Pierre Bourdieus Habitus

Eine soziologische Erklärung für menschliches Verhalten


Seminararbeit, 2013

22 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Biografie – Pierre Bourdieu

Von der Struktur zur Praxis

Begriffsdefinition Subjektivismus, Objektivismus, Praxeologie

Habitus in der Praxistheorie

Habitus und seine Dispositionen

Theorie des sozialen Raums

Einteilung in unterschiedliche Klassen

Kultur

Zusammenfassung und Ausblick

Literaturverzeichnis

Einleitung

Unaufhörlich reproduzieren Menschen durch ihre Handlungen die soziale Wirklichkeit und prägen diese dadurch. Viele Handlungen verlaufen unbewusst, doch was ist die Grundlage für dieses unbewusste Handeln und wie verändert es die Realität? Einer der bedeutendsten soziologischen Auseinandersetzungen mit der Entstehung menschlichen Verhaltens stammt von dem französischen Philosophen Pierre Bourdieu. Seine umfassenden und komplexen Ansätze dienen der vorliegenden Arbeit als Grundlage, können jedoch nur im Ansatz behandelt werden. Im Sinne Bourdieus wird angemerkt, dass allein durch die bewusste Auswahl der Aspekte bereits eine Verzerrung des zu behandelnden Themas entsteht. In dieser Arbeit werden vorrangig frühe Werke Bourdieus herangezogen, wobei das Werk „Entwurf einer Theorie der Praxis“ im Zentrum der Betrachtung steht. Neben der Auswahl der Textpassagen, werden auch die angeführten Beispiele bzw. gezogenen Schlüsse durch spezifische Erfahrungen der AutorInnen des vorliegenden Textes indirekt beeinflusst. Diese Arbeit kann nur einen Bruchteil von Bourdieus Ansätzen beleuchten und ist ein Versuch seine Theorien der Alltagswelt von StudentInnen zu übertragen.

In unserer Arbeit beschäftigen wir uns vor allem mit Bourdieus Wandel vom Strukturalismus hin zu seinen praxeologischen Überlegungen und seiner damit einhergehenden Habitustheorie. Wir werden sowohl den Habitusbegriff an sich, als auch die Auswirkungen des Habitus in einer Gesellschaft erläutern und aufzeigen, wie vor allem kulturelles, als auch ökonomisches Kapital die Leben einzelner AkteurInnen, als auch die sozialen Lebenswelten beeinflussen.

Bourdieus Beobachtungen der Praxis hatten einen wesentlichen Einfluss auf seine Theorie der Praxis. Die Erkenntnis, dass Subjekte nicht nur nach schematischen, von der Struktur vorgegebenen Gesetzmäßigkeiten handeln, sondern dass ihre Verhaltensweisen auch durch ihre persönlichen Motive geprägt sind, ließ sein strukturalistisches Weltbild ins Wanken kommen. Daraus entstand eine neue, die ‚Welten‘ verbindende Sichtweise auf die Praxis, die Bourdieu als Praxeologie bezeichnet. Die Praxis, die einerseits von der Struktur des Feldes geprägt ist und eine unbewusste Übernahme der Theorie ist, wird von dem Verhalten der AkteurInnen bewusst und unbewusst reproduziert. Subjektivismus und Objektivimus verbinden sich. Die im Werk „Entwurf einer Praxis“ beschrieben Praxis bzw. Habitusform kann als Grundlage für Bourdieus weitere Gesellschaftstheorien gesehen werden. Durch die Weiterentwicklung seiner formulierten Ansätze entstand ein sehr komplexes Bild auf die in der Gesellschaft vorherrschenden Zusammenhänge menschlichen Verhaltens.

Biografie – Pierre Bourdieu

Pierre Bourdieu wurde am 1. August 1930 in Denguin, einem kleinen französischen Dorf, geboren. Er studierte an der Sorbonne Philosophie und unterrichtete anschließend an der École Normale Supérieure. Im Laufe der Zeit arbeitete er sich nach oben und im Jahr 1964 wurde er an der Centre de Sociologie Européenne zum Direktor ernannt. Bourdieu ist einer der bedeutendsten Forscher und Autoren die in Frankreich tätig waren. Vor allem durch seine Forschungsarbeiten in Algerien (1958-60) entwickelte er aus seinen Beobachtungen neue Theorien, die Grundlage für seine weiteren Arbeiten wurde und die im Laufe unserer Arbeit noch aufgegriffen werden. Seine ethnologischen Studien waren nicht bloß Resultate aus distanzierten Beobachtungen bzw. Betrachtungen, sondern er arbeitete engagiert und professionell. Bourdieu, der anfangs dem Strukturalismus zugewandt war, distanzierte sich von den üblichen französischen Intellektuellen und verfasste u.a. Studien über die Sozialstruktur Algeriens, die Lage der Arbeiterschaft und über den schmerzhaften Prozess der Entwurzelung aus der traditionalen Gesellschaft. Bourdieu untersuchte die Welt der Kabylen und beschrieb deren Wandlung von der traditionalen zur modernen Gesellschaft. Er bezog sich hier wiederum hauptsächlich auf die Heiratspolitik und ihren Strategien, Ehre und Geltung zu sichern und zu vermehren. Er hält sich zuerst an den Strukturalismus von Lévi-Strauss, aber im Laufe seiner Arbeiten wurde sich Bourdieu mehr und mehr der Problematik des strukturalistischen Ansatzes bewusst. Denn der Strukturalismus berücksichtigt nicht die Realität, da er übersieht, dass AkteurInnen strategisch handeln und auch der strategische Umgang mit Zeit, der Tatsache, dass gewisse Dinge beschleunigt oder verzögert werden können oder dass etwas hinausgeschoben werden kann, wird im Strukturalismus nicht berücksichtigt (vgl. Bohn/Hahn in: Kaesler 2002: 252f).

Diesem Problem widmet sich Bourdieu in seinem Werk „Entwurf einer Theorie der Praxis“. Bourdieu stellt fest, dass sich seine aufgestellten Theorien nicht umsetzen lassen, denn es kam immer wieder zu Zwiespältigkeiten und Widersprüchen zwischen Theorie und Praxis. Immer wieder konstruierte er neue Schemata um diese Widersprüchlichkeiten auszulöschen, was ihm aber nicht gelang und ihn fast zum Verzweifeln brachte (Bohn/Hahn in: Kaesler 2002: 254).

Um zu verstehen, wie sich Bourdieu vom Strukturalist hin zum Praxeologen gewandelt hat und aufbauend darauf seiner Auffassung nach der Habitus auf die Gesellschaft, die Praktiken und die einzelnen AkteurInnen wirkt, werden wir uns nun zu Beginn unserer Arbeit mit seinem Wandel genauer beschäftigen.

Von der Struktur zur Praxis

Bourdieu hat sich am Anfang seines Schaffens vor allem mit dem Strukturalismus beschäftigt und ist dabei auf die Untersuchungen von Claude Lévi-Strauss* gestoßen. Dieser war der Protagonist, der vor allem die Ethnologie und die Soziologie mit seinem strukturalistischen Paradigma beeinflusste und so war es nicht verwunderlich, dass Bourdieu vor allem Lévi-Strauss` Richtlinien für den Prozess der Verwissenschaftlichung der Soziologie hervorgehoben hat.

Bis dahin war die Soziologie in Frankreich eher verpönt, da sie den Ruf hatte, zu einer Sozialtechnologie zu werden, da es keine Rücksichtnahme auf das „Subjekt“, also auf den Menschen an sich nahm. Dies war vor allem in den 50er/60er Jahren des 20. Jahrhunderts der Stand der Dinge (vgl. Fröhlich/Rehbein 2009:23f).

Durch Claude Lévi-Strauss beeinflusst und beeindruckt, wollte Bourdieu nun in der Soziologie denselben Schritt wagen wie er es bisher in der Ethnologie getan hatte. Er startete Ende der 50er Jahre mit einer empirischen Sozialforschung, wobei er die Kabylen (ein Stammesvolk in Algerien; Anmerkung der Verfasserin) und dessen Verwandtschaftsbeziehungen und Heiratsregeln in den Mittelpunkt seiner Forschung stellte. Es ging ihm hier vor allem darum, wie die Männer bei ihren Heiratsabsichten strategisch vorgehen bzw. was sie bevorzugen.

*Claude Lévi-Strauss, geboren am 28. November 1908 in Brüssel, französischer Sozialanthropologe und Ethnologe; hat Professur und Ethnografische Feldforschung in Brasilien betrieben; gestorben am 1. November 2009 in Paris (vgl. Munzinger 2011

http://www.munzinger.de/search/portrait/claude+levi+strauss/0/13389.html)

Bourdieu beobachtete, dass es sich hierbei nicht um ein bloßes Regelwerk handelte, der sich die Akteure beugen, sondern es handelt sich vielmehr darum, ihre eigenen Interessen und der eben doch dazugehörigen Ehre und Moral zu verbinden.
Das bedeutete für Bourdieu, dass die Akteure, die heiratswilligen Männer, das Regelwerk ihres Stammes anerkannten, sie aber trotzdem innerhalb ihres Möglichen versuchten, sich individuell einzubringen. Sie bewegten sich innerhalb ihres Feldes und waren in der Lage sowohl ihr materielles, als auch ihr symbolisches Kapital zu reproduzieren. Durch diese gewählten Strategien behielten die Akteure ihre Stellung in der Sozialstruktur und konnten diese dadurch vielleicht sogar verbessern (vgl. Fröhlich/Rehbein 2009:24).

Durch diese Erkenntnis wendete sich Bourdieu nun erstmals gegen die Theoriestruktur von Lévi-Strauss und er beginnt, die „Existenz und Anwendung sozialer Regeln gleichzeitig als objektive Struktur und als Praxis zu begreifen“ (Fröhlich/Rehbein 2009:24).

So wie im Beispiel der Heiratsstrategie herrschen sogenannte Verwandtschaftssysteme vor und die, die diese Methoden praktizieren, sind sich sehr wohl darüber im Klaren, was sie tun. Bourdieu stellt sich auch die Frage der Regel und ob Menschen wirklich starr nach diesen Handeln. Er kommt zu der Schlussfolgerung, dass Menschen eben nicht starr nach Regeln handeln, sondern es trägt alles dazu bei, angefangen vom unbewussten, zum Bewusstsein, was sich in unser Bewusstsein drängt und uns schlussendlich handeln lässt. Genauso wie wir ein Gruppen- oder Klassenbewusstsein haben, wo Gruppen oder Institutionen Dispositionen zugeschrieben werden, die jeder bzw. jedem Einzelnen bewusst sind. Bewegen wir uns in einem vertrauten (Um-)Feld, so wissen wir, was wir tun und wie wir handeln können.
Es ist also nicht die Wahrheit, dass die Praktiken gehorsam die Regel befolgen. Regeln kommen innerhalb der Praxis der Handlungssubjekte im praktischen Zustand zur Anwendung ohne sich in deren Bewusstsein zu befinden. Die Theorie des Handelns ist nicht nur als Norm zu sehen, es ist ein Irrglaube, dass Menschen nur Handeln ohne Nachzudenken. Die objektive Bedeutung der Praxisformen entspricht nicht dem subjektiven Zweck des Handelns der ProduzentInnen dieser Praxisformen und somit gibt es keinen homo oeconomicus, der ständig nach rationalem Kalkül entscheidet. Ebenso wenig wie AkteurInnen, die bloß Rollen ausführen oder rein nach Modellen handeln (vgl. Bourdieu 1976:160-164)

Lévi-Strauss „Strukturrealismus“ wird von Bourdieu von nun an kritisch hinterfragt und ihm gegenüber setzt er die These einer „doppelt bestimmten Praxis“ (Fröhlich/Rehbein 2009:24). Er meint damit eine Praxis, die beides inne hat: sie strukturiert sowohl objektiv, aber sie bringt sich auch selbst aktiv ein, und um dies ermöglichen zu können, sieht Bourdieu im sozialen Habitus die zentrale Rolle. Denn der Habitus ermöglicht es Menschen, innerhalb ihres sozialen Raumes „und ausgestattet mit unterschiedlichen Kontingenten an ökonomischem, sozialem, kulturellem und symbolischen Kapital“ (Fröhlich/Rehbein 2009:24f) ein System von sozialen Beziehungen zu erzeugen. Bourdieu prangert den Strukturalismus an und meint, dass auch dieser nicht geschafft habe, die Praxis mit ein zu beziehen. Er sagt auch, dass wissenschaftliche AkteurInnen, die ihre strukturalistischen Untersuchungen durchgeführt haben, allen voran Claude Lévi-Strauss, es nicht geschafft haben, Selbstreflexion und Selbstobjektivierung in ihre Arbeiten einfließen zu lassen. Diese WissenschaftlerInnen sehen nur das, was gerade im Moment abläuft (vgl. Fröhlich/Rehbein 2009:25), die Praxis wird außer Acht gelassen und der Strukturalismus hat wissenschaftliche Beobachter, die nur mit abgeschlossenen Vorgängen zu tun haben. Diese WissenschaftlerInnen analysieren die Vergangenheit, ohne das aktuelle Geschehen mit ein zu beziehen. Bourdieu meint dazu, dass sich die Wirklichkeit anders gestaltet, als die WissenschaftlerInnen dies wahrnehmen und vergleicht die Theorie mit der Praxis oder anders: mit einem Schachspieler, der eine Partie spielt und sich demzufolge in einer ganz einer anderen Situation befindet, als jemand, der eine bereits gespielte Partie hinterher analysiert (vgl. Bohn/Hahn in: Kaesler 2002:255f).

Für Bourdieu scheint damit klar, dass die soziologische Theorie im ersten Stadium mit dem Wissen des Alltags brechen muss, denn Theorie bietet andere Einsichten als die Praxis selbst und sie impliziert auch eine völlig andere Einstellung zur Welt. Doch ohne Theorie ist auch wiederum keine Praxis möglich und somit hat Bourdieu versucht, dies in seinem Konzept des „Habitus“ zu vereinen (vgl. Bohn/Hahn in: Kaesler 2002:256f).

[...]

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Pierre Bourdieus Habitus
Untertitel
Eine soziologische Erklärung für menschliches Verhalten
Hochschule
Johannes Kepler Universität Linz
Note
sehr gut
Autoren
Jahr
2013
Seiten
22
Katalognummer
V214581
ISBN (eBook)
9783656429890
ISBN (Buch)
9783656438649
Dateigröße
551 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziologie, Habits, Pierre, Bourdieu, Praxeologie, Theorie der Praxis, sozialer Raum, Subjektivismus, Objektivismus, Praxistheorie, Dispositionen, Struktur
Arbeit zitieren
Marleen Gusenleitner (Autor)Tanja Endemann (Autor)Andrea Ritzberger (Autor), 2013, Pierre Bourdieus Habitus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/214581

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Pierre Bourdieus Habitus



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden