„Yang Guang [Sui Yangdi] ist ein Vater- und Brudermörder, der mit Gewalt die Stellung eines
despotischen Kaisers an sich riss.“
Gewalttätig, eigensüchtig, grausam – so wird Sui Yangdi in einem populärwissenschaftlichen chinesischen Geschichtsbuch dargestellt.
Dieses Zitat ist nur eine von zahlreichen geringschätzenden Charakterisierungen des letzten Kaisers der Sui-Dynastie in Zhang Guoliangs Geschichtsdarstellung "Klassische
Erzählungen aus der Allgemeinen Geschichte Chinas (Zhongguo tongshi jingdian gushi ...). Warum wird dieser Kaiser negativ beschrieben und wie kam und kommt es zu einer
solch kontinuierlichen negativen Konnotation Sui Yangdis im historischen Diskurs?
Das Ziel dieser Arbeit soll es sein, Möglichkeiten aufzuzeigen, wie diese Kreation in einem kulturellen Kollektiv anhand geschriebener Texte mit historischem Anspruch gelingt. Als
konkretes Beispiel einer durchgängig negativ konnotierten Person im chinesischen historischtraditionellen
Kontext soll Sui Yangdi dienen. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Historische Konzepte von individueller und exemplarischer Geschichtsschreibung im kaiserlichen China und deren konfuzianisch-moralische Bewertung
3. Der theoretische Rahmen des New Historicism
4. Auszüge aus dem schriftlich-historischen Diskurs zu Sui Yangdi
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, warum Sui Yangdi im historischen Diskurs Chinas als negativ konnotierte Figur dargestellt wird, und analysiert, wie historiographische Traditionen sowie der theoretische Ansatz des New Historicism zur Konstruktion dieser negativen Persönlichkeit beitragen.
- Konfuzianische Werte als Maßstab für historische Geschichtsschreibung
- Mechanismen der offiziellen dynastischen Geschichtsschreibung
- Die narratologische Perspektive des New Historicism
- Analyse der Darstellung von Sui Yangdi in Sui Shu, Zizhi tongjian und Zhongguo tongshi jingdian gushi
- Didaktische Funktionen historischer Exempel
Auszug aus dem Buch
Historische Konzepte von individueller und exemplarischer Geschichtsschreibung im kaiserlichen China und deren konfuzianisch-moralische Bewertung
Der Konfuzianismus war seit der Han-Dynastie (206 v. Chr. - 220 n. Chr.) die gängige Staatsdoktrin im chinesischen Kaiserreich. Sämtliche Macht- und Gesellschaftskonstellationen orientierten sich an einem konfuzianisch ausgerichteten Wertemaßstab. Den Begriff des konfuzianischen Wertemaßstabes hier zu erläutern, würde den Rahmen dieser Arbeit allerdings um ein Vielfaches sprengen. Darum beschränke ich mich diesbezüglich auf das Wesentlichste. Es existieren im konfuzianischen Denken unter anderem die Werte der sogenannten Drei sozialen Pflichten (Loyalität zhong 忠, Kindespietät xiao 孝 und die Einhaltung der Riten li 礼), welche das Gerüst einer funktionierenden Gesellschaftsordnung im konfuzianischen Sinne darstellen. Vordergründig für das Bestehen einer konfuzianischen Gesellschaft ist die Einordnung des Einzelnen in Hierarchien, so zum Beispiel die zwischen Kaiser und Untertan oder Vater und Sohn. Jeder hat eine ihm in der Gesellschaft zugewiesene Stellung inne, der er zu entsprechen hat. Verstöße und Missachtung dieser moralischen Prinzipien führten zu Ausgliederung aus dem sozialen Bereich und weiterhin zu Existenznot für das Individuum.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der negativen Darstellung von Sui Yangdi und Vorstellung des methodischen Vorgehens mittels historiographisch-analytischer Ansätze.
2. Historische Konzepte von individueller und exemplarischer Geschichtsschreibung im kaiserlichen China und deren konfuzianisch-moralische Bewertung: Erläuterung der Rolle des Konfuzianismus und der moralischen Bewertung in der offiziellen chinesischen Geschichtsschreibung.
3. Der theoretische Rahmen des New Historicism: Untersuchung der narratologischen Debatte und der Anwendbarkeit des New Historicism auf historische Texte.
4. Auszüge aus dem schriftlich-historischen Diskurs zu Sui Yangdi: Konkrete Analyse der historischen Quellen zur Person Sui Yangdi und Reflexion über deren Intentionen.
Schlüsselwörter
Sui Yangdi, chinesische Geschichtsschreibung, New Historicism, Konfuzianismus, Sui Shu, Zizhi tongjian, Historiographie, moralische Bewertung, Narrativik, Exempel, historische Diskursanalyse, kaiserliches China, offizielle Dynastiegeschichte, Machtgefüge, Propaganda.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Ursachen und Mechanismen der durchweg negativen Darstellung des Kaisers Sui Yangdi im chinesischen historischen Diskurs.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die konfuzianisch geprägte Geschichtsschreibung, die moralische Bewertung von Herrschern und die literaturtheoretischen Ansätze des New Historicism.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie historische Konzepte und narrative Strukturen dazu verwendet werden, negative Persönlichkeiten in der Geschichte zu konstruieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine historiographisch-analytische Methode, ergänzt durch Ansätze des New Historicism, um Primärquellen kritisch zu hinterfragen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit den formalen Strukturen der dynastischen Geschichtsschreibung, der Theorie des exemplum im chinesischen Kontext und der Analyse spezifischer Textauszüge zu Sui Yangdi.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Sui Yangdi, Konfuzianismus, Historiographie, New Historicism und die didaktische Funktion historischer Texte.
Welche Rolle spielt der Konfuzianismus für die negative Darstellung?
Er dient als moralischer Wertemaßstab; Abweichungen davon werden in der Geschichtsschreibung genutzt, um Herrscher als abschreckende Beispiele zu inszenieren.
Wie interpretieren die untersuchten Quellen den Bau des Kaiserkanals?
Während der Kanal technisch gesehen ein Monument darstellte, wird er in den Quellen primär als Zeichen für Sui Yangdis Verschwendungssucht und Grausamkeit interpretiert.
Warum wird Sui Yangdi im Zizhi tongjian so negativ dargestellt?
Die Darstellung dient als Kritik an seinem Verhalten gegenüber sozialen Konventionen und als Beispiel für seine moralische Verfehlung, was wiederum didaktische Zwecke erfüllt.
- Arbeit zitieren
- Linda Nestler (Autor:in), 2013, Sui Yangdi als traditioneller Negativ-Kaiser im historischen Diskurs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/214207