Herta Müllers Atemschaukel. Eine Interpretation

Unter besonderer Berücksichtigung zentraler Motive, der Sprache, des Protagonisten, des Raums und des Entstehungshintergrunds


Hausarbeit, 2013

11 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

1. Einleitung

Nach dem Erscheinen des Romans Atemschaukel im Jahre 2009 erhielt die aus Rumänien stammende, deutsche Schriftstellerin Herta Müller den Literaturnobelpreis. Das Thema des Buches, die Deportationen der Volksdeutschen aus Rumänien in die Sowjetunion am Ende des zweiten Weltkriegs und in den Jahren danach, blieb lange Zeit ein Tabuthema. Die meisten Deportierten haben ihr Schicksal wortlos ertragen und sich nach ihrer Rückkehr in die Heimat über die Lagerzeit ausgeschwiegen. Herta Müller thematisiert die Geschehnisse, indem sie darüber schreibt. Sie gewährt Einblicke in einen Teil deutscher Geschichte, der vor allem in Westeuropa noch relativ unbekannt geblieben ist.

Bei der Lektüre fielen mir Sinnzusammenhänge oberhalb der Satzebene auf, die ich in Form einer Interpretation erläutern und und anhand von Textbeispielen belegen möchte. Ich entschied mich für die Vorgehensweise des Bearbeitens der sich aus meiner Sicht ergebenden Fragen und hielt mich an keine bestimmte Interpretations- und Analysemethode. Den untersuchten Ebenen teilte ich jeweils ein Kapitel zu: Am Anfang stehen Herta Müllers Motivation, dieses Buch zu schreiben und die Beschreibung der Umstände, unter denen sie dieses Projekt in Angriff nahm. Danach beschäftige ich mich mit dem Inhalt, dem Thema und den zentralen Motiven der Atemschaukel und inwiefern sie sich wie ein roter Faden durch die Handlung ziehen. Für Sprache habe ich auch ein eigenes Kapitel erstellt, um zu klären, ob und wenn ja welche Besonderheiten im Bezug darauf existieren. Die Charakterisierung des Protagonisten, von dessen Position aus den Lesern der gesamte Inhalt übermittelt wird, dient der Feststellung, welche Rolle sein Wesen beim Erzählen spielt. Anschließend wende ich mich dem Raum zu, in dem die Handlung spielt, um der Frage nachzugehen, wie gegensätzlich Leopold seinen neuen Wohnort in der Ukraine im Vergleich zu seiner Heimat Siebenbürgen (Synonym: Transsilvanien), einer Region in Zentralrumänien, darstellt. Nach der Beschreibung des historischen Hintergrunds, vor dem sich die Handlung abspielt, stelle ich zusammen- fassend die Ergebnisse meiner Interpretation vor und verweise auf weiterführende Aspekte.

2. Herta Müller und Vorbilder für den Roman

Herta Müller wurde am 17.08.1953 in Nitzkydorf in der ehemaligen Volksrepublik Rumänien als Angehörige der deutschen Minderheit der Banater Schwaben geboren.

Mit 15 Jahren kam sie in die Stadt Temeschburg, lernte Rumänisch und studierte von 1973 bis 1976 Germanistik und Rumänistik an der West-Universität. Das erste ihrer zahlreichen Bücher erschien 1982 in Rumänien. Seit 1987 lebt die Schriftstellerin in der Bundesrepublik Deutschland.1

Herta Müller behandelt in ihren Werken meist Thematiken, die mit dem sozialistischen Regime und dem Schicksal der Deutschen in Rumänien nach dem zweiten Weltkrieg in Verbindung stehen. Sie greift häufig auf ihre eigenen Erlebnisse in der Diktatur oder auf die Lebensgeschichten von Menschen aus ihrem Umfeld zurück und verarbeitet den Stoff in Romanen. So ist auch die Atemschaukel, nach deren Erscheinung sie 2009 den Literaturnobelpreis erhielt, die fiktive Biografie des in ein sowjetisches Arbeitslager deportierten, deutschstämmigen Rumänen Leopold Auberg.

Vorbilder aus ihrem Umfeld für den Roman Atemschaukel stellen ihre Mutter und der rumäniendeutsche Schriftsteller Oskar Pastior dar, die beide nach dem Zweiten Weltkrieg einige Jahre in einem Zwangsarbeitlager in der UdSSR verbrachten. Letzterer versorgte Herta Müller mit dem nötigen Wissen über das Lagerleben, Wissen, das die meisten Deportierten für sich behielten. Zunächst planten die beiden Schriftsteller, das Buch gemeinsam zu schreiben, aber nach Pastiors Tod arbeitete Herta Müller alleine weiter und stellte den Roman fertig.2

3. Inhaltlicher Überblick und Aufbau des Romans

Bevor ich mich den einzelnen Aspekten meiner Interpretation zuwende, gebe ich einen Überblick über den Inhalt und den formalen Aufbau des Romans Atemschaukel. Er gliedert sich in 64 Kapitel, von denen nur das erste und die letzten sechs das Leben der Figur Leopold Auberg außerhalb des Lagers beschreiben.

Die Handlung beginnt 1945 in Rumänien, als der 17-jährige Protagonist seine Koffer packt und darauf wartet, von den Russen abgeholt zu werden. Es ist eine Reise ins Ungewisse, auf die sich der junge Mann zunächst freut, weil er der Enge des Alltagslebens zu entfliehen hofft.

Nach einer mehrtägigen und unbequemen Fahrt in einem Viehwaggon kommt er zusammen mit anderen Deutschen im ukrainischen Arbeitslager an. Dort muss er unter unmenschlichen Bedingungen den ganzen Tag arbeiten und um das Überleben kämpfen. Im Lager besteht die tägliche Nahrungsration aus einem Stück Brot und einem Teller Krautsuppe morgens und abends. Im Laufe der Jahre magern Leopold und die anderen Lagerinsassen zunehmend ab, einige sterben sogar vor Hunger oder bei Arbeitsunfällen. Leopold besitzt ein starkes Durchhaltevermögen, überlebt die Zeit im Lager und kehrt nach insgesamt 5 Jahren in seine siebenbürgische Heimat zurück.

Wieder zurück in Hermannstadt (rumänisch Sibiu) versucht er, wieder ein normales Leben zu führen und redet mit niemanden über seine traumatischen Erlebnisse aus dem Lager, auch nicht mit seiner späteren Ehefrau. Die Ehe scheitert und Leopold wandert nach Österreich aus. Er erholt sich psychisch nie komplett von seiner Zeit in der Sowjetunion.

4. Das Thema und die dazugehörigen Motive

Die Motive des Romans beziehen sich alle auf das ihnen übergeorderte Thema, und zwar den Kampf ums Überleben. Eng damit verknüpft ist die Deportation und die Machtlosigkeit gegenüber einem ungnädigen Schicksal. Im Folgenden stelle ich zwei der wichtigsten Motive vor, die an vielen Stellen des Romans erkennbar werden.

4.1 Das Motiv des Würdeverlusts

Ein Aspekt dieses Themas des Überlebenskampfes ist die damit einhergehende Entwürdigung. Zunächst empfindet Leopold dabei noch Scham, die er aber im Laufe des Romans verliert. Der Mensch wird wieder in eine primitivere Vorstufe seines zivilisierten Verhaltens zurückgeworfen. Es werden zahlreiche Szenen beschrieben, in denen keine Intimität mehr gewährleistet ist. Eine davon findet sich am Anfang der Handlung. Während der Fahrt zum Arbeitslager hält der Zug an und die Deportierten müssen sich in eine Reihe aufstellen, gleichzeitig die Hosen herunterlassen und ihre Notdurft verrichten. Leopold hat an dieser Stelle noch sein Schamgefühl: “Wir begriffen, Ubornaja heißt gemeinschaftlicher Klogang. (…) Diese Peinlichkeit, das Schamgefühl der ganzen Welt.“ (A., S. 20)

Nach einigen Jahren im Arbeitslager hat Leopold dieses Schamgefühl verloren. Das Lagerleben hat ihn abgehärtet und desillusioniert. Er hat sich an die Umstände angepasst und vergleicht die Menschen mit Tieren:

Nach dem Duschen standen wir nackt im Vorraum und warteten. Verbogene räudige Gestalten, nackt sahen wir aus wie ausgemustertes Arbeitsvieh. Geschämt hat sich keiner. Wovor soll man sich schämen, wenn man keinen Körper mehr hat. (A., S. 235)

Erkennbar wird der Würdeverlust in fast allen Lebensumständen der Deportierten. Sie verfügen über keinerlei Selbstbestimmung, müssen sich dem Arbeitsrhythmus und der kargen Lagerausstattung anpassen. Für eine ausreichende Nahrung ist nicht gesorgt. Um an Nahrung zu kommen, gehen sie im Russendorf, wie sie es nennen, hausieren. Leopold beschreibt an folgender Stelle wie er nach der Arbeit dieser Tätigkeit nachgeht: “Mich trieb der Hunger. Nach der Arbeit ging ich wieder mal ins Russendorf hausieren mit einem Stück Anthrazitkohle, das man jetzt zum Heizen brauchte.“ (A., S. 76)

4.2 Das Motiv der Zweckentfremdung

Ein weiteres Motiv, auf dem sich der Überlebenskampf stützt ist die Zeckentfremdung und Wiederverwendung der Gebrauchsgegenstände, um überleben zu können. Alle Gegenstände und Lebewesen, die der Mensch im spärlich ausgestatteten Lager und in der Natur findet, weiß er für sich zu nutzen und einzusetzen. Die Lagerbewohner besitzen außer ihrer spärlichen Lagerkleidung und einigen Mitbringsel von Zuhause nichts und müssen häufig improvisieren. Beispielsweise um an Weihnachten einen künstlichen Baum in der Baracke zu haben. Nachdem es Leopold nicht gelungen ist, Tannenäste ins Lager zu schmuggeln, bauen er und sein Mitinsasse Paul Gast einen Weihnachtsbaum aus Draht und grüner Wolle. Der Schmuck wird aus zusammen- gerolltem Brot hergestellt.

Der Advokat Paul Gast ist seit zwei Wochen Maschinist in der Fabrik. Ich bestellte Draht. (…) Ich baute einen Drahtbaum, zog die Handschuhe auf und knüpfte grüne Wollfäden so dicht wie Nadeln an die Äste. (…) Der Advokat Paul Gast hängte zwei braune Brotkugeln daran. (A., S. 136-137)

Schon zu Beginn des Romans taucht dieses Motiv auf, als Leopold noch zu Hause in Siebenbürgen sich auf seine Reise vorbereitet und fürs Ungewisse packt.

Er transportiert seine Habseligkeiten, zumeist Geschenke seiner Verwandten und Freunde, in einem umfunktionierten Grammophonkoffer. Die Bücher, die er mitnimmt, liest er im Lager nicht, wozu sie bestimmt wären, sondern verkauft sie auf dem Bazar um Geld für Nahrungsmittel zu erhalten.

Getragen habe ich alles, was ich hatte. Das Meinige war es nicht. Es war entweder zweckentfremdet oder von jemand anderem. Der Schweinslederkoffer war ein Grammophon- kistchen. Der Staubmantel war vom Vater. Der städtische Mantel mit dem Samtbündchen am Hals vom Großvater. (A., S. 7)

Des Weiteren verleitet der Hunger die Zwangsarbeiter dazu, nicht zum Verzehr geeignete Dinge zu sich zu nehmen. Ein Beispiel hierfür ist sie Szene aus dem Kapitel Vom gelben Sand, in dem ein Freund Leopolds aus dem Lager, Karli Halmen, auf dem Boden liegend in den Sand beißt und ihn auch isst:

Er hob das Gesicht aus dem Sand, und er hatte in den Sand gebissen. Er aß, und es knirschte in seinem Mund, und er schluckte. Ich war erstarrt, und er füllte sich den Mund zum zweiten Mal. Von seinen Wangen fielen die Sandkörner, als er kaute. (A., S. 129-130)

Die Gebrauchsgegenstände werden unter den Zwangsarbeitern weitergereicht, wenn einer von ihnen stirbt. Die Leichen werden ,,abgeräumt“, alles wird wiederverwertet. Dabei verliert die Gruppe die Ehrfurcht vor dem Tod und vor den Toten, allerdings ohne mit böser Absicht so zu handeln. Die Kleidung wird behalten und weitergereicht, das gesparte Essen des Toten verzehrt. Leopold beschreibt genau, wie man im Lager bei einem Todesfall verfährt:

Man muss ihn schnell nackt machen, solang er biegsam ist und bevor sich ein anderer die Kleider nimmt. Man muss sein gespartes Brot aus dem Kissen nehmen, bevor ein anderer da ist. Das Abräumen ist unsere Art zu trauern. (A., S.148)

Die beiden dargelegten Leitmotive machen das Ausmaß und die Folgen des Mangels an materiellen Gütern im Arbeitslager deutlich. Die Lagerbewohner sind gezwungen, mit den wenigen Dingen, die sie haben, so gut wie möglich hauszuhalten. Sie müssen lernen, schwierige Umstände zu ertragen und ihre Emotionen zu kontrollieren. Mit der Zeit härten sie zunehmend ab. Alles, was sie besitzen haben sie mitgebracht, finden es oder nehmen es sich einfach, wenn es das Glück zulässt. Sie haben nur sehr selten die Möglichkeit, Essen oder Alltagsgegenstände käuflich zu erwerben.

5. Sprache und Stil

Herta Müller verwendet eine sehr nüchterne Sprache in dem Roman. Das Fehlen von Frage- und Ausrufezeichen unterstreichet das Fehlen jedweder Freude oder Euphorie. Es gibt keine emotionalen Höhenflüge, wie es im Deportationslager auch kaum Grund dafür gibt. Die Menschen befinden sich in einer Zwangssituation und wurden ihrer

Heimat entrissen.

In einem Dialog zwischen Leopold und der geistig behinderten Planton-Kati ersetzen Kommata die Fragezeichen und Ausrufezeichen, er wirkt dadurch monoton und mechanisch.

Ich fragte: Wie hieß dein kleiner Bruder. Sie sagte: Latzi so wie du.

Ich heiße doch Leo, sagte ich. (A., S. 240)

Beim Lesen stößt man während des gesamten Romans außerdem auf ungewöhnliches Vokabular. Zum einen ist dies zurückzuführen auf den siebenbürger-sächsischen Variante des Hochdeutschen, das in Siebenbürgen noch gesprochen wird und sich rumänischer Lehnwörter bedient.3 Aus dem Rumänischen stammen unter anderem folgende Begriffe: Diwan, Korso, Planton, interlop. Da es sich bei Leopold Auberg und den anderen Figuren um Siebenbürger Sachsen und andere rumäniendeutsche Volksgruppen handelt, lassen dialektale Besonderheiten die Sprache authentischer wirken. Darüber hinaus ist Leopold gleichzeitig der Erzähler der Handlung, der uns in seiner Sprache das Geschehen vermittelt. Zum anderen auf russisches Vokabular (z. B. Chleb, Propusk, Kapusta, chitrij). Letzteres lernen die Lagerarbeiter allerdings erst in der UdSSR und eine deutsche Verständnishilfe oder Übersetzung wird während der Erzählung mitgeliefert. Die russischen Wörter heben den Umstand hervor, dass Leopold und die anderen Arbeiter nicht in ihrer Heimat sind, sondern Ausländer in der Fremde, die die Sprache ihres neuen Wohnorts übernehmen.

Der Protagonist, aus dessen Perspektive die Erzählung wiedergegeben wird, erfindet aber auch komplett neue Wörter, um seine Situation seinem Empfinden getreu so gut wie möglich darstellen zu können. Es werden oft detailliert Abläufe des Lagerlebens beschrieben, aus dem Wenigen, das Leopold umgibt, schafft er wortreiche Beschreibungen. Beispielsweise personifiziert er den Hunger, einen einfachen Zustand, als Hungerengel, der die Hungernden auf Schritt und Tritt begleitet.

[...]


1 Vgl. Arnold, Text + Kritik. Zeitschrift für Literatur, S. 104

2 Vgl. Müller, Atemschaukel, S. 299-300. Alle weiteren Zitatnachweise im Text in Klammern mit dem Kürzel A. und der Seitenangabe beziehen sich auf diese Ausgabe.

3 Vgl. Wiesinger, Deutsche Dialektgebiete außerhalb des deutschen Sprachgebiets: Mittel-, Südost- und Osteuropa, S. 910

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Herta Müllers Atemschaukel. Eine Interpretation
Untertitel
Unter besonderer Berücksichtigung zentraler Motive, der Sprache, des Protagonisten, des Raums und des Entstehungshintergrunds
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
11
Katalognummer
V213934
ISBN (eBook)
9783656425274
ISBN (Buch)
9783656442516
Dateigröße
428 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
herta, müllers, atemschaukel, eine, interpretation, berücksichtigung, motive, sprache, protagonisten, raums, entstehungshintergrunds
Arbeit zitieren
Coralia Botis (Autor), 2013, Herta Müllers Atemschaukel. Eine Interpretation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/213934

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