Alain Robbe-Grillets "Le Voyeur". Ein Kriminalroman


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012
20 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. "Le Voyeur" von Alain Robbe-Grillet
2.1. Leben und Wirken Alain Robbe-Grillets
2.2. Inhaltszusammenfassung von "Le Voyeur"
2.3. Der Aufbau des Romans

3. Zur Thematik des Kriminalromans
3.1. Was zeichnet einen Kriminalroman aus?
3.2. Welche Elemente sind davon in "Le Voyeur" zu finden?
3.3. Unterschiede von "Le Voyeur" zum Kriminalroman
3.4. Die Erzählperspektive des Kriminalromans im Vergleich zu "Le Voyeur"
3.5. Ist "Le Voyeur" ein Krimi?

4. Schlussbemerkung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der vorliegenden Hausarbeit soll es um die Frage gehen, ob das Werk "Le Voyeur" des Nouveau Romanciers Alain Robbe-Grillet einem Kriminalroman entspricht. Dazu werden vergleichende Kriterien untersucht, um daraus eine Prognose ableiten zu können. Zunächst soll jedoch Robbe Grillet selbst vorgestellt werden, wie auch der Inhalt und der Aufbau des genannten Romans. Im Anschluss werden der typische Kriminalroman und dessen Merkmale kurz vorgestellt. Anhand dessen werden danach gemeinsame, sowie unterscheidende Punkte zum Werk "Le Voyeur" erläutert. Die Erzählperspektive wird dabei gesondert betrachtet. In einem abschließenden Fazit wird durch den Autor der vorliegenden Arbeit aufgezeigt, inwieweit das zu untersuchende Werk einem Kriminalroman entspricht und die Gründe dafür benannt werden.

2. "Le Voyeur" von Alain Robbe-Grillet

2.1. Leben und Wirken Alain Robbe-Grillets

„Ich glaube (…), was den Menschen kennzeichnet, ist, daß sein wahres Leben das imaginäre ist.“(Robbe Grillet)[1]

Alain Robbe-Grillet, geboren am 18. August 1922 in Brest, war ein französischer Schriftsteller, Regisseur und Drehbuchautor und gilt als 'wichtigster Repräsentant der literarischen Bewegung des Nouveau Roman in Frankreich'[2]. Er wuchs in Paris auf und studierte dort zunächst Naturwissenschaften. 1945 schloss er sein Studium als diplomierter Agraringenieur ab. Bis 1950 arbeitete er beim staatlichen Institut für Statistik und Wirtschaftsplanung und für ein biologisches Labor. Darüber hinaus war er von 1949-1951 im Auftrag des Institut scientifique des fruits et agrumes coloniaux in Marokko, Französisch-Guinea und auf den Antillen. Anschließend begann er sich dem Schreiben zu widmen. So erschien 1953 sein erster Roman, acht Jahre später sein erster Film. Seit 1957 war er mit Cathérine Rstakian, ebenfalls Schriftstellerin, verheiratet; sie assistierte ihm bei seinen Filmen. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit war Robbe-Grillet 30 Jahre lang (1955-1985) der Leiter des Verlags Editions de Minuit, außerdem nahm er diverse Gastprofessuren wahr. Von 1980-1988 leitete er zudem das Centre sociologe de la littérature der Universität Brüssel. 2004 wurde er Mitglied in der Académie Française. Vier Jahre darauf (am 18. Februar 2008) starb er an Herzversagen.

Für seine Werke erhielt er diverse Auszeichnungen wie beispielsweise den Prix Fénélon für sein Erstlingswerk "Les Gommes", den Prix des critiques für das Werk "Le Voyeur", auf das im weiteren Verlauf dieser Arbeit detaillierter eingegangen wird, oder auch den Goldenen Löwen der Filmfestspiele Berlins für den Film "L'année dernière à Marienbad". 'Seine Werke zeichnen sich einerseits durch naturwissenschaftlich anmutende Objektivität aus, andererseits sind sie in zunehmendem Maße von poetischer und fantastischer Darstellungsweise geprägt.'[3] Dabei verzichtet Robbe-Grillet auf eine Handlung und einen Helden im traditionellen Sinn. So zählt er neben Natalie Sarraute, Claude Simon, Marguerite Duras und Michel Butor zu den 'markantesten nouveaux romanciers '[4]. Seine frühen theoretischen Schriften zur Erneuerung des Romans gab er 1963 in dem Sammelband "Pour un nouveau roman" heraus, "die mit den chronologischen und kausalen Gewissheiten des traditionellen Romans, der Kohärenz von Charakteren, Handlungsabläufen und Sinnstrukturen radikal aufräumte"[5]. 'Darin forderte er die Dingwelt nicht in eine Ausdruckswelt umzuwandeln, da zwischen Mensch und Ding keine Einheit bestehe und ansonsten der wahre Sachverhalt verfälscht werden würde.'[6] "Neu war an dieser Romanform auch der konsequente und vielfach kritisierte Versuch, die Psychologisierung der Personen zu verweigern".[7] So gibt es in seinen Werken 'keine detaillierten Charakteristika oder psychische Motivierung der Handlungen.'[8] Er vertrat die Ansicht, das der Nouveau Roman"ne vise qu’à la subjectivité totale [und das] la question de l’objet n’est pas centrale. La question, c’est la conscience du monde, comment je prends conscience du monde."[9] Die Welt der Objekte und die des Traumes werden dabei in einen Gegensatz zur Alltagswelt gestellt. Er selbst bezeichnete seine Romane als "neue Romane" bzw. "neue neue Romane". Zur ersten Gruppe wird die Trilogie aus "Les Gommes" (1953), "Le Voyeur" (1955), sowie "La Jalousie" (1957) gezählt. "Mit seinen wegweisenden ersten Werken [...] brach [Robbe-Grillet] alte Lesegewohnheiten auf und handelte sich damit u. a. den Vorwurf ein, eine unpersönliche und kalte Ding-Welt zu entwerfen".[10] Doch auch Robbe-Grillets Romane enthalten Emotionen, sie werden nur anders zum Ausdruck gebracht als in traditionellen Romanen. Sein dritter Roman "La Jalousie" ist hierbei als Höhepunkt seines experimentellen Schreibstils zu sehen, da hierin die Prinzipien des Nouveau Roman am stärksten umgesetzt werden. Die zweite Gruppe beinhaltet die Werke von "La maison de rendez-vous" (1965) bis zu "Djinn" (1981). In dieser zweiten Phase seines Schaffens lässt sich im Gegensatz zur ersten kaum noch ein Handlungsfaden erkennen, vielmehr macht Robbe-Grillet das Schreiben selbst zum Thema: "Le seul engagement possible, pour l'écrivain, c'est la littérature."[11] Bezeichnend waren hierbei seine ausführlichen Beschreibungen "perverser erotischer Fantasien in Verbindung mit dem indiskreten Blick eines körperlosen Voyeurs"[12], wie beispielsweise im Roman "Projet pour une révolution à New York" (1970). Er selbst sagte dazu: "Je me doutais bien, depuis longtemps, que je n'étais pas tout à fait "normal", mais je découvre alors que les imageries sado-masochistes sont indispensables à mon fonctionnement génital. De cette découverte, je vais faire des livres."[13]

Seine später erschienenen Werke "Le miroir qui revient" (1984) oder auch "Angélique ou l'enchantement" (1988) werden unter einem neuen Gattungsbegriff: "Romanesques" zusammengefasst. Laut Robbe-Grillet bezeichnen sie eine nouvelle autobiographie, die fiktive Elemente in den traditionellen Bericht über das eigene Leben miteinbezieht. Er widersetzt sich somit Philippe Lejeunes "Pacte autobiographique"[14]. Beide aufgeführten Werke sollten Teil einer weiteren Trilogie werden mit einem dritten Teil "Les derniers jours de Corinthe" (1994). Ein weiteres wichtiges Kriterium seines Schreibens war, dass er 'im Gegensatz zu Sartre oder Camus, jedes ideologische Engagement für die Kunst negiert'[15] und, wie bereits erwähnt, das Schreiben selbst in den Mittelpunkt stellt.

2.2. Inhaltszusammenfassung von "Le Voyeur"

In diesem Werk von Robbe-Grillet steht der Protagonist Mathias im Mittelpunkt. Er ist Uhrenverkäufer und sieht für eine Verkaufstour auf einer Insel, auf der er vermutlich geboren wurde und aufgewachsen ist, einen Tag vor. Da er am Abend jedoch die Fähre verpasst, ist er gezwungen weitere drei Tage auf der Insel zu verbringen. Bei der Ankunft auf der Insel erblickt Mathias eine Schnur, eine "fine cordelette de chanvre, en parfait êtat, soigneusement roulée en forme de huit"[16]. Ihr kommt im späteren Verlauf eine zentrale Bedeutung zu, denn während dieses ersten Tages wurde ein dreizehnjähriges Mädchen, Jacqueline, mit einer solchen gefesselt und danach ins Meer geworfen. Indizien weisen darauf hin, dass der Protagonist das Mädchen umgebracht haben könnte. Er selbst scheint sich jedoch nicht zu erinnern. In der Geschichte werden immer wieder unerwartete Sprünge im Geschehen gemacht; somit ist es nicht eindeutig in welcher Reihenfolge sich was abgespielt hat, bzw. ob gerade eine Situation der Vergangenheit oder Gegenwart beschrieben wird. Nowak ist der Ansicht, dass der Weg zur Tat und die Verleugnung dieser durch die Hauptperson vor sich selbst der Inhalt des Romans ist.[17] Es geht jedoch nicht zweifelsfrei aus der Geschichte hervor, ob das Verbrechen tatsächlich geschehen ist oder der Phantasie des Protagonisten entspringt. Niemand überführt ihn eindeutig und auch sein Motiv für die mögliche Tat bleibt unbekannt. So wird Mathias weder angezeigt noch verhaftet, noch klärt sich der Tod von Jacqueline in irgendeiner Weise auf. Auch fehlen so genannte Übergangssignale um zu unterscheiden, was tatsächlich geschehen ist oder der Phantasie Mathias' entspringt. So können weder der Leser noch Mathias selbst die verschiedenen Ebenen vonenander abgrenzen; 'réalité und imagination vermischen sich'[18]. Am Ende reist die Hauptfigur mit der Fähre zurück aufs Festland.

2.3. Der Aufbau des Romans

Sowohl Nowak, als auch Coenen-Mennemeier favorisieren eine Dreiteilung des Romans. Der erste Teil beschreibt die Ankunft des Protagonisten auf der Insel und den Beginn seiner Verkaufstour. Teil zwei schildert die restliche Verkaufstour und in Teil drei werden die Ereignisse der verbleibenden Tage auf der Insel dargestellt, da der Protagonist seine Fähre verpasst hat. Die wichtigsten Momente des Handlungsverlaufes sind die Zeit von 11 Uhr bis 13 Uhr am ersten Tag (Dienstag), denn diese Zeit wird am Ende des ersten Abschnittes als so genanntes "Blanc", also als leere Seite ausgespart. Denn innerhalb dieser Zeitspanne wurde das junge Mädchen ermordet.

[...]


[1] http://www.munzinger.de/document/18000000392

[2] http://www.litde.com/autoren/robbegrillet-alain.php

[3] http://www.munzinger.de/document/18000000392

[4] Wilhelm, Kurt: Der Nouveau Roman, S. 13.

[5] http://www.munzinger.de/document/00000008270

[6] Wilhelm, Kurt: Der Nouveau Roman, S. 16.

[7] http://www.munzinger.de/document/00000008270

[8] Wilhelm, Kurt: Der Nouveau Roman, S. 14.

[9] http://www.evene.fr/livres/actualite/alain-robbe-grillet-interview-deces-nouveau-roman-1185.php

[10] http://www.munzinger.de/document/00000008270

[11] Wilhelm, Kurt: Der Nouveau Roman, S. 24.

[12] Ebd.

[13] http://www.evene.fr/livres/actualite/alain-robbe-grillet-interview-deces-nouveau-roman-1185.php

[14] Ebd.

[15] http://www.munzinger.de/document/18000000392

[16] Robbe-Grillet, Alain: Le Voyeur, S. 10.

[17] Nowak, Manfred: Die Romane Alain Robbe-Grillets, S. 68.

[18] Ebd.: S. 77.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Alain Robbe-Grillets "Le Voyeur". Ein Kriminalroman
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
2,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
20
Katalognummer
V213941
ISBN (eBook)
9783656423690
ISBN (Buch)
9783656424178
Dateigröße
549 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
alain, robbe-grillets, voyeur, kriminalroman
Arbeit zitieren
Alida Ziehm (Autor), 2012, Alain Robbe-Grillets "Le Voyeur". Ein Kriminalroman, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/213941

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