählten Grünflächen
5.3.2 Positive Aspekte der ausgewählten Grünflächen
5.3.3 Verbesserungswünsche
5.3.4 Umgang mit den sozialen Randgruppen
5.4 Konflikte aus der Sicht von Sozialarbeitern
5.5 Probleme und Wünsche von Mitgliedern sozialer Randgruppen
5.6 Nutzungskonflikte

6. Beispiele aus der Praxis
6.1 Kommunikation in Zürich
6.2 Dixi in Berlin
6.3 Trinken im öffentlichen Raum von Stuttgart-Rot
6.4 Meeting Point in Siegen
6.5 Cafe Berta in Dortmund/ Hempels in Kiel

7. Handlungsoptionen
7.1 mögliche Handlungsoptionen
7.1.1 Bertramsplatz
7.1.2 Oranienpark
7.2 planerische Gestaltung

8. Schluss
8.1 Zusammenfassung und Fazit
8.2 Ausblick

D. Literatur- und Quellenverzeichnis

E. Anhang

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abbildung 1 Ausschnitt aus dem ‘Pianta Grande di Roma‘ Giambattista Nollis von 1748 (University of Oregon 2005)

Abbildung 2 social force (Carr 1992)

Abbildung 3 functional force (Carr 1992)

Abbildung 4 symbolic force (Carr 1992)

Abbildung 5 Gemälde Piazza San Marco von Canaletto (KUNSTKOPIE.DE 2012)

Abbildung 6 Fotografie Piazza San Marco (Imboden 2012)

Abbildung7 Gegenstandsbereiche und Methoden empirischer Sozialforschung (Atteslander 2006)

Abbildung 8 Ablaufplan der Beobachtung (Mayring 2002)

Abbildung 9 Ablaufmodell des problemzentrierten Interviews (Mayring 2002)

Abbildung 10 Luftbild Bertramsplatz (Google 2012)

Abbildung 11 Bertramsplatz (Salzmann 2012)

Abbildung 12 Bertramsplatz (Salzmann 2012)

Abbildung 13 Eingang Friedrichsstraße (Salzmann 2012)

Abbildung 14 Eingang Emilienstraße (Salzmann 2012)

Abbildung 15 Trampelpfad (Salzmann 2012)

Abbildung 16 Aufteilung Bertramsplatz (Salzmann 2012)

Abbildung 17 Weg durch den Bertramsplatz (Salzmann 2012)

Abbildung 18 Bank an der Sandstraße (Salzmann 2012)

Abbildung 19 Spielplatz Bertramsplatz (Salzmann 2012)

Abbildung 16 Blick auf Bertramsplatz (Salzmann 2012)

Abbildung 20 Luftbild (Google 2012)

Abbildung 21 Eingang Oranienstraße (Salzmann 2012)

Abbildung 22 Eingang Spandauerstraße (Salzmann 2012)

Abbildung 23 Aufteilung Oranienpark (Salzmann 2012)

Abbildung 24 Bankgruppe im Oranienpark (Salzmann 2012)

Abbildung 25 Oranienpark (Salzmann 2012)

Abbildung 26 Spielplatz Oranienpark (Salzmann 2012)

Abbildung 27 Blick auf den Spielplatz (Salzmann 2012)

Abbildung 28 Parkbänke mit Mülleimern im Oranienpark (Salzmann 2012)

Abbildung 29 Beobachtungszeitraum Betramsplatz (Salzmann 2012)

Abbildung 30 Beobachtungszeitraum Oranienpark (Salzmann 2012)

Abbildung 31 Nutzergruppen (Salzmann 2012)

Abbildung 32 Nutzungen Bertramsplatz (Salzmann 2012)

Abbildung 33 Nutzungen Oranienpark (Salzmann 2012)

Abbildung 34 Nutzung nach Uhrzeiten Bertramsplatz (Salzmann 2012)

Abbildung 35 Nutzung nach Uhrzeiten Oranienpark (Salzmann 2012)

Abbildung 36 negative Aspekte Bertramsplatz (Salzmann 2012)

Abbildung 37 negative Aspekte Oranienpark (Salzmann 2012)

Abbildung 38 positive Aspekte Bertramsplatz (Salzmann 2012)

Abbildung 39 positive Aspekte Oranienpark (Salzmann 2012)

Abbildung 40 Verbesserungswünsche Bertramsplatz (Salzmann 2012)

Abbildung 41 Verbesserungswünsche Oranienpark (Salzmann 2012)

Abbildung 42 Gedanken zu sozialen Randgruppen (Siegen 2011)

Abbildung 43 Erfahrungen gemacht? (Salzmann 2012)

Abbildung 44 Art der Erfahrung (Salzmann 2012).68 Abbildung 45 Arten der Zusammenstöße (Salzmann 2012)

Abbildung 46 Probleme der sozialen Randgruppen (Salzmann 2012)

Abbildung 47 Wünsche soziale Randgruppen (Salzmann 2012)

Abbildung 48 Aufräumarbeiten durch die Szene (Salzmann 2012)

Abbildung 49 Miettoilette am Mehringsplatz

Abbildung 50 Unterstand am Mehringsplatz

Abbildung 51 Meeting Point (Stadtjugenring e.V. 2012)

Abbildung 52 Bertramsplatz Einteilung

Abbildung 53 Oranienpark Einteilung

Abbildung 54 Mehrgenerationenspielplatz

Abbildung 55 Boulefeld (Grömitz 2012)

Abbildung 56 Stretchingfeld

Abbildung 57 Kinderspielplatz

Abbildung 58 Kräutergarten

Abbildung 59 Selbsterntegarten

Abbildung 60 Parkbeleuchtung

Abbildung 61 mögliche Parkbeleuchtung

1. Einleitung

Der öffentliche Raum. Ein Ort der Freiheit, der Erholung, ein Ort zum Spielen, zum Erleben, zum Ausruhen. Viel soll er bieten, und vor allem, für jeden soll er etwas bieten. Vom Kleinkind bis zum Rentner, jeder erhebt Anspruch auf seinen Platz im Stadtgefüge. In einer Zeit jedoch, in der bedingt durch die aktuelle Entwicklung des demographischen Wandels Wohnraum in den Städten immer knapper wird, stagniert auch das Angebot an Freiflächen. Diese werden oftmals dem Bau neuer Wohnanlagen geopfert und so treffen auf den verbliebenen Plätzen und Parks verschiedenste Nutzergruppen zusammen, die sich unter anderen Umständen aus dem Weg gehen würden. Rentner treffen auf jugendliche Punks, Mütter mit ihren Kindern auf Mitglieder sozialer Randgruppen. Das Konfliktpotenzial ist groß, doch Ausweichmöglichkeiten gibt es wenige. Eine Entspannung der Lage durch ein größeres Freiflächenangebot ist in den meisten Städten und so auch in Siegen nicht zu erwarten. Somit muss aus den bestehenden Flächen das möglichste herausgeholt werden.

1.1 Hintergrund

Öffentliche Räume so zu gestalten, dass sich möglichst alle Besucher derer auch an ihnen erfreuen. Das ist das Ziel der Planung, jedoch ist es ein schwieriges Unterfangen. Die verschiedenen Wünsche und Vorstellungen der unterschiedlichen Nutzer scheinen oftmals zu weit auseinander zu gehen. Eine Wiese, Blumenbeete, ein paar Bänke. Hier hört es oft schon auf. Kinder versucht man noch durch Spielgeräte zufrieden zu stellen, bei den Alten hofft man, dass die Wirkung der Blumen und eine Bank zum Sitzen, so scheint es zumindest, ausreicht. An wen gar nicht gedacht wird, dass sind die so genannten sozialen Randgruppen. Diejenigen, die sich an verschiedensten Orten in der Stadt treffen, zusammensetzen und scheinbar den ganzen Tag lang nur Bier trinken.

Doch gerade diese Gruppe hat sich zu einem der größten ‚Ärgernisse‘ des Ordnungsamtes entwickelt. Das Ordnungsamt fungiert hier tellvertretend für die Verwaltung, die ihre Stadt natürlich nur von der schönsten Seite präsentieren will. als auch die Bürger, die Anstoß an dem Verhalten und vielleicht auch äußeren Erscheinung dieser Klientel nehmen.

Die momentan meistpraktizierte Art mit ihnen umzugehen ist sie von den Flächen, die sie in Anspruch nehmen, zu vertreiben. Man möchte nicht, dass sie sich z.B.: am Bahnhof aufhalten, deswegen schickt man sie weg. Ein paar Stunden später jedoch trifft man sie in einem Park, wo sie ebenfalls stören, und schickt sie erneut weiter.

Diese Handhabung ist für beide Seiten unbefriedigend und führt zu weiteren Problemen. So suchen sich die betroffenen Personen immer neue Plätze, an denen sie ungestört sind. Diese werden oft nicht sofort entdeckt, sodass sich dort durch Müllansammlungen und auch Fäkalien hygienische Probleme ausbilden können. Auch verliert man den Überblick über die Personen, vor allem über die, welche zudem obdach- und vollkommen mittellos sind und eventuell gesundheitliche Probleme entwickeln, bei denen sie Hilfe benötigen. Desweiteren verstärkt dies auch das negative Bild dieser Klientel in der Bevölkerung, wenn solche Aufenthaltsplätze dann entdeckt werden.

So entstand der Gedanke, dass es möglichweise helfen könnte, wenn man gezielt Plätze für diese Nutzergruppe schafft, an denen sie sich aufhalten können. Zum einen können die Vertreter der Stadtverwaltung dadurch Lösungen präsentieren und den Kreislauf des Vertreibens durchbrechen, indem sie die angetroffenen Gruppen nicht immer nur weiterschicken, sondern eine Alternative bieten. Zum anderen fällt es so auch leichter den Überblick zu behalten, betreffend der Anzahl und den besonderen Problemen der Personen die gemeinhin zu den sozialen Randgruppen zählen. Auch kann es karitativen Einrichtungen helfen schneller und einfacher hilfebedürftige Personen zu erreichen, die sich vielleicht noch nicht selbst an diese gewandt haben. Natürlich setzt hier eine Art von Kontrolle ein, die viele sicherlich nicht wollen. Wenn jedoch die Vorteile für beide Seiten überwiegen und man eventuell auch gemeinsam an der Gestaltung und Einrichtung dieser Plätze arbeitet, kann ein Gelingen, im Sinne davon, dass die Flächen angenommen und besucht werden, im Rahmen des Möglichen liegen. Dies zeigt auch ein Beispiel aus Berlin, das im späteren Verlauf der Arbeit zusammen mit anderen Lösungsansätzen dargestellt wird.

1.2 Zielsetzung und Methodik

Das Ziel soll es sein, zwei Plätze in der Siegener Innenstadt so aufzuteilen und zu gestalten, dass sich die Bürger, egal welcher Alters- und Nutzergruppe sie angehören, dort gerne aufhalten. So sollen Kinder Plätze zum Spielen vorfinden, Erwachsene solche, die zum Ausruhen und Erholen einladen, sowie ihnen und auch Rentnern Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung bieten. Für Menschen mit Behinderungen muss ein hohes Maß an Barrierefreiheit gegeben sein und schlussendlich soll auch die Klientel aus den sozialen Randgruppen einen Platz vorfinden, von dem sie nicht wieder vertrieben werden.

Fragestellung der Bachelorarbeit

Das Interesse in dieser Arbeit beruht auf der Schaffung eines qualitativ wertvollen Miteinanders der verschiedensten Nutzergruppen. Welche Nutzer gibt es? Was erwarten sie von dem ihnen zur Verfügung gestellten Raum? Welche Probleme gab es bisher zwischen den Nutzern? Ziel ist es, anhand einer Untersuchung zweier Grünflächen in der Siegener Innenstadt, herauszufinden, wie man diese verbessern und sie somit attraktiver für die Einwohner machen kann.

Die zentrale Frage der vorliegenden Bachelorarbeit lautet also:

Wie kann man öffentliche Plätze so gestalten, dass sich möglichst viele Nutzergruppen parallel dort aufhalten können und möchten?

Ein besonderes Interesse liegt hierbei auf den Umgang und die Einbindung der sozialen Randgruppen in dieses Vorhaben.

Zu beachten ist, dass diese Arbeit hauptsächlich öffentliche Freiräume thematisieren soll und dass sich auch sämtliche Lösungsansätze hauptsächlich hierauf beziehen. Im Ausblick werden zwar noch weitere Ansätze vorgestellt, die man in der Zukunft untersuchen und aufgreifen könnte (z.B.: die Notwendigkeit von Fixerstuben), jedoch sind diese nicht relevant für die vorliegende Arbeit.

Methodik

Das Vorgehen in dieser Arbeit teilt sich in folgende Bereiche auf:

1. Grundlagenerarbeitung zum Thema öffentlicher Raum und Nutzergruppen
2. Vorbereitung und Durchführung der empirischen Arbeit
3. Auswertung und Schlussfolgerung inklusive beispielhafter Vorschläge zur nutzungsgerechten Gestaltung

Zuerst wurden unter Verwendung zahlreicher Primärquellen, wie Monografien, Artikeln aus Fachzeitschriften und Tageszeitungen, sowie Internetseiten, die Grundlagen zur Bedeutung öffentlicher Räume zusammengetragen und eine Auflistung, der in der Siegener Innenstadt vorhandenen Freiflächen, zusammengestellt. Die erarbeiteten Grundlagen finden sich unter Kapitel 2.

Im weiteren Verlauf wurde die empirische Arbeit vorbereitet und durchgeführt. Um eine speziell auf den Forschungsgegenstand abgestimmte Vorgehensweise zu ermitteln, bedurfte es gezielter Abwägung. Die Entscheidung fiel dabei auf eine qualitative Art und Weise der Methodik. Die Beobachtung und Befragung, genauer das problemzentrierte Leitfadeninterview, wurden als ideale Datenerhebungsmethode aus den vielfältigen Untersuchungsansätzen der qualitativen Sozialforschung ausgewählt. Befragt wurden sowohl Nutzer als auch Mitarbeiter öffentlicher Institutionen und der Verwaltung. Zusammen mit der Beobachtung ermöglichte dies den Stand der Freiraumversorgung sowie Verbesserungsmöglichkeiten zu untersuchen.

Die Auswertung erfolgte nach einer auf die vorliegende Arbeit angepasste, von LAMNEK vorgeschlagenen, Vorgehensweise zur Auswertung und Analyse qualitativer Interviews.1

Die gewonnenen Erkenntnisse wurden verwendet, um im vorletzten Kapitel Vorschläge zu erarbeiten, wie zwei ausgewählte Freiflächen in der Siegener Innenstadt, entsprechend der gestellten Frage dieser Bachelorarbeit, verändert und somit zur Zufriedenheit der Nutzer verbessert werden könnten.

1.3 wo sich diese Arbeit sieht

Das Thema der Frei- und Grünflächenplanung ist ein weites Feld. Viele Publikationen handeln davon, wie man den öffentlichen Raum ansprechend gestaltet und in den Behörden der Gemeinden und Städte gibt es hierfür eigene Abteilungen. In Zürich z.B. widmet man sich den Freiflächen mit einer besonders hohen Aufmerksamkeit. „Seit 2007 führt das Tiefbauamt jedes Jahr eine Bevölkerungsbefragung zu den Qualitäten aufgewerteter und umgestalteter Stadträume durch.“2

Doch beziehen sich sämtliche gesichteten Veröffentlichungen in Zeitschriften zumeist lediglich darauf, wie man die 99% der Gesellschafft zufriedenstellt, die man auch gerne dort antrifft, wobei auch hier bereits Kinder und Rentner öfter ausgelassen werden. Zu Beginn dieser Arbeit wurden ca. 20 Städte verschiedenster Größen angefragt (z.B.: Koblenz, Mainz, Frankfurt, Stuttgart), ob sie zu diesem Thema bereits eigene Forschungen angestellt haben oder wie sie mit dieser Problematik umgehen. Die meistgegebene Antwort war Nein: Nein haben wir nicht, nein werden wir nicht, nein funktioniert nicht. Entsprechend schwierig war es, Sicherheit für die eigene Planung zu gewinnen bzw. einen Vergleich zu finden, wie andere mit der gestellten Frage dieser Bachelorarbeit umgehen.

Vor allem drei Bereiche beschäftigen sich mit der Thematik der öffentlichen Räume und ihrer Nutzer. Die Architektur bzw. die Stadt- und Raumplanung, die Soziologie sowie die Geographie. Eines der wichtigsten Werke für den Umgang mit öffentlichen Räumen aus der Stadtplanung ist „Der Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen“ von Camillo Sitte aus dem Jahr 1889. Über 100 Jahre alt findet es jedoch immer noch Anwendung, wenn es darum geht, sich mit den Grundzügen von städtebaulicher Planung, aus der zum Teil künstlerischer Sicht, auseinander zu setzen. Die Soziologie beschäftigt sich indes unter anderem mit Freiraumverhalten und den Ansprüchen, die Menschen an ihre ( gebaute ) Umwelt haben. Die Veröffentlichungen, die die sozialen Randgruppen insbesondere ihrer Definition betreffen, stammen zumeist aus den 70er- und 80er- Jahren. Neueres Material hierzu entwickelt sich gerade erst und beinhaltet größtenteils Studien, die Städte in Auftrag geben, um sich einen Überblick über ihre eigene Situation zu verschaffen.

Das Problem der sozialen Randgruppen im öffentlichen Raum ist kein neues, wie sich in verschiedensten Veröffentlichungen und Studien zeigt. Wie man sie allerdings in diesen integriert, ohne weiterhin die gewohnte Praktik des weg schicken zu verfolgen, schon.

Diese Arbeit setzt also zum Teil dort an, wo andere nach wie vor lieber die Augen verschließen. Sie soll anhand der Freiflächen in Siegen aufzeigen, welche praktischen Möglichkeiten es gibt, um eine Verbesserung der Situation für die Nutzer der Stadt und ihre öffentlichen Räume herbeizuführen.

Die Untersuchung und Gestaltung der beiden ausgewählten Flächen - Bertramsplatz und Oranienpark - funktioniert zwar nach den bekannten Mustern und mit gewohnten Hilfsmitteln, jedoch sollen diesmal auch die 1% der Einwohner Siegens mitberücksichtigt und involviert werden, die für gewöhnlich gerne von solchen Orten ferngehalten werden.

1.4 Aufbau der Arbeit

Die vorliegende Bachelorarbeit gliedert sich in acht Kapitel. Nach der Einleitung beginnt die Arbeit mit einem Überblick über die Gesamtheit des öffentlichen Raums: Was definiert ihn, für wen ist er da und was wird von ihm erwartet. Desweiteren wird bereits hier auf die in Siegen zur Verfügung stehenden Freiflächen eingegangen.

Im Anschluss in Kapitel drei werden die sozialen Randgruppen betrachtet. Was macht eine Gruppe zu einer sozialen Randgruppe, wie setzt sie sich in Siegen zusammen und wo halten sie sich im öffentlichen Raum auf. Ein gemeinsames Fazit von Kapitel zwei und drei erläutert abschließend weshalb sich der Betramsplatz und Oranienpark besonders für eine Analyse zur Beantwortung der dieser Bachelorarbeit zugrunde liegenden Frage eignen.

Kapitel vier geht ausführlich auf das methodische Vorgehen der empirischen Arbeit ein. Von der Auswahl des Forschungsdesigns, über die Vorbereitung und Durchführung der Studien sowie die gewählte Art der Auswertung wird dem Leser ein detaillierter Einblick gewährt.

Mit Kapitel fünf schließt sich die empirische Arbeit an. Zunächst werden die bereits ausgewählten Flächen ausführlich beschrieben und bezüglich ihrer Größe, aktueller Ausstattung usw. analysiert. Die Ergebnisse der Beobachtungen und Interviews werden ebenfalls in diesem Kapitel dargestellt.

Kapitel sechs stellt das Vorgehen von anderen Städten bezüglich der Forschungsfrage vor bzw. beschreibt den alternativen Umgang mit dem Thema.

Mit den Handlungsoptionen und den planerischen, gestalterischen Vorschlägen wird in Kapitel sieben die gestellte Frage beantwortet, bevor in Kapitel acht die Arbeit mit Fazit und Ausblick abgeschlossen wird.

2. der öffentliche Raum

“Die Straßen in den Großstädten haben noch viele andere Funktionen außer der einen, Platz für Fahrzeuge zu bieten, und die Bürgersteige (...) haben noch viele andere Funktionen, außer Platz für die Fußgänger zu bieten. (…) Ein Bürgersteig in einer Großstadt ist, für sich genommen, ein leerer Begriff. Erst im Zusammenhang mit den angrenzenden Gebäuden und mit deren Nutzung oder erst in Verbindung mit der Benutzung anderer Bürgersteige in der Nähe gewinnt er Bedeutung. (…) Die Straßen und ihre Bürgersteige sind die wichtigsten öffentlichen Orte einer Stadt, sind ihre lebenskräftigsten Organe. Was kommt einem, wenn man an eine Großstadt denkt, als erstes in den Sinn? Ihre Straßen. Wenn die Straßen einer Großstadt uninteressant sind, ist die ganze Stadt uninteressant; wenn sie langweilig sind, ist die ganze Stadt langweilig.” 3

Bei öffentlichem Raum in der Stadt denken die meisten in erster Linie an Plätze und Parks. Wie dieses Zitat von Jane Jacobs jedoch zeigt, umfasst öffentlicher Raum weit mehr als das. Eine Definition ist schwierig und auch die Tatsache, dass es keine juristisch einwandfreie Bestimmung des Begriffes gibt, zeigt die Komplexität dieses Themas. Allgemein verständlich ist folgende Erklärung: „Mit öffentlichem Raum (auch öffentlichem Bereich) wird der ebenerdige Teil einer Gemeindefläche, oder einer Körperschaft des öffentlichen Rechts verstanden, der der Öffentlichkeit frei zugänglich ist und von der Gemeinde bewirtschaftet und unterhalten wird. Im Allgemeinen fallen hierunter öffentliche Verkehrsflächen für Fußgänger, Fahrrad- und

Kraftfahrzeugverkehr, aber auch Parkanlagen und Platzanlagen.“4

Einen Schritt weiter geht der italienische Architekt Giambattista Nolli mit seiner ‚Pianta Grande di Roma‘ aus dem Jahr 1748. In seiner Darstellung des römischen Stadtgrundrisses ließ Nolli sämtliche Flächen die für jedermann, also in seiner strengsten Form öffentlich zugänglich da nicht durch Mauern oder ähnlichem abgesperrt sind, weiß. Dies umfasst neben Plätzen und Straßen auch Innenhöfe eigentlich privater Palais sowie gar das Pantheon, welches damals wie heute nicht als frei zugänglich gilt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 Ausschnitt aus dem ‘Pianta Grande di Roma‘ Giambattista Nollis von 1748 (University of Oregon 2005)

Die Definition von öffentlichem Raum kann also sehr unterschiedlich sein. Auch Cafes, Restaurants und Einkaufszentren können als öffentlicher Raum angesehen werden, da sich dort jeder aufhalten kann, der möchte, solange er, und dies ist die große Einschränkung, sich an die Regeln des Besitzers hält. Die vorliegende Arbeit lässt diese

‚Sonderformen‘ jedoch außer Acht und beschäftigt sich im weiteren Verlauf hauptsächlich mit Grünflächen, besonders dem Bertramsplatz und dem Oranienpark.

Diese sowie neun weitere Flächen werden im folgenden Verlauf noch genauer dargestellt.

2.1 Geschichte und Entwicklung des öffentlichen Raums

Die Geschichte der Stadt beginnt in Europa im antiken Griechenland und mit ihr auch die Geschichte des öffentlichen Raums. Hier wurde die Aufteilung in öffentlich und privat gefestigt, wie sie bis heute beibehalten wurde und auch ihren Weg nach Amerika fand.

In der Antike kam den Plätzen, der Agora, eine besondere Stellung zu. Hier fanden nicht mehr nur Versammlungen statt, sondern wurden nun auch politische Entscheidungen vom Volk getroffen. Auch wurden sie teilweise als Marktplätze genutzt. Angrenzend an die Agora fanden sich zumeist öffentliche Gebäude mit großer Bedeutung. Ebenso in Rom. Das Forum war wie die griechische Agora ein öffentlicher Platz, umgeben von wichtigen öffentlichen Gebäuden wie den Tempeln, Markthallen sowie auch Schulen und öffentlichen Bädern.

In den im Mittelalter neu gegründeten Städten bildete der Marktplatz mit dem Rathaus, umgeben von den Häusern der Reichen und Mächtigen, den Mittelpunkt der Stadt. Eines der wohl bekanntesten Beispiele hierfür ist der Piazza del Campo in Siena mit dem das Bürgertum seine Macht darstellen wollte.

In der Zeit des Barock und des Absolutismus vertiefte sich diese Inszenierung noch weiter. Die ganze Stadt diente einer Zurschaustellung der Macht des Staates und so wurden auch die öffentlichen Plätze angeordnet und hergerichtet. Eines der wohl bekanntesten Beispiele für die Inszenierung von Macht und Reichtum dieser Zeit ist das von König Ludwig dem XIV. erbaute Schloss Versailles mit seinen Garten- und Parkanlagen. Diese waren damals zwar nicht öffentlichen zugänglich, zeugen aber immer noch von dem Pomp der damaligen Zeit. Auch bei den ersten Umbauten von Paris um 1600 ging es hauptsächlich um die zur Schau Stellung der königlichen Macht wie beim Bau des Place de Royale, der schlussendlich von Wohnbebauung für die besseren Gesellschaftsschichten eingefasst wurde. Ebenfalls in Paris entwickelten sich Anfang des 17. Jahrhunderts die ersten Boulevards. Eigentlich am Rand der Stadt angelegt, als Grenze zwischen Stadt und Land, wurde der Boulevard St. Antoine sehr schnell zu einem beliebten Aufenthaltsort, um der Enge der Stadt zu entkommen.

Weitere öffentliche Räume wie Vergnügungsparks und Lustgärten entstanden, an denen sich die Einwohner, zumeist die besser situierten, zeigen konnten.

In den folgenden Jahren schritt die industrielle Entwicklung immer weiter fort. Die dekadente Zeit des Barocks ging vorbei und mit ihr auch einstweilen die prunkhafte Gestaltung der Plätze in den Innenstädten. Immer mehr Menschen drängten in die Städte, in denen um 1900 sehr schlechte Lebensbedingungen herrschten. Mit umfangreichen Reformen wollte man dem entgegenwirken und so entstanden auch die ersten Werksiedlungen wie Saltaire in Bradford, die wohl bekannteste Siedlung dieser Art. Wichtig und interessant im Zusammenhang mit dem Thema der öffentlichen Räume ist, dass der Unternehmer Titus Salt nicht nur Wohnungen für seine Arbeiter bauen, sondern die Siedlung auch mit Gärten, Parkanlagen und Sportflächen versehen ließ die für jedermann zugänglich und auch explizit nicht nur für eine bessere Gesellschaftsschicht geplant waren.

Weiter ging da nur die Gartenstadtbewegung, auf die hier nur insofern eingegangen werden soll, als dass ein komplettes Leben im Grünen vorgesehen war und neben dem jedem Haus zur Verfügung stehenden eigenen Garten großzügige Parkanlagen für die Öffentlichkeit geplant wurden.

Schon einige Jahre vor der ‚Entstehung‘ der Gartenstadt veröffentlichte 1989 der Architekt Camillo Sitte sein Buch „Der Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen“. Mehr als alle anderen setzte er sich mit der Gestaltung von Straßen und Plätzen den, wenn man so will Hauptakteuren des öffentlichen Raumes auseinander. Bis heute fließen seine Gedanken und Analysen zur Gestaltung des städtischen Raums mit in die (Um-) Planungen von Städten ein.

Nachdem der Marktplatz das Mittelalter dominierte, Staat im Absolutismus seine Macht durch Prunk gezeigt hatte, die gesellschaftlich Bessergestellten ihren Reichtum zur Schau gestellt hatten, fungierte der öffentliche Platz, lange nachdem die Zeit der antiken Reiche Griechenland und Rom beendet war, erneut als Platz der Politik. Jedoch nicht durch Volksabstimmungen, sondern durch die Darstellung politischer Macht während der beiden Weltkriege Anfang/ Mitte des 20. Jahrhunderts. Paraden und Ansprachen wurden auf den Plätzen der Städte (ab-)gehalten. Propaganda prangte an Hauswänden und ganz salopp wurde damals bereits die große Werbewirksamkeit von öffentlichen Räumen genutzt, wie wir sie heute vom Times Square in New York oder dem Picadilly Circus in London kennen.

Heute macht man sich Sorgen um den öffentlichen Raum und dessen Zukunft. Man spricht von einer Entleerung der Städte sowie einem Funktionsverlust „Symbole dieses Funktionsverlustes sind zweifellos die gut erreichbaren großen Einkaufszentren auf der grünen Wiese, von denen es inzwischen, je nach Zählweise, zwischen 200 und 380 gibt. Ihnen bzw. dem durch sie bewirkten Kaufkraftabzug aus den Städten wird die Hauptlast am Massensterben kleiner und kleinster betriebsformen im Einzelhandel und am drohenden Veröden ganzer Innenstadtbereiche zugeschrieben.“5 und entwickelt Strategien um diesem zum Teil selbstgeschaffenen Problem entgegen zu wirken.

Hier wären z.B.: die immer öfter in den Sommermonaten in Erscheinung tretenden Beach Bars in den Innenstädten die ein Gefühl von in die Ferne schweifen vor der eigenen Haustür bieten sollen. Auch sommerliche Veranstaltungen wie Open Air Kinos oder zu besonderen Ereignissen public viewings sollen dazu beitragen wieder mehr Leben in die Innenstädte und damit auch in den innerstädtischen öffentlichen Raum zu bringen.

2.2 Bedeutung des öffentlichen Raums für Stadt und Einwohner

Der öffentliche Raum hat für eine Stadt viele Bedeutungen. Er ist ein Aushängeschild gegenüber Touristen und Neuankömmlingen und somit sicher auch ein weicher Standortfaktor, er sorgt für Identifikation der Einwohner mit ihrer Stadt/ ihrem Dorf, er ist Veranstaltungsort und Marktplatz, Ort der Erholung und Ort für Freizeitaktivitäten.

STEPHEN CARR unterteilt ihn in drei Bereiche bzw. sagt, dass drei kulturelle Kräfte das öffentliche Leben teilen und damit auch die Nutzung des Raumes. Die erste ist eine soziale Kraft, die sich hauptsächlich auf das soziale Leben innerhalb einer Gemeinde konzentriert. In Parks und an Promenaden, überall wo etwas gefeiert wird ist sie anzutreffen. Die zweite ist eine funktionelle Kraft, die der Versorgung der Nutzer dient. Man findet sie auf den Straßen und Marktplätzen. Die dritte Kraft schließlich ist die symbolische Form des öffentlichen Lebens. Sie entwickelt sich an Feiertagen und z.B. bei Paraden zu Ehren besonders Verdienter.6

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2 social force (Carr 1992)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3 functional force (Carr 1992)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4 symbolic force (Carr 1992)

Öffentlicher Raum bedeutet für den Benutzer in erster Linie Erholung. Ob der Tourist im Urlaub oder der Anwohner in seiner Freizeit, ob beim Entspannen im Park oder beim sportlichen Auspowern- jeder erholt sich auf seine Weise vom stressigen Alltag. Nach Prof. Dr. HEINRICH HAASS ist hierbei das konventionelle und auf mittelalterlichem

Arbeitsethos beruhende Denken, Erholung ist der Lohn nach getaner Arbeit, aufzugeben.7 Immer mehr verschmelzen Arbeit, Wohnen und Erholung miteinander, sodass sich auch die Zeiten der Freiraumnutzung ändern. Schnell mal zwischendurch in den Park, dies ist allerdings nur dann möglich, wenn ausreichend Freiräume vorhanden sind, die ein schnelles Erreichen auch möglich machen. Es hat sich gezeigt, dass im Stadtraum maximal 300m zurückgelegt werden, um die nächste Grünfläche zu erreichen, wenn diese nichts Besonderes bietet. Ähnlich verhält es sich auch mit anderen öffentlichen Räumen und Freizeitstätten: „Eine Untersuchung über den Besuch von Talsperren im Sauerland (Tiedt 1992) ergab z.B., dass die Leute insgesamt von weit her kamen (vereinzelt bis zu 150 km!), aber es zwischen ihnen erhebliche Unterschiede gab je nach dem Grund, weshalb sie die Talsperre besuchten. Jene, die nur zum Spaziergang gekommen waren, hatten meist nicht mehr als 10 km Anfahrtsweg zurückgelegt, jene, die baden wollten, immerhin schon bis zu 20 km, und schließlich jene, die Wassersport treiben wollten, rund 40 km.“8

Für die beiden zu untersuchenden Fälle in der vorliegenden Arbeit werden sicherlich nicht derartige Fahrtstrecken zurück gelegt. Jedoch verdeutlicht dieses Beispiel sehr gut, wie unterschiedlich die Entfernungssensibilität, je nach Angebot und eigenem Interesse, ist. Um auch für Personen außerhalb des bereits angesprochenen 300 m Radius attraktiv zu wirken, muss mehr als eine geteerte Fläche geboten werden. Inwiefern dies auf die öffentlichen Räume in der Siegener Innenstadt zutrifft, zeigt sich in Kapitel 2.4.

2.3 Nutzergruppen und ihre Ansprüche

„By studying the eighteenth-century painting of the Piazza San Marco by Canaletto (1697-1768), it is possible to identify clusters of people engaged in conversations, others crossing the piazza, some observing the activity, children running about and playing, dogs stretched out in the sun, and what appear to be vendors along the edges.”9

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5 Gemälde Piazza San Marco von Canaletto (KUNSTKOPIE.DE 2012)

Betrachtet man eine aktuelle Fotografie des Piazza San Marco, hat sich daran auch bis heute nichts Wesentliches geändert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6 Fotografie Piazza San Marco (Imboden 2012)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dies gilt natürlich nicht nur für derart prominente Plätze wie den Piazza San Marco, sondern lässt sich auch auf den kleinsten Platz eines Dorfes runter brechen. Denn entsprechend den vielfältigen Bedeutungen, die der öffentliche Raum für die Stadt hat, gibt es auch eine große Anzahl an Nutzergruppen die zum Teil nicht unterschiedlicher sein könnten. Dieses Unterkapitel widmet sich einer allgemeinen Aufstellung derer und der Ansprüche, die die Gruppen an den Freiraum und seine Umgebung haben. In wie weit sich diese Nutzergruppen in den, dieser Arbeit zugrunde liegenden Untersuchungsgebieten wiederfinden, wird in Kapitel fünf, der empirischen Untersuchung, aufgezeigt.

Kinder

Diese Nutzergruppe ist die vielleicht anspruchsvollste. Kinder wollen unterhalten werden, sie wollen spielen und sich austoben. Gleichzeitig muss die Umgebung sicher sein. Kinder sind unbedarft und achten beim Spielen nicht auf ihre Schritte, dementsprechend müssen die Verantwortlichen dafür Sorge tragen, dass das Gefahrenpotenzial möglichst gering bzw. nicht vorhanden ist.

Jugendliche

Im Gegensatz zu Kindern liegen die Interessen von Jugendlichen nicht mehr im Spielen und Toben. Sie suchen eher einen Platz, an dem sie sich mit Freunden treffen und dabei möglichst ungestört von Erwachsenen sein können. Hier herrscht auch das größte Konfliktpotential. Probleme mit der Einhaltung des Jugendschutzes z.B.: durch Alkoholkonsum oder Beschwerden von anderen Nutzern über zu hohe Lautstärke, verursacht durch die Jugendlichen.

Erwachsene

Diese nutzen öffentliche Räume häufig zum Verweilen. Im Sommer in der Sonne sitzen, lesen, Ruhe finden sowie oft auch sportliche Betätigung. Dies findet nicht nur nach der Arbeit oder am Wochenende statt, auch die Mittagspause wird hierfür genutzt.

Dafür müssen die Freiräume allerdings auch nah genug an der Wirkungsstätte liegen damit die begrenzte Zeit möglichst intensiv genutzt werden kann.

Familien

Für Städte sind nach wie vor die Familienfreundlichkeit bzw. familienfreundliche Wohngegenden ein entscheidender Standortfaktor. Dies bedeutet, dass die Wünsche von Kindern mit denen von Erwachsenen vereinbar sein sollten. Kinder müssen Möglichkeiten zum Spielen vorfinden, Eltern müssen sich sicher sein, dass ihr Nachwuchs dabei eine möglichst sichere Gegend vorfindet. Wenn Aufsichtspersonen die Kinder begleiten, sollten für diese Sitzgelegenheiten vorhanden sein. Diese müssen so konzipiert, sein dass die Kinder im Auge behalten werden können und man sich auch mit anderen Eltern unterhalten und so soziale Kontakte pflegen kann.

Rentner

Rentner gehören ebenfalls zu den Erholungsnutzern. Spazieren gehen, verweilen, aber auch gemeinsame Aktivitäten mit anderen, wie beispielsweise Sport und Spiel gehören zu den bevorzugten Nutzungsarten dieser Gruppe. Auch werden im öffentlichen Raum soziale Kontakte gepflegt. „Das Risiko der sozialen Ausgrenzung im Alter ist für eine wachsende Gruppe von Menschen hoch, denn mit zunehmender Mobilitätseinschränkung verbringen sie vornehmlich ihre Zeit in der eigenen Wohnung. Deshalb müssen das nähere Umfeld und die Infrastruktur dort so geschaffen sein, dass Erledigungen des täglichen Bedarfs und die Gestaltung des Lebens in unmittelbarer Nähe verwirklicht werden können. Vereinsamung und Ausgrenzung sind die Folgen, wenn dieses nicht gegeben ist.“10

Barrierefreiheit spielt im zunehmenden Alter ebenfalls eine immer wichtigere Rolle, da die körperliche Mobilität teilweise stark eingeschränkt ist.

Behinderte

Neben gestalterischen Ansprüchen, wie sie jeder an seine Umgebung hat, muss der öffentliche Raum für Menschen mit Behinderungen noch weitere Anforderungen erfüllen. „Das Behindertengleichstellungsgesetz verlangt Barrierefreiheit für den öffentlichen Raum und stellt dabei fest: Barrierefrei sind bauliche Anlagen, wenn sie für behinderte Menschen in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe zugänglich und nutzbar sind.“11

Für Gehbehinderte bedeutet dies ausreichend befestigte Wege, um ein selbstständiges

Fortkommen auch im Rollstuhl ermöglichen. Auch für Sehbehinderte ist dies ein wichtiges Kriterium, die der öffentliche Raum erfüllen muss. Stolperfallen müssen soweit es geht beseitigt und unterbunden werden

Touristen

Touristen entdecken und erleben die Stadt durch ihren öffentlichen Raum. Für die Städte bedeutet die Gestaltung an dieser Stelle vor allem auch Imagepflege. Touristen gehören nicht unbedingt zu denjenigen, die längere Zeit auf einer Parkbank sitzen, jedoch spazieren auch sie gerne durch Parks oder verweilen an schönen Orten.

Soziale Randgruppen

Da diese Gruppe einen besonderen Stellenwert in dieser Arbeit einnimmt, wurde ihr ein eigenes Kapitel gewidmet, in dem gesondert auf ihre Belange eingegangen wird.

2.4 Freiflächen im Bereich der Siegener Innenstadt

Der Bereich der Siegener Innenstadt definiert sich in der vorliegenden Arbeit entsprechend dem Geltungsbereich des IHaKo- des integrierten Handlungskonzeptes. Demzufolge werden auch nur Grün- und Freiflächen innerhalb des IHaKo betrachtet. Ein Plan der diesen Geltungsbereich darstellt ist im Anhang angefügt.

In diesem Bereich finden sich aktuell elf entwickelte, sogenannte qualifizierte Flächen, die im Folgenden näher beschrieben werden. Zur besseren Übersicht sind die Flächen hier und auch entsprechend im Plan ( siehe Anhang ) nummeriert.

1. Am Markt

Durch große Treppen verbunden, verteilt sich die Fläche an der Nikolaikirche auf mehreren Ebenen. Die Treppen werden gerne als Sitzgelegenheit genutzt und die ganze Anlage ist vor allem im Sommer gut besucht. Dies verdankt sie auch ihrer präsenten Lage am Rathaus und der Nikolaikirche in der Oberstadt, die ein Anlaufpunkt nicht nur für Einheimische sondern vor allem auch für Touristen ist. Im oberen Bereich ist die Anlage durch Bäume und Büsche stark begrünt, mit einem Schachbrett und Bänken ausgestattet, im unteren Bereich mit einem Springbrunnen versehen.

2. Schlossgarten

Diese parkähnliche Anlage am Oberen Schloss ist die wohl populärste und in den Sommermonaten überfüllteste Freifläche in der Siegener Innenstadt. Innerhalb der Stadtmauer finden sich Liegewiesen, die von Spazierwegen durchkreuzt und mit Blumenbeeten versehen sind. Sitzbänke finden sich dort ebenso wie Spielgeräte und eine Bühne. Der Schlossgarten ist ein beliebtes Ziel für Touristen wie auch für Einheimische, die dort ihren Sonntagsspaziergang vollziehen.

3. Energiepark

Dieser Park, geschaffen vom RWE als Pausenaufenthaltsbereich für die Mitarbeiter, ist eine öffentlich zugängliche Grünfläche in privater Hand. Sie ist planerisch gestaltet und wird regelmäßig gepflegt.

4. Bertramsplatz

Der Bertramsplatz liegt in unmittelbarer Nähe zum Energiepark. Er ist an zwei Seiten von Bäumen umgeben und mit einem Spielplatz sowie drei Parkbänken ausgestattet. Er liegt sehr zentral an der Sandstraße und ist die einzige nutzbare Freifläche dieser Art in einem Umkreis von 200 Metern.

5. Martinikirche

Die die Martinikirche umgebenden Grünflächen sind mit Fußwegen durchzogen und von der alten Stadtmauer begrenzt. Es finden sich wenige Bänke sowie ein Sandspielplatz. Dieser ist jedoch durch die hohen Bäume stark verschattet und bildet dadurch eher einen Angstraum als einen Raum zum Spielen für Kinder.

6. Oranienpark/ Weiß-Flick’sches Grundstück

Eine parkähnlich gestaltete Grünanlage, die durch Fußwege eine Verbindung zwischen Oranien- und Spandauerstraße schafft. Sie ist ebenfalls recht zentral in der Unterstadt gelegen. Die alten hohen Bäume sind aus freiraumplanerischer Sicht zwar sehr wertvoll, jedoch kommen sie im Oranienpark nicht richtig zur Geltung. Der vorhanden Spielplatz wirkt sehr vernachlässigt und lädt nicht unbedingt zum Spielen ein. Von Ortsansässigen auch als „Penner-Park“ bezeichnet, ist der Oranienpark sicherlich in seinen Möglichkeiten stark unterschätz.

[...]


1 Lamnek 2010: S. 366 ff.

2 Zürich 2011

3 Jacobs 1963:S. 27

4 Wikipedia 2012

5 Harlander und Kuhn 2005:S. 234

7 Haass 1997; S. 293

8 Tessin 2004; S.78 f

9 Carr 1992; S. 22

10 Stadt Moers 2006; S.11

11 Dr. Behling; 2009: S.1

Ende der Leseprobe aus 110 Seiten

Details

Titel
Nutzergerechte Gestaltung von öffentlichen Freiräumen in der Siegener Innenstadt
Untertitel
Integration der Trinkerszene in den öffentlichen Raum
Hochschule
Universität Siegen
Veranstaltung
Stadtplanung
Note
3,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
110
Katalognummer
V213920
ISBN (eBook)
9783656421511
ISBN (Buch)
9783656423409
Dateigröße
12077 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
nutzergerechte, gestaltung, freiräumen, siegener, innenstadt, integration, trinkerszene, raum
Arbeit zitieren
Diana Salzmann (Autor), 2013, Nutzergerechte Gestaltung von öffentlichen Freiräumen in der Siegener Innenstadt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/213920

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