Aufbruch ins Heilige Land

Die Logistik des Ersten Kreuzzugs


Bachelorarbeit, 2013

45 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Auslöser und Umstände des Ersten Kreuzzugs

III. Der Volkskreuzzug

IV. Die zweite Welle des Ersten Kreuzzugs
IV. 1 Vorbereitung auf die Reise
IV. 2 Der Weg nach Konstantinopel
IV. 3 Der Zug durch Kleinasien

V. Kriegslogistik und taktische Kriegsführung
V. 1 Einführung
V. 2 Feldschlachten
V. 3 Belagerungen

VI. Fazit

VII. Anhang

VIII. Literaturverzeichnis

IX. Quellenverzeichnis

I. Einleitung

Am 27. November des Jahres 1095 rief Papst Urban II. die lateinische Christenheit in Clermont zur Befreiung des Heiligen Landes auf, welches bereits in den 630er Jahren, im Zuge der islamischen Expansion, in arabischen Besitz übergegangen war.1 Mit seinem Aufruf zu einer bewaffneten Pilgerfahrt nach Jerusalem, um die heiligen Stätten aller Muslime, Juden und Christen wieder unter christliche Herrschaft zu bringen, schlug der Papst ein neues und noch heute sehr bedeutendes Kapitel in der Geschichte des Mittelalters auf. Die Folge war eine Massenbewegung, welche später als Erster Kreuzzug in die Geschichte eingehen sollte. In den folgenden Jahrzehnten und Jahrhunderten kam es daraufhin immer wieder zum Aufruf und der Durchführung von Kreuzzügen. Seit jeher handelt es sich bei der Kreuzzugsforschung um ein Gebiet der Geschichtswissenschaft und Mittelalterforschung, welches ein enormes Konfliktpotenzial besitzt, da schon allein die Frage nach der Definition eines Kriegszugs als Kreuzzug Raum für eine Vielzahl von Meinungen bietet. Das liegt auch an der Tatsache, dass es sich bei der Ära der Kreuzzüge um einen ausgiebig beforschten Abschnitt der Geschichte handelt, der vor allem in der heutigen Zeit, in deren Gesellschaft der Begriff des Heiligen Krieges zu einem Reizthema avanciert ist, immer wieder in den Fokus der breiten Öffentlichkeit gerückt wird. Die folgende Arbeit wird sich jedoch nicht damit beschäftigen, etwaige Kreuzzugstheorien und Definitionen näher zu beleuchten und auf die oben angesprochenen verschiedenen Kriegszüge anzuwenden. Ferner wird sie nicht auf die religiösen und kulturellen Auswirkungen der Kreuzzüge eingehen. Vielmehr soll ein Aspekt der Kreuzzüge näher beleuchtet werden, der in der bisherigen Kreuzzugsforschung überraschenderweise viel weniger Aufmerksamkeit erhalten hat, als ihm wohlmöglich gebührt. Dabei handelt es sich um die Logistik eines Kreuzzugs, welche für die Reise von existentieller Bedeutung war und trotz der vergleichsweise geringen Beachtung naturgemäß die Grundlage des gesamten Unterfangens bildete. In der Arbeit soll es demnach darum gehen, die logistischen Aspekte einer solchen Unternehmung genauer zu untersuchen. Um diese Recherche in dem begrenzten Rahmen der Arbeit adäquat leisten zu können, werden sich die Ausarbeitungen auf den bereits erwähnten Startpunkt der gesamten Kreuzzugsbewegung, den Ersten Kreuzzug, beschränken. Die Aufgabe wird sein zu ergründen, wie die Kreuzfahrer den anstrengenden Marsch nach Jerusalem logistisch bewältigten sowie zu ermitteln, ob und wie sich die logistischen Herausforderungen auf den Kreuzzug auswirkten. Da es sich beim Ersten Kreuzzug zweifellos um keine friedliche Befreiungsaktion, sondern um einen bewaffneten Kriegszug handelte, sind hier neben der allgemeinen Logistik auch die Kriegslogistik und die damit zusammenhängende taktische Kriegsführung der Kreuzfahrer von besonderer Wichtigkeit. Im Vorfeld sollen jedoch zunächst kurz die Umstände und möglichen Hintergründe des Zugs geklärt werden, da die in Frankreich entfachte Euphorie eine große Rolle für die Zusammensetzung der Kreuzfahrergruppierungen spielte und diese somit auch für die Logistikfrage von Bedeutung ist. Aufgrund dessen, dass es sich bei dem Ersten Kreuzzug um keine in sich geschlossene Unternehmung handelte, wird anschließend zunächst der so genannte Volkskreuzzug unter der Führung Peter des Einsiedlers behandelt, welcher durchaus Auswirkungen auf die Logistik des späteren Hauptkreuzzugs haben sollte. Des Weiteren wird sich die Arbeit der zweiten Welle des Ersten Kreuzzugs und seinem weitaus besser organisierten Kreuzfahrerheer zuwenden. Hier soll ausführlich auf die verschiedenen logistischen Aspekte des Zugs und gegebenenfalls auf die Probleme seiner Teilnehmer, von denen die wichtigsten kurz genannt werden, eingegangen werden. Zu diesen Gesichtspunkten zählen neben der Reisevorbereitung ebenso die Problematik der Verpflegung von Mensch und Tier auf den verschiedenen Etappen des Marsches, der Transport und Erwerb von Gütern sowie in diesem Zusammenhang ebenso die finanziellen Aspekte. Bei der darauf folgenden Erörterung der Kriegslogistik und der taktischen Kriegsführung des Kreuzzugs wird der Fokus, nach einer kurzen allgemeinen Einführung in die Thematik, auf die Belagerungen der Städte Nicäa, Antiochia und schließlich Jerusalem gelegt werden. Dennoch sollen auch wichtige Feldschlachten hier erwähnt werden. Die gewonnen Erkenntnisse werden dann in einem abschließenden Fazit zusammengefasst und bewertet. Da es keine genauen Überlieferungen über die Logistik des Ersten Kreuzzugs gibt, dienen in allen genannten Teilen der Arbeit die Schriften der Chronisten Fulcher von Chartres, Albert von Aachen, die anonym verfasste Gesta Francorum und zeitgenössische Briefe als Hauptquellen. Diese liefern durchaus einen guten Eindruck von den logistischen Abläufen während des Zugs ins Heilige Land.

II. Auslöser und Umstände des Ersten Kreuzzugs

Wie einleitend bereits erwähnt, wird die Rede Papst Urbans II. am 27. November 1095 im französischen Clermont gemeinhin als der Beginn des Ersten Kreuzzugs bezeichnet. Da jedoch weder eine wörtliche, noch eine zeitnahe Mitschrift dieser schicksalhaften Rede vorhanden ist, dienen der Nachwelt insgesamt vier Überlieferungen, welche einen Einblick in das Auftreten Urbans II. liefern. Eine Version ist die des Fulcher von Chartres, welcher später selbst in geistlicher Funktion am Kreuzzug teilnahm und von dem angenommen wird, dass er während der Rede in Clermont persönlich anwesend war.2 Aus seiner Chronik über den Ersten Kreuzzug kann man folgendes über das Auftreten des Papstes entnehmen:

num minimum expressit et de mundi fluctuantis tempestatibus tantimodis, ut superius praefatum est, fide conversantibus, auxilio vestro iam saepe acclamato indigis, accelerato itinere succurratis. Invaserunt enim eos, sicuti plerisque vestrum iam dictum est, usque mare Mediterraneum, ad illud scilicet quod dicunt Brachium S. Georgii, Turci, gens Persica, qui apud Romaniae fines terras Christianorum magis magisque occupando, lite bellica iam septuplicata victos superaverunt, multos occidendo3 vel captivando, ecclesias subvertendo, regnum Dei vastando. Quos quidem si sic aliquandiu in quiete siveritis, multo latius fideles Dei supergredientur. Qua de re supplici prece hortor, non ego, sed Dominus, ut cunctis cuiuslibet ordinis tam equitibus quam peditibus, tam divitibus quam pauperibus, edicto frequenti vos, Christi praecones, suadeatis, ut ad id genus nequam4 de regionibus nostrorum exterminandum tempestive Christicolis endo aut transfretando, sive contra paganos dimicando, vitam morte praepeditam finierint, remissio peccatorum praesens aderit. Quod ituris adnuo, dono isto 5

Laut Fulchers von Chartres geht Urban II. hier auf die Angriffe der Türken gegen die Christen im Osten ein, in deren Verlauf Kirchen gebrandschatzt, Menschen ermordet und christliche Gebiete besetzt worden seien. Um diesem Treiben ein Ende zu setzen, sei es nun die Aufgabe aller Christen, ihren Brüdern zur Hilfe zu kommen und sie aus der Gewalt der Perser zu befreien. Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, sagt er laut der Überlieferung, dass nicht er selbst, sondern der Herr ( non ego, sed Dominus ") sie daher zu Herolden Christi ( Christi praecones ") ernenne. Hinsichtlich der Auswirkung auf die Logistik des Kreuzzugs, sind jedoch zwei andere Aussagen in diesem Abschnitt der Chronik von größerer Bedeutung für den weiteren Verlauf dieses Teils der Arbeit. Eine Aussage beschreibt die Tatsache, dass sich nicht nur Ritter und Fußsoldaten ( equitibus " und peditibus ") sondern auch Reiche und Arme ( divitibus " und pauperibus "), also im Grunde alle Christen, beteiligen. Die zweite Äußerung zeigt, welcher Lohn den späteren Kreuzfahrern für ihre riskante Reise versprochen wurde. Denjenigen, die sich ins Heilige Land aufmachten, um gegen die Heiden zu kämpfen ( contra paganos dimicando "), wurde demnach der Erlass alle Sünden ( remissio peccatorum ") zugesagt. Dass dem Inhalt der Chronik Fulchers von Chartres durchaus Glauben geschenkt werden kann, wird durch die Konsultierung einer zweiten Version von Urbans II. Rede deutlich. So lassen sich in den Ausführungen Roberts von Reims zum Beispiel eine Vielzahl inhaltlicher Übereinstimmungen finden. Seine Version ist es auch, welcher die berühmten

Worte (Gott will es!) als Antwort auf die Rede des Papstes zu entnehmen sind.6 Dass es neben der geistlich motivierten Bekämpfung der Ungläubigen auch weltliche Gründe für einen Kriegszug in den Orient gab, steht außer Frage. So erreichte den Papst in den 1090er Jahren ein Hilferuf von Kaiser Alexios I. Komnenos aus Konstantinopel, dem ehemaligen oströmischen Reich, der Unterstützung gegen die Muslime erbat, welche in den Jahren zuvor Gebiete des Kaisers in Kleinasien erobert hatten.7 Papst Urban II. sah hier vermutlich eine Gelegenheit zur Verbesserung der Beziehungen zwischen West- und Ostrom, welche er nicht ungenutzt lassen wollte.8 Um sicher zu stellen, dass möglichst viele Menschen seinem Aufruf folgten, war er bereits vor dem Konzil von Clermont durch Frankreich gereist, um seine Rede anzukündigen. Danach zog er weiter um in vielen Städten Frankreichs für den Zug nach Jerusalem zu werben. In der Zeit von August 1095 bis September 1096 brachte der Papst so eine Strecke von mehr als 3000 Kilometern hinter sich, was beweist, wie ernst ihm die Angelegenheit war.9 Neben der oben erwähnten Aufforderung an alle Christen, seinem Aufruf zu folgen und dem Versprechen, dass bei einer Teilnahme am Kreuzzug alle Sünden vergeben werden würden, versuchte der Papst Zweifeln an der Rechtmäßigkeit eines christlich motivierten Kriegszugs vorzubeugen. Er berief sich auf den heiligen Kirchenrechtler Augustinus, nach dem Gewalt unter bestimmten Umständen nicht als Sünde, sondern als Gegenreaktion auf die Gewalt einer anderen.

Gruppe, in diesem Fall der Muslime, als gerecht galt.10 Bewaffnete Pilgerreisen waren zuvor stets verboten gewesen. Der Erste Kreuzzug stellte jedoch selbst nur eine Ausnahme dar. Nach seinem erfolgreichen Abschluss im Jahr 1099 war das Mitführen von Waffen für Pilger wieder verboten.11 Mit der Zahl der Städte, in denen Urban II. den Kreuzzug predigte, wuchs auch die Zahl der Menschen, die seine Worte in der Welt der lateinischen Christenheit verbreiteten. Durch Wanderprediger, wie Peter den Einsiedler, eine Persönlichkeit, welche für das nächste Kapitel dieser Arbeit von großer Bedeutung ist, nahm das Unterfangen eine Dimension an, die der Papst vermutlich so nicht geplant hatte. Der Aufruf, für die Vergebung aller Sünden ins Heilige Land zu ziehen und die Wirkungsstätte Jesu von den Muslimen zu befreien, traf absolut den Geist der Zeit. Die Folge war eine Kreuzzugshysterie, aus der der bereits erwähnte Volkskreuzzug entsprang.12 Dieses Unternehmen soll in der Folge auf seine logistischen Probleme sowie seine direkten Auswirkungen auf die Logistik des zweiten Kreuzfahrerheeres hin untersucht werden.

III. Der Volkskreuzzug

Papst Urban II. hatte noch während seiner Reise durch Frankreich, auf der er den Kreuzzug predigte, den 15. August des Jahres 1096 zum offiziellen Termin für den Aufbruch des Kreuzfahrerheeres erklärt.13 Zwar hielten sich freilich nicht alle Gruppen der Unternehmung an diesen Termin, doch keine wich so stark von ihm ab wie der so genannte Volkskreuzzug, welcher sich schon im Frühjahr 1096 auf den Weg ins Heilige Land begab.14 Als spiritueller Führer dieses Zugs lässt sich der oben erwähnte nordfranzösische Wanderprediger Peter von Amiens, besser bekannt als Peter der Einsiedler, bezeichnen.15 Durch sein charismatisches Auftreten war es ihm gelungen, eine äußerst große Schar an Gefolgsleuten zu versammeln, welche hauptsächlich aus Deutschen,

Franzosen und Italienern bestand.16 Die Zusammensetzung des Volkskreuzzugs ist für dessen Logistik von entscheidender Wichtigkeit und sollte daher näher betrachtet werden. Lange Zeit ging man davon aus, dass es sich bei dem Volkskreuzzug um einen Kreuzzug der Armen handelte, der sich hauptsächlich aus mittellosen Bauern und deren Familien zusammensetzte. Es ist zwar davon auszugehen, dass es sich bei vielen Teilnehmern um Familien handelte, die ihr überschaubares Hab und Gut auf Karren geladen hatten, um so ihre Reise in eine ungewisse Zukunft antreten zu können, jedoch waren dies bei weitem nicht die einzigen Beteiligten des Volkskreuzzugs.17 So schloss sich zum Beispiel auch der französische Ritter Walter Sans-Avoir dem Volkskreuzzug an und machte sich mit seiner Gefolgschaft sogar einige Tage vor Peter dem Einsiedler auf den Weg nach Konstantinopel, von wo aus der Marsch später nach Jerusalem fortgesetzt werden sollte.18 Wie verschieden die am Kreuzzug des Volkes Teilnehmenden aber tatsächlich gewesen sein könnten, lässt sich aus der Schrift des Chronisten Albert von Aachen entnehmen:

monachi, deinde laici nobilissimi diuersorum regnorum principes, totumque uulgus, tam casti quam incesti, adulteri, homicide, fures, periuri, predones, uniuersum scilicet genus Christiane professionis, quin sexus femineus19

Es wird an dieser Stelle deutlich, dass man es bei dem Teilnehmerfeld des Volkskreuzzugs beinahe mit einem Querschnitt der gesamten Gesellschaft des lateinischen Mittelalters zu tun hat, wobei die vermögende Schicht jedoch erheblich in der Unterzahl gewesen sein dürfte. Dadurch wurde auch der erste wichtige logistische Aspekt des Unternehmens, die Wahl der geeigneten Marschroute, entscheidend beeinflusst (Karte der verschiedenen Routen im Anhang). Von Köln aus gab es im Grunde zwei Möglichkeiten. Es war aufgrund der Christianisierung Ungarns zum einen möglich, den Weg nach Jerusalem an Land zu bewältigen und zum anderen konnte man von einer der drei großen italienischen Seestädte Pisa, Venedig oder Genua auf dem Seeweg in den fernen Osten gelangen.20 Da der größte Teil der Jerusalempilger jedoch nicht einmal annähernd die notwendigen finanziellen Mittel für eine Schiffsreise hätte aufbringen können, blieb ihnen nur die Möglichkeit, die beschwerliche Reise zu Fuß anzutreten.21 Nur kurze Zeit nachdem Peter der Einsiedler mit seinem Gefolge am 12. April 1096 in Köln angekommen war und das Osterfest gefeiert hatte, begann, nach Walter Sans-Avoir, auch für ihn der Erste Kreuzzug.22 Die Teilnehmer des Volkskreuzzugs mussten bis zu ihrem ersten Ziel, Konstantinopel, eine Strecke von ungefähr 2400 Kilometern zurücklegen, welche in etwa 104 Tagen bewältigt wurde. Nach dem Abzug einiger Tage, welche für Kämpfe benötigt oder zur Erholung genutzt wurden, bleiben davon jedoch nur ca. 87 Tage effektive Reisezeit übrig. Die Kreuzfahrer hätten somit eine durchschnittliche Strecke von 28 Kilometern am Tag zurücklegen müssen.23

Wie viele sich dem Zug aber genau angeschlossen hatten, lässt sich kaum beantworten. Da die Teilnehmerzahl für die Untersuchung des logistischen Aspekts der Verpflegung jedoch von Bedeutung ist, ist auch ein nur ungefährer Wert unverzichtbar. In seiner Geschichte über den Volkskreuzzug geht Albert von Aachen an verschiedenen Stellen auf die Zahl der Menschen ein. Die erste Information welche diesbezüglich zu finden ist, verweist auf eine unzählbare Menschenmenge:24

Eine etwas genauere Zahl wird erst im weiteren Verlauf der Chronik genannt, als von 30.000 Überlebenden und etwa 10.000 Gefallenen die Rede ist.25 Es stellt sich die Frage, wie 40.000 Menschen, eine Zahl die gemeinhin als durchaus realistisch betrachtet wird, über weite Strecken auf einer solch langen Reise verpflegt worden sind. Es ist festzuhalten, dass die Teilnehmer des Volkskreuzzugs darauf verzichteten, große Mengen an Nahrungsmitteln mit sich zu führen und auch vorab keine gesonderten Vorkehrungen für die Versorgung eines solch großen Zugs getroffen wurden. Gründe dafür waren vor allem die bescheidenen finanziellen Mittel der meisten Kreuzfahrer, welche es ihnen unmöglich machten, ausreichend Verpflegung zu erwerben. Hinzu kam, dass es sich bei dem Aufbruchsmonat April generell um einen der Monate mit den wenigsten verfügbaren Vorräten handelte und zum anderen, dass es für die Menschen unmöglich war, genügend Nahrungsmittel für eine solch lange Reise zu transportieren. Auch hätte der schnelle Verfall der mitgeführten Lebensmittel ein Problem dargestellt.26 Die Versorgung musste also hauptsächlich unterwegs sichergestellt werden. Diesbezüglich war man zunächst auf die Ergiebigkeit der lokalen Märkte angewiesen, was insofern problematisch war, dass der enorme Bedarf des Volkskreuzzugs nicht überall gedeckt werden konnte. Dieser Umstand führte vielerorts zwangsläufig zu Plünderungen, welche auch im weiteren Verlauf des Ersten Kreuzzugs immer wieder Probleme mit sich brachten.27 So konnten Plünderungen dazu führen, dass man den Kreuzfahrern in fremden Gebieten nicht die erforderliche Erlaubnis zum Erwerb von Waren gewährte, da die lokalen Herrscher die Unberechenbarkeit des riesigen Heeres fürchteten.28 Dennoch geht aus der Schrift Alberts von Aachen hervor, dass der König von Ungarn Peter dem Einsiedler unter der Bedingung, dass Frieden gehalten würde, erlaubte, in seinem Gebiet zu kaufen.29 Dennoch kam es immer wieder zu Ausschreitungen seitens Peters Heeres, die dazu führten, dass ungefähr 2.000 Karren und Wagen, welche zum Transport von Nahrungsmitteln genutzt wurden, in Kämpfen verloren gingen. Dies hatte eine große Not zur Folge, welcher viele Teilnehmer des Zugs zum Opfer fielen.30 Erst als der Volkskreuzzug die Gebiete von Kaiser Alexios I. Komnenos erreichte, konnte wieder eine einigermaßen stabile Versorgung erreicht werden. So ist durch Albert von Aachen folgende Anweisung des Kaisers überliefert:in regno illius predam et seditionem tuus fecerit exercitus. Quapropter ex imperio ipsius tibi indicitur, ne ultra tres dies moram facias in aliqua regni sui ciuitate, donec urbem Constantinopolim ingrediaris. Ciuitatibus autem omnibus per quas transiturus es, ex imperatoria iussione precipimus, ut pacifice tibi omnia tuisque uendant, et quia Christianus es, Christianique tui consocii, no31

Außerdem wird hier schon deutlich, dass der Kaiser mit dem Verhalten der Kreuzfahrer alles andere als einverstanden war. Offensichtlich hatte er sich auch ein besser organisiertes Heer, als Hilfe gegen die Muslime, vom Papst erhofft.32 Daher ließ er den Volkskreuzzug schnellst möglich über den Bosporus und somit aus dem von ihm beherrschten Gebiet bringen.33 In Kleinasien waren die Kreuzfahrer auf sich allein gestellt, da der Kaiser ihnen von nun an so gut wie keine Unterstützung mehr zukommen ließ.34 Die fehlende Disziplin und militärische Erfahrung sowie die Tatsache, dass es keine logistischen Planungen gab, die sich mit der Versorgung des Zugs in feindlichen Gebieten beschäftigte, wurde dem Volkskreuzzug im Oktober 1096 schließlich zum Verhängnis. Nach wiederholten Anfeindungen wurde ein hauptsächlich aus Deutschen und Italienern bestehender Teil des Zugs bei Nikäa von den Seldschuken geschlagen. Ein zweiter, mehrheitlich französischer Teil, wurde wenig später aus einem Hinterhalt heraus zerschlagen.35 Der Kreuzzug des Volkes war somit ebenso aufgrund von logistischen Problemen und den daraus resultierenden Verbrechen, in Form von Plünderung und Raub, gescheitert. Dadurch zeigte er jedoch auf, was das spätere Kreuzfahrerheer benötigte, um erfolgreich gestaltet zu werden. Neben militärischer Erfahrung, einer guten Führung und Respekt vor dem Feind, war dies vor allem eine gute logistische und finanzielle Vorbereitung, welche eine einigermaßen sichere Versorgung mit Nahrung, Wasser und anderen wichtigen Gütern gewährleisten konnte.36 Der folgende Teil der Arbeit wird sich nun intensiver mit den verschiedensten Aspekten der Logistik des zweiten Kreuzfahrerheeres beschäftigen.

[...]


1 Jaspert, Nikolas: Die Kreuzzüge, Darmstadt 2010, S. 5 [i.F.z.a.: Jaspert: Die Kreuzzüge, S. xy.].

2 Jaspert: Die Kreuzzüge, S. 34.

3 Fulcher von Chartres, Historia Hierosolymitana, Lib. I, cap. 1 (Hagenmeyer, Heinrich (Hrsg.): Fulcheri Carnotensis Historia Hierosolymitana (1095-1127)), Heidelberg 1913, S. 123 [i.F.z.a.: Fulcher von Chartres, Lib. xy, cap. xy, S. xy.].

4 Fulcher von Chartres, Lib. I, cap. 1, S. 119-122.

5 Fulcher von Chartres, Lib. I, cap. 3, S. 132-135.

6 Robert the Monk, Historia Iherosolimitana, Lib. I, cap. 1-2 (Sweetham, Carol (Hrsg.): Robert Historia Iherosolimitana), übers. v. Carol Sweetham, Farnham 2006, S. 79-81.

7 Weinfurter, Stefan: Der erste Kreuzzug 1096- & : Damals 4 (2004), S.18 [i.F.z.a.: Weinfurter: Der erste Kreuzzug, S. xy.].

8 Phillips, Jonathan: Heiliger Krieg Eine neue Geschichte der Kreuzzüge, Bonn 2012, S. 30 [i.F.z.a.: Phillips: Heiliger Krieg, S. xy.].

9 Riley-Smith, Jonathan: Der Aufruf von Clermont und seine Folgen, in: Kotzur, Hans-Jürgen (Hrsg.): Kein Krieg ist heilig Die Kreuzzüge, Mainz 2004, S. 51 [i.F.z.a.: Riley-Smith: Der Aufruf von Clermont, S. xy.].

10 Phillips: Heiliger Krieg, S. 25-26.

11 Riley-Smith: Der Aufruf von Clermont, S. 59.

12 Weinfurter: Der erste Kreuzzug, S. 19.

13 Jaspert: Die Kreuzzüge, S. 35.

14 Phillips: Heiliger Krieg, S. 33.

15 Phillips: Heiliger Krieg, S. 33.

16 Weinfurter: Der erste Kreuzzug, S. 19.

17 Thorau, Peter: Die Logistik eines Kreuzzugs: Hitze, Durst und Hunger Die Qualen der Reise, in: Damals 4 (2004), S. 23 [i.F.z.a.: Thorau: Die Logistik eines Kreuzzugs, S. xy.].

18 Glasheen, Charles R.: Provisioning Peter the Hermit: from Cologne to Constantinopel, 1096, in: Pryor, John H. (Hrsg.): Logistics of Warfare in the Age of the Crusades, Aldershot 2006, S. 119 [i.F.z.a.: Glasheen: Provisioning Peter the Hermit, S. xy.].

19 Albert von Aachen, Historia Ierosolimitana, Lib. I, cap. 2 (Edgington, Susan B. (Hrsg.): Albert of Aachen Historia Ierosolimitana History of the Journey to Jerusalem), übers. v. Susan B. Edgington, Oxford 2007, S. 2-4 [i.F.z.a.: Albert von Aachen, Lib. xy, cap. Xy, S. xy.].

20 Ohler, Norbert: Reisen im Mittelalter, Darmstadt 2004, S. 339 [i.F.z.a.: Ohler: Reisen im Mittelalter, S. xy.].

21 Asbridge, Thomas: The First Crusade A new History, London 2004, S. 83 [i.F.z.a.: Asbridge: The First Crusade, S. xy.].

22 Thorau: Die Logistik eines Kreuzzugs, S. 23.

23 Glasheen: Provisioning Peter the Hermit, S. 119.

24 Albert von Aachen, Lib. I, cap. 7, S. 12.

25 Albert von Aachen, Lib. I, cap. 12, S. 26.

26 Glasheen: Provisioning Peter the Hermit, S. 121-123.

27 Thorau: Die Logistik eines Kreuzzugs, S. 23.

28 Glasheen: Provisioning Peter the Hermit, S. 124.

29 Albert von Aachen, Lib. I, cap. 7, S. 12.

30 Albert von Aachen, Lib. I, cap. 12, S. 26.

31 Albert von Aachen, Lib. I, cap. 13, S. 28.

32 Thorau: Die Logistik eines Kreuzzugs, S. 24.

33 Jaspert: Die Kreuzzüge, S. 36.

34 Phillips: Heiliger Krieg, S. 34.

35 Jaspert: Die Kreuzzüge, S. 36-37.

36 A new History of the Crusades, London 2007, S. 99

Ende der Leseprobe aus 45 Seiten

Details

Titel
Aufbruch ins Heilige Land
Untertitel
Die Logistik des Ersten Kreuzzugs
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
45
Katalognummer
V214402
ISBN (eBook)
9783656484813
ISBN (Buch)
9783656485995
Dateigröße
1310 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
logistik, ersten, kreuzzugs
Arbeit zitieren
B.A. Julian Hatzig (Autor:in), 2013, Aufbruch ins Heilige Land, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/214402

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