Ausgewählte Geschlechtsunterschiede und ihre Ursachen


Seminararbeit, 2003

26 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geschlechtsrollen – Stereotypen

3. Vergleich Intellektueller Fähigkeiten
3.1. Sprachliche Fähigkeiten
3.2. Mathematische Fähigkeiten
3.3. Räumliche Fähigkeiten

4. Vergleich der Aggressivität

5. Biologische Erklärungsansätze für Geschlechtsunterschiede
5.1. Genetische Modelle
5.2. Hormonelle Einflüsse
5.2.1. Postnatale hormonelle Einflüsse
5.2.2. Pränatale hormonelle Einflüsse
5.3. Theorien zur Gehirnhemisphärenspezialisierung
5.3.1. Frühentwicklung der linken Gehirnhälfte bei Mädchen
5.3.2. Schwächere Spezialisierung der Gehirnhälften bei Mädchen

6. Erklärung der Geschlechtsunterschiede mit Sozialisationseinflüssen
6.1. Entwicklungspsychologische Modelle
6.1.1. Die lerntheoretische Sichtweise
6.1.2. Theorie vom Geschlechtsschema
6.2. Trainingsstudien

7. Zusammenfassung unter Würdigung der praktischen Bedeutung der Ergebnisse

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Schlagworte „Geschlechtsrolle“, „Stereotyp“ und „Geschlechtsunterschiede“ sind vor allem aus der Diskussion um die Gleichberechtigung von Mann und Frau bekannt. Diese Debatte muss als Konsequenz der in der Vergangenheit erfolgten und bis heute anhaltenden Beurteilung der Geschlechter gesehen werden, bei welcher Frauen und feminine Eigenschaften oft negativ beurteilt wurden und immer noch werden:

„Die Männer sind den Frauen überlegen aufgrund der Eigenschaften, in welchen Gott sie überlegen ausgestattet hat.“ (Der Koran)

„Warum kann die Frau nicht etwas ähnlicher sein dem Mann?“ (My Fair Lady)[1]

Aus diesem Grund überrascht es nicht, wenn in der Forderung nach Gleichberechtigung oft genauso Übertreibung zu finden ist, wie in den traditionellen gesellschaftlichen Ansichten über Geschlechtsrollen. Zwar scheint es offen auf der Hand zu liegen, dass sich Männer und Frauen voneinander unterscheiden, nur welche Unterschiede, von den bekannten körperlichen Merkmalen[2] einmal abgesehen, gibt es tatsächlich? Außerdem stellt sich die Frage, ob Geschlechtsunterschiede wirklich bedeuten, dass manche Dinge nur bei Männern vorkommen bzw. ob es Fähigkeiten gibt, die nur Frauen besitzen?[3]

Bereits am Anfang dieser Arbeit muss die Aussage getroffen werden, dass außer den bereits angeführten körperlichen Unterschieden keine weiteren geschlechtsspezifischen Unterschiede, also Merkmale, die nur eines der beiden Geschlechter besitzt, existent sind. Aus diesem Grund wird in der Differentiellen Psychologie bei der Untersuchung von Geschlechtsunterschieden auf folgende Fragen Wert gelegt:

1. Bei welchen psychischen Merkmalen, wie Interessen, Fähigkeiten und Persönlichkeitseigenschaften lassen sich Unterschiede zwischen den Geschlechtern feststellen? In welchem Ausmaß sind diese Unterschiede existent?
2. Auf welche Faktoren (chromosomale, hormonelle, soziokulturelle) gehen diese Unterschiede zurück?[4]

2. Geschlechtsrollen - Stereotypen

Es scheint auf dem ersten Blick absurd, sich ein Deutschland vorzustellen, in dem die Frauen Straßenbahnen fahren und auf dem Bau arbeiten. Doch genau so war es in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg 1945.

Die Vorstellung, dass Männer scheu, vorsichtig, an Kunst und Theater interessiert, sowie für nichtige Beleidigungen und Tratsch zugänglich sind und die Frauen dazu dominant und unpersönlich auftreten, scheint noch absurder zu sein. Doch genau das trifft bei den Tchambuli in Neuguinea zu.[5]

Dass die oben genannten Beispiele grotesk erscheinen, liegt daran, dass sich die geschilderten Personen anders verhalten, als es auf Grund ihres Geschlechts von ihnen zu erwarten wäre. Sie passen nicht in unsere Geschlechtsrollen-Stereotype.

Geschlechtsrollen-Stereotype sind Merkmalszuschreibungen in Bezug auf die Zuhörigkeit zu einem Geschlecht, ohne Berücksichtigung individueller Merkmale.[6] Dies bedeutet, dass von bestimmten offenkundigen Merkmalen der Geschlechter Schlüsse über Persönlichkeit und Verhalten eines einzelnen gezogen werden.[7] Die Geschlechtstypisierung der Merkmale ist kulturell festgelegt. Aus diesem Grund weichen auch die Stereotype unserer Kultur von denen der Tchambuli in Neuguinea so stark ab. Geschlechtsrollen-Stereotype beginnen sich übrigens bereits bei Kindern im Alter von 2-3 Jahren zu bilden[8] und sind häufig durch Übertreibung gekennzeichnet. So werden dadurch, dass Frauen im Mittel etwas stärker an der Pflege des Nachwuchses orientiert sind und Männer etwas ausgeprägter in außerfamiliären Dingen, die Stereotypen erstellt: „Nur Frauen kümmern sich um den Nachwuchs.“ bzw. „Nur Männer kümmern sich um Außerfamiliäres“.[9] Stereotypen sind deshalb als Vorurteile zu bezeichnen,[10] die stark vereinfachen und nicht nach dem einzelnen Individuum fragen. Außerdem wirken sie ausgrenzend, d.h. wird ein Merkmal als typisch für ein Geschlecht angesehen, so wird es dem anderen Geschlecht im gleichen Maß abgesprochen.[11]

Die folgende Tabelle zeigt, wie Versuchspersonen Männern andere Charakteristika zuschrieben als Frauen. Während in der Zeile „physische Charakteristika“ noch von tatsächlichen geschlechtsspezifischen Merkmalen ausgegangen werden kann, handelt es sich bei den anderen Angaben um reine Geschlechtsrollen-Stereotype, welche beispielsweise bei den Tchambuli in Neuguinea nicht zutreffen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Untersuchung von Deaux & Lewis, 1983 (Quelle: nach Amelang u. Bartussek, 1997, S. 611)

Im folgenden sollen die Ergebnisse mehrerer Metaanalysen ein klareres Licht auf die Unterschiede zwischen Mann und Frau werfen, wobei, um nicht den Rahmen dieser Arbeit zu sprengen, nur auf ausgewählte Eigenschaften eingegangen werden kann.

3. Vergleich Intellektueller Fähigkeiten

Wer Geschlechtsunterschiede untersucht, begegnet unvermeidbar der beliebten Frage, ob nun Frauen oder Männer intelligenter seien. Diese Problemstellung wurde in der Vergangenheit immer wieder umgangen, weil man argumentierte, Intelligenztest wären so konstruiert, dass eventuelle Unterschiede zwischen Mann und Frau im Ergebnis wieder ausgeglichen werden. Um deshalb zu einem befriedigenden Ergebnis zu kommen, wurde der Intelligenztest in drei Bereiche geteilt, indem zum Ersten verbale, zum Zweiten mathematische und zum Dritten räumliche Fähigkeiten voneinander getrennt getestet wurden.[12]

3.1. Sprachliche Fähigkeiten

Es liegen Ergebnisse von Moore (1967) vor, dass kleine Mädchen im Vergleich mit Jungen früher und besser sprechen.[13] Schon das weist auf einen Vorsprung des weiblichen Geschlechts hin. Forschungen von Maccoby und Jacklin (1974) ergaben, dass in der Folgezeit bis zum Alter von 10 Jahren kein signifikanter Unterschied zwischen Jungen und Mädchen beim Lesevokabular, beim Leseverständnis und bei der Sprachflüssigkeit zu finden ist. Dann allerdings beginnen die Mädchen die Jungen in verbalen Tests zu überbieten. Auch ist es erwiesen, dass über die gesamte Schulzeit hin eher Jungen unter den Problemfällen mit Lese- und Sprechschwierigkeiten zu finden sind.[14]

Eine Metaanalyse mit 1,4 Millionen Menschen in den USA und in Kanada (Hyde und Linn, 1988) stützt dies, denn gerade der Unterschied bei der Redegewandtheit fällt am deutlichsten zugunsten der Frauen aus (d= -.33).[15] Auch beim Lösen von Anagrammen (Anagramm = Umstellung von Buchstaben zu einem neuen Wortsinn: Horst in Stroh) ist ein Unterschied zugunsten der Frauen sichtbar (d= -.20). Beim Lösen von Analogien (Analogien = ähnliche Entsprechungen) sind jedoch die Männer geringfügig besser (d= .16). Wortschatz und Textverstehen als klassische Untertests aus Intelligenztests ergaben keine wesentlichen Geschlechtsunterschiede.[16]

Gerade die Ergebnisse bezüglich der Redegewandtheit decken sich mit dem klinischen Befund, dass es Jungen sind, die häufiger stottern und auch häufiger Schwierigkeiten beim Lesenlernen haben (Corballis und Beale, 1983).

3.2. Mathematische Fähigkeiten

Eine Metaanalyse von Hyde, Fennema und Lamon (1990) ergab, dass Frauen bezüglich mathematischer Fähigkeiten mit d= -,05 geringfügig besser abschnitten als Männer. Dieser Unterschied ist jedoch auf dem ersten Blick viel zu gering, als dass daraus eine Aussage getroffen werden könnte. Das Ergebnis muss vielmehr stark differenziert werden, denn es ergaben sich große Unterschiede in Bezug auf das Alter der Untersuchten, und es ist notwendig, die verschiedenen mathematischen Unterfertigkeiten getrennt zu betrachten.[17] Bis zum Alter von 14 Jahren waren Mädchen in Arithmetik (Zahlenrechnen) besser (d= -.22). Ab einem Alter von 14 Jahren sind jedoch die Jungen generell besser, und zwar besonders bei komplexeren Aufgaben. Eine Längsschnittuntersuchung von Marshall und Smith (1987) stützt dies. Laut dieser sind Mädchen im 3. und 6. Schuljahr in einfachen Rechenaufgaben überlegen, wobei sich im 6. Schuljahr die Ergebnisse jedoch angleichen. Mädchen sind beim mathematischen Schlussfolgern überlegen. In Text- und Geometrieaufgaben, Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung schneiden jedoch die Jungen besser ab.[18]

Ein möglicher Erklärungsansatz für die Überlegenheit der Jungen mit zunehmendem Alter wäre, dass sich Mädchen und Jungen schlicht und einfach in der Anzahl der besuchten Mathe-Kurse in der Schule unterscheiden und dadurch zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Eine Untersuchung von Erstsemestlern an der Universität Berkeley in Kalifornien ergab, dass 57 % der männlichen, aber nur 8 % der weiblichen Studienanfänger vier Jahre High-School-Mathematik hatten.[19] Mädchen belegen also weniger Mathematik und haben somit geringere Vorerfahrungen.[20] Diese auf den Umwelteinfluss weisende Erklärung wird zwar durch andere Untersuchungen gestützt (Fennema, 1979; Klieme, 1985), welche zeigen, dass der Leistungsvorsprung der Jungen sehr klein wird, wenn Jungen und Mädchen das gleiche Ausmaß an mathematischer Schulbildung hatten,[21] trotzdem gilt gerade diese Auffassung als äußerst umstritten, denn bereits bei Schülern der siebenten Klasse, die alle noch den gleichen Unterricht haben, kam es unter den mathematisch Hochbegabten zu einem Verhältnis von 13:1 für die Jungen (Benbow und Stanley, 1983).[22] Auch Maccoby und Jacklin (1974) weisen darauf hin, dass selbst bei gleicher Stundenzahl in der High-School eine männliche Überlegenheit existiert.[23] Dies würde darauf hinweisen, dass eine Erklärung mit dem die Kinder umgebenden Umwelteinfluss zu kurz greift.

[...]


[1] Greenglass, 1982, S. 11

[2] Die Geschlechtsmerkmale werden in primäre, sekundäre und tertiäre Geschlechtsmerkmale unterschieden: Die äußeren und inneren Geschlechtsorgane, z.B. Penis, Hoden und Scheide, sowie deren Anhangdrüsen sind primäre Geschlechtsmerkmale. Schamhaare, Bart, Stimmlage und Milchdrüsen werden zu den sekundären Geschlechtsmerkmalen gezählt. Tertiäre Geschlechtsmerkmale sind z.B. Unterschiede in der Körperhöhe, beim Knochenbau, im Verhalten und im Empfindungsbereich.

[3] In diesem Zusammenhang ist die Unterscheidung zwischen geschlechtsspezifischem und geschlechts-typischem Verhalten bzw. Fähigkeiten zu klären. Von einem „geschlechtsspezifischen“ Merkmal spricht man, wenn dieses ausschließlich bei einem der beiden Geschlechter vorkommt. Ein „geschlechtstypisches“ Merkmal ist dann vorhanden, wenn dieses zwar nicht ausschließlich, aber häufiger oder intensiver bei einem Geschlecht vorkommt.; Vgl. Trautner, 1991, S. 326.; Danach wäre z.B. das Herzzeitvolumen, das Volumen, welches pro Zeiteinheit vom Herzen ausgeworfen wird, und das zu den tertiären Geschlechtsmerkmalen gezählt wird, als „geschlechtstypisch“ zu charakterisieren, da es im Durchschnitt beim Mann bei 5,5 l/min und bei Frauen bei 4,5 l/min liegt, jedoch im Einzelfall stark abweichen bzw. sogar entgegengesetzt sein kann.; Vgl. Silbernagel, 1991, S. 154

[4] Trautner, 1991, S. 326

[5] Merz, 1979, S. 80

[6] Trautner, 1991, S. 338

[7] Bourne Extrand, 1997, S. 403

[8] Trautner, 1991, S. 339

[9] Trautner, 1991, S. 327

[10] Bischof-Köhler, 2002, S. 3

[11] ebd. S. 3; Diese Sicht wird zu Recht in der gegenwärtigen Diskussion hinterfragt. vgl. Bierhoff-Alfermann, 1989, S. 207; Vgl. S. 24

[12] Giesen, 2000, S. 550

[13] Quaiser-Pohl, 1998, S. 36

[14] Greenglass, 1982, S. 95

[15] Im Rahmen von Metaanalysen wird als Maß für die Größe eines Effektes der Parameter d genutzt. Dieser macht eine Aussage darüber, wie groß der zwischen zwei Gruppen beobachtete signifikante Unterschied ist. Vgl. Quaiser-Pohl, 1998, S.48; Vom arithmetischen Mittel der männlichen wird das der weiblichen Stichprobe subtrahiert und durch die gemittelte Standardabweichung dividiert: d-Wert von -.20 ist schwaches weibliches Merkmal, d-Wert von .50 ist mittleres männliches Merkmal, d-Wert von .80 ist hohes männliches Merkmal.

[16] Giesen, 2000, S. 550

[17] Quaiser-Pohl, 1998, S. 38

[18] Giesen, 2000, S. 552

[19] Greenglass, 1982, S. 101

[20] Quaiser-Pohl, 1998, S. 37

[21] ebd. S. 38

[22] ebd. S. 72; Giesen, 2000, S. 551

[23] Greenglass, 1982, S. 101

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Ausgewählte Geschlechtsunterschiede und ihre Ursachen
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Klinische, Diagnostische und Differentielle Psychologie)
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
26
Katalognummer
V21504
ISBN (eBook)
9783638251068
ISBN (Buch)
9783656175230
Dateigröße
723 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Mann oder Frau - wer ist intelligenter? Dieser und anderen spannenden Fragen wird in der vorliegenden Arbeit nachgegangen. Welche Geschlechtsunterschiede existieren? Woher kommen sie? Sind die Ursachen hormonell, genetisch oder doch durch Umwelt bedingt?
Schlagworte
Ausgewählte, Geschlechtsunterschiede, Ursachen
Arbeit zitieren
Tobias Mühlberg (Autor), 2003, Ausgewählte Geschlechtsunterschiede und ihre Ursachen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/21504

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