„Politische Wirklichkeit wird in Sprache ausgehandelt. Unsere sprachunab-hängige Wahrnehmung der unmittelbaren Umgebung durch Primärerfahrung ist untrennbar verbunden und durchzogen von den sprachlichen Äußerungen, mit denen wir und unsere Mitmenschen über die Wirklichkeit kommunizieren.“1
Wie es Ekkehard Felder in dem hier angeführten Zitat beschreibt, ist Politik ohne Sprache kaum denkbar. In der Sprache vollzieht sich jede, auch die politische Wahrnehmung, dort erhalten die Dinge einen Namen, der oftmals darüber entscheidet, was von den Dingen letztlich zu halten ist. Martin Greiffenhagen geht so weit und postuliert: "Wer die Dinge benennt, beherrscht sie. Definitionen schaffen 'Realitäten'. Wer definiert, greift aus der Fülle möglicher Aspekte einen heraus, natürlich denjenigen, der ihm wichtig erscheint.“
Darüber hinaus ist aber auch der Diskurs als und im Gespräch, also die politische Konversation, Artikulationsform und Ort des politischen Diskurses. Mündliche Kommunikation in der Politik ist, auch ohne einen Verweis auf die antiken Redner zu geben, die auffälligste und letztlich entscheidende Form der Politik durch Sprache.7 Insofern ist es begrüßenswert, dass in den letzten Jahrzehnten von verschiedenen Autoren auch die mündliche Seite des politischen Diskurses betrachtet wurde. Die vorliegende Arbeit soll einen Überblick über Begriffsverständnis des (mündlichen) politischen Diskurses verschaffen und einige ausgewählte Untersuchungen vorstellen.
Inhaltsverzeichnis
1. Sprache als Medium der Politik
2. Zu den Begrifflichkeiten „Diskurs“ und „politisches Gespräch“
3. Die Parlamentsdebatte als komplexe Form des Gesprächs
3.1 Definitionsversuche nach Burkhardt
3.2 Typische Sprachformen der parlamentarisch-politischen Rede
4. Phraseologismen in der politischen Sprache
4.1 Methodisches Vorgehen
4.2 Ergebnisse
5. Das (öffentliche) politische Gespräch
5.1 Politische Interviews in den 90er Jahren
5.1.1 Zur Methodik Vogts
5.1.2 Ergebnisse
5.2 Politische Talkshows in den 00er Jahren
5.2.1 Fragestellung
5.2.2 Zur Methodik
5.2.2 Ergebnisse
6. Resümée
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die mündliche Kommunikation in politischen Kontexten, um zu verdeutlichen, dass sich politische Diskurse nicht ausschließlich in schriftlichen Quellen erschöpfen. Das primäre Ziel ist es, ein besseres Begriffsverständnis für mündliche politische Diskurse zu schaffen und verschiedene methodische Ansätze sowie Fallbeispiele aus Parlamentsdebatten, Interviews und Talkshows vorzustellen.
- Bedeutung der Sprache als Medium der Politik
- Linguistische Analyse parlamentarischer Gesprächsformen
- Gebrauch von Phraseologismen in politischen Reden
- Strukturen und Defizite in politischen TV-Interviews
- Linguistische Untersuchung von Unkooperativität in Talkshows
Auszug aus dem Buch
3.2 Typische Sprachformen der parlamentarisch-politischen Rede
Nach Burkhardt ist es schwierig, die typischen Sprachformen der parlamentarisch-politischen Rede ausfindig zu machen. Zum einen sei „politische Sprache“ keine Fachsprache, da sie sich je nach Bedarf verschiedenster Spezialsprachen bediene. Zum anderen sind die „Pole“, zwischen denen sich politische Sprache bewegt, zwar typisch, aber auch nicht primär politisch. Dennoch gibt es charakteristisch Erscheinungsformen der Parlamentsrede, wie sie Burkhardt anhand der Wende-Debatte des Deutschen Bundestags vom 1. Oktober 1982 analysiert. Dass diese Debatte eine „von Niveau“ war, kann der Autor bestätigen, nach seiner Auffassung wurde wirklich diskutiert. Dies zeigt sich für ihn beispielsweise an sehr wenigen Zwischenrufen gegenüber langen Redebeiträgen.
Die Zwischenrufe kategorisiert Burkhardt überwiegend als ZUSTIMMEND, ABLEHENEND oder ZU BEDENKEN GEBEN; zumeist sind diese Zwischenrufe auch Antworten auf rhetorische Fragen der Redner. Hinsichtlich der verwendeten Sprachformen stellt Burkhardt weiterhin einen Rückgang bei der Verwendung von Zitaten fest. Häufiger dagegen kommt das „inklusive“ Wir vor, mit dem Redner versuchen, Adressaten ihrer Rede für ihren Standpunkt einzunehmen. Burkhardt verweist auf dem Umstand, dass ob der häufigen Benutzung dieses „informativ-persuasiven“ Pronomens auch Missverständnisse und Unklarheiten entstehen, da nicht klar ist, auf wen oder was sich „wir“ bezieht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Sprache als Medium der Politik: Das Kapitel erörtert die fundamentale Bedeutung von Sprache bei der Konstitution politischer Wirklichkeit und kritisiert die einseitige Fixierung der Forschung auf schriftliche Quellen.
2. Zu den Begrifflichkeiten „Diskurs“ und „politisches Gespräch“: Hier wird die Schwierigkeit einer endgültigen linguistischen Definition von Diskurs sowie die Notwendigkeit der Einbeziehung mündlicher Gesprächsformen diskutiert.
3. Die Parlamentsdebatte als komplexe Form des Gesprächs: Das Kapitel beleuchtet Parlamentsdebatten als strukturierte Gesprächsformen unter Berücksichtigung von Rederechtvergabe und monologischen Charakteristika.
4. Phraseologismen in der politischen Sprache: Hier wird die empirische Verwendung formelhafter Sprachbausteine in Bundestagsreden untersucht und deren quantitative Rolle sowie Funktion analysiert.
5. Das (öffentliche) politische Gespräch: Dieses Kapitel analysiert anhand von Fallbeispielen, wie Politiker in Interviews und Talkshows ihre Positionen verteidigen und welche Rolle Kooperativität spielt.
6. Resümée: Das Fazit fasst zusammen, dass die linguistische Gesprächsanalyse wertvolle Erkenntnisse über politische Diskurse liefert, die über die reine Textanalyse hinausgehen.
Schlüsselwörter
Politischer Diskurs, Mündliche Kommunikation, Linguistische Gesprächsanalyse, Parlamentsdebatte, Phraseologismen, Politische Rhetorik, Talkshow, Politische Sprache, Kooperativität, Mediale Inszenierung, Textsorten, Semantik, Pragmatik, Rhetorische Mittel, Politische Kommunikation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der linguistischen Untersuchung mündlicher politischer Diskurse und hinterfragt, warum sich die Forschung bisher primär auf schriftliche Texte konzentriert hat.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören parlamentarische Kommunikationsformen, die Verwendung von Phraseologismen in Reden sowie die Analyse von politischen Interviews und Talkshows.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, das Begriffsverständnis des mündlichen politischen Diskurses zu schärfen und verschiedene linguistische Ansätze aufzuzeigen, um politische Interaktionen besser zu verstehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich primär auf die linguistische Diskursanalyse und Methoden der Gesprächsanalyse, wie sie unter anderem von Brinker/Sager oder Burkhardt vorgeschlagen werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden Definitionsversuche von Diskursen, die Analyse der Parlamentsrede als Gespräch, die Rolle von Phraseologismen sowie spezifische Fallbeispiele aus Interviews und Talkshows (z.B. Schröder 2005) behandelt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind politischer Diskurs, Phraseologie, Gesprächsanalyse, mediale Vermittlung und politisches Handeln durch Sprache.
Welche Rolle spielen Zwischenrufe in Parlamentsdebatten laut Burkhardt?
Burkhardt kategorisiert Zwischenrufe primär als Zustimmung, Ablehnung oder Anregung zum Nachdenken und bewertet deren Häufigkeit als Indikator für die Qualität einer Debatte.
Warum wird das Verhalten von Gerhard Schröder in der Talkshow als unkooperativ bezeichnet?
Der Autor stützt sich auf linguistische Kriterien, insbesondere die Verletzung von Gesprächsmaximen und die hohe Anzahl an Unterbrechungen, die als Verstoß gegen die Gesprächsordnung gewertet werden.
Wie unterscheidet sich die Interviewführung bei Helmut Kohl von der bei Rudolf Scharping?
Während Scharping in eine defensive Rolle gedrängt wurde, nutzte Kohl seine Amtsautorität, um die Moderation anzugreifen und das Gesprächsgeschehen aktiv zu steuern.
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- Maximilian Frisch (Author), 2012, Mündliche politische Diskurse, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/213968