Über das priesterschriftliche Sühneverständnis nach Levitikus 16 und dessen Relevanz für die neutestamentliche Tradition

Sühne am großen Versöhnungstag


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

28 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Gliederung des Textes

III. Die Rituale im Einzelnen
1.1. hattat
1.2. Zusammenfassung und Schlussfolgerung
2.1. Azazelritus
a) Legitimierung eines ursprünglich paganen Götzenopferkultes?
b) l’z’z’l im Lichte philologisch-traditionsgeschichtlicher Forschung
c) Fazit
2.2. hattat und Azazelbock
3. Olah

IV. Einblick in den Niederschlag der atl. Sühnevorstellung im Blick auf die neutestamentliche Tradition

Fazit

Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Der große Versöhnungstag ist der bedeutendste Feiertag des jüdischen Festkalenders.1 Seine Bedeutung für den jüdischen und christlichen Glauben gründet sich in einer tief im Gottesbild des exilisch-nachexilischen Priestertums verwurzelten Lehre von der Heiligkeit JHWHs und dem damit verbundenen kultischen Handlungsraum, in dem der Mensch die Nähe seines Gottes erfahren und so Reinigung von seinen Sünden und neues heiles Leben empfangen kann.

Das zentrale Thema dieses Festes ist „Sühne“. Was dieser Begriff in Lev. 16, 1-34 meint, welche Einblicke der genaue Ablauf des Festtages in das kultische Leben Israels ans Licht bringt und schließlich, welche theologischen Konturen sich aus den Beobachtungen für die Sühnetheologie des Priestertums der damaligen Zeit ableiten lassen, soll in dieser Arbeit näher erörtert werden. Hierzu soll zunächst der rituelle Ablauf des Festtages skizziert werden.

Danach soll anhand von ausgewählten Kommentaren und weiterer Literatur zu zentralen Themen eine Diskussion über die Charakteristik der Feier geführt werden, um sich der Dichte der in ihr enthaltenen theologischen Muster bewusst zu werden. Dies wird anhand der drei unterschiedlichen Riten, die an diesem Fest durchgeführt werden geschehen. Am Ende soll dann ein Einblick in die Relevanz des erarbeiteten Sühnebegriffes für die christlich neutestamentliche Tradition stehen.

II. Gliederung des Textes

Der Text aus Leviticus 16, 1-34 kann in Übereinstimmung mit Baruch A. Levine als präskriptiver Text bezeichnet werden, da es sich hier um die Beschreibung der Art und Weise, auf welche das Ritual durchgeführt werden soll handelt und nicht, wie bei den sogenannten deskriptiven Ritualtexten, um eine Erzählung des tatsächlichen Geschehens, was in dem vorliegenden Text der Durchführung des Rituals durch Aaron entspräche. Formal liegt eine JHWH- Rede an Mose vor, die in einen narrativen Rahmen eingebettet ist. Auch wenn die V. 29-34 in besonderer Erzählsituation stehen (die Anrede wechselt von der 2.Pers.Sg. in die 2.Pers.Pl.), können sie der JHWH-Rede hinzugerechnet werden. JHWH sagt Mose, wie Aaron die Zeremonie auszuführen hat, und bekräftigt danach dem gesamten Volk die Weisungen, die für den Yom Hakippurim , wie das Fest in Lev 23,27-28 genannt wird, gegeben wurden.

Die V. Lev. 16, 1-10 bilden einen ersten Abschnitt. Nach der narrativen Einleitung in V. 1 „Und der HERR sprach zu Mose, nachdem die zwei Söhne Aarons gestorben waren, als sie vor dem HERRN opferten ,“ beginnt die JHWH-Rede mit einer zeitlichen Einschränkung für die Begehung des Heiligtums. Aaron soll „nicht zu jeder Zeit“ das Allerheiligste betreten, ohne dass bestimmte Zeiten erwähnt werden, an denen ein Betreten möglich ist. Lediglich mit dem Hinweis „damit er nicht sterbe; denn ich erscheine in der Wolke über dem Gnadenthron“ wird ein Grund für die temporäre Begrenzung des Zutritts gegeben.

In den folgenden V. 3-5 werden zum ersten Mal Opfertiere, ein junger Stier „zum Sündopfer“ und ein Widder „zum Brandopfer“ erwähnt und die Kleidung aufgelistet, die Aaron nach einer Waschung anziehen soll, ehe er in das Heiligtum geht. In V. 5 kommen noch drei weitere Opfertiere hinzu, „zwei Ziegenböcke zum Sündopfer“ und ein „Widder zum Brandopfer“, wobei diese von der Gemeinde der Israeliten“ genommen werden sollen. Erst mit der Formulierung „sein Sündopfer“ in V. 6 wird deutlich, dass der junge Stier aus V. 3 mit Aaron und seinem Haus in Beziehung steht. Er soll das Tier opfern, „dass er für sich und sein Haus Sühne schaffe“. Hier kommt zum ersten Mal die Zweckbestimmung für eines der Opfertiere vor. Die Entsühnung des Priesters Aaron und seines Hauses ist die Zielsetzung des ersten Opfers.

In den Versen 7-10 folgt dann die Beschreibung eines Losverfahrens, das mit den beiden Ziegenböcken aus der Gemeinde Israels durchgeführt werden soll. Per Los wird ein Ziegenbock als Opfer für JHWH ausgewählt, der andere Bock soll lebendig „vor den HERRN“ gestellt werden, „dass ER über ihm Sühne vollziehe und ihn ‚zu Azazel‘ in die Wüste schicke“. Die erzielte Wirkung des zweiten Opfervorgangs bleibt zunächst verborgen, da es sich um ein nicht nä- her bestimmtes Opfer für JHWH und ein zweites Ritual handelt, das nicht ein klassisches Opfer, sondern die Aussendung des Tieres in die Wüste impliziert, nachdem JHWH selbst über ihm „Sühne vollzogen hat .

Die folgenden VV 11-28 bilden einen zweiten Abschnitt. VV 11-19 erklären nun, nach allgemeinem Zeremonienablauf die detaillierte Durchführung des Sühnerituals im Ganzen. In V. 11 wird die Schlachtung bzw. Schächtung des ersten Opfertieres, des jungen Stieres, verlangt, als Sündopfer für Aaron und sein Haus. Danach in V. 12 u. 13 soll er „hinter den Vorhang“ treten, in das Allerheiligste. Die Angabe „damit er nicht sterbe“ erinnert an V. 2, wo das Erscheinen JHWH‘s mit dem Sterben des „Eindringlings“ in Verbindung steht.

V. 14 und 15 schildern die Blutapplikationsriten. Hierbei wird das Blut der Opfertiere auf den zu entsühnenden Gegenstand aufgetragen. Erst muss das sühnende Blut für Aaron und sein Haus einmal gegen und siebenmal vor den

„Gnadenthron“ gesprengt werden, danach das des Ziegenbockes für das ganze Volk ebenfalls einmal gegen und siebenmal vor oder auf den „Gnadenthron“. Während V.16 den Sinn dieses Blutritus als Entsühnung des Heiligtums „we- gen der Verunreinigungen der Israeliten und wegen ihrer Übertretungen, mit denen sie sich versündigt haben“ darstellt, wird er in V.17 als Entsühnung im Heiligtum für Aaron, sein Haus und die ganze Gemeinde dargestellt.

In den letzten beiden Versen dieses Abschnitts wird dann auch der „Altar, der vor dem HERRN steht“ mit dem Blut beider, geschlachteter Opfertiere entsühnt, was ebenfalls durch das Bestreichen der Hörner und das siebenmalige Besprengen des Altars durch den Priester geschehen soll. V.20 dient sowohl als Abschluss der Darstellung von den Blutriten, als auch zur Vorbereitung auf das nächste Ritual, dem Ritus mit dem lebendigen Bock, dessen Beschreibung die Verse bis V.22 ausfüllt. Aaron soll in diesem Ritual seine beiden Hände auf den Kopf des Bockes stemmen und über ihm die „Missetat“ und alle „Über-

tretungen“ bekennen, mit denen sich die Israeliten „versündigt“ haben, damit

der Bock alle ihre Missetat auf sich nehme und in die Wildnis trage“, wo ihn bereitstehender Mann hinführen soll.

In den V. 23-28 werden die Abschlusshandlungen der Zeremonie beschrieben. Aarons Kleider müssen im Heiligtum wieder ausgezogen werden, worauf er nach einer Waschung seine eigenen Kleider wieder anzieht. Hiernach soll er aus dem Heiligtum kommen und mit den Brandopfern „sich und das Volk entsühnen“, auch das Fett des Sündopfers soll verbrannt werden. Der Mann, der den Sündenbock in die Wüste geführt hatte, darf erst nach einer Waschung in das Lager zurückkehren. Nachdem jemand sämtliche Überreste der Opfertiere vor dem Lager verbrannt hat, darf auch er erst nach einer Waschung wieder ins Lager zurückkommen.

Die Verse 29 bis 34 bilden den letzten Abschnitt des Ritualtextes. In ihnen wird der im vorigen beschriebene Festtag im Sinne einer „ewigen Ordnung“ für ganz Israel institutionalisiert und seine einzelnen Elemente noch einmal in paränetischer Form reflektiert. So lässt sich dieser Abschnitt als eine Aufforderung an die Gemeinde Israels vor allem durch den Wechsel der angeredeten Person vom übrigen Kontext abgrenzen, in welchem Jahwe Mose angeredet hatte. Hier wird das ganze Volk angesprochen. Der 10. Tischri soll den Israeliten heilig sein (V. 29). Sie sollen „fasten und keine Arbeit tun“. Sinn (V. 30), Akteure (V. 32) und Vollzug des Rituals (V. 33) werden noch einmal erwähnt, wobei nicht mehr explizit auf den Azazelbockritus Bezug genommen wird. V. 34b schließt den narrativen Rahmen und bildet so das Ende dieser Perikope.

In Lev. 16,1-34 begegnen also drei unterschiedliche Rituale, die durch einen narrativen Rahmen umschlossen sind und von einer Paränese, wohl im Sinne einer Gemeindebelehrung, abgeschlossen werden. In Form einer JHWH-Rede an Mose werden Instruktionen für die priesterliche Ritualpraxis am Yom Hakippurim erörtert. Die Blutapplikationsriten mit dem jungen Stier für Aaron und sein Haus und mit dem Ziegenbock der Gemeinde Israel bilden den ersten Ritualvorgang. Der Azazelbockritus mit dem zweiten Bock der Gemeinde Israel bildet das zweite Ritual. Und die Brandopfer mit den beiden Widdern von Aaron und der Gemeinde bilden ein drittes Ritual am Fest des 10. Tischri.

III. Die Rituale im Einzelnen

Alfred Marx schreibt in seinem Aufsatz „Opferlogik im alten Israel“, nachdem er die Sinaitheophanie als „die Ätiologie“ des israelitischen Opfers konstatiert hat, über den aus Ex.20,24 entlehnten Sinn und Zweck eines jeden Opferkultes: beim Opfergeschehen entstünde „dieses ganz Erstaunliche und Unerwartete, daß Gott, von dem es einige Verse vorher hieß, daß er vom Himmel her zu seinem Volk gesprochen hatte, und der so seine Transzendenz bekundete, jetzt seine Bereitschaft ankündigt, auf die Erde hinabzusteigen, um zu seinem Volk zu kommen, und dies jedesmal, wenn es ihn darum bittet, indem es ein Opfer .“2 Der Gedanke des Kommens Gottes bei einer Opferfeier und dadurch geoffenbarten Gemeinschaftswillen stellt m.E. einen zentralen Aspekt der priesterschriftlichen Kultgesetzgebung dar. In Bezug auf diesen Gedanken und in der Auseinandersetzung mit Schwierigkeiten, die sich daraus ergeben, vollzogen sich viele theologische Kontroversen und Folgerungen, die sich bis zur Endgestaltung des jahwistisch-priesterlichen Ritualkomplexes durch die israelitisch-jüdische Kultgeschichte erstreckten.

Im Text über den Yom Hakippurim dienen die unterschiedlichen Riten einem gemeinsamen Ziel: der mit kipper (= „sühnen“) beschriebenen Wirkung auf das Gott-Mensch-Verhältnis Israels. Der Begriff der „Sühne“ bildet hierbei also das Zentrum der Feier. Er wird als Zweckbestimmung für die durchzuführenden hattat -Riten, den Azazelbockritus und auch für die Brandopfer verwendet und umschließt diese drei doch zunächst recht unterschiedlich erscheinenden Kulthandlungen zu einer Einheit, deren Substanz die priesterschriftliche Sühnetheologie darstellt. Was unter dem Begriff „Sühne“ im Blick auf Lev 16, 1- 34 unter Berücksichtigung der Charakteristika der einzelnen Riten zu verstehen ist, welche theologischen Erkenntnisse sich anhand der Analyse der Rituale über den großen Versöhnungstag eruieren lassen, soll nun anhand der Diskussion über das Wesen und die rituell-theologische Struktur der sühnenden Wirkung der hattat , des Azazelbockritus und der olah erörtert werden.

III.1.1.hattat

In den V. 3 u. 5 werden Opfertiere erwähnt, mit denen in Form einer speziellen Opferprozedur sühnende Wirkung erzielt werden soll. Sie werden mit hattat bezeichnet. Die traditionelle Übersetzung dieses Kultterminus ist „Sündopfer“.3 Die hattat kommt sowohl im Kontext mit Weiheriten, Sühnungsopfern, als auch im Zusammenhang mit Reinigungsriten am Kultinventar vor. Milgrom bemerkt über die Beschreibung der Reinigungsriten am großen Versöhnungstag: „The rite inside the adytum concludes with a statement of its purpose. The same is true for the rites inside the shrine and upon the altar.“4 Dieser Zweck ist die mit kipper beschriebene erzielte Wirkung und bezieht sich für die hattat zunächst vor allem auf die Kulthandlungen am Heiligtumsinventar.5

Im Text bezieht sich die mit kipper beschriebene Wirkung der hattat sowohl auf Personen (Aaron, sein Haus und die Gemeinde) als auch auf Gegenstände (Altar, kapporet ).6 Das Verhältnis der jeweiligen Sühnehandlung zum Zielobjekt, auf das sie wirken soll (Sache oder Person) stellt sich jedoch verschieden dar, was schon die unterschiedliche semantische Verbindung von kipper und Sühnungs-Objekt illustriert (Sühne für Personen/ Sühne in oder auf Gegenständen bzw. Räumen). So sieht Milgrom die Sühnung durch die hattat ßlich für Heiligtumsgegenstände geltend und übersetzt dementsprechend kipper konsequent mit „reinigen“.7 Diesem Ansatz entspricht m.E. der Umstand, dass die hattat ausschließlich im Kontext von Blutapplikationen an Gegenständen vorkommt und nicht an Menschen.8. Seine Übersetzung von kip-

the goat sent to Azazel does not constitute a hattat offering properly speaking; yet since it also serves for the atonement and the purification of the community (see v. 21), the P author of Lev 16 could easily subsume it within this sacrificial category.“. . Auch hier stellt allein die hattat eine Ausnahme dar, insofern ihr Blut ausschließlich an Heiligtumsgegenstände, und zwar vor allem am Brandopferaltar (sog. Kleiner Bluritus) sowie innerhalb des Heiligtums (sog. Großer Blutritus), appliziert wird“.

[...]


1 Gerstenberger: Leviticus, 1993, 211.

2 Janowski: Opfer, 2000, 133.

3 Vgl. Nihan: From Priestly Torah, 2007, 173. Hierzu ist anzumerken, dass Christophe Nihan die Übersetzung von hattat mit „Sündopfer“ als absurd erklärt, da der terminus auch im Zusammenhang mit Angelegenheiten vorkäme, in denen Sünde kein Thema sei.

4 Milgrom: Leviticus, 1991, 1033.

5 Auch der Ritus am lebendigen Bock gehört in diesen Kontext, was vor allem die Bezeichnung als hattat in V.5 unterstützt. Vgl. auch Nihan: From Priestly Torah, 2007, 359: „Admittedly,

6 Vgl. Elliger: Leviticus, 1966, 214: Elliger hält den Gedanken der Entsühnung von Personen für am ältesten, die sog. Tempelreinigung sei erst später hinzugekommen. Anders Janowski u. Eberhart.

7 Vgl. Milgrom: Leviticus, 1991, 1040: „Things but not persons can be the direct object of kipper .“.

8 Vgl. Eberhart, Studien, 2002, 183: „Blutapplikationsriten werden meist an Menschen

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Über das priesterschriftliche Sühneverständnis nach Levitikus 16 und dessen Relevanz für die neutestamentliche Tradition
Untertitel
Sühne am großen Versöhnungstag
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Veranstaltung
Religiöse Feste Israels
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
28
Katalognummer
V214198
ISBN (eBook)
9783656425052
ISBN (Buch)
9783656439820
Dateigröße
465 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
über, sühneverständnis, levitikus, relevanz, tradition, sühne, versöhnungstag
Arbeit zitieren
Mathias Wilhelm (Autor), 2010, Über das priesterschriftliche Sühneverständnis nach Levitikus 16 und dessen Relevanz für die neutestamentliche Tradition, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/214198

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