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Ich versteh` nur Bahnhof

Zum Verhältnis gesellschaftlicher Wahrnehmung und technischer Entwicklung während der Industriellen Revolution anhand ausgewählter literarischer Werke

Titel: Ich versteh` nur Bahnhof

Magisterarbeit , 2012 , 71 Seiten , Note: 2,0

Autor:in: Florian Marthaler (Autor:in)

Germanistik - Sonstiges
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Zusammenfassung Leseprobe Details

Ziel dieser Arbeit ist die Untersuchung des Verhältnisses von technischer Entwicklung und gesellschaftlicher Wahrnehmung während der Epoche der industriellen Revolution. Dies geschieht anhand einiger ausgewählter literarischer Werke jener Zeit, da, zum einen die in der Wahrnehmung der zeitgenössischen Gesellschaft relevantesten Aspekte thematisiert werden, zum anderen sich anhand des literaturgeschichtlichen Verlaufs Prozesse gesellschaftlicher Entwicklung nachverfolgen lassen.
Die Behandlung der einzelnen Werke erfolgt antichronologisch, um auf diese Weise den Ursprung des durch die Industrialisierung ausgelösten psychischen und gesellschaftlichen Transformationsprozesses herauszuarbeiten. Diese Arbeit ist somit zwar im Kern eine literaturgeschichtliche Untersuchung, soll jedoch einen ausgeprägten literatursoziologischen Anteil enthalten. Daneben werden jedoch auch anthropologische, psychologische sowie religionswissenschaftliche Aspekte thematisiert, da diese für ein umfassendes Verständnis des hier behandelten Themenkomplexes unabdingbar sind. Die Bearbeitung der literarischen Werke erfolgt lose antichronologisch, beginnt also mit Spät- und Endphase der Industrialisierung. Diese Zeit wird anhand von Erich Maria Remarques Roman „Im Westen nichts Neues“ behandelt werden.
Die Epoche der Hochindustrialisierung, also der Zeitraum zwischen den 1870er und 1890er Jahren, wird anhand dreier auf den ersten Blick sehr unterschiedlicher Werke behandelt werden. Daher werden zunächst die Novellen „Bahnwärter Thiel“ von Gerhard Hauptmann und „Der Schimmelreiter“ von Theodor Storm untersucht werden, bevor mit Theodor Fontanes „Effi Briest“ ein weiter Roman Gegenstand dieser Arbeit ist.
Den Abschluss dieser Untersuchung bildet schließlich das Dramenfragment „Woyzeck“ von Georg Büchner.

Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Technik als anthropologische Konstante

2.1 Technik als gesellschaftsprägender Faktor

2.2 Zeitliche Verortung der Epoche

2.3 Räumliche Verortung der Epoche

2.4 Einige grundlegende Neuerungen der Epoche

2.5 Industrialisierung als „ultimative Kulturschwelle“

3. Erich Maria Remarque: „Im Westen nichts Neues“

3.1 Rezeption, Rezension und Wirkung

3.2 Die Auswirkungen des ersten Weltkriegs

3.3 Remarques Darstellung des Kriegsgeschehens

3.4 Frontalltag und Kasernenhofdrill

3.5 Beschreibung der Kriegsmaschinerie

3.6 Entwicklung der Kriegsindustrie

3.6.1 Kriegstechnik und Städtebau

3.7 Ich versteh` nur Bahnhof

3.8 Die Ambivalenz der Technik

4. Technik, Mystik, Infrastruktur und Beschleunigung

4.1 Technik und Zeitwahrnehmung

4.2 Gerhard Hauptmann: Bahnwärter Thiel

4.3 Mensch und Mechanik

4.4 Die Faszination des Automatismus

4.5 Technik, Mystik und Magie

4.5.1 Exkurs: Religion als vorwissenschaftliche Technik

4.5.1.1 Der mystische Aspekt

4.6 Thiels „mystische Neigung“

5. Theodor Storm: „Der Schimmelreiter“

5.1 Zeitgenössische Rezensionen

5.2 Die Symbolik der Natur

5.3 Die Notwendigkeit der Bändigung

5.3.1 Die Funktion der Magie

5.4 Die Figur des Hauke Haien

5.5 Vorläufige Zusammenfassung der Ergebnisse

6. Industrialisierung und Gesellschaft

6.1 Elite, Masse und Macht

6.2 Masse und Technik

6.3 Die Kultur der Industriegesellschaft

7. Theodor Fontane: „Effi Briest“

7.1 Industrialisierung und Strukturvergrößerung

7.2 Industrialisierung und Macht

7.3 Gesellschaftszwang: Internalisierung und Reflexion

7.4 Alltagsmenschen und Führungspositionen

7.5 Individualität und Atomisierung

8. Die Psychologie der Industrialisierung

8.1 Wissenschaft und Spezialisierung

9. Georg Büchner: Woyzeck

9.1 Die Rolle der Gesellschaft

9.2 Der Hauptmann als Vertreter des Feudalismus

9.3 Der Doctor als Repräsentant des Bürgertums

9.4 Doctor und Hauptmann

9.5 Woyzeck als Vertreter der Massen

9.5.1 Die soziale Isolierung Woyzecks

9.5.2 Der Wahn Woyzecks

9.6 „Woyzeck“ als frühindustrielle Vorahnung

10. Resümee

Zielsetzung & Themen

Ziel der Arbeit ist die Untersuchung des Verhältnisses von technischer Entwicklung und gesellschaftlicher Wahrnehmung während der Epoche der industriellen Revolution anhand ausgewählter literarischer Werke, um sowohl relevante Aspekte der zeitgenössischen Wahrnehmung zu thematisieren als auch Prozesse gesellschaftlicher Entwicklung nachzuvollziehen.

  • Wechselwirkung zwischen Technik und Gesellschaft im 19. und frühen 20. Jahrhundert
  • Anthropologische und psychologische Aspekte der Mensch-Technik-Beziehung
  • Die Industrialisierung als „ultimative Kulturschwelle“ und ihre Folgen
  • Literarische Verarbeitung von Anonymisierung, gesellschaftlichem Zwang und Wahn

Auszug aus dem Buch

3.5 Beschreibung der Kriegsmaschinerie

Der Krieg ist, wenngleich künstlich erzeugt, gewissermaßen die natürliche Umwelt der Soldaten. Eine bedrohliche Natur, dem die Figuren hilflos ausgeliefert sehen, die sich der Analyse ihrerseits entzieht und die es zu ertragen und zu überleben gilt:

„Die Luft wird diesig von Geschützhauch und Nebel. Man schmeckt den Pulverqualm bitter auf der Zunge. Die Abschüsse krachen, daß unser Wagen bebt, das Echo rollt tosend hinterher, alles schwankt. […] Aber der dumpfe Hall der Einschläge dringt nicht herüber. Er ertrinkt im Gemurmel der Front. Kat horcht hinaus: „Diese Nacht gibt es Kattun.“ Wir horchen alle. Die Front ist unruhig.“ (S.35)

Die Front gleicht dieser Beschreibung nach einem lebendigen Wesen, die Ereignisse werden mit fatalistischer Gleichgültigkeit und Apathie hingenommen. Dabei greift Remarque bei der Schilderung der Fronterlebnisse wiederholt auf Analogien und Metaphern zurück, welche der Naturbeschreibung entlehnt sind.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Diese Arbeit untersucht das Verhältnis von technischer Entwicklung und gesellschaftlicher Wahrnehmung während der industriellen Revolution anhand ausgewählter literarischer Werke.

2. Technik als anthropologische Konstante: Der Mensch ist aufgrund seiner physiologischen Ausstattung auf Technik angewiesen, um sich in der Umwelt zu behaupten, was Technik zu einem Elementarkriterium des Menschseins macht.

3. Erich Maria Remarque: „Im Westen nichts Neues“: Remarques Roman dient als Einstieg, da er das grauenvolle Resultat der industrialisierten Kriegsführung und die daraus resultierende mentale Abstumpfung der Soldaten eindringlich darstellt.

4. Technik, Mystik, Infrastruktur und Beschleunigung: Dieses Kapitel thematisiert die Beschleunigung der Welt durch Eisenbahn und Telegraphie sowie die damit einhergehende Entfremdung von natürlichen Prozessen.

5. Theodor Storm: „Der Schimmelreiter“: Die Novelle verdeutlicht das Spannungsfeld zwischen technischem Fortschritt, kollektiver Tradition und menschlicher Hybris am Beispiel des Deichbaus.

6. Industrialisierung und Gesellschaft: Es wird analysiert, wie die Industrialisierung und funktionale Ausdifferenzierung zu einer gesellschaftlichen Anonymisierung und der Herausbildung des „Massenmenschen“ führten.

7. Theodor Fontane: „Effi Briest“: Der Roman illustriert den gesellschaftlichen Zwang und die daraus resultierende psychische Belastung der Individuen in der preußischen Gesellschaft des späten 19. Jahrhunderts.

8. Die Psychologie der Industrialisierung: Dieses Kapitel beleuchtet den Verlust eines sinnhaften Wertekanons zugunsten einer auf Komplexitätssteigerung basierenden Lebensweise, die Technik oft als „Natur“ erscheinen lässt.

9. Georg Büchner: Woyzeck: Als frühindustrielles Werk dient das Dramenfragment dazu, die Ursprünge der in späteren Werken thematisierten Konflikte und Machtstrukturen aufzuzeigen.

10. Resümee: Die Untersuchung schließt mit der Erkenntnis, dass Technik und Gesellschaft in einem dialektischen Verhältnis stehen, das in der Katastrophe des Ersten Weltkriegs gipfelte.

Schlüsselwörter

Industrialisierung, Technik, Gesellschaft, Literaturgeschichte, Wahrnehmung, Entfremdung, Massenmensch, Naturalismus, Fortschrittsglaube, Naturwissenschaft, Deichbau, Kriegsmaschinerie, Identität, Büchner, Remarque

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit untersucht das Verhältnis von technischer Entwicklung und gesellschaftlicher Wahrnehmung während der Epoche der industriellen Revolution anhand ausgewählter literarischer Werke des 19. und frühen 20. Jahrhunderts.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Die zentralen Themenfelder umfassen die anthropologischen Grundlagen der Technik, die psychologischen Auswirkungen der Industrialisierung, die Rolle der Massengesellschaft sowie die literarische Auseinandersetzung mit diesen Prozessen.

Was ist das primäre Ziel der Arbeit?

Das Ziel ist es, nachzuweisen, wie technische Entwicklungen die menschliche Wahrnehmung in Bezug auf Gesellschaft, Identität und Natur transformiert haben.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Es handelt sich um eine literaturgeschichtliche Untersuchung mit einem ausgeprägten literatursoziologischen Anteil sowie anthropologischen und psychologischen Bezügen.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil analysiert literarische Werke von Remarque, Hauptmann, Storm, Fontane und Büchner, um die verschiedenen Phasen und gesellschaftlichen Konsequenzen der Industrialisierung zu beleuchten.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Wichtige Begriffe sind Industrialisierung, Technik, Entfremdung, Massenmensch, Fortschrittsglaube, Naturwissenschaft und Identität.

Wie spielt das Motiv der Technik in „Bahnwärter Thiel“ eine Rolle?

Die Technik (Eisenbahn) wird als Bedrohung wahrgenommen, die sowohl das physische als auch das psychische Wohlbefinden der Hauptfigur gefährdet und zur Entfremdung führt.

Welche Bedeutung hat das „Gesellschafts-Etwas“ in „Effi Briest“?

Es beschreibt die subjektive Wahrnehmung der Gesellschaft als eine unpersönliche, tyrannisierende Macht, die den Einzelnen zu konformem Handeln zwingt, ungeachtet der persönlichen Konsequenzen.

Ende der Leseprobe aus 71 Seiten  - nach oben

Details

Titel
Ich versteh` nur Bahnhof
Untertitel
Zum Verhältnis gesellschaftlicher Wahrnehmung und technischer Entwicklung während der Industriellen Revolution anhand ausgewählter literarischer Werke
Hochschule
Universität Koblenz-Landau  (Germanistik)
Note
2,0
Autor
Florian Marthaler (Autor:in)
Erscheinungsjahr
2012
Seiten
71
Katalognummer
V214551
ISBN (eBook)
9783656439417
ISBN (Buch)
9783656439905
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Im Westen nichts Neues Remarque Bahnwärter Thiel Gerhard Hauptmann Schimmelreiter Theodor Storm Effi Briest Theodor Fontane Georg Büchner Woyzeck Industrialisierung Ortega y Gasset Arnold Gehlen
Produktsicherheit
GRIN Publishing GmbH
Arbeit zitieren
Florian Marthaler (Autor:in), 2012, Ich versteh` nur Bahnhof, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/214551
Blick ins Buch
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Leseprobe aus  71  Seiten
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