Bereits seit der Antike versuchten sich verschiedene Gelehrte an systematisch zusammengefassten Darstellungen des Allgemeinwissens. Bereits in der griechischen Sophistik des 5. Jahrhunderts v. Chr. wurde dabei ein Bildungsideal aus sieben Fächern entwickelt, welche seither als die sieben freien Künste - die Artes liberales - gelehrt werden.
Für die römische Welt hatte Varro mit seinen "Disciplinae" die erste Enzyklopädie über die Artes liberales zusammengestellt. Dieses Bildungsideal von den freien Künsten ging auch in nachfolgenden Zeiten nicht verloren. Eine besondere Bedeutung kommt hier dem Enzyklopädisten Martianus Capella zu. Mit seinem Werk "De nuptiis Philologiae et Mercurii" schuf er wichtige Grundlagen für zahlreiche enzyklopädische Werke des Mittelalters.
Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Funktion von Martianus' Werk als Bindeglied zwischen spätantiker und mediävistischer Enzyklopädik und erforscht darüber hinaus Einflüsse sowie Nachwirken Martianus Capellas auf spätere Enzyklopädisten. Schwerpunktmäßig wird dabei Martianus' besondere Darstellungsweise der Artes liberales betrachtet um zu ergründen, warum diese aus dem 5. Jahrhundert stammende Enzyklopädie eines einfachen Mannes bis ins heutige Zeitalter überliefert wurde. Martianus Capella war schließlich maßgeblich an der Verbreitung der Lehre von den sieben freien Künsten im Mittelalter beteiligt und zählt daher zu den wichtigsten Enzyklopädisten seiner Zeit.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung: Der Enzyklopädist
II. Die Enzyklopädie
II.1 Martians Methode: Die Artes als Allegorien
II.2 Martians Verständnis der Geometrie
III. Martians Nachwirken
IV. Moderne Kritik an Martianus Capella
V. Fazit
Quellen- und Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die Hausarbeit untersucht die Bedeutung von Martianus Capellas "De nuptiis Philologiae et Mercurii" als zentrales Bindeglied zwischen antiker und mittelalterlicher Enzyklopädik sowie als maßgebliches Lehrbuch der Artes liberales. Die Forschungsfrage fokussiert dabei auf die Gründe für die über Jahrhunderte anhaltende Rezeption und Tradierung des Werkes sowie die spezifische allegorische Darstellungsweise der sieben freien Künste, illustriert am Beispiel des Geometrieverständnisses.
- Die literarische Gattung der Enzyklopädie im Übergang von der Spätantike zum Frühmittelalter
- Die Allegorie der Hochzeit als didaktisches und unterhaltendes Mittel zur Wissensvermittlung
- Struktur und Inhalt der Artes liberales: Trivium und Quadrivium
- Die Wahrnehmung und Kritik an Martianus Capella in Forschung und Moderne
Auszug aus dem Buch
II.2 Martians Verständnis von der Geometrie
Die zum Quadrivium gehörende Geometrie stellt Martianus Capella im sechsten Buch seiner Enzyklopädie vor. Bevor jedoch auf Martians Verständnis von der Geometrie eingegangen wird, sollte unser heutiges Verständnis von Geometrie zunächst einmal ergründet werden.
Geometrie ist uns heute vor allem als ein Zweig der Mathematik bekannt. Laut dem Duden Fremdwörterbuch (7. Aufl., 2002) bezeichnet man die Geometrie als den Zweig der Mathematik, der sich mit den Gebilden der Ebene und des Raumes befasst. Zumindest aus dem Schulunterricht dürfte bekannt sein, dass es zur Geometrie gehört, Flächeninhalte und Volumen verschiedener Körper auszurechnen. Damit ist die Geometrie im Alltag sehr greifbar, denn solche Berechnungen sind oft von Nöten. Hier sei lediglich die Berechnung der Grundfläche einer Wohnung als eines der einfachsten Beispiele genannt.
Martians Verständnis von Geometrie differenziert sich teilweise deutlich vom heute alltäglichen Geometrieverständnis. Als die Brautjungfer Geometria, als Allegorie für die Disziplin der Geometrie, in De nuptiis auftritt, stellt sie sich selbst folgendermaßen vor: „Ich heiße Erdvermesserin, weil ich die oft durchmessene, ausgemessne Erde, ihre Gestalt, die Größe, Lage, die Teile und die Messeinheiten (…) erklären kann (…).“48 Die Disziplin der Geometrie, wie sie Martian beschreibt, ist daher zum größten Teil eher vergleichbar mit der heutigen Geographie oder Erdkunde. In der Geschichte der Artes liberales stellte die Geometrie aber mehrfach (nicht nur bei Martianus Capella) den Deckmantel für verschiedene Wissenschaften dar, die in einer anderen Kunst nicht unterzubringen waren.49
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Der Enzyklopädist: Diese Einleitung verortet Martianus Capella als zentralen Enzyklopädisten am Übergang von der Spätantike zum Mittelalter und führt in die Gattung der Artes liberales ein.
II. Die Enzyklopädie: Das Kapitel analysiert die allegorische Struktur des Werkes durch die Hochzeitsgeschichte und untersucht Martians spezifisches Verständnis der Geometrie als Erdvermessung.
III. Martians Nachwirken: Hier wird die außerordentliche Rezeption des Werkes im Mittelalter dargelegt, die sich in zahlreichen Handschriften und seiner Nutzung als Standardlehrbuch niederschlägt.
IV. Moderne Kritik an Martianus Capella: Dieser Abschnitt beleuchtet die neuzeitliche Kritik am schwierigen Schreibstil und der vermuteten mangelnden Fachkenntnis des Autors unter Berücksichtigung seines historischen Kontextes.
V. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass das Werk trotz berechtigter Kritik an Stil und didaktischer Komplexität eine unverzichtbare Brücke zur Bewahrung antiken Wissens für das mittelalterliche Europa bildete.
Schlüsselwörter
Martianus Capella, De nuptiis Philologiae et Mercurii, Artes liberales, Enzyklopädie, Mittelalter, Spätantike, Trivium, Quadrivium, Allegorie, Geometrie, Wissensvermittlung, Rezeptionsgeschichte, Didaktik, Geographie, Wissenssystematisierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Enzyklopädie "De nuptiis Philologiae et Mercurii" von Martianus Capella und deren Bedeutung für das Bildungswesen des Mittelalters.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die Systematisierung des Wissens in den sieben freien Künsten, die allegorische Erzählweise der Hochzeit als didaktisches Mittel und die kritische Analyse der Rezeptionsgeschichte des Werkes.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, zu ergründen, warum Martians Enzyklopädie über so viele Jahrhunderte hinweg als Standardwerk erhalten blieb und welche Rolle sie als Bindeglied zwischen antiker Gelehrsamkeit und mittelalterlicher Lehre spielte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin verwendet eine historisch-analytische Methode, indem sie Primärtextstellen von Martianus Capella mit moderner Forschungsliteratur abgleicht und die Rezeption durch spätere Autoren untersucht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der allegorischen Methode (Artes als Hochzeitsgäste), eine spezifische Fallstudie zum Verständnis der Geometrie sowie die Analyse der Wirkung und der modernen Kritik an Werk und Autor.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Artes liberales, Allegorie, Enzyklopädie, Martianus Capella, Mittelalter-Rezeption und Geometrie.
Wie unterscheidet sich Martians Geometrieverständnis von unserem heutigen?
Während Geometrie heute primär als mathematische Disziplin verstanden wird, bezeichnete Martian die Disziplin primär als "Erdvermesserin", was stärker dem heutigen Verständnis von Geographie oder Erdkunde entspricht.
Warum wird das Werk trotz Kritik als so bedeutend eingestuft?
Trotz literarischer Mängel wie einer komplexen Syntax gilt das Werk als eine der wenigen umfassenden Zusammenstellungen der freien Künste, die nach dem Zusammenbruch antiker Bildungsstrukturen den Gelehrten des Frühmittelalters als Basis diente.
- Quote paper
- Janina Vaupel (Author), 2012, Martianus Capellas "De nuptiis Philologiae et Mercurii", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/214151