Mündliche politische Diskurse


Hausarbeit, 2012
17 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1. Sprache als Medium der Politik

2. Zu den Begrifflichkeiten „Diskurs“ und „politisches Gespräch“

3. Die Parlamentsdebatte als komplexe Form des Gesprächs
3.1 Definitionsversuche nach Burkhardt
3.2 Typische Sprachformen der parlamentarisch-politischen Rede

4. Phraseologismen in der politischen Sprache
4.1 Methodisches Vorgehen
4.2 Ergebnisse

5. Das (öffentliche) politische Gespräch
5.1 Politische Interviews in den 90er Jahren
5.1.1 Zur Methodik Vogts
5.1.2 Ergebnisse
5.2 Politische Talkshows in den 00er Jahren
5.2.1 Fragestellung
5.2.2 Zur Methodik
5.2.2 Ergebnisse

6. Resümée

7. Literatur

1. Sprache als Medium der Politik

„Politische Wirklichkeit wird in Sprache ausgehandelt. Unsere sprachunab- hängige Wahrnehmung der unmittelbaren Umgebung durch Primärerfah- rung ist untrennbar verbunden und durchzogen von den sprachlichen Äuße- rungen, mit denen wir und unsere Mitmenschen über die Wirklichkeit kommunizieren.“1

Wie es Ekkehard Felder in dem hier angeführten Zitat beschreibt, ist Politik ohne Spra- che kaum denkbar. In der Sprache vollzieht sich jede, auch die politische Wahrneh- mung, dort erhalten die Dinge einen Namen, der oftmals darüber entscheidet, was von den Dingen letztlich zu halten ist. Martin Greiffenhagen geht so weit und postuliert: "Wer die Dinge benennt, beherrscht sie. Definitionen schaffen 'Realitäten'. Wer defi- niert, greift aus der Fülle möglicher Aspekte einen heraus, natürlich denjenigen, der ihm wichtig erscheint.“

Diese Feststellungen zur Bedeutung der Sprache sind zweifelsohne treffend. Allein: Sie beziehen sich allesamt zu allererst auf den politischen Diskurs; auf die generelle sprach- liche Bewältigung und Abhandlung von Themen, Begriffen, Definitionen. Im Diskurs werden „Machtstrukturen erzeugt“2 und manifestiert, werden „Geltungsansprüche“3 geltend gemacht. Es wird deutlich: Der so verstandene Diskurs verengt mögliche analy- tische Vorgehensweisen relativ früh auf Fragen der Argumentation, der Wortwahl und auf die textuelle Beschaffenheit. Die Beschäftigung mit politischen Diskursen in den verschiedenen Kulturwissenschaften, vor allem in den politischen Wissenschaften, setzt den Fokus ganz auf semantische oder eben kontextuelle Fragestellungen. Und auch die linguistischen Herangehensweisen nehmen sich zumeist der Semantik an oder fragen nach den Konzepten dahinter; widmen sich der sprachimmanenten Perspektivenselekti- on und der Art der Faktizitätsherstellung durch Sprache.4 Ein Forschungsüberlick5 zur linguistischen Diskursanalyse fasst dabei zwar die unterschiedlichen Forschungslinien und -traditionen zusammen und spricht auch explizit die Analyse von textförmigen mündlichen Äußerungen an.6 Jedoch bleibt in den für die Forschungsbereiche zitierten Arbeiten die gesprächsartig gesprochene Sprache als Untersuchungsobjekt außen vor.

Darüber hinaus ist aber auch der Diskurs als und im Gespräch, also die politische Konversation, Artikulationsform und Ort des politischen Diskurses. Mündliche Kommunikation in der Politik ist, auch ohne einen Verweis auf die antiken Redner zu geben, die auffälligste und letztlich entscheidende Form der Politik durch Sprache.7 Insofern ist es begrüßenswert, dass in den letzten Jahrzehnten von verschiedenen Autoren auch die mündliche Seite des politischen Diskurses betrachtet wurde. Die vorliegende Arbeit soll einen Überblick über Begriffsverständnis des (mündlichen) politischen Diskurses verschaffen und einige ausgewählte Untersuchungen vorstellen.

2. Zu den Begrifflichkeiten „Diskurs“ und „politisches Gespräch“

Es wurde bereits darauf hingewiesen, dass die kulturwissenschaftlich geprägte Definition von“ Diskurs“ für die sprachwissenschaftliche Auseinandersetzung nicht unbedingt fruchtbar sein muss. Die linguistische Herangehensweise an den Begriff ist daher zu- meist pragmatischer Natur. In ihrem Forschungsüberlick verzichten die Autoren Caudia Bluhm, Dirk Deissler, Joachim Scharloth und Anja Stukenbrock auf eine abschließende Definition und kommen zum Schluss, dass der „Diskurs [ist] ein thematisch bestimmtes Konstrukt [ist] und jede Einschränkung des Untersuchungsbereichs aufgrund formaler Kriterien kann daher dem Gegenstand nicht gerecht werden.“8 Die Konstitution des Diskurses und entsprechend die Auswahl eines Korpus erfolgt mehr noch als bei der Beschäftigung aus politikwissenschaftlicher Sicht aus der leitenden Frage heraus. Wie aber lässt sich dann der „mündliche“ politische Diskurs auffinden?

Die linguistische Diskursanalyse erscheint, wie bereits weiter oben angeführt, zunächst als primär auf schriftliche Textformen fixiert. Nach der „Grundeinsicht, daß […] uns Menschen die Wirklichkeit letztlich immer nur zeichenvermittelt zugänglich ist […]“9, bedeutet dies für politische sprachliche Äußerungen, dass vor allem die Semiotik sys- tematisch untersucht werden sollte. Alle politischen Prozesse sind auch Zeichenprozesse.10 Insofern ist es verständlich, dass die meisten Untersuchungen sich der schriftlichen Form widmen. Aber: Neben der Frage nach Bedeutungsgehalt und Zeichenverwendung darf nicht übersehen werden, dass jede politische Äußerung - und dies gilt insbesondere für sprachliche politische Äußerungen - immer auch eine „materialisierte Ausdruckssei- te“ hat. Gemeint ist an dieser Stelle nicht die Erscheinungsform als Text, sondern die visuelle Erscheinung. Es ist „die packende Rede, die große Versammlung“, die in der Politik die größte Wirkung entfaltet und über Emotionen jede noch so starke Argumen- tation übertreffen kann. In dieser Arbeit soll folglich weniger die statische und textuelle Form betrachtet werden, als vielmehr die dynamische Form des politischen Diskurses.

Auch bei der mündlichen Form des politischen Diskurses liegt in der Regel ein Text vor, der die „komplexeste Handlungseinheit“11 des Politikers darstellt. Als Text gilt nach Brinker dabei zunächst jedes „als konventionell geltende Muster für komplexe sprachliche Handlungen“12. Heiko Girnth unterscheidet dabei grundsätzlich verschiede- ne Textsortenklassen, die er anhand der Emittenten der Texte bildet: Das Parlament, die Regierung, die Parteien, der Politiker und externe Emittenten wie Bürger, Presse und Verbände äußern sich demnach also in komplexer und bestimmter textueller Form. Bei der Zuordnung einzelner Textsorten zeigt sich nach Girnth, dass überwiegend tatsäch- lich in schriftlicher Form kommuniziert wird. Die Verfassung und einzelne Gesetze aber auch Parteiprogramme und Protokolle sind zweifelsohne schriftliche Texte. Für die meisten der genannten Textsortenklassen sind sie aufgrund des hohen Institutionalisierungscharakters die primäre Kommunikationsform. Einzig der Politiker äußert sich überwiegend in formellen Sprechakten und politischen Reden, die sich in ihren Ausdifferenzierungen als dessen Haupthandlungsform darstellen. Im Folgenden werden daher politische Reden als Gespräche aufgefasst und auf der Grundlage verschiedener Untersuchungen anderer Autoren kurz vorgestellt.

3. Die Parlamentsdebatte als komplexe Form des Gesprächs

3.1 Definitionsversuche nach Burkhardt

Wenn sich im Zusammenhang des Seminars sich die Frage nach der mündlichen Kommunikation in Gesprächsform stellt, so fällt zunächst auf, dass ein Redebeitrag im Parlament, ein Amtseid oder auch eine Parteitagsrede nicht den augenscheinlichsten Definitionen eines Gesprächs entsprechen. Neben den eher als Gespräch aufzufassenden Formen wie der Debatte oder der politischen Talkshow kann aber auch die parlamenta- rische Kommunikation als Gespräch gesehen werden.13 Armin Burkhardt anerkennt, dass Anträge und Drucksachen im Parlamentsbetrieb eine große Rolle spielen. Jedoch besteht es „vorwiegend aus mündlicher Rede“.14 Nach den Kriterien von Henne/Rehbock fallen Plenardebatten und Fraktionssitzungen aber durchaus unter die Definition des Gesprächs, weil hier in einem sehr strikten Rahmen Rederechtvergabe und Sprecherwechsel organisiert sind.15 Freilich ist der „turn“ etwa eines Redners in einer Debatte zumeist sehr lang und die Zuhörer sind zunächst nicht direkt berechtigt, darauf zu antworten.16 Aber mit für das Gespräch typischen Phasen wie „Eröffnung“, „Mitte“ und „Beendigung“17 findet ein auch einfacheren Definitionen des Gesprächs genügen- der Verlauf statt.

[...]


1 Ekkehard Felder: Diskursanalyse von politischer Sprache. In: Bundeszentrale für politische Bildung/bpb (Hg.): Dossier Sprache und Politik. Bonn 2011. URL: http://www.bpb.de/politik/grundfragen/sprache- und-politik/42740/diskursanalyse?p=all, zuletzt abgerufen am 20.09.2012.

2 Ebd.

3 Martin Greiffenhagen: Kampf um Wörter? Politische Begriffe im Meinungsstreit. München 1980.

4 Ekkehard Felder: Sprache - das Tor zur Welt!? Perspektiven und Tendenzen in sprachlichen Äußerungen. In: Felder, Ekkehard (Hg.): Sprache. Im Auftrag der Universitätsgesellschaft Heidelberg (=Heidelberger Jahrbücher Band 53). Berlin 2009. S. 13-57, hier S. 22.

5 Bluhm, Claudia / Dirk Deissler / Joachim Scharloth / Anja Stukenbrock (2000): Linguistische Diskursanalyse: Überblick, Probleme, Perspektiven. In: Sprache und Literatur in Wissenschaft und Unterricht 88, S. 3-19. Im Folgenden zitiert als: Linguistische Diskursanalyse.

6 Vgl. a. a. O. S. 4.

7 Jan Kercher: Verstehen und Verständlichkeit von Politikersprache. Verbale Bedeutungsvermittlung zwischen Politikern und Bürgern. Dissertation Universität Hohenheim, 2011 S. 23. E-Book-Version, abgerufen über diesen Titel bei SpringerLink. URL. [http://link.springer.com/].

8 Vgl. Linguistische Diskursanalyse. S. 15.

9 Dörner S. 1.

10 Ebd,

11 Heiko Girnth: Sprache und Sprachverwendung in der Politik. Eine Einführung in die linguistische Ana- lyse öffentlich-politischer Kommunkation (= Germanistische Arbeitshefte 39). Tübingen 2002. S. 72f.

12 Brinker, Klaus; Sager, Sven F.: Linguistische Gesprächsanalyse. Eine Einführung. Berlin 52010. S. S. 124.

13 Vgl. Armin Burkhardt: Das Parlament und seine Sprache. Studien zu Theorie und Geschichte parlamentarischer Kommunikation (=Reihe Germanistische Linguistik 241). Tübingen 2003. S. 337.Im Folgenden zitiert als Burkhardt.

14 A. a. O. S. 337.

15 Vgl. Henne, Helmut; Rehbock, Helmut: Einführung in die Gesprächsanalyse. Berlin. 42001S. 18f.

16 Vgl. Helmut Heinze: Gesprochenes und geschriebenes Deutsch. Vergleichende Untersuchungen von Bundestagsreden und deren schriftlich aufgezeichneter Version. Düsseldorf 1979. S. 305.

17 Vgl. Burkhardt, S. 33.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Mündliche politische Diskurse
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt  (Lehrstuhl für Deutsche Sprachwissenschaft)
Veranstaltung
Veranstaltung: Übung Sprachstruktur und Sprachverwendung
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
17
Katalognummer
V213968
ISBN (eBook)
9783656423638
ISBN (Buch)
9783656424383
Dateigröße
766 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
mündliche, diskurse
Arbeit zitieren
Maximilian Frisch (Autor), 2012, Mündliche politische Diskurse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/213968

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