Computergestützte Didaktik im Wandel der Lernparadigmen

Behaviorismus, Kybernetik, Kognitivismus, Konstruktivismus


Seminararbeit, 2013
32 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

Abbildungsverzeichnis

Einleitung

1. Behaviorismus und Programmiertes Lernen
1.1 Grundannahmen des Behaviorismus
1.2. Programmiertes Lernen – Behavioristische Didaktik

2. Kybernetik und Regelkreisdidaktik
2.1 Grundannahmen der Kybernetik
2.2 Regelkreisdidaktik - Kybernetische Didaktik

3. Kritik und Würdigung der Regelkreisdidaktik und des Programmierten Lernens

4. Kognitivismus und intelligente tutorielle Systeme
4.1 Grundannahmen des Kognitivismus
4.2 Intelligente tutorielle Systeme
4.3 Kritik und Würdigung tutorieller Systeme

5. Konstruktivismus
5.1. Grundannahmen des Konstruktivismus
5.2 Konstruktivistische Didaktik am Beispiel des selbstgesteuerten E-Learnings
5.3 Kritik und Würdigung computergesteuerter konstruktivistischer Didaktik

6 .Schlussbetrachtungen
6.1 Fazit
6.2 Resümee und Ausblick

Literaturverzeichnis

Internetquellen

Anlagen
Anlage 1: Skinner´s teaching machine
Anlage 2: E-Learning Programm für die sanitätsdienstliche Ausbildung
Anlage 3: 3D Fahrschule

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: schematische Darstellung des behavioristischem Lernmodells

Abbildung 2: Auszüge eines Programms für den Physikunterricht

Abbildung 3: Das Regelkreismodell der Didaktik

Abbildung 4: Der Erkenntnisprozess im Konstruktivismus

Einleitung

Es steht außer Frage, dass die Computertechnik seit fast einem halben Jahrhundert einem massiven Fortschritt unterliegt. Im Bereich der Pädagogik manifestierte sich diese technische Entwicklung in Form immer neuer Lern- und Lehrmethoden. Mit Bezug auf das Seminarthema sollen in der vorliegenden Arbeit die theoretischen und empirischen Erkenntnisse zum computergestützten Lernen elaboriert werden.

Ein Blick in die Geschichte verrät, dass das Lernen am Computer nicht neu ist. So beschreibt Wolfgang Hochheimer bereits 1963 in der Zeitschrift Spiegel die Vorzüge sogenannter Lehrmaschinen, die im Vergleich zum klassischen Unterricht „erkennbar zeitsparend und leistungssteigernd schulisches Lernen“ fördern (Hochheimer, 1963, S. 69). Im Aufschwung der fast in Vergessenheit geratenen pädagogischen Kybernetik gipfelte die Anwendung der Lehrmaschine im programmierten Unterricht.

Heute ist der Ausdruck kybernetische Pädagogik zusammen mit dem Begriff der Lernmaschinen aus dem Lehrbüchern der Erziehungswissenschaft weitgehend verschwunden (vgl. Oelkers, 2008, S. 197), nicht zuletzt weil sich seit den 1960iger Jahren ein Paradigmenwechsel vollzogen hat. Die Grundidee, den Computer als didaktisches Hilfsmittel zu nutzen, ist hingegen hochaktuell und findet sich im Zuge konstruktivistisch orientierter Lerntheorien im E-Learning wieder. Unter dem E-Learning versteht man Lernformen, die sich auf computerbasierte Informations- und Kommunikationstechnologien stützen (vgl. Brinkmann, 2000, S. 166). Die Recherche mit der Internetsuchmaschine „Google“ zum Thema E-Learning erzeugt eine große Anzahl von über 1,54 Mrd. Treffern, was durchaus als Indikator für die Beliebtheit dieses Begriffes verstanden werden kann (vgl. Google, 2013). Scheffer und Hesse (2002) bezeichnen die neuen Möglichkeiten des Lernens am Computer oder im Internet gar als „Revolution“ (S. 6).

Die folgende Arbeit soll die einflussreichsten Lernparadigmen seit dem Behaviorismus skizzieren, den jeweiligen Lernbegriff darstellen und am Beispiel einer computergestützten Didaktik veranschaulichen. Die Wirksamkeit der jeweiligen didaktischen Methoden soll zusätzlich durch ausgewählte Studien eingeschätzt werden. Ziel soll es jedoch nicht sein, z.B. anhand der Studien ein bestimmtes Lernparadigma hervorzuheben oder normative Vorschläge zu unterbreiten. Zudem ist zu berücksichtigen, dass es zu jeder Zeit zum Teil sehr differenzierte Strömungen und Interpretationen der darzustellenden Lernparadigmen gab und gibt. Im Zuge dieser Arbeit werden die Thesen der bekanntesten Denkrichtungen untersucht.

Am Ende der Arbeit soll die Frage geklärt werden: Wie entwickelten sich die jeweiligen Lernparadigmen (Behaviorismus, Kognitivismus, Kybernetik und Konstruktivismus) und in welche Art und Weise manifestierten sie in der Form computerbasierender Didaktik?

Im Verlauf dieser Arbeit werden die Entwicklungen der Lernparadigmen vom Behaviorismus (Kapitel 1) über die pädagogische Kybernetik (Kapitel 2) und dem Kognitivismus (Kapitel 4.) bis hin zum Konstruktivismus (Kapitel 5) aufgezeigt. Im Fokus stehen dabei die Hauptdenkrichtungen. Die Vertiefung der jeweiligen Derivate und Mischformen der Paradigmen wäre mit Sicherheit ein gewinnbringendes Unterfangen, würde den Umfang dieser Arbeit jedoch übersteigen. Zu den jeweiligen Paradigmen wird die daraus resultierende Didaktik am Beispiel computergestützter Unterrichtsmethoden erläutert und kritisch analysiert (u.a. Kapitel 3). Am Ende der Arbeit werden die Erkenntnisse resümiert und gegenübergestellt (Kapitel 6).

1. Behaviorismus und Programmiertes Lernen

1.1 Grundannahmen des Behaviorismus

Als Begründer der Lerntheorie des Behaviorismus forderte John Watson 1924 in seinem Werk Behaviorism, nur das Beobachtbare zum Gegenstand der Forschung zu machen (vgl. Watson, 1924, S. ix). Watsons Forderung wurde in die sogenannte S-R-Psychologie umgesetzt (S = Stimulus/ Reiz; R = Reaktion, Verhalten). „Aufgabe der Psychologie ist es demnach, Zusammenhänge aufzudecken, die zwischen registrierbaren Reizen, also Umweltbedingungen, und beobachtbaren Verhaltensweisen des Organismus bestehen“ (Mietzel, 1998, S. 19). Erkenntnistheoretisch gehört der Behaviorismus demzufolge zum Empirismus, da Erfahrung als einzige mögliche Quelle für Erkenntnis und Wissen betrachtet wird (vgl. Rumois, 2007, S. 108).

Konkret hat sich aus diesem auf Beobachtung basierenden Reiz-Reaktions-Paradigma die klassische Konditionierung entwickelt. Nach dieser Gesetzmäßigkeit lässt sich ein bestehendes Reiz-Reaktionsschema (Reiz 1 führt zu Reaktion A) mit einem zusätzlichen Reiz (Reiz 2) kombinieren. Und nach einer Phase der Konditionierung lässt man den ursprünglichen Reiz 1 weg und es erfolgt dieselbe Reaktion A. Als bekanntes Beispiel ist hier der Pawlow´sche Hund zu erwähnen, bei dem der ursprünglich durch Nahrung (Reiz 1) induzierte Speichelfluss (Reaktion A) nach einer Phase der Konditionierung durch einen Glockenton (Reiz 2) ausgelöst wurde (vgl. Rumois, 2007, S. 107; vgl. Pawlow, 1972).

Das Verhalten wird nach den Annahmen des Behaviorismus nicht durch die inneren Vorgänge einer Person gesteuert, sondern durch die Konsequenzen des gezeigten Verhaltens. Der Mechanismus des Verhaltens ist daher vergleichsweise einfach. Wenn auf ein bestimmtes Verhalten eine zeitlich sehr nahe und positive Konsequenz folgt, wird die Wahrscheinlichkeit, dass dasselbe Verhalten in derselben Situation erneut auftritt, steigen. Das Verursachen einer positiven Konsequenz wird als Verstärkung bezeichnet (vgl. Kerres, 2001, S. 56).

Das Gegenstück zur Verstärkung ist die Bestrafung. Hier folgen auf ein bestimmtes (unerwünschtes) Verhalten unmittelbar negative Konsequenzen für das Individuum und die Wahrscheinlichkeit, dass dasselbe Verhalten auftritt, sinkt (vgl. Kerres, 2001, S. 56). Jenes Verstärkungslernen wird als operante Konditionierung bezeichnet. Im Gegensatz zur klassischen Konditionierung kommt der Reiz hier nach der Reaktion. Lernen ist in diesem Verständnis das Antizipieren der Folgen einer Handlung/ Verhalten (vgl. Rumois, 2007, S. 108).

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass das Individuum reaktiv auf seine Umwelt reagieren kann, aber mit Blick auf die inneren Denkvorgänge eine passive Haltung einnimmt. Der Behaviorist sieht den heranwachsenden Menschen als ein reaktives und passives Wesen, das durch die Manipulation der Verhaltenskonsequenzen etwa durch Lehrer oder Erzieher in ihrem un-/erwünschten Verhalten geschwächt/verstärkt werden können (Mietzel, 1998, S. 20). Die Abbildung 1 zeigt die schematische Darstellung des behavioristischen Lernmodells. Die „Black Box“ symbolisiert dabei die Ausblendung innerpsychischer Vorgänge im Individuum.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1. Schematische Darstellung des behavioristischen Lernmodells. In Anlehnung an: Maske, 2012, S. 170.

1.2. Programmiertes Lernen – Behavioristische Didaktik

Das Lernen im Sinne des Behaviorismus wurde zumeist an Tieren beforscht. Erst der Lernpsychologe Burrhus Skinner (1958) richtete sein Interesse auf den Menschen. Er veröffentliche einen Beitrag in der Fachzeitschrift Science, in dem er für das Programmierte Lernen im Unterricht zur Erhöhung der Lernleistung plädiert (vgl. Skinner, 1958, S. 969). Die Begriffe Programmierter Unterricht, Programmiertes Lernen und Programmierte Instruktion werden Kontext dieser Arbeit weitgehend synonym verwendet.

Zudem schritt die technologische Entwicklung elektronischer Medien und Rechenmaschinen voran. Skinner (1958) skizzierte mit seinem Aufsatz eine Lehr- und Lernmethode, die sich hervorragend mit den neuen elektronischen Rechenmaschinen kombinieren ließ. „Der Computer, dem Informationen eingegeben werden können, die dieser speichert und nach bestimmten Programmbefehlen verarbeitet, tat etwas sehr Ähnliches wie das von Skinner entwickelte Lernsystem“ (Mietzel, 1998, S. 39).

Zeitgleich löste die Tatsache, dass die Sowjetunion den ersten Satelliten ins Weltall schossen, den sogenannten Sputnik-Schock aus. Wie es schien, war das russische Bildungsmanagement dem westlichen überlegen. Daraus resultierte der dringende Wunsch neue und effektivere Lernformen insbesondere in den naturwissenschaftlichen Fächern zu etablieren (vgl. Korte, 2008, S.51). Jene Entwicklungen verliehen der Idee des programmierten Unterrichts enorme Popularität (vgl. Mietzel, 1998, S. 21).

Der programmierte Unterricht basiert auf dem Konzept der operanten Konditionierung. „Um die Mechanismen der Verstärkung optimal zur Geltung kommen zu lassen, ergibt sich nach Skinner ein engschrittiges Vorgehen in Frage-Antwort-Mustern“ (Kerres, 2001, S. 58). Der Lernstoff wird in kleine Lerneinheiten den Frames aufgeteilt und dem Lernenden in einer strengen Reihenfolge präsentiert. Mit jedem Frame wird jeweils eine Information dargeboten, die direkt im Anschluss auf erfolgreiche Speicherung überprüft wird, bevor der nächste Frame dargeboten wird. Die Überprüfung der im Frame vermittelten Information kann beispielsweise durch die Darbietung eines unvollständigen Satzes durchgeführt werden (vgl. Mietzel, 1998, S, 21). Die Abbildung 2 zeigt zwei Beispielsätze die das Verständnis der elektronischen Vorgänge in einer Taschenlampe abprüfen. Die Lösung (rechte Spalte) wird erst nach dem Ausfüllen der Lücke präsentiert. An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass bereits Comenius im Jahre 1657 die Darbietung des Lernstoffes in kleinen Schritten forderte (vgl. Comenius, 2008, S. 136).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Auszüge eines Programms für den Physikunterricht. Aus: Skinner, 1958, S. 973

Bei der Konzeption von programmierten Unterrichten war es im Sinne der positiven Verstärkung wichtig, dass die Kontrollfragen einfach zu lösen sind und die Lernmaschine sofort ein positives Feedback gibt. Nur so konnte die Wahrscheinlichkeit steigen, dass diese Information immer wieder richtig wiedergegeben werden kann (Maske, 2012, S. 171). In der Anlage 1 ist eine derartige Lernmaschine dargestellt. Gut sichtbar ist das kleine Sichtfenster, durch das die jeweilige Information (Frame) präsentiert wird.

Die Vorteile des programmierten Lernens sind:

- Ein Computer ist in der Lage, jeden einzelnen Lerner immer und unmittelbar für eine Leistung zu bekräftigen.
- Alle Lehrinhalte, die sich in Lehrstoffatome segmentieren lassen, können vermittelt werden und zwar Schritt für Schritt.
- Lernende können jederzeit aus dem Lehrprogramm aussteigen und zu einem späteren Zeitpunkt an dieser Stelle weiterarbeiten, sowie die Lerngeschwindigkeit selbst bestimmen.
- Die Maschine ist emotional indifferent. Auch „erträgt" sie es, wenn Fehler mehrfach gemacht werden.
- Negative Konsequenzen durch fehlerhafte Antworten ignoriert das System, indem es den gleichen Abschnitt wiederholt und der Schüler blamiert sich nicht vor der Klasse. (vgl. Kerres, 2001, S. 59)

Bezugnehmend auf die Vorteile des Programmierten Unterrichts argumentiert der Schulpädagoge Wolfgang Hochheimer (1936) im Spiegel für eine Lehrmaschinenindustrie, in dessen Folge der Lehrer sich zum teaching engineer weiterentwickeln würde. Die Lehrperson stellt nunmehr die technischen Lerngeräte bereit, bestückt diese mit den Inhalten des Programmierten Unterrichts und überwacht deren richtige Anwendung. Hochheimer (1936) zitiert auch Skinner mit dessen Äußerung, dass 15 Minuten Unterricht pro Fach und am Tage ausreichen würden (vgl. S. 70). In einem weiteren Werk verkündet Skinner (1971): „ Wir stehen an der Wende zu einer Unterrichtstechnologie, die nicht nur richtig, sondern auch wirksam sein wird“ (S. 15).

In den folgenden Kapiteln wird sich herausstellen, ob der beschriebene Enthusiasmus in Bezug auf das Programmierte Lernen gerechtfertigt ist. Doch zunächst sollte das Programmierte Lernen einen Aufschwung erfahren.

2. Kybernetik und Regelkreisdidaktik

2.1 Grundannahmen der Kybernetik

Während das Programmierte Lernen nicht an Aktualität verlor, wurde jedoch der Behaviorismus insbesondere in Europa kontrovers diskutiert. Das lag in der Tatsache begründet, dass zunehmend versucht wurde, die mentalen Lern-Prozesse zu ergründen. Dieser Wandel der lerntheoretischen Überlegungen wurde beschleunigt durch die Veröffentlichung des Mathematiker Norbert Wieder (1948) dessen Werk Cybernetics die Grundlage für Felix von Cube (1968) bildet um eine kybernetische Pädagogik zu begründen (vgl. Cube, 1968, S. 10; vgl. Oelkers, 2008, S. 196). Die Kybernetik löste infolge dessen das Paradigma des Behaviorismus ab.

Die Kybernetik als solches entstammt den technischen Wissenschaften und bedeutet zunächst Steuerungskunst (aus dem Griechischen). Leben- und Lernvorgänge sind hier nicht mehr als Reiz-Reaktions-Ketten zu verstehen, sondern als Regelkreisvorgänge. Die Übertragung der Kybernetik auf soziale Prozesse wie das Lernen, versprach derartige Vorgänge systematisch und rational zu verstehen und sie zu steuern und zu kontrollieren. Zur Veranschaulichung dieser Regelkreisvorgänge beschreibt Cube (1968) die Funktionsweise eines Thermostates (vgl. S. 10ff).

Beim Thermostat wird ein SOLL-Wert durch das Drehen am Regler durch den Benutzer festgelegt. Eine Temperaturmesseinheit ermittelt ständig den IST-Wert der Temperatur. Sofern der IST-Wert den SOLL-Wert unterschreitet, öffnet das Thermostat die Warmwasserzufuhr, sodass die Temperatur steigt bis der SOLL-Wert erreicht ist, um dann die Warmwasserzufuhr wieder abzustellen. Durch diese ständige Rückkopplung wird eine gleichbleibende Raumtemperatur erreicht. Ähnliche Prozesse laufen aber auch in Organismen zum Beispiel bei der Regelung des Wassergehaltes oder der Blutzuckerkonzentration ab. Neben dieser Regelkreis-Systematik spielt auch die Information bei der Kybernetik eine große Rolle. Mehrere Informationen bilden eine Nachricht. Die Information im kybernetischen Sinne ist jedoch nur eine Abfolge von mathematischen und physikalischen Signalen (vgl. Cube, 1968, S. 13,14). „Für eine mathematische Behandlung der Information sind also nicht Inhalt oder Bedeutung einer Nachricht <<maß>>-geblich, sondern die statistischen Eigenschaften der Nachrichtenquelle oder Nachricht selbst“ (Cube, 1968, S. 13).

Lernen ist in diesem Sinne ein Austausch von Informationen zwischen dem Lernenden und dem Lehrer/Lehrmaschine zur Erreichung eines SOLL-Wertes. Durch die Tatsache, dass der Austausch von Informationen als grundlegende Voraussetzung des Lernens aufgefasst wird, steht nun nicht mehr die Konsequenz des Handelns oder Verhaltens im Vordergrund, sondern die Darbietung der Information durch das Lehrsystem sowie deren Wahrnehmung und Speicherung durch den Lernenden (vgl. Sindler, 2004, S. 17; Kerres, 2001, S. 61; Cube, 1968, S. 15). Somit ist festzuhalten, dass durch die Kybernetik zwar das Individuum und seine mentalen Prozesse im Fokus der Pädagogen gerückt sind, der Mensch jedoch als ein absolut steuerbares technisches Konstrukt verstanden wird, vergleichbar mit einer Rechenmaschine. Zunächst scheint es, als wäre der Kybernetische Ansatz eine Bereicherung für die Lernzielsteuerung und Bildungsplanung.

2.2 Regelkreisdidaktik - Kybernetische Didaktik

Die Anwendung des Kybernetischen Grundverständnisses in der Pädagogik schlägt sich in der sogenannten Regelkreisdidaktik nieder.

Im Sinne einer kybernetischen Regelkreisdidaktik leitet sich der SOLL-Wert aus dem curricularen Lernziel ab. Der Lehrer fungiert sodann als Regeleinheit, um den IST-Zustand des Schülers zu ermitteln. Um in einem nächsten Schritt den Lernprozess insofern zusteuern, als das der Lernende den SOLL-Wert an spezifischem Wissen erreicht hat und/oder Störungen beseitigt sind, um den optimalen Lernprozess zu gewährleisten. Die Abbildung 3 veranschaulicht jene Regelkreisdidaktik (vgl. Cube, 1968, S. 187)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Das Regelkreismodell der Didaktik. Aus: Cube, 1968, S. 187)

Um den Bogen zum computerbasierten Lernen und Unterricht zu schlagen, muss zunächst die Bedeutung der Information innerhalb der kybernetischen Pädagogik fokussiert werden.

Die Kybernetik versteht die Steuerungs- und Regelvorgänge des Lernens und Lehrens nach dem Prinzip digitaler Schaltkreise (vgl. Wey Han, 2001, S. 99). Eine Information besteht demnach aus verschiedenen Bits, die durch alle Sinnesorgane des Menschen aufgenommen werden und nur als Ganzes eine Information bilden können. Entsprechend wurde Wert auf die Tatsache gelegt, dass auch die Rückmeldung bei der Bearbeitung einer Aufgabe nicht einfach nur positiv oder negativ ist, sondern auch einen Informationswert besitzt (vgl. Kerres, 2001, S. 63).

Zudem wurde die Speicherfähigkeit des Kurz- und Langzeitgedächtnisses berücksichtigt. Auf diesen Grundlagen wurden sogenannte Basaltexte erstellt. Ein Basaltext wird als eine Informationseinheit betrachtet und enthält kurze, präzise und bebilderte Informationen, die sich als Teilstück des zu vermittelndes Inhaltes versteht und nicht größer ist als die Speicherfähigkeit des Kurzzeitgedächtnisses (100 bit). Zudem ist festgelegt, welche Vorinformation, Fähigkeiten und Kenntnisse nötig sind, um den Basaltext zu verstehen. Ebenso muss die Information messbar sein und es ist notwendig, dass zum Basaltext ein Mess-/Prüfschema existiert. Basaltexte werden zwar in einer Hierarchie eingeordnet, aber alle Texte einer Hierarchiestufe müssen voneinander unabhängig sein und dürfen sich nicht einander bedingen. Basaltexte sind so beliebig vertauschbar. Die Basaltexte aller Hierarchiestufen bilden den Lernstoff einer Unterrichtseinheit ab und müssen in ihrer Nachricht oder Bedeutung im Langzeitgedächtnis gespeichert werden. Durch die beschriebene Herstellungsroutine der Basaltexte steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der Lernende die Information so speichert und wiedergeben kann, sodass es annährend dem SOLL-Wert entspricht (vgl. Cube, 1968, S. 217; vgl. Kerres, 2001, S. 63ff.)

Die Idee, den Lernstoff wie im behavioristischen Paradigma (vgl. Skinner 1985) in kleinen Teilstücken (Frames) zu präsentieren, findet sich in der kybernetischen Pädagogik wieder. Jedoch mit dem Unterschied, dass der kybernetische Ansatz den informativen Aspekt der Rückmeldung beachtet und es zudem den Anspruch stellt, Wissensbestände messbar zu machen.

Die Eigenschaften der Basaltexte (Informationen) lassen es zu, dass man sie in Computerprogramme integriert. In Kombination mit dem Umstand, dass die Regelkreisdidaktik in ihrer Funktion sehr mathematisch, maschinell und auf ständige Feedbacks ausgerichtet ist, liegt die Schlussfolgerung nahe, dass die Lehrmaschinen „in unveränderter Weise auch für die Lehrfunktion verwendet werden können“ (Cube, 1968, S. 225). Zudem forderte Cube (1968) Bild- und Tongebende Geräte mit den computerbasierenden Lehrgeräten zu verknüpfen (vgl. S. 225).

Um derartige Forderungen zu realisieren, prägte Hochheimer zu jener Zeit den Begriff der Pädotechnologie und es schien, als zeichnete sich eine technische Revolution ab (vgl. Oelkers, 2008, S. 213). Es sollte das Zeitalter der Lehrmaschinen anbrechen (vgl. Skinner, 1971, S. 6). Vor allem in der DDR erfuhr die Idee der Kybernetik große Beliebtheit. Nicht zuletzt versprach die Kybernetik die planwirtschaftlichen Anstrengungen zu bereichern und insbesondere den pädagogischen Bereich mess- und planbarer zu machen. In der DDR wurde daher bis 1990 das Zentralinstitut für Kybernetik an der Akademie der Wissenschaften unterhalten (vgl. Oelkers, 2008, S. 223).

[...]

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Computergestützte Didaktik im Wandel der Lernparadigmen
Untertitel
Behaviorismus, Kybernetik, Kognitivismus, Konstruktivismus
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Veranstaltung
Theoretische und Empirische Forschung zum Lernen
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
32
Katalognummer
V215045
ISBN (eBook)
9783656428213
ISBN (Buch)
9783656433477
Dateigröße
3480 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Kybernetik, programmierter Unterricht, Behaviorismus, Kognitivismus, Lernmaschine, Lernen, Regelkreisdidaktik, E-Learning, Konstrukivismus, SGL, Selbstgesteuertes Lernen, Skinner, Didaktik, tutorielle Systeme, Computergestütztes Lernen, kybernetische Pädagogik, Konditionierung, Felix von Cube, Baumgartner, Maturana, Konstruktivistische Didaktik, Lerntheorien, Lernparadigmen
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Michael Estel (Autor), 2013, Computergestützte Didaktik im Wandel der Lernparadigmen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/215045

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