Der Begriff "Communio" in seiner Gründbedeutung für das Christentum


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
20 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2. 1 Zur Wortbedeutung
2. 2 Vor- und außerchristliche Communio-Konzeptionen
2. 3 Das theologische Fundament des Communio-Gedankens im Christentum
2. 3. 1 Gott selbst ist Communio: Trinität
2. 3. 2 Die Schöpfung als Spiegel des Wesens Gottes: Welt und Mensch
2. 3. 3 Der Höchstfall der Communio Gottes mit den Menschen: Jesus Christus
2. 4 Communio als Geschenk und Herausforderung

3. Schluß

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Begriff Communio ist zu einem Zentralbegriff der neueren ekklesiologischen Diskussion geworden: Auch wenn die Kennzeichnung der Kirche als „Volk Gottes“ „sogar als die eigentliche Neuerung des Konzils angesehen“[1] wurde, so hat „[m]ehr noch als diese beiden Begriffe [sc. „Leib Christi“ und „Volk Gottes“; M. K.] [...] der Begriff 'communio' die Ekklesiologie nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil geprägt“[2] – im Hinblick auf die Intention der Konzilsväter wohl zurecht.[3]

Dabei handelt „es sich um einen biblisch und altchristlich hervorragenden Titel“[4], der „in seiner theologischen Grundbedeutung die in der Gemeinschaft des dreifaltigen Gottes gründende Gemeinschaft der Menschen mit ihm und untereinander“[5] bezeichnet. Bereits von seinem biblischen Ursprung her wird communio (bzw. griech. κοινωνία) in verschiedenen Hinsichten verwendet.[6] Entsprechend dieses analogen Sprachgebrauchs hat auch „das Konzil diese Bezeichnung in einem sehr allgemeinen Sinn und in einer großen Streubreite gebraucht“[7], und zwar so, „daß die gemeinte Einheit immer eine andere ist“[8].

In Anwendung des Communio-Gedankens auf die Kirche selbst ist festzuhalten, daß „primär [...] Communio nicht die Struktur, sondern das Wesen, besser: das Mysterium der Kirche selbst [bezeichnet]“[9]. Wenn die Kirche vom Konzil als Communio bezeichnet wird, so fügt es dem Wort „Communio“ meist einen Zusatz an, der das jeweils Gemeinte näher spezifiziert.[10] „So gesehen, darf man die heute vielzitierte Behauptung bezweifeln, daß das Konzil selbst schon eine förmliche Communio-Ekklesiologie entwickelt habe [...]. Es bleibt seiner Ausgangsposition treu, daß die Kirche ein in einem Einzelbegriff nicht zu fassendes Geheimnis ist, und ergänzt so auch den Communio-Begriff ständig durch Bezugnahme auf andere Glaubensmomente“.[11]

Dementsprechend hat die starke Betonung der Communio-Ekklesiologie in der heutigen Diskussion auch erst mit der Aufwertung derselben durch die außerordentliche Bischofssynode von 1985 eingesetzt.[12] Die Tatsache, daß der Communio-Begriff an sich für viele Deutungen offen ist, hat in dieser heutigen Diskussion oft zu Fehlinterpretationen desselben geführt, die sich in sachlich unangebrachter Weise auf das Konzil berufen.[13]

Ohne jedoch auf die ekklesiologisch-strukturellen Debatten näher einzugehen[14], soll in dieser Arbeit vielmehr versucht werden, die oben erwähnte theologische Grundbedeutung des Communio-Begriffs, der „theologisch den Bereich der Ekklesiologie [sprengt]“[15], genauer zu beleuchten, insbesondere im Hinblick darauf, was er in der Auseinandersetzung mit fundamentalistischen Entwürfen von Christentum zu leisten vermag. Darauf, daß ihm hierbei eine zentrale Rolle zukommen kann, weist schon die Tatsache hin, daß man ihn als „Schlüsselbegriff des Glaubens“[16] bezeichnet hat, der - als „hermeneutische Grundperspektive“[17] - einen Schlüssel für das Verständnis des Christentums in Bezug auf die ihm innewohnende Spannung zwischen unaufgebbarer Einmaligkeit seiner Botschaft einerseits und seiner gerade daraus resultierenden universalen Bedeutsamkeit andererseits darstellt[18].

Dabei soll zunächst auf die ursprüngliche Wortbedeutung eingegangen sowie vor- und außerchristliche Communio-Entwürfe vorgestellt werden, um dann das spezifisch christliche des Communio-Gedankens näher in den Blick zu nehmen und schließlich einige sich aus diesem ergebende Folgerungen für das Wesen der christlichen Existenz und der Existenz des Christentums aufzuzeigen.

Zum Abschluß wird rückblickend ein Antwortversuch gemacht werden müssen auf die Frage, welche Rolle dem Communio-Begriff im Christentum tatsächlich zukommt und was dies für das Verhältnis zwischen Fundamentalismus und Christentum bedeutet.

2. Hauptteil

2. 1 Zur Wortbedeutung

Aus einer genaueren Betrachtung der Wortbedeutung von „Communio“ ergeben sich schon wichtige Anhaltspunkte für seinen theologischen Gehalt:

Das lateinische Wort „Communio“ heißt zwar, wie das entsprechende griechische Wort κοινωνία, „Gemeinschaft“; das entsprechende Verb (communicare bzw. κοινωνέω) hat jedoch ursprünglich die Grundbedeutung „teilen, teilnehmen, Anteil haben, mit jemand etwas gemeinsam haben oder zusammen handeln“[19].

Nach von Balthasar hat das lateinische Wort „Com-munio“ einerseits einen Bezug zu „munio“ (mit einer Schanze umwallen) bzw. „moenia“ (Stadtmauer). Menschen, die in Communio leben, finden sich also bereits als in einem gemeinsamen Lebensraum Zusammengefügte vor, und zwar so, daß sie zum Vollbringen einer gemeinsamen Leistung aufeinander angewiesen sind, worauf auch der andere sprachliche Bezug hinweist: „munus“ = Aufgabe, aber auch Gnade, Geschenk.[20] Hier schließt sich der Kreis wieder zur ursprünglichen Bedeutung von κοινωνέω.

Das bedeutet, daß dem Beisammensein in einer Communio also seine Gestaltung als Aufgabe mitgegeben ist, jedoch so, daß dieser Aufgabe bereits eine „vorgegebene Gabe, die man empfängt, um sie weiterzugeben, vorangeht“[21] - Communio bezieht sich also auf eine ganz intensive Form von Beziehung, Liebe und Gemeinschaft.[22]

Das heißt jedoch nicht, daß eine communiale Gemeinschaft konfliktfrei ist - im Gegenteil: Um die gemeinsame Leistung vollbringen zu können, bedarf es der „krisis“ (Unter-Scheidung) durch „notwendige Akte freier Wahrheitsfindung“[23] zwischen verschiedenen Individuen. Und hier stoßen wir bereits auf einen gerade in unserem Zusammenhang zentralen Aspekt des Communio-Begriffs: Er ist eine Vermittlungsgröße zwischen Identität und Differenz. Die „mit communio gemeinte Einheit [...] ist gerade die Einheit der bleibend verschiedenen Vielen. [...] Was unterschieden, anders, sich fremd ist, wird durch Teilhabe an einem Gemeinsamen zur Einheit zusammengefügt, ohne daß dadurch die Differenzen aufgelöst würden“[24] ; hierin liegt gerade seine Eigenart und Stärke.[25]

Mit diesen grundsätzlichen Einsichten ist auch verständlich, warum man in der Theologie für „communio“ nicht einfach den deutschen Begriff „Gemeinschaft“ verwendet: Während dieser eher statisch konnotiert ist, bezeichnet Communio eine dynamische Wirklichkeit, ein nie beendetes, lebendiges, prozeßhaftes Geschehen.[26]

An dieser Stelle erhebt sich nun die Frage, worin denn das Fundament der Communio

besteht, das ihre Einheit sichert, und auf dem es erst zu kritischen Prozessen der Wahrheitsfindung kommen kann - eine Frage, auf die nicht erst und nicht nur das Christentum den Versuch einer Antwort gegeben hat. Werfen wir also zunächst einen kurzen Blick auf einige dieser Versuche und ihre Problematiken.

[...]


[1] Scheffczyk, Leo, Aspekte der Kirche in der Krise. Um die Entscheidung für das authentische Konzil, Siegburg 1993, 69 [Künftig zitiert: Scheffczyk, Aspekte]. Ähnlich Ratzinger, Joseph, Communio – ein Programm, in: Internationale katholische Zeitschrift 21 (1992), 454-463, hier: 458 [Künftig zitiert: Ratzinger, Communio], der sogar meint, daß dieser Begriff damals zunächst kaum beachtet worden sei.

[2] Zollitsch, Robert, Was auf uns zukommt, in: Lebendige Seelsorge. Zeitschrift für alle Fragen der Seelsorge, Heft 4 (1998), 180-185, hier: 182. - Die Schreibweise des Wortes Communio mit großem oder kleinem Anfangsbuchstaben wird in der Literatur unterschiedlich gehandhabt.

[3] Vgl. hierzu Kasper, Walter, Kirche als Communio. Überlegungen zur ekklesiologischen Leitdidee des II. Vatikanischen Konzils, in: Theologie und Kirche, Mainz 1987, 272-289, hier: 273: „[...] vielleicht sogar die Leitidee des letzten Konzils, lautet deshalb: communio.“ [Künftig zitiert: Kasper, Communio] - H. Wagner sagt vorsichtiger, daß „sich die ekklesiologische Communio-Theologie im Bereich der Grundintentionen des Konzils [entfaltet].“ (Wagner, Harald, Dogmatik, Stuttgart 2003 (= Kohlhammer Studienbücher Theologie; 18), 88 [Künftig zitiert: Wagner, Dogmatik].

[4] Scheffczyk, Aspekte, 69. – H. U. v. Balthasar meint in diesem Zusammenhang: „Nur ein altes Wort kann hier dienlich sein.“ (Balthasar, Hans Urs von, Communio – Ein Programm, in: Internationale katholische Zeitschrift 1 (1972), 4-17, hier: 5 [Künftig zitiert: Balthasar, Communio].

[5] Kellner, Thomas, Kommunikative Gemeindeleitung. Theologie und Praxis, Mainz 1998. Zugl.: Regensburg, Univ., Diss., 1997, 139 [Künftig zitiert: Kellner, Gemeindeleitung].

[6] Vgl. Drumm, Joachim, Communio. I. Systematisch-theologisch, in: LThK. Begründet von Michael Buchberger. Herausgegeben von Walter Kasper mit Konrad Baumgartner, Horst Bürkle, Klaus Ganser u. a., Bd. 2, Freiburg i. Br., Basel, Rom, Wien 31994, Sp. 1280f. [Künftig zitiert: Drumm, Communio].

[7] Scheffczyk, Aspekte, 70; ähnlich Kasper, Communio, 275.

[8] Scheffczyk, Aspekte, 71; vgl. auch Kellner, Gemeindeleitung, 142f.; Drumm, Communio, Sp. 1282.

[9] Kasper, Walter, Der Leitungsdienst in der Gemeinde. Referat von Bischof Dr. Walter Kasper beim Studientag der Deutschen Bischofskonferenz in Reute. 23. Februar 1994 (=Arbeitshilfen; 118), hrsg. vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Bonn 1994, 6 (Unterstreichung im Orig.) [Künftig zitiert: Kasper, Leitungsdienst]. - Sehr aufschlußreich auch Kaspers Deutung des berühmten Begriffs aggiornamento: „Das aggiornamento des Konzils bestand ja eben darin, daß es gegenüber der in den letzten drei Jahrhunderten einseitig vorherrschenden Konzentration auf die sichtbare und hierarchische Gestalt der Kirche das nur im Glauben erfaßbare Mysterium der Kirche wieder in den Vordergrund stellte.“ [Kasper, Communio, 175]. Kasper möchte ich hier als “unverdächtigen Zeugen“ neben Scheffczyk stellen; J. Werbick hat ihn in seiner Ekklesiologie-Vorlesung einmal, wohl im Hinblick auf Ratzinger, als jemanden bezeichnet, dem man auch nach seiner Bischofsweihe seine Verwurzelung in der theologischen Forschung noch anmerken könne.

[10] Vgl. Scheffczyk, Aspekte, 70; Kellner, Gemeindeleitung, 144f. - Eine genaue Analyse des unterschiedlichen Sprachgebrauchs von „Communio“ in den Texten des II. Vat. Konzils ist zu finden in Saier, Oskar, „Communio“ in der Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils. Eine kirchenrechtliche Untersuchung, Ismaning 1973 (= Münchener Theologische Studien; 32), 1ff.

[11] Scheffczyk, Aspekte, 71. - Ähnlich äußert sich auch T. Kellner, wenn er sagt, daß „die Communio-Ekklesiologie unbedingt durch die Sichtweise der Kirche als Sakrament ergänzt werden muß.“ (Kellner, Gemeindeleitung, 176).

[12] Vgl. Scheffczyk, Aspekte, 71f.; Drumm, Communio, Sp. 1280; Kasper, Leitungsdienst, 6.

[13] Vgl. Scheffczyk, Aspekte, 72-76 und Ratzinger, Communio, 458f. sowie Kasper, Communio, 286. - „Gemeinsam ist vielen dieser Fehlinterpretationen der Communio [...] der hohe Anspruch auf Wissenschaftlichkeit und absolute Neuheit ihrer Gedanken, die in Wirklichkeit mehr aus unkontrollierten Emotionen bestehen.“ (Scheffczyk, Aspekte, 75) - Dahinter steht auch das Problem, wer das Konzil verbindlich auslegen kann und wie es überhaupt auszulegen ist und dem z. B. W. Kasper, ebenfalls in „Theologie und Kirche“, nachgeht.

[14] Diese Aufgabe hat – entsprechend unserer Aufteilung beim Referat im Seminar – mein Mitreferent übernommen. Ich habe mir die obigen Ausführungen auch nur deshalb erlaubt, weil ich auf diese Problematik schon einmal im Zusammenhang mit einer Hausarbeit zum Thema „Gemeindeleitung und Eucharistievorsitz“ gestoßen bin. Dadurch sollte nur angedeutet werden, welch grundsätzliche Bedeutung dem Begriff in den heutigen Diskussionen um Wesen und Gestalt der Kirche zukommt.

[15] Hemmerle, Klaus, Communio als Denk- und Lebensweise, in: Biemer, G./Casper, B./Müller, J. (Hg.), Gemeinsam Kirche sein. Theorie und Praxis der Communio. Festschrift für Oskar Saier, Freiburg/Basel/Wien 1992, 77-89, hier: 77 [Künftig zitiert: Hemmerle, Communio].

[16] Greshake, Gisbert, Communio – Schlüsselbegriff der Dogmatik, in: Biemer, G./Casper, B./Müller, J. (Hg.), Gemeinsam Kirche sein. Theorie und Praxis der Communio. Festschrift für Oskar Saier, Freiburg/Basel/Wien 1992, 90-121, hier: 94 [Künftig zitiert: Greshake, Communio].

[17] Ebd., 94.

[18] Vgl. Balthasar, Communio, 5.

[19] Werbick, Jürgen, Den Glauben verantworten. Eine Fundamentaltheologie, Freiburg/Basel/Wien 2000, 778 [Künftig zitiert: Werbick, Fundamentaltheologie]. - Von daher leitet sich auch der Sprachgebrauch des „Kommunizierens“ für den Empfang der Eucharistie ab, vgl. ebd., 781.

[20] Vgl. Balthasar, Communio, 5f.

[21] Greshake, Communio, 95.

[22] Vgl. Wagner, Dogmatik, 61 und Greshake, Communio, 96.

[23] Balthasar, Communio, 6.

[24] Greshake, Communio, 9. Interessant auch Ratzinger, Communio, 457, der zur Namensgebung der Internationalen katholischen Zeitschrift „Communio“ anmerkt: „Gegenüber dem zentralistischen Konzept von Concilium waren wir der Meinung, daß der Sinn des Wortes Communio ein Miteinander von Einheit und Verschiedenheit verlangte.“

[25] Vgl. Drumm, Communio, 1282.

[26] Vgl. Greshake, Communio, 96.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Der Begriff "Communio" in seiner Gründbedeutung für das Christentum
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Katholisch-Theologische Fakultät)
Veranstaltung
Hauptseminar "Fundamentalismus und christliche Identität"
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
20
Katalognummer
V21464
ISBN (eBook)
9783638250795
ISBN (Buch)
9783638781749
Dateigröße
537 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit zeigt, daß der Begriff Communio für alle wesentlichen Bereiche der christlichen Lehre eine grundsätzliche Bedeutung hat (im Anschluß an Gisbert Greshake) und entlarvt, ausgehend von einer Analyse des Begriffs, rein innerweltliche Versuche der Schaffung von Communio als prinzipiell nicht durchführbar. Schließlich gibt sie Hinweise, warum fundamentalistische Ansätze mit dem Begriff Communio - und damit mit dem Wesen des Christentums - nicht zu vereinbaren sind.
Schlagworte
Begriff, Communio, Gründbedeutung, Christentum, Hauptseminar, Fundamentalismus, Identität
Arbeit zitieren
Magnus Kerkloh (Autor), 2004, Der Begriff "Communio" in seiner Gründbedeutung für das Christentum, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/21464

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