Ethische Dimension der Pränataldiagnostik im Kontext der gynäkologischen Praxis


Bachelorarbeit, 2011
52 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition Ethik
2.1 Medizinethische Auseinandersetzung
2.2 Arztethos und ärztliche Freiheit
2.3 Autonomie und Paternalismus
2.4 Informed Consent

3. Pränatale Diagnostik
3.1 Historische Entwicklung
3.2 Gesetzliche Grundlagen
3.3 Verfahren der Pränataldiagnostik
3.4 Auswirkungen der Pränataldiagnostik

4. Psychosoziale Beratung
4.1 Aspekte psychosozialer Beratung bei pränataler Diagnostik
4.2 Studienergebnisse

5. Pränataldiagnostik in der gynäkologischen Praxis
5.1 Darstellung der alltäglichen Praxisabläufe
5.2 Fallbeispiele
5.3 Aussagen von Patientinnen

6. Kritische Würdigung und Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Jede Frau und jedes Paar wünscht sich ein gesundes Kind. „Hauptsache gesund“- das ist dementsprechend wohl die häufigste Antwort auf die Frage, ob sich eine schwangere Frau einen Jungen oder Mädchen wünscht. Das Bedürfnis, so früh wie möglich alles für die Gesundheit des ungeborenen Kindes zu tun, ist im Elternsein verankert und nach- vollziehbar. Pränatale Diagnostik bietet sich hier als Bewältigungsstrategie (Ensel, 2009, S. 96) gegen Ängste um die Gesundheit des Kindes an und soll Sicherheit vermit- teln. Die Möglichkeiten zu vorgeburtlichen Untersuchungen und speziell der Pränatal- diagnostik sind jedoch mittlerweile sehr umfangreich und werden routinemäßig in der Schwangerenvorsorge eingesetzt. Schwangere Frauen werden so bereits in der Früh- schwangerschaft mit einem unübersichtlichen Angebot pränataler Untersuchungen kon- frontiert und nehmen diese oft ohne Reflektion ihrer Konsequenzen (Mayer-Lewis, Ed- ler, Hofmann, 2010a, S. 35) immer selbstverständlicher in Anspruch. Zudem bringt al- lein die Möglichkeit, pränatale Diagnostik durchführen lassen zu können, die schwange- re Frau immer in Handlungszwang (Zimmermann, 1997, S. 360). Voltaires weiser Rat: „Bist Du im Zweifel, ob eine Handlung gut oder schlecht ist, so enthalte Dich ihrer“ (Zimmermann, 1997, S. 360), kann hier nicht greifen. Es muss immer eine Entschei- dung getroffen werden, entweder für oder gegen PND1, was von vielen Frauen als mo- ralisches Dilemma (Haker, 2002, S. 229) wahrgenommen wird.

Hier lässt sich das hohe ethische Konfliktpotential erkennen: Obwohl zum Thema Prä- nataldiagnostik bislang viel geschrieben und diskutiert wurde, liegt der ethische Fokus in aller Regel auf dem Abbruch der Schwangerschaft nach pathologischer pränataler Diagnose. Ebenso wird hier oftmals beleuchtet, ob und in welcher Art es bei einer solch existenziellen Konfliktsituation für die Frau neben der medizinischen Aufklärung einer vertiefenden, evtl. psychosozialen Beratung bedarf. Hierzu liegen mittlerweile auch ent- sprechende Studien vor. In diesem Zusammenhang vermisse ich den Blick auf das Set- ting der ersten Konfrontation von schwangeren Frauen mit pränataler Diagnostik. Ich möchte den Fokus in dieser Arbeit auf diesen weniger beachteten Bereich verlegen.

Es soll der ethische Umgang mit Pränataldiagnostik in der ersten Distanz, direkt in der gynäkologischen Praxis, beleuchtet werden. Hier stellt sich besonders die Frage, wie sich die ethischen Aspekte Paternalismus, Arztethos, Informed Consent und Patienten- autonomie in diesem Kontext darstellen und der Umgang damit gehandhabt wird. Zu Beginn dieser Arbeit wird Ethik auf der theoretischen Ebene dargestellt und ein ver- tiefender Einblick in die Medizinethik gegeben. Anschließend findet eine Betrachtung des Arztethos und der ärztlichen Freiheit statt. Die ethischen Aspekte Patientenautono- mie, Paternalismus sowie das Modell des Informed Consent werden eingehend beleuch- tet. Im Punkt Pränataldiagnostik wird veranschaulicht, wie sich diese historisch bis heu- te entwickelt hat, zudem werden alle relevanten gesetzlichen Berührungspunkte zur Pränataldiagnostik erläutert. Um pränataldiagnostische Untersuchungen transparent zu machen, werden die Verfahren hierzu anschließend erläutert. Danach werden sowohl positive als auch negative Auswirkungen der Pränataldiagnostik auf verschiedenen Ebe- nen dargestellt. Im Punkt psychosoziale Beratung werden zunächst verschiedene As- pekte beleuchtet um anschließend einen Einblick in Studienergebnisse zu geben. Um einen Einblick in die Arbeit psychosozialer Beratungsstellen im Kontext von pränatal- diagnostischen Untersuchungen zu bekommen, wurden Gespräche mit den Bera- tungstellenleiterinnen von Pro Familia und Donum Vitae Bamberg geführt. Im praktischen Teil der Arbeit liegt der Fokus auf der Anwendung von Pränataldiagnos- tik in der gynäkologischen Praxis. Es wird aufgezeigt, wie sich der Umgang mit PND im Alltag einer Arztpraxis gestaltet, es soll hier zur Verdeutlichung ein Einblick in die alltägliche Routine stattfinden. Um auch hier einen Eindruck der Beratungssituation zu erhalten, war es mir möglich, über mehrere Monate bei Aufklärungsgesprächen vor prä- natalen Untersuchungen anwesend zu sein. Fallbeispiele und die ebenfalls über Monate gesammelten Aussagen von Patientinnen über die Konfrontation mit PND aus Praxis und der Literatur untermauern die Thematik zusätzlich und zeigen die hohe Ambivalenz auf, welche auftritt, wenn Frauen mit Pränataldiagnostik konfrontiert werden. Meine Erfahrungen und Beobachtungen als Angestellte einer gynäkologischen Praxis- gemeinschaft mit Schwerpunkt Pränataldiagnostik spiegeln sich in dieser Arbeit wieder. Auch die Auswahl und Beurteilung der Kriterien orientiert sich an meiner subjektiven Wahrnehmung und Beobachtung innerhalb der Arbeitsstätte und können nicht als all- gemeingültig angesehen werden.

2. Definition Ethik

Das Wort „ Ethik “ leitet sich ursprünglich aus dem altgriechischen Wort „ Ethos “ ab, welches Ausdruck für Gewohnheit, Sitte, Brauch und Charakter ist. Umgangssprachlich wird das Adjektiv „ ethisch “ (Pieper, 2003, S. 27) häufig synonym mit moralisch bzw. sittlich gebraucht. Untrennbar verbunden ist die Ethik mit dem aus dem Lateinischen kommenden Wort „ mores “ (pl.) woraus sich das deutsche Wort „ Moral “ ableitet und Sitte bedeutet. Die Fragen der Ethik unterscheiden sich zu jenen der Moral dadurch, dass sie sich nicht unmittelbar auf singuläre Handlungen (Pieper, 2003, S. 28) beziehen, sondern moralisches Handeln auf der Metaebene grundsätzlich thematisieren. Die Ethik ist somit eine Theorie moralischen Handelns, aber diese Theorie entwickelt sie in erster Linie nicht nur um des Wissens, sondern um des Handelns willen (Pieper, 2003, S. 60). Ethik wird auch als „praktische Philosophie“ bezeichnet, deren Aufgabe es ist, Kriterien für gutes und schlechtes Handeln und die Bewertung seiner Motive und Folgen aufzu- stellen (Blau, 2010, o.S.).

Artistoteles (384-322 v. Chr.) war der erste, der die Ethik als eigenständige philosophi- sche Disziplin behandelte (Pieper, 2003, S. 24), indem er die praktische von der theore- tischen Philosophie abgegrenzte. Dies dokumentieren verschiedene Werke, vor allem seine Vorlesungen über das Thema Ethik. Am berühmtesten ist hier die „Nikomachische Ethik“ (Pieper, 2003, S. 24), welche eine umfassende Theorie des Handelns ist. Sie ist sowohl eine Glücks- als auch Tugendlehre (Pieper, 2003, S. 24) und erhebt den An- spruch, den Schüler der Ethik derart über sein Tun aufzuklären, dass dieser lernt, das Gute immer besser zu tun und sich dadurch immer mehr als ein guter Mensch (Pieper, 2003, S. 24) zu erweisen.

Es ergeben sich zwei Formen der Ethik, zum einen die soziale Ethik, welche die gesellschaftlichen Sitten und Institutionen beschreibt und zum anderen die personale bzw. individuale Ethik, welche aufzeigt, wie ein Einzelner sein Leben lebt. Ethik kann wiederum in zwei Kategorien unterteilt werden: die deskriptive und normative Methode (Pieper, 2003, S. 12). Die deskriptive Methode beschreibt tatsächlich befolgte Handlungspräferenzen (Blau, 2010, o.S.), Normen und Werte.

Es werden die faktischen Handlungs- und Verhaltensweisen einer Gesellschaft daraufhin untersucht, welche Geltungsansprüche und Wertvorstellungen (Pieper, 2003, S. 12) wirksam sind. Die normative Methode hingegen ist ein präskriptives (Pieper, 2003, S.12), vorschreibendes Verfahren. Hier besteht die Gefahr der Ideologisierung (Pieper, 2003, S.12), denn es wird häufig durch Imperative (Petsch, 2008, o.S.) wie: “Du sollst “ oder „Du sollst nicht “ gewissermaßen vorgeschrieben, was aus bestimmten Gründen positiv oder negativ zu bewerten ist.

Ethik lässt sich nicht nur als autonome, sondern ebenso als angewandte Wissenschaft (Pieper, 2003, S. 92) betreiben. Als Ziel verfolgt sie dementsprechend nicht das Wissen und die Theorie um ihrer selbst willen, (Blau, 2010, o.S.) sondern versucht, eine prak- tisch orientierte und verantwortbare Hilfestellung für sittliche Entscheidungen (Blau, 2010, o.S.) zu sein. Folglich wird sie zu einer angewandten Ethik (Nida-Rümelin, 1996, S. 57) oder Bereichsethik, welche sich mit bestimmten Handlungsfeldern- und Wissen- schaften und deren Zusammenhang (Nida-Rümelin, 1996, S. 59) mit Moral bzw. dem Ethos auseinandersetzt. Als Beispiele gelten hier die Arbeitsethik, Friedensethik, Kon- fliktethik, Medienethik, Rechtsethik, Unternehmensethik, Zukunftsethik und eben die Medizinethik, welche in dieser Arbeit im Kontext der PND beleuchtet wird.

2.1 Medizinethische Auseinandersetzung

Medizinethik reflektiert Normen und Werte der Arzt- Patienten - Beziehung (Frewer, Bruns, Rascher, 2010, S. 9) sowie moralische Fragen im Gesundheitswesen und ist eine reflexiv-argumentative Disziplin (Honnefelder, 1998, S. 652). Deren Aufgabe besteht in der Begründung und Prüfung der für den Bereich der Medizin relevanten ethischen Re- geln und Einstellungen (Honnefelder 1998, S. 652) im Kontext grundsätzlicher ethi- scher Prinzipien und deren jeweiliger Handlungskontexte (Honnefelder, 1998, S. 653). Einen prägenden Ansatz in der medizinethischen Debatte entwickelten Beauchamp und Childress mit den „Prinzipien der biomedizinischen Ethik“ (Marckmann, 2000, S. 74), welche Respekt vor der Autonomie des Patienten (respect for autonomy), Schadensver- meidung (nonmaleficence), Fürsorge (beneficence) und Gerechtigkeit (justice) (Marck- mann, 2000, S. 74) als vier Eckpfeiler benennen.

Die Inhalte der Medizinethik haben sich in den letzten Jahrzehnten wesentlich verändert, deshalb wurde Anfang der 70er Jahre in den Vereinigten Staaten durch einen erweiterten, kritischen Blick (Schöne-Seifert, 1996, S. 554) auf die Medizinethik der Begriff „Bioethik“ (Schöne-Seifert, 1996, S. 555) entwickelt.

Dieser umfasst im weitesten Sinne die ethische Reflexion jeglichen Umgangs von Men- schen mit der belebten Umwelt (Engel, 2010, o.S.), vor allen Dingen im Umgang von Menschen mit dem Leben anderer Menschen, der Natur und mit medizinischen und bio- technischen Anwendungen (Engel, 2010, o.S.). Vor diesem Hintergrund haben sich hier - entstanden auch durch den raschen technischen Fortschritt in der Medizin - völlig neue Handlungsfelder für die ethische Auseinandersetzungen entwickelt. Heutzutage werden in diesem Zusammenhang unter anderem Themen der Eugenik, Sterbehilfe, Apparate- medizin, Gendiagnostik, Informationspflicht, Reproduktionsmedizin, Paternalismus, Schönheitschirurgie, wunscherfüllenden Medizin, Schwangerschaftsabbruch, Intensiv- medizin, Präimplantationsdiagnostik und eben der Pränataldiagnostik diskutiert.

Mit den umfangreichen Diagnosemethoden der PND stellen sich gegenwärtig völlig neue moralische Fragen nach deren ethischen Zulässigkeit und es werden gänzlich neu- artige Entscheidungsprobleme (Schöne-Seifert, 1996, S. 555) aufgeworfen, die es nur in diesem Praxisbereich (Hildt, 2006, S. 18) gibt. Die pränataldiagnostische Ethik ist hier laut Nida-Rümelin (1996, S.807) immer noch durch einen „timelag“ gekennzeichnet. Ein wichtiges ethisches Problem in der PND ist unter anderem die Frage, ob bei einer zu erwartenden Erkrankung oder Behinderung die Schwangerschaft abgebrochen wird oder nicht. Eine einheitliche Lösung dieses Problems ist hier zum einen wegen der Plu- ralität der Wertigkeit (Wirth, 2006, S. 71) nicht möglich, zum anderen, da es mit dem Tötungsverbot (Wirth, 2006, S. 70) kollidiert. PND eröffnet schwangeren Frauen Wis- sen über mögliche Krankheiten oder Behinderungen ihres ungeborenen Kindes. Die Entscheidung die - in der Regel erwünschte - Schwangerschaft abzubrechen (Schneider, 2001, S. 2) liegt aber in letzter Instanz bei den Frauen selbst. Laut der amerikanischen Medizinethnologin Rayna Rapp werden schwangere Frauen so zu „ethischen Torhüte- rinnen, welche über Standards für den Eintritt in die menschliche Gemeinschaft“ (Schneider, 2001, S. 2) entscheiden müssen.

Da sowohl die ethischen Motive als auch die ethische Debatte in der Geburtsmedizin eben vorrangig um das Lebensrecht, die Schutzwürdigkeit und den moralischen Status (Schneider, 2001, S. 1) des ungeborenen Kindes kreist, wird oft übersehen, dass schwangere Frauen schon bei der Konfrontation mit PND zu Beginn oder während der Schwangerschaft in der Arztpraxis ganz und gar auf ihr eigenes moralisches und ethisches Verständnis angewiesen sind.

Allein die Entscheidung für oder gegen PND ist in seiner durchaus ambivalenten Kom- plexität als individuell anzusehen und orientiert sich an der eigenen Sozialisation, aber auch an den Wertevorstellungen der Gesellschaft. Neben dieser belastenden Situation ist hier auch der Umgang mit Pränataldiagnostik in der Frauenärztlichen Praxis zu beach- ten. Es gibt hier keine Regelungen oder Standards für den ethisch-moralischen Umgang mit PND. Jeder Arzt2 trifft seine persönliche Entscheidung, wie er mit PND umgeht. Auf die Frage, ob es allgemeingültige Standards im Umgang mit PND in einer gynäko- logischen Arztpraxis gäbe, antwortete eine Ärztin nachdenklich: „Nein, es gibt über- haupt keine Regeln, da muss schon jeder Arzt seine eigene Ethik finden, wie er damit umgeht.“

2.2 Arztethos und ärztliche Freiheit

Nach dem katastrophalen Umgang mit der ärztlichen Ethik im Nationalsozialismus des Zweiten Weltkrieges und dem daraus resultierenden Nürnberger Kodex von 1947 wurde die historisch erste externe Ethikvorschrift (Schöne-Seifert, 1996, S. 556) für Ärzte nie- dergelegt. Sie besagt, dass jede medizinische Intervention nur mit freiwilliger, infor- mierter Zustimmung des autonomen Patienten nach Aufklärung stattfinden dürfe. 1948 strebte die Deklaration von Genf eine Rückbesinnung auf die Grundsätze der ärztlichen Ethik (Marquard, 2007, S. 81) an. Diese Deklaration gilt heute als moderne Fassung des hippokratischen Eides und bildet seit 1950 die Präambel der Berufsordnung3 (Marquad, 2007, S. 81) für die in Deutschland praktizierenden Ärzte. Auch wenn Ärzte heutzutage keinen hippokratischen Eid mehr leisten müssen, sind sie dem traditionellen ärztlichen Ethos zufolge ausschließlich dem Wohlergehen und Willen des einzelnen Patienten ver- pflichtet. Der Arzt muss aus allen zur Verfügung stehenden medizinischen Maßnahmen diejenige auswählen, welche am ehesten einen Behandlungserfolg beim Patienten (Wie- sing & Marckman, 2009, S. 52) erwarten lässt. Der Arzt ist hierbei den Interessen seines Patienten verpflichtet.

Ohne Zweifel verändern sich aufgrund verschiedener Modalitäten auch die Rahmenbe- dingungen für ärztliches Denken und Handeln. So hat die gegenwärtige Medizinethik drei kennzeichnende Voraussetzungen: Erstens die Verfügbarkeit zunehmend vieler me- dizinischer Diagnose- und Eingriffsmöglichkeiten (Schöne-Seifert, 1996, S. 555), zwei- tens eine wachsende Pluralität der Lebensstile und Moralauffassungen (Schöne-Seifert, 1996, S. 555) innerhalb der Gesellschaft und drittens den Verlust moralischer Autorität und Unanfechtbarkeit von Ärzten (Schöne-Seifert, 1996, S. 556) kraft ihrer Profession. Weiterhin spielen neben der grundsätzlichen Sorge um das Wohlergehen der Patienten zunehmend auch Kostenerwägungen (Wiesing & Marckmann, 2009, S. 50) durch die Mittelknappheit bei der Finanzierung des Gesundheitssystems eine große Rolle. Auf- grund von Fallpauschalen, Bonusregelungen in der Arzneimittelverschreibung, Budge- tierungen, DRGs4 und IGeL-Leistungen5 ist es Fakt, dass Patienten aus diesem Grund heutzutage zunehmend einen durchaus neuen Status einnehmen - nämlich den des Kun- den. Der Arzt sichert über private Leistungen der Patienten sein Einkommen. Auch in der pränataldiagnostischen Praxis spielen diese Tatsachen eine beträchtliche Rolle, hier wird die Patientin immer mehr zur Kundin, da nur medizinisch indizierte pränataldia- gnostische Untersuchungen von den Krankenkassen übernommen werden. Es wird hier auch häufig diskutiert, dass das ärztliche Ethos zugunsten einer Ökonomisierung des Berufsstandes „verdunstet“ (Marquard, 2007, S. 85). Die doppelte Ausrichtung wider- spräche der Grundorientierung des ärztliches Ethos, Wiesing und Marckmann sprechen hier von „Ärzten als Doppelagenten, welche das antizipatorische Systemvertrauen un- terminieren“ (2009, S. 53).

2.3 Autonomie und Paternalismus

Der Begriff „ Autonomie “ kommt aus dem Altgriechischen und setzt sich zusammen aus autos =selbst, und nomos =Gesetz oder Regel, was „Selbstgesetzgebung“ (Steffenernst, 2010, o.S.) bedeutet. Im ethischen Sinn bezeichnet Autonomie Selbstverantwortung.

Aus der Zeit der Aufklärung resultiert die Überzeugung, dass Autonomie als die Selbst- bestimmung des Menschen wahrgenommen wird, damals war das Anliegen der Men- schen die Befreiung aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit (Städtler-Mach, 2006, S. 3). Laut Kant macht die Autonomie des Menschen diesen erst zur Person (Geisler, 2004, o.S.) und erkennt in ihr den Grund der Würde der menschlichen und jeglicher vernünftigen Natur überhaupt (Eisler, 1989, o.S.). In der zweiten Formulierung des ka- tegorischen Imperatives - welcher seine Geltung unabhängig von persönlichen Zielen (Braun, 2006, S. 2) beansprucht - lautet die prominenteste Forderung (Hildt, 2006, S. 68) nach dem Respekt der Autonomie anderer: Handle so, dass du die Menschheit so- wohl in Deiner Person, als in der Person eines jeden andern jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchtest“ (Kant, 1785/1991, S. 79) .

Die Achtung der Autonomie von Patienten kann im weitesten Sinne als Verzicht beschrieben werden, Handlungen durchzuführen, die mit den autonomen Wahlentscheidungen und Handlungen anderer Personen interferieren. Hierzu gehört der Verzicht, Personen äußeren Zwängen zu unterwerfen, was mittels Ausübung von psychischem oder physischem Druck oder aber durch die Manipulation von Informationen stattfinden kann (Hildt, 2006, S. 69). In der Medizin wirkt sich der Autonomiestatus der Patienten in erster Linie im Recht auf Zustimmung oder Ablehnung einer Behandlung aus. Auch jede pränataldiagnostische Behandlung bedarf der Zustimmung der schwangeren Frau und zielt so auf deren Selbstbestimmungsrecht.

Medizinethisch ist der Begriff Autonomie zu einem Schlüsselbegriff geworden, der sich gegen ein traditionelles, paternalistisches Verhältnis von Arzt und Patient richtet (Marz, 2008, o.S). Der Begriff „ Paternalismus “ leitet sich ab vom lateinischen Begriff pa- ter= Vater, welcher eine vormundschaftliche Beziehung im außerfamiliären Bereich be- zeichnet (Käpper, 2006, o.S.). Als paternalistisch wird eine Handlung bezeichnet, wenn sie gegen den Willen aber auf das Wohl (Käppner, 2006, o.S.) eines anderen gerichtet ist. In der paternalistischen Beziehung, welche aus verschiedenen Codicies, angefangen bei der hippokratischen Tradition (Gillen & Geißner, 2004, S. 21) resultiert, verhält sich der Arzt dominant. Er entscheidet über Maßnahmen, die dazu geeignet sind, die Ge- sundheit des Patienten wieder herzustellen (Klemperer, 2005, S. 2).

Die Beziehung zwischen Arzt und Patient hat sich grundlegend geändert, war sie bis in die 1980er Jahre (Ackermann, 2005, S. 195) doch in hohem Maße von Asymmetrie (Hildt, 2006, S. 113) geprägt. Seit diesem Paradigmenwechsel, der mit dem Postulat ei- nes nondirektiven Beraterverhaltens (Ackermann, 2005, S. 195) einhergeht, spielen Pa- tienten heutzutage tendenziell eher eine aktive Rolle im Behandlungsprozess und ver- langen oftmals ein eher partnerschaftlich geprägtes Verhältnis. Dieser Beratungsansatz der nicht-direktiven Beratung greift auf Carl Rogers klientenzentriertes Beratungsmo- dell (Hildt, 2006, S. 260) zurück, welches auf diese zentrale Grundannahme aufbaut. Nicht die Berater treffen die Entscheidung, sondern die Ratsuchenden selbst (Hildt, 2006, S.260) da sie selbst am ehesten einschätzen können, welche Entscheidung die In- anspruchnahme von PND fordert und wie sich die daraus ergebenden Konsequenzen auf ihren weiteren Lebensweg auswirken.

Die nicht paternalistische Fürsorge gibt dem Patienten die Möglichkeit einer autonomen Selbstsorge (Geisler, 2004, S. 3), wo Entscheidungen intersubjektiv im Dialog (Hildt, 2006, S. 113) mit anderen getroffen werden können. Der Respekt vor der Autonomie und der autonomen Entscheidung des Patienten wird heute weitestgehend akzeptiert und als eine ethische Grundhaltung in unserer Gesellschaft (Giese, 2002, S. 16) angesehen. Maßgeblich wichtig dafür ist die freie Willensentscheidung des Patienten vor medizini- schen Eingriffen, welche nur nach intensiver Aufklärung stattfinden kann.

2.4 Informed Consent

Der Informed Consent ist nicht aus der traditionellen medizinischen Ethik (Giese, 2002, S. 16) hervorgegangen, sondern fand ebenso in Folge der Nürnberger Ärzteprozesse im Nürnberger Kodex seine weltweite Verbreitung (Giese, 2002, S. 19). Heutzutage wird der I.C6. als probates Mittel zum Schutz der Patientenautonomie angesehen und ist als Voraussetzung einer medizinischen Behandlung für Juristen und Ethiker (Giese, 2002, S. 15) gleichermaßen selbstverständlich. Patienten spielen eine aktive Rolle im Behandlungsprozess und verlangen umfassende Information und angemessene Beteiligung (Klemperer, 2005, S. 1) an medizinischen Entscheidungen, die sie selbst betreffen. Laut Beauchamp und Childress wird so eine autonome Autorisierung („autonomous authorization“) (Giese, 2002, S. 23) des Patienten ermöglicht.

Haker (2002) beschreibt, dass die Maxime „ salus aegroti suprema lex “ (S. 270) (das Wohl des Patienten ist das oberste Gebot) in diesem Kontext von der neuen, autonomiefördernden Maxime „ voluntas aegroti surpema lex “ (Haker, 2002, S. 270) (der Wille des Patienten ist das oberste Gebot), abgelöst wurde. So muss ohne Ausnahme vor jeder medizinischen Behandlung eine ausreichende Aufklärung vorausgehen und Patienten in diese Behandlung einwilligen, wobei hier auch deren Einwilligungsfähigkeit (Hildt, 2006, S. 254) vorausgesetzt werden muss.

An dieser Stelle sollte auch beachtet werden, dass im Zusammenhang mit dem I.C. den- noch oft nicht klar ist, ob Patienten alle Informationen in angemessener Weise auf ihre eigene Situation anwenden können und es kann nichts darüber ausgesagt werden, in wieweit individuelle Schwierigkeiten (Hildt, 2006, S.254) beim Verstehen auftreten. Dies könnte unter Umständen auch dann der Fall sein, wenn die Informationen in unkla- rer, nicht zusammenhängender oder verworrener Weise (Hildt, 2006, S.149) dargeboten werden oder die Vermittlung in ungeeigneten Situationen erfolgt (Hildt, 2006, 149). Laut einer Studie von Bengler et al. (1980) erinnerten sich Patienten 2 Stunden nach der Aufklärung durchschnittlich nur an 72 Prozent der übermittelten Informationen (Bengler, Pennington, Metcalf, Freis, 1980, S. 435). Drei Monate nach der Aufklärung sank dieser Wert bereits auf 61 Prozent (Bengler et al., 1980, S. 435) ab. Neben einer differenzierten fachlichen Information über die Modalitäten und Risiken einer geplanten Behandlung muss ebenso über die angezielten Wirkungen, Nebenwir- kungen, Beeinträchtigungen und Spätfolgen (Giese, 2002, S. 30) aufgeklärt werden. Das Handlungsmodell des I.C. schützt somit den Patienten, seine körperliche und seelische Unversehrtheit (Giese, 2002, S. 15) und daher die Würde des Menschen. In der pränatalen Medizin müssen all diese Faktoren ebenso als Fundament für eine um- fassende Aufklärung gelten.

3. Pränatale Diagnostik

Heutzutage wird bei jeder herkömmlichen Schwangerenvorsorge untersucht, ob und wie das Kind sich entwickelt und ob es der werdenden Mutter gut geht. Bei diesen regulären Untersuchungen können eventuell Krankheiten oder Behinderungen beim Kind festge- stellt werden. Die PND geht noch einen Schritt weiter und sucht ganz gezielt nach be- stimmten Auffälligkeiten, Krankheiten oder Behinderungen. Durch Früherkennung von kindlichen Fehlbildungen soll eine optimale Behandlung der Schwangeren und des ungeborenen Kindes (Hildt, 2006, S. 373) ermöglicht werden.

Die Inanspruchnahme von PND erfolgt exakter mit zwei verschiedenen Zielsetzungen, entweder „therapie- oder existenzbezogen“ (Woopen, 2001, S. 697). Die therapiebezo- gene PND dient zur Verbesserung des Schwangerschaftsverlaufs, der Gesundheit von Mutter und Kind und der Geburt (Biehl & Woopen, 2010, S. 57). Die existenzbezogene PND sucht nach Merkmalen oder Erkrankungen des Feten (Biehl & Woopen, 2010, S. 58), welche unter Umständen bei schweren Befunden die Frage nach einem Schwanger- schaftsabbruch nach medizinisch-sozialer Indikation (Biehl & Woopen, 2010, S. 58) aufwirft. Heutzutage lässt sich nicht jede pränataldiagnostische Untersuchung sofort und eindeutig der einen oder anderen Zielsetzung zuordnen. Vor allem die zur Mitte der Schwangerschaft angebotenen Ultraschalluntersuchungen nehmen hier eine Doppelrolle (Biehl & Woopen, 2010, S. 58) ein.

Von Seiten der schwangeren Frauen liegt das Motiv, PND in Anspruch zu nehmen, in aller Regel darin, feststellen zu lassen, dass mit dem ungeborenen Baby „alles in Ordnung“ (Wassermann & Rohde, 2009, S. 32) ist, was in der Geschichte der Medizin eine relativ junge Möglichkeit darstellt.

3.1 Historische Entwicklung

Die Geschichte der PND begann bereits im 19. Jahrhundert mit der Entwicklung des Ultraschalls. Das Ehepaar Curie entdeckte damals die physikalischen Grundlagen (Trautmann & Merz, 2007, S. 3) des Ultraschalls. Ab 1930 (Schleenbecker, 2006, S. 6) trat in der Geburtsmedizin ein elementarer Gesinnungswechsel ein: Die bisherige Sorge um das mütterliche Wohlbefinden wurde um die Sorge um das Wohl des ungeborenen Kindes erweitert. Der Einsatz von Ultraschall speziell in der Frauenheilkunde begann 1958, als der Brite Ian Donald (Trautmann & Merz, 2007, S. 3) erstmals Ultraschallauf- nahmen publizierte, welche eine bildliche Darstellung des ungeborenen Kindes ermög- lichten. Diese Visualisierung stellte eine radikale Veränderung (Haker, 2002, S. 63) in der gynäkologischen Medizin dar. Die Absichten der PND haben sich seit dieser Zeit verschoben, denn das ursprüngliche Ziel war die Senkung der Rate der Totgeburten und der Säuglingssterblichkeit (Schleenbecker, 2006, S. 4). Nun entwickelte sich eine starke Risikoorientierung zur möglichst frühzeitigen Aufdeckung von fetalen Schädigungen (Schleenbecker, 2006, S. 4). 1966 fand als erste invasive Maßnahme die Entnahme von Fruchtwasser7 während des zweiten Schwangerschaftsdrittels statt (Trautmann & Merz, 2007, S. 3) um kindliche Chromosomen zu untersuchen. Im Weiteren wurden Anfang der Achtzigerjahre erstmals Chorionzotten8 - ebenfalls zur Chromosomenanalyse - ent- nommen.

In den Siebziger und Achtzigerjahren fand parallel zur rasanten Entwicklung von Computern eine wesentliche Verbesserung der Bilddarstellung und Bildauflösung (Haker, 2002, S. 62) statt. Hier wurden auch erstmals räumliche, dreidimensionale Ultraschalldarstellungen (Trautmann & Merz, 2007, S. 3), durchgeführt.

Während diesem Zeitraum setzte sich die pränatale Diagnostik als medizinisches Instrument der Früherkennung von Behinderungen (Haker, 2002, S. 63) durch. Weiterhin fand die Entwicklung der Vaginalsonographie statt, welche eine detaillierte bildliche Darstellung bereits während der Frühschwangerschaft ermöglichte. Insgesamt haben seit den 1970er Jahren die Durchführung von Amniocentesen9 und Chorionzottenbiopsien10 (Hildt, 2006, S. 375) stark zugenommen.

Aufgrund der raschen Entwicklung der PND wurde 1974 das „Risikokonzept“, und et- was später das „genetische Altersrisiko“ in die Schwangerenvorsorge (Wagner, 2005, S. 7) aufgenommen. Seitdem wird Frauen ab 35 Jahren eine Fruchtwasseruntersuchung empfohlen (Wagner, 2005, S. 7). 1976 nahm man den Ultraschall als pränataldiagnosti- sches Verfahren (Trautmann & Merz, 2007, S. 3) in den Leistungskatalog der Kranken- kassen auf und seit 1995 (Wagner, 2005, S. 7) stehen jeder schwangeren Frau drei von den Krankenkassen bezahlte Ultraschalluntersuchungen11 zu. Eine Verquickung der ärztlichen Schwangerenbetreuung (Mayer-Lewis, Bauer, Sachse, 2010b, S. 5) und prä- nataler Fehlbildungsdiagnostik findet heutzutage immer mehr statt.

[...]


1. Der Einfachheit halber wird Pränataldiagnostik in dieser Arbeit auch als PND bezeichnet

2. Zur besseren Lesbarkeit gibt es in dieser Arbeit keine geschlechterspezifische Bezeichnung. Die männliche oder weibliche Form wird je nach Bedarf im Kontext des Textes verwendet.

3. Für die Veröffentlichung entfernt.

4. Diagnosis Related Groups, ein in Krankenhäusern benutztes Klassifikationssystem. Es werden Leistungen an Patienten anhand von Haupt- und Nebendiagnosen klassifiziert.

5. Die „individuellen Gesundheitsleistungen“. Diese sind Leistungen, welche über die vom Ge- meinsamen Bundesausschuss festgelegte Patientenversorgung hinausgehen. Sie werden von den Krankenkassen nicht erstattet und müssen von den Patienten selbst bezahlt werden.

6. Der Informed Consent wird im weitern auch mit I.C. abgekürzt

7. Die sogenannte Amniocentese

8. Bei den Chorionzotten handelt es sich um den fetalen Teil der Plazenta

9. Bioptische Fruchtwasseruntersuchung

10. Per Biopsie entnimmt man kleine Teile der sich bildenden Plazenta, die Chorionzotten

11. Lt. Mutterpass finden diese Ultraschalluntersuchungen in der 9.-12.SSW, der 19.-22.SSW und der 29.-32 SSW statt. In keinem anderen europäischen Land werden so viele US- Untersuchungen gemacht, oftmals viele mehr als die oben genannten 3. Trotzdem kommen die deutschen Kinder nicht gesünder auf die Welt, hier schneiden alle westeuropäischen Länger gleich gut ab.

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Details

Titel
Ethische Dimension der Pränataldiagnostik im Kontext der gynäkologischen Praxis
Hochschule
Fachhochschule der Diakonie GmbH  (Fachhochschule der Diakonie GmbH Bielefeld)
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
52
Katalognummer
V214618
ISBN (eBook)
9783668439153
ISBN (Buch)
9783668439160
Dateigröße
669 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pränataldiagnostik, Ethik, Gynäkologische Arztpraxis
Arbeit zitieren
Anja Pflaum (Autor), 2011, Ethische Dimension der Pränataldiagnostik im Kontext der gynäkologischen Praxis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/214618

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Titel: Ethische Dimension der Pränataldiagnostik im Kontext der gynäkologischen Praxis


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