Die Alexander-Imitatio des Marcus Antonius

Politische Propaganda oder Zeugnis echter Bewunderung?


Hausarbeit, 2012

17 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

1. Einleitung

Bereits kurze Zeit nach dem Tod Alexanders des Großen begann sich sein Andenken zu jener Fülle an Legenden und Mythen zu entwickeln, wie wir sie heute kennen. Auch den Zeitgenossen der römischen Republik war der Makedone wohl allgemein ein Begriff – sei es durch die in Rom nicht selten anzutreffenden, ihm gewidmeten Denkmäler und Gemälde oder literarische Überlieferungen und Neudichtungen über sein Leben und seine Taten. Gerade letztere Gattung dürfte populär gewesen sein; sie vermengte Fakten mit Fiktion und beschrieb Alexander vorallem in seiner Rolle als Welteneroberer und –beherrscher[1]. Neben diesen Einflüssen mögen auch die im Osten lebendigen Alexander-Kulte das ihrige zur Entwicklung Alexanders zu einem Leitbild vieler römischer Herrscher und Feldherren beigetragen haben[2]. Insbesondere jene, die sich in ihren politischen und militärischen Bestrebungen gen Osten wandten, mochten dabei den legendären König vor Augen gehabt haben.

Dass diesem auch Marcus Antonius bis zu einem gewissen Grad nacheiferte, stellt ein von der Forschung weitgehend bestätigtes Faktum dar. Uns sind vielgestaltige, in erster Linie numismatische wie literarische Zeugnisse überliefert, die die These stützen, dass Antonius „als einer der herausragenden Alexanderimitatoren gelten muss.“[3] Doch wie äußerte sich diese Alexander-Imitatio konkret? Was bewog den Triumvirn dazu – handelte er aus rein machtpolitischen Beweggründen heraus oder gab ihm seine aufrichtige, persönliche Bewunderung für den schon damals von Mythen umgebenen Alexander Anlass, sich auch öffentlich mit demselben zu identifizieren?

Zunächst erfolgt eine chronologische Darlegung der Ereignisse und Umstände, auf deren Hintergrund sich die verschiedenen Aspekte der Alexander-Nachahmung entfalteten. Hier soll das Wissensgerüst vermittelt werden, mithilfe dessen die politische Relevanz seiner Anknüpfung an den als Eroberer und Beherrscher Asiens legendären Alexander deutlich wird. Im Anschluss daran wird die Imitatio in ihren unterschiedlichen Ausprägungen erläutert und der Leitfrage folgend dahingehend interpretiert, ob und inwiefern sie rein zweckpolitisch motiviert war. So soll das Heraklidentum des Triumvirn, das sich offenbar auf das Alexanders bezog, besprochen werden, ebenso sein darauffolgendes Auftreten als Neuer Dionysos. Schließlich werden übrige archäologische Zeugnisse, da sie nicht eindeutig den beiden obig genannten Aspekten zugeordnet werden können, aber offensichtlichen Bezug auf Alexander den Großen nehmen, gesondert vorgestellt.

Neben der verwendeten Forschungsliteratur stützt sich diese Arbeit z.T. auch auf die „Römische Geschichte“ des Cassius Dio und vorallem auf die von Plutarch verfasste Antonius-Biographie. Beide Schriftsteller schrieben mit einer nicht allzu großen, aber dennoch nicht zu unterschätzenden zeitlichen Distanz zwischen ihnen und den geschilderten Ereignissen am Ende der römischen Republik, und so war bereits genügend Zeit vergangen, dass sich in ihre Beschreibungen des Leben des Antonius und die Ereignisse um ihn ohne Weiteres ein großer Anteil augusteischer Propaganda einfinden konnte. Diese Tatsache, die insbesondere im Werk Plutarchs erkennbar ist, ist in dieser Arbeit berücksichtigt worden.

2. Geschichtlicher Hintergrund

Zum Verständnis erscheint es sinnvoll, zunächst den historisch-politischen Rahmen der Argumentation zu erläutern.

Die seit Caesars Ermordung im Jahr 44 v.Chr. miteinander in Konkurrenz stehenden Erben des Diktatoren, Marcus Antonius und Octavian, hatten nach Monaten der blutigen Auseinandersetzungen schließlich im November 43 zu einer Übereinkunft gefunden, aus der das zweite Triumvirat hervorging. Von nun an verfolgten sie das gemeinsame Ziel der Auslöschung der Caesarmörder. Nachdem die führenden Verschwörer Brutus und Cassius in den Schlachten von Philippi im Spätjahr 42 geschlagen worden waren[4], erfolgte eine Verteilung nun anstehender Aufgaben unter den siegreichen Triumvirn. Antonius kam dabei die Pflicht zu, die östlichen Provinzen Roms zu organisieren und zudem gegen die Parther, den Rivalen des Imperiums um die Herrschaft im Osten, vorzugehen.

Diese Entwicklung sollte sich für die ägyptische Königin Kleopatra VII. als schicksalhafte Fügung erweisen, da mit Antonius nun ein für „orientalischen Prunk“ und hellenistische Traditionen empfänglicher Staatsmann in ihren Wirkungsraum vordrang[5]. Es dauerte auch nicht lange, bis es im Jahr 41 in der kilikischen Stadt Tarsos zu einem ersten offiziellen Treffen zwischen dem römischen und dem griechischen Machthaber kam. Antonius wurde sogleich der Liebhaber der Herrscherin und zeugte mit ihr während seines folgenden Aufenthalts am alexandrinischen Hof die Zwillinge Alexander und Kleopatra, die er erst Jahre später zum ersten Mal sehen würde. Im Hinblick auf Antonius‘ Nachahmung des großen Makedonenkönigs fällt natürlich auch der Name des Sohnes auf. Entgegen des alten Brauchs, den Namen des Stammvaters Ptolemaios I. an alle männlichen Nachkommen der Dynastie weiterzugeben, und im Unterschied zu seinem älteren Halb- und dem jüngeren Vollbruder, erhielt der Junge den Namen Alexander. Dieser wurde gewiss zu Ehren des indirekten Begründers des hellenistischen Ptolemäerreiches Ägypten gewählt[6], eine Wahl, auf die Antonius vielleicht einen gewissen Einfluss übte, mit der er aber zumindest kaum unzufrieden gewesen sein dürfte. Die Ähnlichkeit des Sohnes mit dem nicht nur politischen, sondern wie man damals glaubte auch biologischen Ahnen sollte sich jedoch, wenn es nach dem Vater gegangen wäre, nicht allein im Namen widerspiegeln, sondern auch im politischen Bereich, wie noch zu sehen sein wird. Während eines weiteren gemeinsam verbrachten Winters legitimierte Antonius im Jahr 37 seine beiden kleinen Kinder mit Kleopatra, denen nun jeweils die Beinamen Helios und Selene gegeben wurden[7].

In diesem Zeitraum stand auch eine grundlegende Neugestaltung der politischen Verhältnisse im Osten auf dem Programm des Triumvirn, durch die das ptolemäische Ägypten einen nicht zuletzt wegen der neu gewonnenen wirtschaftlichen Ressourcen bedeutsamen Gebietszuwachs erlebte. Die spätere augusteische Propaganda würde diese in Rom allgemein missbilligte Maßnahme des Antonius aufgreifen und gegen ihn verwenden[8], wie sie ohnehin insbesondere seine Beziehung zur ausländischen Kleopatra und sein Philhellenentum als Angriffsfläche nutzte.

Hinter den sogenannten ersten Schenkungen an Kleopatra dürften wohl explizit militärische Absichten gesteckt haben, sind also keinesfalls als Zeichen einer später so ausdauernd propagierten sklavischen Unterwerfung zu werten. Eine Eskalation des bislang noch recht unterschwelligen Konflikts zwischen Antonius und seinem ehemaligen Verbündeten Octavian war im Jahr 37 bereits abzusehen, weshalb Ersterer einmal mehr auf die Unterstützung Kleopatras setzte. Um ihrem Reich die Bereitstellung einer Flotte zu ermöglichen, übergab er Kleopatra Küsten- und waldreiche Gebiete[9]. Doch nicht nur diese angebliche „territoriale Morgengabe“[10] an die Ptolemäerin diente als Zielscheibe römischer Kritik: Auch die anderen Gebietszuweisungen des Antonius an Nicht-Römer erweckten größtes Misstrauen gegenüber seinen wahren Intentionen sowie Zweifel an seiner Kompetenz. Dagegen ist jedoch einzuwenden, dass es Antonius gerade mit seiner Politik der indirekten Herrschaft durch orientalische Vasallenfürsten gelungen war, die vergebenen Gebiete politisch zu stabilisieren und an Rom zu binden[11], bevor sie dem in der Vergangenheit oft bewiesenen Expansionswillen anderer Völker, allen voran dem der Parther, zum Opfer fielen.

[...]


[1] Zur Alexander-Überlieferung im Rom des 1. Jahrhunderts v.Chr. vgl. Michel, Dorothea: Alexander als Vorbild für Pompeius, Caesar und Marcus Antonius. Archäologische Untersuchungen, Brüssel 1967 (Collection Latomus, Bd. 94) [zugl. Diss., Universität Heidelberg 1965], S. 15-20.

[2] Ebd., S. 18 f.

[3] Baldus, H.R.: Die Siegel Alexanders des Großen. Versuch einer Rekonstruktion auf literarischer und numismatischer Grundlage, in: Chiron, 17 (1987), S. 395-449, S. 426, zit. n. Kühnen, Angela: Die imitatio Alexandri als politisches Instrument römischer Feldherren und Kaiser in der Zeit von der ausgehenden Republik bis zum Ende des dritten Jahrhunderts n.Chr., [zugl. Diss., Universität Duisburg-Essen 2005], S. 101.

[4] Tarn, W.W.: Alexander Helios and the Golden Age, in: The Journal of Roman Studies, 22 (1932), S. 135-160, S. 156 meint in der überlieferten Geste des Antonius, den toten Brutus mit seinem Mantel zu bedecken, eine beabsichtigte Reminiszenz an Alexander zu erkennen, welcher ebenso ehrenvoll mit dem Leichnam seines persischen Gegners Dareios verfahren sein soll. Weippert, Otto: Alexander-Imitatio und römische Politik in republikanischer Zeit, Augsburg 1972 [zugl. Diss., Universität Würzburg 1970], S. 213 Anm. 1 hält dem entgegen, dass sich lediglich „in beiden Fällen [...] der gleiche vornehme Charakter mit einem Zug zur großen Geste“ zeige. Sicher wird sich Antonius aber der Ähnlichkeit mit Alexanders Verhalten bewusst gewesen sein.

[5] Hölbl, Günther: Geschichte des Ptolemäerreiches. Politik, Ideologie und religiöse Kultur von Alexander dem Großen bis zur römischen Eroberung, Darmstadt 1994, S. 215.

[6] Taylor, L.R.: The Divinity of the Roman Emperor, Middletown (Conn.) 1931 (Philological Monographs, Bd. 1), S. 124.

[7] Zur Bedeutung dieser Beinamen vgl. Tarn, S. 135-160.

[8] Vgl. Hölbl, S. 217.

[9] Buchheim, Hans: Die Orientpolitik des Triumvirn M. Antonius. Ihre Voraussetzungen, Entwicklung und Zusammenhang mit den politischen Ereignissen in Italien, Heidelberg 1960 [zugl. Diss., Universität Heidelberg 1950], S. 74.

[10] Weippert, S. 206.

[11] Weippert, S. 206.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Alexander-Imitatio des Marcus Antonius
Untertitel
Politische Propaganda oder Zeugnis echter Bewunderung?
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
17
Katalognummer
V214361
ISBN (eBook)
9783656425892
ISBN (Buch)
9783656434115
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
alexander-imitatio, marcus, antonius, politische, propaganda, zeugnis, bewunderung
Arbeit zitieren
Nejla Demirkaya (Autor), 2012, Die Alexander-Imitatio des Marcus Antonius, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/214361

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