Die Idee einer Widerkehr zur Natur scheint heute noch utopischer zu sein als die romantische Ansätze J.-J. Rousseaus im 18en Jahrhundert. Auch damals konnten sie sich nicht verwirklichen und die seltene Menschen, die sich sowas wünschten, haben sich von der modernen Welt entfernt und sein Alleinsein in der Natur verbracht. Als Idealbild und Darstellung einer reinen, ursprünglichen Freiheit ist sie schon seit langem das Gegenteil eines gesellschaftlichen Lebens, wo die Gedanke und Gefühle nach Außen gerichtet sind. Somit bleibt aber der sogennante Subjekt im Hintergrund, als eine passive Kraft, die sich unter den Zwang des sozialen Konstrukts sich verbeugen muss. Es ist bemerkenswert, dass auch Rousseau in der Natur das menschliche Gefühl wiedergefunden hat;2 nur im einsamen Waldspaziergang oder Bergwanderung ist der Mensch von der Konventionen befreit und der Blick kehrt nach Innen: er kann sein Inhalt ruhig beobachten und selbst wenn er nach Außen schaut, entdeckt er auch innerliche Zustände.
Die Absicht dieser Arbeit ist die Beziehung zwischen dem Menschen und der Natur mithilfe eines literarischen Werkes im Stille Rousseaus zu untersuchen: Senancours Oberman. Erstens wird das Buch im Zusammenhang mit der Biographie Senancours dargestellt, um die Anknüpfungspunkte dazwischen erklären zu können. Zweitens würden wir versuchen die genaue Textstellen mit Naturbeschreibungen zu untersuchen und sie mit der Stimmung des Autors in Verbindung zu setzen. Hier wird es deutlich dass die Schilderungen rhytmisch umgesetzt sind, so dass das innere Zustand sich dadurch erraten lässt. Drittens ist eine Parallele zu Nietzsches Zarathustra als Vertreter des Übermenschen nötig. So werden wir zum Schluß das angemessene
Fazit ziehen: die Natur und die menschliche Vernunft stehen einander so nah, dass ein selbstbewußter Mensch würde ungezwungen zurück zur Natur kehren wollen, als Reaktion gegen einer falschen Ordnung der Gesellschaft.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Senancours Oberman
2.1. Das Leben und das Werk
3. Natur und Dichtung
3.1 Das Gefühl
3.2 Die poetische Landschaft
3.3 Selbstbewußtsein und Naturbeschreibung
4. Oberman und Zarathustra
5. Schlußbemerkungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die komplexe Beziehung zwischen dem Menschen und der Natur im literarischen Werk "Oberman" von Étienne Pivert de Senancour. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, inwiefern die Naturerfahrung als Spiegelbild des inneren Zustands fungiert und als Ausgangspunkt für ein tieferes Selbstbewusstsein dient, welches den Menschen aus gesellschaftlichen Konventionen befreit.
- Analyse der biografischen Hintergründe und der Entstehung von "Oberman".
- Untersuchung der poetischen Naturschilderungen und deren rhythmischer Umsetzung.
- Philosophische Einordnung des Naturerlebnisses unter Rückgriff auf Kants Ästhetik.
- Vergleichende Analyse der Naturflucht bei Senancour und Nietzsches Übermenschen-Konzept.
- Identifikation der Natur als Idealbild für eine zwanglose Moralität.
Auszug aus dem Buch
3.3 Selbstbewußtsein durch Naturbeschreibung
Il était minuit: la lune avait passé; le lac semblait agité; les cieux étaient transparents, la nuit profonde et belle. Il y avait de l’incertitude sur la terre. On entendit frémir les bouleaux, et des feuilles de peuplier tombèrent: les pins rendirent des murmures sauvages; des sons romantiques descendaient de la montagne; de grosses vagues roulaient sur la grève. Alors l’orfraie se mit à gémir sous les roches caverneuses; et, quand elle cessa, les vagues étaient affaiblies, le silence fut austère. Le rossignol plaça de loin en loin, dans la paix inquiète, cet accent solitaire, unique et répété, ce chant des nuits heureuses, sublime expression d’une mélodie primitive; indicible élan d’amour et de douleur; voluptueux comme le besoin qui me consume; simple, mystérieux, immense comme le coeur qui aime.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung umreißt die Absicht der Arbeit, die Beziehung zwischen Mensch und Natur bei Senancour zu untersuchen und Parallelen zu Rousseaus Denken sowie Nietzsches Zarathustra zu ziehen.
2. Senancours Oberman: Dieses Kapitel stellt das Werk in den Kontext der Biografie Senancours und erläutert, warum der Roman aufgrund seiner melancholischen und handlungsarmen Natur ein spezielles, auserlesenes Publikum anspricht.
2.1. Das Leben und das Werk: Der Fokus liegt hier auf den prägenden biografischen Erlebnissen Senancours, wie seiner Kindheit und der Entdeckung des Waldes von Fontainebleau, die sein lebenslanges Streben nach Freiheit und Naturverbundenheit begründeten.
3. Natur und Dichtung: Hier wird die These diskutiert, dass Senancours Werk eine poetische Kreation ist, bei der Naturerlebnisse als Ausgangspunkt für die Artikulation tiefer Empfindungen dienen.
3.1 Das Gefühl: Dieses Kapitel verknüpft die subjektive Naturerfahrung mit philosophischen Ansätzen, insbesondere mit Kants Ästhetik, um die Verbindung zwischen ästhetischem Wohlgefallen und innerem moralischen Charakter zu erklären.
3.2 Die poetische Landschaft: Es wird analysiert, wie Senancour Landschaftsbeschreibungen als Mittel der Introspektion nutzt, wobei der Schreibstil die Reinheit und Rauheit der Natur sowie das innere Befinden des Autors spiegelt.
3.3 Selbstbewußtsein und Naturbeschreibung: Hier wird dargelegt, dass die scheinbare Passivität des Wanderers Oberman eine bewusste Abkehr von gesellschaftlichen Normen darstellt, die durch die Naturbetrachtung zu einer gesteigerten Selbstwahrnehmung führt.
4. Oberman und Zarathustra: Dieser Abschnitt zieht eine Verbindungslinie zwischen Oberman und Nietzsches Übermensch, indem beide Gestalten als einsame Geister charakterisiert werden, die in der Natur eine neue Freiheit und Eigentlichkeit suchen.
5. Schlußbemerkungen: Die Arbeit fasst zusammen, dass die Natur für den edlen Menschen sowohl ein Idealbild für eine zwanglose Moralität darstellt als auch der Ort ist, an dem er durch die Rückkehr zur Natur letztlich zu sich selbst zurückfindet.
Schlüsselwörter
Oberman, Senancour, Naturerfahrung, Selbstbewusstsein, Melancholie, Romantik, Rousseau, Kant, Ästhetik, Einsamkeit, Übermensch, Zarathustra, Naturphilosophie, Innerlichkeit, Freiheit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die philosophische und literarische Bedeutung der Naturerfahrung im Roman "Oberman" von Étienne Pivert de Senancour.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind die Beziehung des modernen Individuums zur Natur, die Bedeutung von Melancholie, die Rolle der Ästhetik nach Kant und die Suche nach persönlicher Freiheit abseits gesellschaftlicher Konventionen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie die Naturbeschreibung in "Oberman" als Instrument zur Artikulation innerer Zustände dient und wie dadurch ein höheres Selbstbewusstsein erlangt werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Textanalyse in Verbindung mit philosophischen Analysen, insbesondere unter Einbezug kantischer Begrifflichkeiten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine biografische Einordnung des Werkes, eine Untersuchung der poetischen Naturwahrnehmung sowie einen philosophischen Vergleich zwischen Oberman und Nietzsches Zarathustra-Figur.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die zentralen Begriffe umfassen Naturerfahrung, Selbstbewusstsein, Melancholie, Romantik, Ästhetik und die Figur des einsamen Wanderers.
Welche Rolle spielt die Einbildungskraft bei der Naturbetrachtung laut der Autorin?
Die Einbildungskraft fungiert als vermittelndes Vermögen, das es dem Menschen ermöglicht, bei der Betrachtung der Natur eine geistige Synthese herzustellen und sich selbst als bewusstes Subjekt zu transzendieren.
Warum wird Oberman mit dem Übermenschen bei Nietzsche verglichen?
Beide werden als einsame, aus der Gesellschaft herausgehobene Individuen dargestellt, die in der Stille und Strenge der Natur ein Ideal der Freiheit und ein Fundament für die Erschaffung eigener Werte sehen.
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- Nastasia Fillipovna (Author), 2013, Naturerfahrung als Selbstbewußtsein in Senancours "Oberman", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/214160