„Eine zukunftsorientierte moderne Gesellschaftspolitik muss die Voraussetzungen dafür schaffen, dass Frauen und Männer in allen Bereichen der Gesellschaft gleichberechtigt vertreten sind“ (Ahlers 2005: 8). Wer wollte diese Aussage heute noch verneinen? Als hinreichend bekannt, darf die fortwährende Benachteiligung von Frauen in diversen gesellschaftlichen Bereichen und vornehmlich in der (Erwerbs-)Arbeitssphäre gelten. Geschlecht hat immer noch Einfluss „auf die Verteilung von Arbeit, Geld, Macht und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben“ und „das Geschlechterverhältnis [ist, M.Sch.] nach wie vorhierarchisch organisiert“ (Ehrhardt 2003: 16). „Nach wie vor sind die Chancen von Frauen und Männern in der Arbeitswelt ungleich verteilt“ (Ahlers 2005: 8). Nimmt man diese Aussagen unumwunden an, dann offenbart sich in ihnen (zumindest) ein Demokratie- aber auch ein Modernisierungsdefizit (vgl. ebd.). Schlicht gesprochen, handelt essich bei Ersterem um die bisherige Nicht-Verwirklichung eines gesetzlich verbürgten Grund-rechts1 einer/eines Jeden nach rechtlicher Gleichheit, nach Gleichberechtigung und im weitesten Sinne nach Chancengleichheit. Zweiteres macht darauf aufmerksam, dass die derzeitige Benachteiligung von Frauen eine 'Vergeudung von Ressourcen' darstellt, welcher in sozial-utilitaristischer oder auch ökonomischer Manier mit Anerkennung, Nutzung und Weiterentwicklung der Potenziale von Frauen und Männern 'angemessener' begegnet werden könnte.[...]
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2. Gender Mainstreaming
2.1 Historischer Entstehungskontext des Gender Mainstreamings
2.2 Konstitutive Elemente des Gender Mainstreamings, oder: Versuch einer Definition
3. Kritik des Gender Mainstreamings
3.1 Kritik am Gender-Begriff/ -Konzept des Gender Mainstreamings
3.2 Kritik am Konzept des Mainstreamings
3.3 Gender Mainstreaming, 'neoliberaler' Mainstream und Verwaltungsmodernisierung
3.4 Verlust des transformativen/ emanzipatorischen Potenzials?
3.5 Angst vor Schwächung der Frauenförderung/ -politik
3.6 Die Unbestimmtheit der Gender Mainstreaming-Strategie und des Gerechtigkeitsbegriffs
3.7 Die Nicht-Einbeziehung anderer Diskriminierungsfaktoren
4. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Konzept des Gender Mainstreamings als gleichstellungspolitische Strategie, hinterfragt deren theoretische Grundlagen und analysiert die vielschichtige Kritik, die insbesondere aus der Frauen- und Geschlechterforschung sowie verschiedenen feministischen Strömungen an der Implementierung und Zielsetzung geäußert wird.
- Historischer Entstehungskontext und Definitionen des Gender Mainstreamings
- Kritische Auseinandersetzung mit dem Gender-Begriff und dem Mainstreaming-Konzept
- Die Problematik der Ökonomisierung und der Nähe zu neoliberalen Verwaltungsreformen
- Verlust des transformativen Potenzials durch bürokratische Technokratisierung
- Das Spannungsverhältnis zwischen wissenschaftlicher Forschung und politischer Praxis
Auszug aus dem Buch
3.2 Kritik am Konzept des Mainstreamings
Der Begriff 'Mainstreaming' ist ein Neologismus und stellt grammatikalisch gesehen ein substantiviertes Verb dar, „das allerdings das Verbsein übersprungen hat – es gibt [...] kein 'to mainstream'. Mainstreaming ist also ein Prozess, eine Handlung, und bedeutet, etwas im Mainstream einbinden, zum Mainstream machen“ (Rosenteich 2002: 27). Das Wort 'Mainstream' wiederum bedeutet soviel wie Hauptstrom/-richtung und „bezeichnet das, was die Mehrheit tut, denkt, glaubt. Eine Mehrheit nicht im Sinne von Zahlen, sondern im Sinne des dominierenden Teils der Gesellschaft, der die alltäglichen Normen definiert“ (Rosenteich 2002: 26).
Ausgehend von dieser 'Mainstreaming'-Definition ergeben sich für die GM-Strategie mehrere mögliche kritische Lesarten, wobei zwei gegensätzliche Pole der vorherrschenden Debatte ausgemacht werden können. Dies ist auf der einen Seite die Perspektive, nach welcher sich durch das GM im Mainstream eine Denkrichtung etablieren soll, welche die bisher ausgeblendete Beachtung geschlechterbezogener Wirkungen aller (gesellschaftlich) relevanten Entscheidungen nun als obligatorisch für alle GM praktizierenden Einrichtungen setzt. Kurz: die Gender-Analyse soll Eingang in den Mainstream finden. Diese Ansicht wird u.a. auch durch Stiegler (2005: 167) vertreten. Grundsätzlich betrachten auch wir als Autor_innen die basale Intentionen des GM eher als Implementierung von Gender-Belangen in den Mainstream der Organisationsarbeit. In optimistisch-feministischer Lesart scheinen sogar Hoffnungen darauf geweckt, „dass der Eingang [des GM, M.Sch.] in den Mainstream diesen zu einem feministischen Mainstream verändert“ (Rosenteich 2002: 28).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Notwendigkeit von Gleichstellungspolitik aufgrund fortbestehender geschlechtsspezifischer Benachteiligungen und führt in das Gender Mainstreaming als querschnittsorientierte Strategie ein.
2. Gender Mainstreaming: Dieses Kapitel erläutert den historischen Kontext, die Begriffsdefinitionen und die konstitutiven Elemente des Gender Mainstreamings auf europäischer und nationaler Ebene.
3. Kritik des Gender Mainstreamings: Hier werden systematisch verschiedene Kritikpunkte zusammengetragen, die von der Begrifflichkeit über die ökonomische Instrumentalisierung bis hin zum Verlust des transformativen Gehalts reichen.
4. Schlussbetrachtung: Das Fazit resümiert den Erfolg der Institutionalisierung, warnt aber vor einer fortschreitenden Entfremdung zwischen wissenschaftlicher Reflexion und politischer Umsetzung.
Schlüsselwörter
Gender Mainstreaming, Gleichstellungspolitik, Geschlechterforschung, Neoliberalismus, New Public Management, Transformation, Geschlechterhierarchie, Frauenförderung, Konstruktivismus, Gender-Kompetenz, Intersektionalität, Verwaltungsmodernisierung, Sozialwissenschaft, Politische Strategie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Strategie des Gender Mainstreamings sowie die daran geäußerte Kritik aus soziologischer und feministischer Sicht.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Geschichte des Konzepts, seine Definitionen, die ökonomische Vereinnahmung durch Verwaltungsreformen und die theoretische Debatte über Geschlecht.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, die konstitutiven Elemente des Gender Mainstreamings zu identifizieren und die Kritik am Konzept systematisch aufzubereiten.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine systematische Literaturanalyse und diskursive Aufarbeitung der aktuellen geschlechterpolitischen Debatte.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil (Kapitel 3) stehen die verschiedenen Kritikfelder im Fokus, insbesondere die Konzepte von 'Gender' und 'Mainstreaming', die Tendenz zur Ökonomisierung sowie der Verlust emanzipatorischer Ziele.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Gender Mainstreaming, Transformation, ökonomische Rationalität, Geschlechterhierarchie und feministische Kritik.
Warum wird Gender Mainstreaming als "neoliberal" kritisiert?
Kritiker monieren, dass GM oft als Werkzeug des New Public Management genutzt wird, um Effizienz zu steigern, statt die bestehenden gesellschaftlichen Machtstrukturen grundlegend zu verändern.
Welches Spannungsfeld besteht zwischen Wissenschaft und Politik?
Wissenschaft verfolgt oft ein kritisch-reflexives Ziel, während die Politik an praktischer Umsetzbarkeit und administrativen Relevanzen orientiert ist, was häufig zu einer Trivialisierung wissenschaftlicher Erkenntnisse führt.
- Arbeit zitieren
- Maria Steinhaus (Autor:in), 2013, Gender Mainstreaming - Die Strategie und ihre Kritiken, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/214168