Raumgestaltung und Landschaftsdarstellung in Joseph von Eichendorffs "Aus dem Leben eines Taugenichts"


Seminararbeit, 2013

19 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Eichendorffs „erlebter Raum“

2. Landschaft als „sichtbare Theologie“
2.1 Hieroglyphencharakter der Landschaftsdarstellung
2.2 Weg nach Rom
2.3 Nähe und Ferne

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Singende Vögel, funkelnde Sonnenstrahlen, die schimmernde Donau, rauschende Wälder, helle Glocken- und Waldhornklänge und aus der Ferne herübertönende Lieder – das sind die Sinneseindrücke, aus denen Joseph von Eichendorff die Landschaft in seiner Erzählung Aus dem Leben eines Taugenichts (1826) komponiert. Diese harmonische Stimmungslandschaft verzaubert Eichendorffs Leser bis heute und gestaltet die Lektüre der Taugenichts-Novelle so angenehm. Der Leser wird durch den Stimmungszauber in der Natur selbst in verschiedene Stimmungen versetzt und kann die des Protagonisten, des namenlosen Taugenichts, bildhaft nachempfinden. Es scheint, als würden Natur- und Seelenzustand des Müllersohns parallel gehen, so versetzen beispielsweise der Tagesanbruch und die ersten Sonnenstrahlen den Taugenichs in erwartungsvolle Aufbruchsstimmung. Doch diese simple Beobachtung reicht für eine Interpretation der Eichendorff’schen Raum- und Landschaftsgestaltung nicht aus, der sich die vorliegende Arbeit widmen wird. Die Landschaft spielt in Eichendorffs Erzählung eine ganz grundlegende Rolle und so bemerkt Klaus Dieter Krabiel zu Recht, „daß sich in seiner [Eichendorffs] Prosa kaum etwas Wesentliches außerhalb der Landschaft, ohne Bezug auf Landschaftliches ereignet.“[1]

Im Folgenden soll der Versuch einer Annäherung an die Bedeutung der Taugenichts-Landschaft erfolgen, wobei im begrenzten Rahmen dieser Arbeit nur die wesentlichsten Aspekte untersucht werden können. Der Schwerpunkt des ersten Kapitels liegt auf der Analyse der Eichendorff‘schen Raumgestaltung, die herausstellen wird, dass der Landschaftsraum in erster Linie durch bewegte Licht- und Klangerscheinungen entsteht. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen bilden die Grundlage für den Deutungsversuch der Landschaft als Theologie, der im zweiten Kapitel erfolgen wird. Im Zuge dieser Interpretation soll zuerst der Hieroglyphencharakter der Eichendorff’schen Landschaft beleuchtet werden, dann die im Hinblick auf ihre Landschaftsgestaltung sehr deutungswürdige Szene vor Rom. Schließlich wird der Deutungsversuch durch eine Betrachtung der Dimensionen der Nähe und der Ferne vervollständigt. Dabei wird sich zeigen, dass die Bedeutung der Raum- und Landschaftsgestaltung in Eichendorffs Novelle von vielen Lesern in hohem Maße unterschätzt beziehungsweise nicht bemerkt wurde. Um dieser höheren Bedeutungsdimension der Taugenichts-Landschaft näher zu kommen, werden nun in einem ersten Schritt die Elemente betrachtet, aus denen sich Eichendorffs Landschaftsraum zusammensetzt.

1. Eichendorffs „erlebter Raum“

Richard Alewyn hat in seiner Erörterung „Eine Landschaft Eichendorffs“[2] an einer Textstelle aus Eichendorffs Viel Lärm um Nichts (1832) aufgezeigt, dass die Landschaftsdarstellung in allen Werken des Romantikers in hohem Maße formelhaft ist, seine Landschaften stets nach einem nachvollziehbaren System aufgebaut und im Prinzip austauschbar sind. Sie bestehen also „nur aus wechselnden Kombinationen einer beschränkten Zahl von Elementen“ und stellen nichts anderes dar, „als Abwandlungen einer einzigen Urlandschaft, die den Hintergrund seiner Erzählungen bildet und in ihnen ständig gegenwärtig ist wie eine leise Musik.“[3] Die landschaftskonstituierenden Elemente sind durch ihre Körperlosigkeit gekennzeichnet, so stellt Alewyn fest, dass die abstrakten Elemente des Lichts, der Bewegung und des Raums die entscheidenden Strukturmerkmale der Eichendorff’schen Landschafsgestaltung sind. Eichendorffs Landschaft ist nichts als „erlebte[r] Raum“[4], der sich aus ungreifbaren Lichterscheinungen und akustischen Klängen zusammensetzt, die stets als Bewegung durch den Raum beschrieben werden.[5]

Dieser Ansatz Alewyns soll nun auf ausgewählte Textbeispiele der Erzählung Aus dem Leben eines Taugenichts angewendet werden. Die Beschreibung der Donau, deren Funktion im zweiten Teil dieser Arbeit noch näher erläutert wird, zeigt sehr deutlich, wie Eichendorffs Landschaft von den Sinneseindrücken des Lichts und Klangs beherrscht wird: „[...] von weitem rauschte die Donau über die Felder herüber […]“[6]. Während Eichendorffs die Landschaft beschreibenden Sätze sehr häufig durch ein Abstraktum in Subjektstellung gekennzeichnet sind, ist hier die Donau als wirklich existierender Fluss durchaus ein greifbares Ding. Allerdings wird sich noch herausstellen, dass sie mit dem auf der Landkarte verfolgbaren Fluss nur wenig gemein hat. Laut Alewyn sind die Subjekte in Eichendorffs Landschaftsdarstellung entweder in Bewegung oder nicht greif- beziehungsweise sichtbar. So auch die Donau, deren Rauschen nur „von weitem“ zu hören, die selbst aber nicht zu sehen ist. Auch Alewyns These, dass Eichendorffs Landschafsbeschreibung überwiegend von „Verben des Klingens und Leuchtens“[7] geprägt ist, wird durch das Textbeispiel bestätigt, die Donau „rauscht[ ]“. Interessant ist, dass dieses Verb des Klingens durch das präpositionale „herüber“ gleichzeitig zu einem Verb der Bewegung wird. Auch das ist ganz typisch für Eichendorffs Landschaft, in welcher der Klang durch Präpositionen wie „herüber“, „herauf“ und „herunter“ in Bewegung gesetzt und somit zu einem raumkonstituierenden Element wird. Dasselbe gilt auch für das Licht, wie folgendes Textbeispiel illustriert: „[…] seitwärts aus dem tiefen Grunde blitzte zuweilen die Donau zwischen den Bäumen nach mir herauf.“ (93). In diesem Satzteil wird das Verb des Leuchtens „blitzen“ durch die präpositionale Ergänzung „nach mir herauf“ zum Träger einer Bewegung mit einer bestimmten Richtung. Die Bewegung breitet sich also im Raum aus, der dadurch zu einem „erlebte[n] Raum“ und somit zum Stoff, aus dem Eichendorffs Landschaften aufgebaut sind, wird. Dadurch, dass der Klang im ersten Beispiel „über die Felder“ rauscht und im zweiten Beispiel das Licht „zwischen den Bäumen“ nach dem Taugenichts heraufblitzt, erhält der Landschaftsraum in der Erzählung seine Tiefendimension. Die Felder und die Bäume werden zu Vermittlern zwischen den zwei Punkten, zwischen denen sich die Bewegung und somit der Raum ausdehnt, sie werden zu Vermittlern zwischen der Ferne und dem Hier. Die Ferne, die an späterer Stelle ebenfalls noch näher betrachtet wird, ist also immer der Ort, „von dem im Grunde alle Bewegung der Landschaft ausgeht oder der in den ‚Hin‘-Landschaften alle Bewegung anzieht.“[8] Und indem diese Bewegung erst die vermittelnden Punkte der „Bäume“ beziehungsweise „Felder“ passiert, erfährt die Landschaft eine Ausdehnung, die Ferne wird hinausgerückt. Durch den Plural wird der Landschaft zusätzlich noch eine Breitendimension verliehen. Hier bestätigt sich außerdem Alewyns These, dass die körperlich greifbaren Elemente der Landschaft, also die Felder und die Bäume, in den Dienst der körperlos abstrakten treten, also des Lichts und des Klangs, beziehungsweise der Bewegung und des Raums.[9] Diese Tatsache wird auch im nächsten Textauszug evident:

Fröhlich schweifende Morgenstrahlen funkelten über den Garten weg auf meine Brust.

Da richtete ich mich in meinem Baume auf und sah seit langer Zeit zum ersten Male wieder einmal so recht weit in das Land hinaus, wie da schon einzelne Schiffe auf der Donau zwischen den Weinbergen herabfuhren und die noch leeren Landstraßen wie Brücken über das schimmernde Land sich fern über die Berge und Täler hinausschwangen.

Ich weiß nicht, wie es kam - aber mich packte da auf einmal wieder meine ehemalige Reiselust: alle die alte Wehmut und Freude und große Erwartung. (25)

Das Subjekt des ersten Satzes im zitierten Textauszug sind die fröhlich schweifenden Morgenstrahlen, also eine nicht greifbare Lichterscheinung, deren Quelle unsichtbar bleibt. Genau wie es Alewyn für den seiner Analyse zugrundeliegenden Satz[10] herausgestellt hat, wird dieses Licht als räumliche Bewegung beschrieben, es „funkelt […] über den Garten weg auf meine [des Taugenichts] Brust.“ Das Abstraktum der Morgenstrahlen wird darüber hinaus mit der attributiven Bestimmung des „fröhlichen Schweifens“ versehen, wodurch seine Subjektfunktion noch unterstrichen wird. Die Morgenstrahlen werden „zu selbstständig agierenden, beseelt vorgestellten Wesenheiten im landschaftlichen Raum.“[11] Dahingegen fungieren die greifbaren Bestandteile der Landschaft, der „Garten“ und die „Brust“, lediglich als Teile adverbialer Bestimmungen. In diesem Textbeispiel kommt die Bewegung aus der Ferne auf das Hier, den Taugenichts, zu. Vorher passiert das sich in Bewegung befindliche Licht den Garten (wieder ein Konkretum), wodurch Raumtiefe erzeugt wird.

Die Bewegung, in der sich die abstrakte Lichterscheinung der Morgenstrahlen im vorliegenden Satz befindet, ist allerdings nicht ganz eindeutig, sie weist vielmehr Widersprüchlichkeiten in ihrem Verlauf und ihrer Richtung auf. Zuerst wird den Morgenstrahlen die Bewegungsart des Schweifens zugeschrieben, wobei dieses gemäß Herman Meyer eine „intensive Bewegung bei einem Minimum an Richtungsbestimmtheit“[12] darstellt. Gleichzeitig haben die Morgenstrahlen ein konkretes Ziel, des Taugenichts Brust, ihre Bewegung ist also doch richtungsbestimmt. Hinzu kommt, dass die Strahlen funkeln, sie sind also zusätzlich durch eine Hin- und Herbewegung gekennzeichnet. Für noch mehr Verwirrung sorgt die adverbiale Bestimmung des Ortes „über den Garten weg“, die augenscheinlich nicht zum Ziel der Strahlen, der Brust, passt. Man würde eher die Präpositionen „herauf“ oder „herüber“ der anderen beiden Beispielsätze erwarten, doch die Strahlen verlaufen „über den Garten weg auf [s]eine Brust.“ Die Bewegung „über den Garten weg“ scheint in die Ferne gerichtet zu sein und so verwundert das konkrete Ziel der Brust, die die Morgenstrahlen letztendlich am Ende des Satzes treffen. Jegliche Logik scheint hier aufgehoben und was dem Leser präsentiert wird, hat mit den in der wirklichen Natur vorkommenden Lichterscheinungen nichts mehr zu tun. Gerade diese Widersprüchlichkeiten in der Raum- und Landschaftsgestaltung sind es allerdings, die uns Zugang zu einer Deutung der Eichendorff’schen Landschaft bieten.[13]

Vergegenwärtigt man sich den Handlungszusammenhang, aus dem die eben untersuchte Textstelle entnommen ist, so stellt man fest, dass sie einen Wendepunkt im Handlungsverlauf der Taugenichts-Erzählung repräsentiert. Dem Taugenichts, der in einer Baumkrone im Garten des Wiener Schlosses sitzt, ist ganz melancholisch zumute, nachdem er seine „schöne junge gnädige Frau“ (24) an der Hand des Offiziers auf dem Balkon erblickt hat. Seine Stimmung ändert sich jedoch wie so häufig mit dem Anbruch des Morgens[14] und den „fröhlich schweifenden Morgenstrahlen“, die in ihm seine „ehemalige Reiselust“ und „alle die alte Wehmut und Freude und große Erwartung“ neu erwecken. Angesichts dieses Gesinnungswandels, der in den auf unsere Textstelle folgenden Sätzen in landschaftliche Bilder übersetzt beschrieben wird, erscheinen die Bewegungsrichtungen der Morgenstrahlen nicht mehr widersprüchlich. Dass die Strahlen gleichzeitig in die Ferne und auf die Brust des Protagonisten zeigen, ergibt durchaus Sinn, wecken sie doch in seinem Innern, das die Brust versinnbildlicht, seine Sehnsucht nach dem Ziel seiner Wanderung, nach der erlösenden ewigen Heimat, für die das Bild der Ferne hier steht. Dieser Zusammenhang wird im zweiten Kapitel noch näher beleuchtet. Der Stimmungsumschwung, den die Morgenstrahlen im Taugenichts bewirken, soll nun genauer betrachtet werden:

Da richtete ich mich in meinem Baume auf und sah seit langer Zeit zum ersten Male wieder einmal so recht weit in das Land hinaus, wie da schon einzelne Schiffe auf der Donau zwischen den Weinbergen herabfuhren und die noch leeren Landstraßen wie Brücken über das schimmernde Land sich fern über die Berge und Täler hinausschwangen. (25)

[...]


[1] Krabiel, Klaus Dieter: Tradition und Bewegung. Zum sprachlichen Verfahren Eichendorffs. Stuttgart 1973, 82.

[2] Vgl. Alewyn, Richard: Eine Landschaft Eichendorffs. In: Stöcklein, Paul (Hg.): Eichendorff heute. Darmstadt 21966, 19-34.

[3] Ebd. 22.

[4] Ebd. 38.

[5] Vgl. ebd. & Spitzer, Leo: Zu einer Landschaft Eichendorffs. In: Euphorion 52 (1958), H.3, S. 142-152.

[6] Im Folgenden zitiere ich aus dieser Quelle durch Angabe der Seitenzahl im laufenden Text: von Eichendorff, Joseph: Aus dem Leben eines Taugenichts. Stuttgart 2001, hier 21.

[7] [7][7] Alewyn 1966, 35.

[8] Ebd. 38.

[9] Vgl. Stockmann, Friedrich: Die Darstellung der Landschaft in Eichendorffs erzählender Prosa. In: Aurora 28 (1968), 53-65, hier 56 ff.

[10] Draußen aber ging der herrlichste Sommermorgen funkelnd an allen Fenstern des Palastes vorüber, alle Vögel sangen in der schönen Einsamkeit, während von fern aus den Tälern die Morgenglocken über den Garten herauf klangen. (von Eichendorff, Joseph: Viel Lärm um Nichts. In: Ernst, Paul (Hg.): Gesammelte Werke/Joseph von Eichendorff IV, München/Leipzig 1913, 349-454, hier 357.

[11] Krabiel 1973, 78.

[12] Meyer, Herman: Raumgestaltung und Raumsymbolik in der Erzählkunst. In: Studium Generale 10 (1957), H. 10, 620-630, hier 627.

[13] Vgl. Krabiel 1973, 75 ff.

[14] Zur Funktion der Tageszeiten in der Novelle, auf die im begrenzten Rahmen dieser Arbeit nicht eingegangen werden kann, sei auf Schwarz, Peter Paul: Aurora: Zur romantischen Zeitstruktur bei Eichendorff, Bad Homburg 1970, verwiesen.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Raumgestaltung und Landschaftsdarstellung in Joseph von Eichendorffs "Aus dem Leben eines Taugenichts"
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,0
Jahr
2013
Seiten
19
Katalognummer
V214492
ISBN (eBook)
9783656427636
ISBN (Buch)
9783656438786
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Joseph von Eichendorff, Eichendorff, Taugenichts, Aus dem Leben eines Taugenichts, Deutsche Romantik, Romantik, Literatur der Romantik, Landschaftsdarstellung, Raumgestaltung, Eichendorffs Landschaft, Landschaft in Eichendorffs Taugenichts, Landschaftsgestaltung Eichendorff, Landschaft als sichtbare Theologie
Arbeit zitieren
Anonym, 2013, Raumgestaltung und Landschaftsdarstellung in Joseph von Eichendorffs "Aus dem Leben eines Taugenichts", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/214492

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