Die Seele baumeln lassen. Freiheit schnuppern. Sich keinem Zwang unterwerfen und einfach mal sein. Schönheit genießen. – Und das inmitten dem hektischen, lärmenden, teilweise stinkenden Berlin? Kann das funktionieren? Warum ist es wichtig? Wie passen Müßiggang und Großstadt zusammen? Welche Perspektiven eröffnet ein Zusammenspiel?
In dieser Hausarbeit möchte ich untersuchen, wie die Rolle des Müßiggangs in der modernen Großstadt in Franz Hessels „Ein Flaneur in Berlin“ im Vergleich mit Georg Simmels Essay „Die Großstädte und das Geistesleben“ dargestellt wird.
Zunächst werde ich dazu einen groben Überblick über die beiden Texte geben.
Der in Georg Simmels 1903 veröffentlichten „Philosophie des Geldes“ enthaltene Essay „Die Großstädte und das Geistesleben“, die eine soziologisch-philosophische Perspektive der Stadtbetrachtung bietet, stellt er die charakteristischen Eigenschaften der Großstadt im Vergleich zum Landleben bzw. der Kleinstadt, ihre Auswirkungen auf das Individuum sowie ihre Bedeutung dar.
Franz Hessel stellt mit seinem „Flaneur in Berlin“ von 1929 eine Figur vor, die in einer solchen Großstadt lebt. In diesem Buch erzählt ein „Müßiggänger inmitten der Geschäftigen“, was er bei seinen Berlinerkundungen wahrnimmt, womit sich ein Vergleich der beiden Texte dazu eignet, zu untersuchen, wie die damalige Literatur Müßiggang und Großstadt vereint.
Im Folgenden sollen danach die charakteristischen Eigenschaften der modernen Großstadt, wie sie der Begründer der Stadtsoziologie Georg Simmel herausgearbeitet hat, auf ihre Bedeutung für den Müßiggänger in der Großstadtlandschaft bei Hessel untersucht werden.
Besonders wird betrachtet, in welchem Verhältnis Müßiggang in der Großstadt zur Blasiertheit, zum Liberalismus und zur Liebe (im weitesten Sinne) steht, und schließlich welche möglichen Rollen des Müßiggangs in der Großstadt die Literatur anbietet.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Hauptteil
1. Georg Simmel: Die Großstädte und das Geistesleben
2. Franz Hessel: Ein Flaneur in Berlin
2.1. Die literarische Flaneurfigur
2.2. Kurze Skizzierung des Inhalts
3. Die Bedeutung der Großstadt für den Flaneur
3.1. Der Flaneur und das Tempo der Großstadt
3.2. Flanerie – eine Form des Selbstschutzes
3.3. Die Inkarnation des Großstädters
3.4. Flanieren im Sitz der Geldwirtschaft
3.5. Spazieren mit Herz
III. Schluss
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Rolle des Müßiggangs in der modernen Großstadt durch einen Vergleich von Franz Hessels „Ein Flaneur in Berlin“ und Georg Simmels soziologisch-philosophischem Essay „Die Großstädte und das Geistesleben“. Dabei wird analysiert, wie der Flaneur als Gegenentwurf zur städtischen Hektik und Anonymität fungiert und welche Bedeutung diese Form der zweckentbundenen Tätigkeit für das Individuum in der modernen Metropole hat.
- Analyse des Großstadttempos und seiner Auswirkungen auf das Individuum nach Georg Simmel
- Die literarische Figur des Flaneurs bei Franz Hessel als bewusste Gegenbewegung
- Vergleich von „Blasiertheit“ als Schutzreaktion und „Flanerie“ als bewusste Wahrnehmungsform
- Untersuchung von Liberalismus, Individualität und zwischenmenschlichen Beziehungen in der Großstadt
- Das Paradoxon von Müßiggang als beobachtende Tätigkeit in der Literatur
Auszug aus dem Buch
3.1. Der Flaneur und das Tempo der Großstadt
Wie schon gesagt ist ihr schnelles Tempo ein charakteristisches Merkmal der Großstadt. Hessels „Flaneur in Berlin“ verkörpert dazu einen Gegenpol: Er ist der „Langsame inmitten der Eiligen, der Müßiggänger inmitten der Geschäftigen“. Obwohl ihn das Tempo Berlins „etwas atemlos macht“, nutzt er die Hektik der anderen auch für sich: Es wird als Vergnügen beschrieben, von der Eile der anderen „überspült“ zu werden, gleich einem „Bad in der Brandung“. Er unterwirft sich dem Diktat der Zeit absichtlich nicht und steht dadurch als Spaziergänger, der von seinem Recht auf Genuss Brauch macht, im Kontrast zum Konsumenten. Die um ihn herum eilenden Großstädter werfen ihm dafür „mißtrauische Blicke“ zu. Er nennt sich selbst einen Verdächtigen, dem negative Absichten unterstellt werden.
Gerade für das Berlin der 20er Jahre ist das Thema „Tempo“ von besonderer Bedeutung, da der Urbanisierungsprozess mit der Schaffung Groß-Berlins 1920 explosionsartig voranschritt. Durch die Eingemeindung 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirken wuchs die bis dahin 1,9 Millionen-Stadt auf das Doppelte an Einwohnern an.
Diese Tempo-Thematik wird im Roman auch durch die erwähnte „Heimatkunde“ aufgegriffen. Die Heimatkunde soll eine geschichtliche Konstante als Gegenpart zum zu jener Zeit in Berlin allgegenwärtigen Gefühl des Heimatverlusts liefern, um so als Überbrückung des Spannungsfelds zwischen der Vergangenheit und der Zukunft der sich wandelnden Stadt zu fungieren.
Die Rolle des Müßiggangs ist hier einerseits ein Ruhepol in der städtischen Hektik. Andererseits aber auch Kommunikationsfläche zwischen Heimweh nach dem alten Berlin und Sehnsucht nach der Zukunft.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Georg Simmel: Die Großstädte und das Geistesleben: Dieses Kapitel skizziert die zentralen Thesen Simmels zum Großstadtleben, insbesondere das durch Reizüberflutung ausgelöste „Tempo“, die daraus resultierende „Blasiertheit“ sowie die Versachlichung und Anonymisierung sozialer Beziehungen.
2. Franz Hessel: Ein Flaneur in Berlin: Hier erfolgt eine Einführung in die literarische Flaneurfigur sowie eine inhaltliche Skizzierung des Werkes von Franz Hessel, welches den Spaziergänger als bewussten Kontrast zur modernen urbanen Dynamik positioniert.
3. Die Bedeutung der Großstadt für den Flaneur: Der Hauptteil analysiert, wie der Flaneur bei Hessel auf die von Simmel beschriebenen Bedingungen – Tempo, Geldwirtschaft, Anonymität – reagiert und dabei seine Rolle als Beobachter und Suchender definiert.
III. Schluss: Das Fazit fasst zusammen, dass die Flanerie sowohl eine Produktreaktion auf die Großstadt als auch eine Bewältigungsstrategie darstellt und wirft die Frage nach dem Paradoxon auf, ob das literarische Festhalten des Müßiggangs diesen nicht zwangsläufig seiner Zweckfreiheit beraubt.
Schlüsselwörter
Müßiggang, Großstadt, Flaneur, Georg Simmel, Franz Hessel, Blasiertheit, Urbanisierung, Literatur, Flanerie, Individualität, Tempo, Versachlichung, Berlin, Moderne, Selbstschutz
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit untersucht das Phänomen des Müßiggangs in der modernen Großstadt durch einen direkten Vergleich zwischen soziologischer Theorie und literarischer Praxis der 1920er Jahre.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen umfassen die Wahrnehmung des urbanen Raums, die Auswirkungen von Geschwindigkeit und Geldwirtschaft auf das Individuum sowie die Möglichkeiten zur Bewahrung der Persönlichkeit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu ergründen, wie die Figur des Flaneurs bei Franz Hessel die von Georg Simmel beschriebenen negativen Auswirkungen des Großstadtlebens, wie die Blasiertheit, spiegelt oder ihnen entgegenwirkt.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Es handelt sich um eine vergleichende Literatur- und Ideengeschichtliche Analyse, die soziologische Grundlagentexte mit narrativen Werken in Beziehung setzt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung durch Simmel und eine detaillierte Analyse der Flaneur-Figur bei Hessel unter Berücksichtigung von Aspekten wie Tempo, Geldwirtschaft und der Suche nach Identität.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Typische Schlüsselbegriffe sind Müßiggang, Blasiertheit, Großstadtwahrnehmung, Flanerie, Individualität und der urbane Raum als Schauplatz der Moderne.
Wie unterscheidet sich die Flanerie von der Blasiertheit nach Simmel?
Während die Blasiertheit bei Simmel eine unbewusste, passive Schutzreaktion gegen Reizüberflutung darstellt, wird die Flanerie bei Hessel als eine bewusste, aktive Form der Wahrnehmung und der ästhetischen Auseinandersetzung mit der Stadt dargestellt.
Welches Paradoxon wird am Ende der Arbeit aufgeworfen?
Die Autorin stellt die Frage, ob der Akt des Niederschreibens über den zweckfreien Müßiggang – also die Produktion eines Buches – nicht einen neuen Zweck schafft, der das Wesen des Müßiggangs selbst in Frage stellt.
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- Laura von Altrock (Author), 2013, Müßiggang in der modernen Großstadt: Franz Hessels „Ein Flaneur in Berlin“ und Georg Simmels „Die Großstädte und das Geistesleben“, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/214770