Lässt sich die "Historia von D. Johann Fausten" auch tatsächlich unter dem Terminus einer Historia fassen?

Eine Untersuchung zur Kohärenz bezüglich der verschiedenen Erzählkonzepte und des Wahrheitsanspruchs im Faustbuch von 1587


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013
18 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 EINLEITUNG

2 DER AUFBAU DER HISTORIA
2.1 DIE VITA
2.2 DIE LEHRGESPRÄCHE
2.3 DER SCHWANKTEIL MIT SEINEN BESONDERHEITEN
2.4 DAS ENDE

3 DIE HYRIDEN ERZÄHLKONZEPTE DER HISTORIA ZUR INNEREN KOHÄRENZ DER ERZÄHLUNG

4 DER WAHRHEITSANSPRUCH DER HISTORIA
4.1 TATSACHENGEHALT
4.2 QUELLENFIKTION

5 FAZIT

6 LITERATURVERZEICHNIS

1 EINLEITUNG

Im Jahre 1587 wird die Historia von D. Johann Fausten auf der Frankfurter Herbstmesse ein sensationeller Bestseller. Der frühneuhochdeutsche Prosaroman – damals zuerst tatsächlich als Verfallsprodukt verschrieen – übte durch seinen Protagonisten, der als Teufelsbündner seinem Schicksal überlassen blieb, auf die Leserschaft eine doch ungeahnte Wirkung und Faszination aus.[1] Die frühneuhochdeutsche beziehungsweise spätmittelalterliche Literatur umfasst in der deutschen Literaturgeschichte die Zeitspanne zwischen Hochmittelalter und dem Beginn der Frühen Neuzeit mit dem (Früh-) Humanismus, der Reformation und der Renaissance, also den Zeitraum zwischen 1220 und 1520.[2] Auf diese literarische Zwischenzeit versuchte wohl auch der unbekannte Verfasser der Historia zu reagieren, denn in diesem Rahmen gab es so gut wie „nichts als Dokumente einer Krise, des Wildwuchses, der Formlosigkeit und der Auflösung.“[3] Sowohl Autor als auch Verleger haben mit ihrer Historia sicherlich ein breites Massenpublikum ansprechen wollen, denn dafür spricht alleine schon die Genrewahl des Werkes. Durch diese und ihren in leicht überschaubare Episoden gegliederten Text, der in 68 Kapiteln erzählt wird, erreicht sie somit einen sehr großen Kreis an Interessenten, der von einer kleinen Gruppe gebildeter Leser bis hin zu den interessierten Nicht-Lesern reicht.[4] Vielleicht war es der Historia so möglich, ein Hauptwerk der deutschen Literatur des 16. Jahrhunderts zu werden, denn nachdem das Buch erstmals zur Frankfurter Herbstmesse 1587 erschien, wurde es noch im selben Jahr fünf Mal nachgedruckt, bis 1599 waren es insgesamt 22 neue Auflagen oder Nachdrucke, teilweise mit Erweiterungen, die weiter folgten. Die Figur des Doktor Johann Faustus, eines fahrenden Gelehrten, Magiers und Scharlatans sowie eines Astrologen, Alchemisten und Wunderheilers, der sich im Zeitraum von 1480 bis 1540 in Deutschland herumtrieb, geisterte nach seinem Tod in vielen Geschichten durch sowohl schriftliche als auch mündliche Überlieferungen. Im Jahre 1587 wurde er daraufhin in der Historia als negatives Exempel fixiert.[5]

Zuallererst stellt sich nun die Frage, was denn überhaupt eine Historia ist und was sie ausmacht. Abgeleitet aus dem Griechischen meint das Wort Historia/Historie soviel wie Erkundung, Kunde oder Erzählung.[6] Eine Historie beinhaltet die

„Erkundung und Darlegung faktischer, vornehmlich geschichtlicher Befunde. […] Neben dem Gebrauch als Bezeichnung für geschichtliche Gegebenheiten gilt ,Historie' nach mittelalterlicher Definition als ein Werktyp der Geschichtsschreibung, der im Unterschied zur […] Chronik nicht zeitliche, sondern sachliche Zusammenhänge in den Vordergrund stellt, diese in gebotener Ausführlichkeit darlegt und die exemplarisch-didaktische Komponente des Geschichtlichen herausstellt. Zugleich ist in antiker Tradition historia/Historie die generelle Bezeichnung für eine empirische und der Wahrheitstreue verpflichtete Vorgehensweise zur Erfassung des Faktischen“.[7]

Eine Historia fungiert demnach so hingehend, als dass sie grundsätzlich einen Zugriff auf die Vergangenheit ermöglicht. Sie ist zu verstehen als die Erzählung von Geschehen, durch die das, was in der Vergangenheit passiert ist, erkannt wird. Hierbei pflegt sie, sich dabei auf durch Augenzeugen gewonnenes Wissen zu stützen und steht unter dem Gebot der Wahrheitstreue. In diesem Hinblick wird die Historia nicht bloß als eine Vermittlerin von tatsächlich Geschehenem gesehen, stattdessen bezeichnet sie das Faktische selbst. Mit dem Terminus Historia konnte jedoch nicht nur die Darstellungsweise, sondern auch bloß der Stoff benannt werden. Schon im Mittelalter hießen narrative Texte wie beispielsweise auch das Exempel, verstärkt im 15. und 16. Jahrhundert aber auch der Prosaroman Historia, so dass sie trotz aller Abgrenzungsversuche ein Werktitel für im Prinzip jede erzählende Darstellung sein kann.[8]

Im Gegensatz dazu ist der Prosaroman die Bezeichnung für eine längere Erzählungen des 15. und 16. Jahrhunderts ohne Versbindung.[9]

„Prosaromane sind frühe Unterhaltungsliteratur für eine breitere Leserschaft [...]. Sie speisen sich aus vielen Traditionen: antikem und höfischem Roman, Heldenepik, Novellistik, Historiographie, Reiseliteratur, Sage, Legende, Schwanksammlungen. Das Spektrum reicht von Bearbeitungen älterer Werke […] bis zu Texten, die auf keine bestimmte Vorlage, sondern nur auf einen Fundus traditioneller Motive und Erzählmuster zurückgehen. Sie erscheinen überwiegend anonym [...]. Als gemeinsame Tendenzen lassen sich ausmachen: der - tatsächliche oder fingierte - Anspruch auf Faktenwahrheit (historia), die Konzentration der Erzählung auf die Handlung, das Desinteresse an anspruchsvollerem rhetorischen […] Ornatus, der Abbau besonderer gruppenspezifischer Verstehensbedingungen, eine auch für ungeübte Leser geeignete Einrichtung des Textes (Kapitelüberschriften, kleine Textabschnitte, Anleitungen zum ,Gebrauch'), die Ausstattung mit Illustrationen und in der Regel schon die Verbreitung im Druck. Der ,historische' Geltungsanspruch fördert die Anlehnung an Organisationsmuster der Historiographie, insbesondere an die auf einen einzelnen Helden konzentrierte […] Vita. Von der zünftigen Geschichtsschreibung grenzt sich der Prosaroman insofern durch seine Fokussierung einzelmenschlicher Schicksale ab.“[10]

Der Begriff Prosaroman setzte sich etwa seit den 1970er Jahren in der Germanistik für längere Erzähltexte des 15. und 16. Jahrhunderts durch und tritt an die Stelle der Bezeichnung Volksbuch, die in der Literaturwissenschaft des 20. Jahrhunderts häufig als eine Sammelbezeichnung für diese Art von Texten verwendet wurde.[11] Der Prosaroman und sein hoher

„Bedarf regte neben Bearbeitung und Druck verwandter Texttypen neue Texte an, deren Thematik den feudaladeligen Rahmen der früheren Prosaromane verläßt und die mit heterogenen Erzählmustern spielen. […] Ein hybrides Gebilde ist auch das Faustbuch (1587), das die Geschichte eines berühmten Magiers erzählt. Die schon deutlich biographisch organisierte ,Historia' […] integriert theologischen Traktat, Reisebericht, naturkundliche Abhandlung, Städtekatalog, Schwänke (überwiegend fremder Provenienz) in die Lebensgeschichte des Teufelsbündlers. Konkurrierend zur Biographie nutzt der Schwankzyklus des ,Lale-' oder ,Schildbürgerbuchs' das Organisationsmuster der Geschichte eines Gemeinwesens.“[12]

Bis hierher sollte nun also deutlich gemacht werden, dass die Historia einem linearen Erzählanspruch und ebenso auch einem Anspruch auf Wahrheit folgt, es sollte demnach innerhalb eines mit dem Terminus Historia betitelten Textes in gewisser Weise Kohärenz vorliegen. In der Forschung ist genau dieser Punkt, nämlich ob es dem Verfasser de s Faustbuchs gelungen ist, die für sein Werk erforderliche Kohärenz in einem dafür angemessenen Maße herzustellen, höchst umstritten. Betrachtet man die obige Definition zum Prosaroman, so wird sichtbar, dass hier von heterogenen Erzählmustern und vom Faustbuch als einem hybriden Gebilde die Rede ist. Genau dieses spiegelt sich auch in seinen verschiedensten Erzählkonzepten wider. Man sieht also, dass sich die hier verwendeten Gattungstermini Historia und Prosaroman im Prinzip ein wenig widersprechen. Und auch in sowohl der älteren als auch der jüngeren Forschung wurde wiederholt die Meinung vertreten, dass es dem Verfasser nicht gelungen sei, das überaus heterogene Material seiner verwendeten Quellen zu einer kohärenten Erzählung zu vereinen, was unter anderem auch zu einem großen Teil daran liegt, dass die einzelnen Teile der Historia – wie bereits gesagt wurde - durchaus unterschiedlich strukturiert und nur durch den von außen hergestellten biographisch-linearen Ablauf verbunden sind. Dieser Meinung zufolge weisen sie keine innere Kohärenz auf.[13] Unter diesem und einigen weiteren Gesichtspunkten soll das Faustbuch nun auch von mir untersucht werden. Das primäre Merkmal einer jeden Historia sollte normalerweise ihre Kohärenz sein, weshalb sich im Rahmen dieser Arbeit die Frage stellt, ob sich die Historia von D. Johann Fausten denn nun auch tatsächlich unter dem gattungsspezifischen Terminus einer Historia fassen lässt.

In den folgenden Punkten dieser Arbeit wird zuerst der genaue Aufbau der Historia näher beleuchtet (2), es soll kurz auf die verschiedenen Teile im Einzelnen eingegangen werden. Daran anschließend folgt eine genauere Erläuterung der verschiedenen im Faustbuch vorherrschenden Erzählkonzepte, diese sollen vor allem unter dem Gesichtspunkt der Frage nach einer vorliegenden inneren Kohärenz betrachtet werden (3), bevor geklärt wird, wie sich das Verhältnis von Wahrheitstreue und Quellenfiktion, das möglicherweise auch eine Art äußerer Kohärenz im Rahmen der Erzählung bedingt, verhält (4). Im Fazit sollen dann abschließend nochmals alle Ergebnisse dieser Arbeit kurz subsumiert werden (5), um zuletzt die Frage zu beantworten, ob das Faustbuch denn eine tatsächliche Historia im eigentlichen Sinn ist. Meine hierbei vertretene Hauptthese ist, dass die prosaromantypischen hybriden Erzählmuster innerhalb des Faustbuches und der größtenteils nicht vorhandene Wahrheitsanspruch der Historia eine Kohärenz innerhalb der Erzählung in einem hohen Maße verdrängen. Die im Rahmen dieser Arbeit herangezogene Forschungsliteratur bezieht sich zu einem großen Teil auf Texte Marina Münklers, für die hier vorliegende Untersuchung wurden ihre Monographie Narrative Ambiguität und einige weitere ihrer Aufsätze, außerdem ebenfalls Jan-Dirk Müllers Einführung zu Faustbuch, herangezogen. Weitere wichtige Aufsätze im Rahmen dieser Arbeit stammen von Günter Hess, Hans-Gert Roloff und Andreas Kraß. Der Großteil der von mir verwendeten Definitionen stammt aus dem Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft.

2 DER AUFBAU DER HISTORIA

Die Historia von D. Johann Fausten ist – wie es in den Prosa-, aber auch den Schwankromanen der Frühen Neuzeit gängig ist – in 68 einzelne Kapitel, von denen jedes mit einer Überschrift versehen ist, unterteilt. Auf den ersten Blick erscheint diese Unterteilung einer solchen biographischen Erzählung in einzelne kurze Kapitel weniger als eine syntagmatische Verknüpfung dieser Episoden zu einem kohärenten Ganzen, sondern vielmehr als eine paradigmatische Reihung einiger Einzelepisoden. Innerhalb des Textes finden sich neben der Gliederung in diverse einzelne Kapitel jedoch auch größer gesetzte Zwischenüberschriften, die das Faustbuch in vier Teile unterteilen.[14] Der Aufbau der Erzählung folgt dem Anspruch historischen Erzählens nach dem ordo naturalis, also einem zeitlich-chronologischen Ablauf.[15]

2.1 DIE VITA

Der erste Teil der Historia (Kapitel 1-17) beschreibt Fausts Herkunft, sein Studium und seine Promotion, des weiteren werden hier sein anschließender Abfall von Gott, seine Beschwörung des Teufels mit dem Zustandekommen des Teufelspaktes nach längeren Verhandlungen, seine ersten Konflikte bezüglich der Vertragsbedingungen und die sich daran anschließenden Disputationen mit Mephistophiles über die Hölle beschrieben.[16]

„Die Schilderung von Fausts Jugend und Studium ist ganz danach organisiert, auf den Teufelspakt hinzuführen. Faustus wird als hochbegabt beschrieben […], aber auch als unbelehrbar, leichtfertig und hochmütig [...], so dass sein Weg in den Teufelspakt als eine konsequente Folge der ihm zugeschriebenen Eigenschaften erscheint […]. Sowohl auf der Performanz- als auch auf der Kommentarebene arbeitet der Erzähler hier mit einer dichten syntagmatischen Verknüpfung, welche die Beschwörung des Teufels als konsequenten Schritt erscheinen lässt.“[17]

[...]


[1] Vgl. Hess, Günter: Historia von D. Johann Fausten. Über die Faszniation eines Textes ohne Autor. In: Klein, Dorothea/ Schneider, Sabine M. (Hg.): Lektüren für das 21. Jahrhundert. Schlüsseltexte der deutschen Literatur von 1200 bis 1990. Königshausen & Neumann. Würzburg 2000. S.87.

[2] Vgl. Janota, Johannes: Spätmittelalter. In: de Gruyter, Walter: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Neubearbeitung des Reallexikons der deutschen Literaturgeschichte. Hrsg. v. Braungart, Georg/ Braungart, Georg/ Fricke, Harald/ Grubmüller, Klaus/ Müller, Jan-Dirk/ Vollhardt, Friedrich/ Weimar, Klaus. Bd. III: P – Z. Berlin 2011-2013. S. 460.

[3] Hess: Historia von D. Johann Fausten. S. 87.

[4] Vgl. Hartmann, Horst: Zur Funktionsbestimmung des Faustbuchs. In: Deutsch Unterricht H. 3/ Jg. 46. Pädagogischer Zeitschriftenverlag. Braunschweig 1987. S. 573.

[5] Vgl. Hess: Historia von D. Johann Fausten. S. 88f.

[6] Vgl. Melville, Gert: Historie. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Bd. II: H – O. S. 49.

[7] Ebd.: S. 49. [Hervorheb. i. O.].

[8] Vgl. ebd.: S. 49f.

[9] Vgl. Müller, Jan-Dirk: Prosaroman. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Bd. III: P – Z. 174.

[10] Ebd.: S. 174. [Hervorheb. i. O.].

[11] Vgl. ebd.: S. 174.

[12] Ebd.: S. 175f.

[13] Vgl. Münkler, Marina: Narrative Ambiguität. Die Faustbücher des 16. bis 18. Jahrhunderts.Vandenhoeck & Ruprecht. Göttigen 2011 (Historische Semantik, Bd. 15). S. 87.

[14] Vgl. ebd.: S. 88f.

[15] Vgl. Münkler, Marina: Historia von D. Johann Fausten (1587). In: Herberichs, Cornelia/ Kiening, Christian (Hg.): Literarische Performativität. Lektüren vormoderner Texte. Chronos Verlag. Zürich 2008 (Medienwandel – Medienwechsel – Medienwissen, Bd. 3). S. 360.

[16] Vgl. ebd.: S. 360.

[17] Ebd.: S. 360f.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Lässt sich die "Historia von D. Johann Fausten" auch tatsächlich unter dem Terminus einer Historia fassen?
Untertitel
Eine Untersuchung zur Kohärenz bezüglich der verschiedenen Erzählkonzepte und des Wahrheitsanspruchs im Faustbuch von 1587
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (Institut für deutsche Philologie)
Veranstaltung
Hauptseminar: Erzählkonzepte des frühneuhochdeutschen Prosaromans
Note
2,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
18
Katalognummer
V214753
ISBN (eBook)
9783656429203
ISBN (Buch)
9783656435723
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
historia, kohärenz, erzählkonzepte, wahrheitsanspruch, johann fausten, faustbuch, 1587, frühneuhochdeutsch, prosaroman
Arbeit zitieren
Julia Steinbichl (Autor), 2013, Lässt sich die "Historia von D. Johann Fausten" auch tatsächlich unter dem Terminus einer Historia fassen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/214753

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