Seit der Gründung der Deutschen Demokratischen Republik im Jahre 1949 gab es
Wörterbücher und Lexika für beide deutsche Staaten, obwohl die Sprache, über die
Auskunft gegeben werden sollte, doch eigentlich die gleiche war. Nach der letzten
gemeinsamen Ausgabe von 1947 wurde auch der DUDEN (d.i. der Rechtschreibduden),
das deutsche Wörterbuch schlechthin, in eine Ost- und Westausgabe aufgespalten - 1951
erschien die erste Ausgabe des Leipziger Dudens, 1955 die erste Mannheimer Ausgabe.
Sowohl im Westen als auch im Osten erschienen eigene Großwörterbücher, so in der DDR
das Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache 1 und in der BRD das sechsbändige
Duden-Großwörterbuch2. Die Gründe für die Existenz verschiedener Nachschlagewerke zu
Lexemen der deutschen Sprache in Ost und West liegen wohl zum einen darin, daß für die
politische Führung der DDR ein eigenes Wörterbuch Zeichen für die staatliche
Eigenständigkeit war, andererseits aber auch ein Wörterbuch Mittel zur Propagierung der
politischen Ansichten eines Staates ist. Schaut man sich z.B. die Wörterbuchartikel zu den
Lexemen 'Kommunismus' und 'Kapitalismus' in einem BRD- und einem DDR-Wörterbuch
an, so wird man schnell feststellen, daß auf beiden Seiten der Mauer Wörterbücher auch
politische Einstellungen transportiert haben. Zum dritten ist die Existenz getrennter
Nachschlagewerke auch dadurch begründet, daß es in beiden deutschen Staaten eine Reihe
von Lexemen gab, die entweder nur in einem der beiden Staaten existierten oder in beiden
Staaten unterschiedliche Bedeutung hatten.
Mit der Auflösung der alten DDR und dem Beitritt des Staates zur Bundesrepublik hat
zwar die Trennung der Wörterbücher aufgehört zu existieren, nicht aber die Lexeme, die
spezifisch sind und waren für die DDR und für das heutige Ostdeutschland. Natürlich
werden Bezeichnungen für Dinge und Institutionen, die es nur in der DDR gab, heute
lediglich bei der Erzählung und Wiedergabe von Vergangenem verwendet, doch gibt es
darüber hinaus auch Lexeme, die dem westdeutschen Sprachnutzer fremd vorkommen,
weil sie in der DDR geprägt wurden und von den Ostdeutschen natürlich nach wie vor
verwendet werden - man ändert seinen Alltagssprachgebrauch nicht schlagartig wenn
das politische System sich wandelt. [...]
1Klappenbach/Steinitz (Hrsg.), Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache, Berlin (Ost) 1978
2Duden. Das große Wörterbuch der deutschen Sprache in sechs Bänden, herausgegeben unter der Leitung
von Günther Drosdowski, Mannheim 1976-1981
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung
1. Verschiedene Arten der Markierung von DDR-/ ostdeutschem Wortschatz im Deutschen Wörterbuch (Wahrig-Burfeind)
1.1 <DDR>
1.2 <DDR>; Bedeutungsangabe im Präsens
1.3 <DDR>; Bedeutungsangabe im Präteritum
1.4 <DDR> als zweite oder weitere Bedeutung
1.5 <ostdt.> - regionale Markierung oder Sprachvariante?
1.5.1 Markierung <mdt.> (= mitteldeutsch)
1.6 Uneinheitliche Markierungen wie <zu Zeiten der zwei deutschen Staaten>, <in Ostblockländern>, <in sozialistischen Ländern>, <früher> etc.
2. Zu den Bedeutungsangaben
2.1 Im Wahrig-Burfeind nicht erfaßte Polysemie bei Verwendung des gleichen Lexems im Ost- und Westsprachgebrauch (sog. "Falsche Freunde"); Vergleich mit Eintragungen zum gleichen Lexem im Handwörterbuch der deutschen Gegenwartssprache (HDG)
2.2 Unterschiede bei den Bedeutungsangaben zum gleichen Lexem des DDR-/ ostdeutschen Wortschatzes in den Wörterbüchern (HDG, KSE und Wahrig-Burfeind)
3. Lexeme, die mir im ostdeutschen Sprachgebrauch als spezifisch auffallen, im Wahrig-Burfeind aber nicht entsprechend gekennzeichnet oder nicht enthalten sind
3.1 Lexeme, die mir spezifisch ostdeutsch erscheinen, aber im Wahrig-Burfeind nicht gekennzeichnet sind
3.2 Im Wahrig-Burfeind nicht aufgeführte, vereinzelt jedoch im HDG und/ oder KSE enthaltene Lexeme, die mir aus dem Alltagsgebrauch in Ostdeutschland bekannt sind
3.3 Wendungen und andere Elemente des Sprachgebrauchs, die mir Ost-/ DDR-spezifisch erscheinen
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht kritisch die Kennzeichnung und Bedeutungserklärung von DDR- bzw. ostdeutschen Lexemen im 1994 erschienenen Deutschen Wörterbuch von Renate Wahrig-Burfeind. Ziel ist es, Diskrepanzen zwischen den Wörterbuchartikeln und dem tatsächlichen ostdeutschen Alltagssprachgebrauch aufzuzeigen sowie die Konsistenz und methodische Fundierung der Markierungen zu prüfen.
- Analyse der Markierungspraxis von DDR-spezifischem Wortschatz
- Untersuchung von Polysemie und "falschen Freunden" im Ost-West-Vergleich
- Identifikation von Lexemen, die im Wörterbuch unzureichend markiert oder gar nicht erfasst sind
- Kritik an der Einordnung ostdeutscher Lexeme als "veraltet"
- Vergleich der Wörterbuchinhalte mit dem Handwörterbuch der deutschen Gegenwartssprache (HDG) und dem Kleinen Wörterbuch des DDR-Wortschatzes (KSE)
Auszug aus dem Buch
1.1 <DDR>
Die wohl am häufigsten auftretende Markierung ist die Kennzeichnung <DDR> ohne jegliche Zusätze oder sonstige Merkmale.
Zu unterscheiden sind hier zum einen Lexeme, deren Bezeichnungsgegenstand als DDR-ausschließlich heute nicht mehr existiert. Aus dieser Gruppe finden sich im Wahrig-Burfeind z.B.:
Blauhemd blaues (Uniform-)Hemd eines Mitglieds der FDJ; <umg> dessen Träger
Dispensairebetreuung vorbeugende medizinische Betreuung gesundheitlich gefährdeter Personen [zu frz. dispensaire, "kleines Krankenhaus",...]
Deli / Delikatladen Delikatessen-, Feinkostgeschäft
Diversant Saboteur, Störer [zu lat. diversus, "abgekehrt, entgegengesetzt"]
Kader... <in Zus.> Arbeitskräfte im allgemeinen betreffend (~gespräch, ~politik, ~bedarf)
~abteilung = Personalabteilung
~reserve für Leistungsfunktionen vorgesehene Nachwuchskräfte
Kaderwelsch <umg.> politisch-ideologische Funktionärssprache
Kindertag <kurz für> Internationaler Tag des Kindes, mit zahlreichen Kinderfesten, jährlich am 1. Juni begangener Feiertag
Kombinat staatseigener Konzern, Zusammenschluß der Betriebe eines Industriezweiges
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einleitung: Diese Einleitung beleuchtet die historische Entwicklung deutsch-deutscher Wörterbücher und die sprachlichen Auswirkungen der deutschen Teilung, die auch nach der Wiedervereinigung in Form spezifischer ostdeutscher Lexeme fortbestehen.
1. Verschiedene Arten der Markierung von DDR-/ ostdeutschem Wortschatz im Deutschen Wörterbuch (Wahrig-Burfeind): Dieses Kapitel analysiert die verschiedenen Kennzeichnungssysteme des Wahrig-Burfeind und hinterfragt die Prinzipien, nach denen Wörter als <DDR>, <ostdt.> oder <früher> markiert wurden.
2. Zu den Bedeutungsangaben: Der Fokus liegt auf der Diskrepanz zwischen Bedeutungserklärungen im Wahrig-Burfeind und dem tatsächlichen Gebrauch, wobei besonders unzureichend erfasste Polysemie im Ost-West-Vergleich untersucht wird.
3. Lexeme, die mir im ostdeutschen Sprachgebrauch als spezifisch auffallen, im Wahrig-Burfeind aber nicht entsprechend gekennzeichnet oder nicht enthalten sind: Hier werden Lexeme aufgeführt, die zwar ostdeutsch gebräuchlich sind, aber im untersuchten Wörterbuch fehlen oder keine korrekte regionale Markierung erhalten haben.
4. Fazit: Das Fazit stellt fest, dass die Markierungen uneinheitlich sind und die Redaktion bei der Einschätzung ostdeutscher Spezifika als "veraltet" oft vorschnell handelte, was für eine Neuauflage präzisere Prüfungen erforderlich macht.
Schlüsselwörter
DDR-Wortschatz, Wahrig-Burfeind, ostdeutsche Lexeme, Sprachgebrauch, Wörterbuchanalyse, Polysemie, DDR-Markierung, ostdeutsch, Sprachwandel, deutsche Sprache, Wortschatzvergleich, Neologismen, Dialektologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie ein gesamtdeutsches Wörterbuch (Wahrig-Burfeind 1994) mit dem spezifischen DDR-Wortschatz umgeht und ob die dortigen Markierungen die sprachliche Realität in Ostdeutschland zutreffend abbilden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die lexicografische Kennzeichnungspraxis, die Bedeutungsunterschiede zwischen Ost- und Westgebrauch sowie der Einfluss der politischen Wende auf die Einordnung von DDR-Begriffen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, Schwachstellen in der Markierung und Definition von ostdeutschem Wortschatz aufzuzeigen und zu prüfen, ob das Wörterbuch dem Sprachbenutzer eine verlässliche Orientierung bietet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt ihr "internes ostdeutsches Lexikon" und vergleicht dieses mit Einträgen im Wahrig-Burfeind sowie in anderen Referenzwerken wie dem HDG und dem KSE.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Kennzeichnungssysteme, untersucht "Falsche Freunde", prüft fehlende oder unzureichend markierte Lexeme und analysiert spezifische Sprachwendungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
DDR-Wortschatz, Sprachgebrauch, Wörterbuchanalyse, ostdeutsche Lexeme, Sprachwandel und Wahrig-Burfeind.
Warum wird das "Dritte Reich" oder die Sprache der 50er Jahre in Bezug auf die DDR erwähnt?
Die Autorin stellt fest, dass einige DDR-Lexeme für Westdeutsche wie Relikte aus den 50er Jahren klingen, was auf eine konservativere Alltagssprache in der ehemaligen DDR hindeutet.
Welche Rolle spielt die Kennzeichnung "veraltet" für die Autorin?
Die Autorin kritisiert, dass viele DDR-Begriffe im Wörterbuch zu schnell als "veraltet" abgestempelt wurden, obwohl sie sechs Jahre nach der Wende weiterhin fester Bestandteil des ostdeutschen Wortschatzes waren.
Was ist das Ergebnis für die "Frauentoilette"?
Die Autorin zeigt auf, dass der Begriff der "Frauentoilette" in der DDR üblich war, aber durch den starken Einfluss des West-Lexems "Damentoilette" zunehmend rückläufig wurde.
- Quote paper
- Jutta Faehndrich (Author), 1996, DDR-Wortschatz im gesamtdeutschen Wörterbuch: Bedeutungsangaben und Markierungen im "Deutschen Wörterbuch" (Wahrig-Burfeind 1994), Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/21445